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Herausforderung Terrorismus

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David Gray / Reuters
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Noch gibt es kein Bekennerschreiben für den Anschlag von Nizza, aber jeder fragt sich: Wem, außer dem Islamischen Staat, wäre eine solche Tat denn noch zuzutrauen? Die Vermutung liegt nahe, dass ein vom IS inspirierter Einzelgänger oder ein fest assoziiertes Mitglied des Islamischen Staates verantwortlich für den Tod und die schweren Verletzungen von über 100 Menschen ist.

Die Huffington Post berichtete heute, dass der IS bereits mehrfach zu Anschlägen mit Autos aufrief. Allerdings trifft dies auch genauso auf eine andere dschihadistische Gruppe zu: Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel beschreibt in seinem englischsprachigen Magazin Inspire (Ausgabe 2 vom Herbst 2010) ebenfalls das gezielte Überfahren von Menschenansammlungen als effektive und leicht zu realisierende Anschlagsmethode.

Ganz offen gehen die Autoren von Inspire auch mit der Tatsache um, dass der Fahrer bei einem solchen Anschlag wohl nicht überleben wird, und man daher den Märtyrertod erwarten müsse. Zynisch folgern sie: „It's a one-way road".

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Terroristen ist es gleichgĂĽltig welche Konsequenzen ihr Anschlag hat

Eine andere unmittelbare Frage auf den verstörenden Angriff von Nizza lautet: Wozu? Was glauben Terroristen eigentlich, was sie durch ihre Angriffe erreichen können? Die Antwort lautet: Terroristen ist es ziemlich gleichgültig welche Konsequenzen ihr Anschlag hat. Sie gehen davon aus, dass Ihnen jegliche Reaktion auf den Anschlag einen, wie auch immer gearteten Vorteil einbringen wird.

Gruppen, die zu terroristischen Taktiken greifen befinden sich häufig in einer Situation, in der es für sie nicht mehr schlimmer kommen kann. Ein mörderischer Anschlag gegen Zivilisten hat immer Konsequenzen. Terroristische Gruppen können aufgrund ihrer ausweglosen Lage sicher sein, dass diese Konsequenzen, selbst wenn sie nicht zu dem erhofften Erfolg führen, wenigstens keinen Nachteil mit sich bringen.

Im Falle von Geiselnahmen gibt es gelegentlich noch konkrete politische (häufiger monetäre) Forderungen auf dessen Erfüllung militante Gruppen vage hoffen können. Bei einem tödlichen Anschlag gegen unbeteiligte Zivilisten überlassen die Täter den Lauf der Dinge sich selbst.

Dies trifft auch auf den Islamischen Staat zu, der trotz aller militärischen Erfolge der letzten Jahre keine Chance hat, sein pseudo-Kalifat auf Dauer gegen seine diversen Feinde (Sunniten, Schiiten, Kurden, Nationalisten, Säkularsten, Westliche Länder, Arabische Länder usw.) zu verteidigen. Sollte der IS tatsächlich hinter dem Anschlag von Nizza stecken, braucht er jedenfalls nicht zu befürchten, dass der militärische Druck Frankreichs auf ihn wächst. Er ist schon groß.

Für die Einen ist das Ereignis nicht mehr als eine Schlagzeile; für andere verändert (oder beendet) er schlagartig und dauerhaft das Leben

Wie sollen wir mit terroristischen Anschlägen umgehen? Zuallererst gilt es den beteiligten Opfern und deren Angehörigen alle nötige medizinische und psychologische Hilfe zukommen zu lassen. Die Opfer leiden unter körperlichen und seelischen Wunden lange nachdem der Anschlag aus dem öffentlichen Interesse gerückt ist. Für die Einen ist das Ereignis nicht mehr als eine Schlagzeile; für andere verändert (oder beendet) er schlagartig und dauerhaft das Leben.

Anschläge gegen Zivilisten in westlichen Ländern werden häufig begleitet von massenhaften Solidaritätsbekundungen mit den Opfern (siehe Charlie Hebdo). So angebracht und bewegend diese Bekundungen auch sind, sie demonstrieren auch immer wieder wie gleichgültig die Westliche Öffentlichkeit zivilen Opfern in anderen Teilen der Welt gegenüber steht. Einzelne Massaker an der Zivilbevölkerung in anderen Ländern schaffen es häufig noch nicht einmal in die Schlagzeilen.

Das Thema Terrorismus kann Wahlen entscheiden

Und die Politik? Viele wenden sich nach einem Anschlag reflexartig an die Politik und fragen besorgt: Was macht ihr, um uns zu schützen? Wo eine Nachfrage, da auch ein Angebot. Partei- und Länderübergreifend nutzen manche Politiker die Sorgen der Bevölkerung, um mit dem Versprechen nach mehr Sicherheit und dem bedingungslosen Kampf gegen den Terror zu punkten.

Das Thema Terrorismus, obwohl es bei Weitem nicht das einzige Problem unserer Gesellschaft ist, kann Wahlen entscheiden. Wahre Staatskunst bemisst sich aber an einem verhältnismäßigen Umgang mit der terroristischen Bedrohung.

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