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"Erst die Arbeit, dann die Kinder": Eltern laufen Gefahr, die Verbindung zu ihren Kindern zu verlieren

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CHILDREN KINDERGARTEN
MartinPrescott via Getty Images
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Kindertagesstätten schießen wie Pilze aus dem Boden und mit Ihnen werden die Öffnungszeiten verlängert und Wochenendbetreuung gefördert. Sogar die 24 Stunden-Kitas stehen kurz vor dem Durchbruch.

Den Familien von heute ermöglichen wir eine flächendeckende Betreuungsmöglichkeit von 11 Stunden am Tag und immer häufiger das "rundum Sorglos-Paket" - Erziehung, Bildung, Ernährung und Beratung.

Heute hat Milena ein neues Wort gelernt

Milena ist 1 Jahre alt, kommt gegen 07:00 Uhr in die oft durch Krankheit ausgedünnte Betreuung der Krippe und verbringt dort den Tag bis 18:00 Uhr.

Erschöpft von den untragbaren gesetzlichen Rahmenbedingungen, berichtet die Erzieherin den Eltern in der kurzen Abholphase, dass Milena erste Schritte gelaufen ist und ein neues Wort gesprochen hat.

Die emotionale Ambivalenz der Eltern erfüllt den Flur und das erfreute Lächeln über diese Entwicklungsereignisse täuscht nicht über die dahinterliegende Traurigkeit und die Sehnsucht nach mehr Familienzeit hinweg.

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Und ja, ich beachte dabei auch die Umstände alleinerziehender Elternteile, sowie den sozialen Kontext, dass einige Kinder ein stabileres und entwicklungsgerechteres Umfeld in der Kita erfahren als zu Hause.

Demnach möchte ich den Fokus nicht auf unnötige "Schuldzuweisungen" oder "Verurteilungen" setzen, sondern auf die Systeme, die diese Entwicklung begünstigen.

Die neue Familienplanung dient vor allem der Wirtschaft

Werdende Eltern verbringen bereits viel Zeit mit der ermüdenden Suche nach der "richtigen" Kita, planen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und beschäftigen sich mit den Nachteilen oder auch Gefahren für den finanziellen und beruflichen Erfolg während der Elternzeit.

Somit bildet die Arbeit das Zentrum der Familienplanung und diese perfide Entwicklung dient vor allem der Wirtschaft und damit auch der arbeitgeberfreundlichen Politik unseres Landes.

Politik und Wirtschaft fördern die berufliche Selbstentfaltung von Männer und Frauen durch die stete Erweiterung der außerfamiliären Betreuungsmöglichkeiten.

Gleichzeitig steuern sie die "neue Freiheit" in Richtung Produktivität, frei nach dem Motto: "Erst die Arbeit, dann die Kinder!".

Eltern wird damit nicht nur suggeriert, wie unerlässlich die doppelte Erwerbstätigkeit für eine gesunde und erfolgreiche Familie ist, sondern auch, dass unser Gesellschaftssystem sich an der Arbeitsleistung orientiert!

Eltern leiden unter der Doppelbelastung

Damit lenken die verantwortlichen Akteure von dem eigenen Unwillen ab, Familien finanziell zu entlasten, steuerlich zu begünstigen und eine finanzielle Absicherung für Familien mit Alleinverdienern oder Alleinerziehenden zu schaffen.

Eltern leiden unter der inneren und äußeren Doppelbelastung! Sie sehen angesichts der geringwertigen Bezahlung mancher Berufe keine Möglichkeit, die ersten Schritte, die ersten Worte und das magische Lachen Ihrer Kinder selbst zu erleben.

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Das Haus will abbezahlt, das Auto repariert, die Versicherungen finanziert und die wachsenden Standards wollen beibehalten werden.

Soll der Ausbau der Kindertagesstätten, die Erweiterungen der Öffnungszeiten und die zahlreichen Möglichkeiten durch Tagesmütter und Ganztagsschulen die Tatsache verschleiern, dass viele Berufe unterbezahlt sind und die Familie eines Alleinverdieners sich nicht mehr finanzieren kann?

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Oder nutzen Politik und Wirtschaft die Emanzipation und Individualisierung, um den Fokus auf die wirtschaftliche Produktivität zu lenken, anstatt auf eine familienfreundliche Gesellschaftspolitik?

Diese dramatische Entwicklung wird auf Dauer dazu führen, dass sich der Maßstab und damit die Definition von Familie, Erziehung, Bildung und Verantwortung verändern werden.

Die daraus resultierenden Folgen sind, das Eltern glauben, dass die Erziehungs- und Bildungsverantwortung in der Fremdbetreuung liegt, dass Kinder und Eltern die Bindung zueinander verlieren, die Familienplanung sich am Einkommen orientiert und die Familienpolitik in "Erwerbsoptimierungspolitik" umbenannt wird!

Besonders traurig dabei ist, dass am Ende viele Eltern überzeugt sein werden, dass das "entwicklungsgerecht" und "normal" sei!... Und die Politik atmet erleichtert auf!

(jz)

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