Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Andreas Armborst Headshot

Deutsche Flüchtlingspolitik: Segen oder Fluch für die Terrorismusbekämpfung?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
REFUGEES GERMANY
Axel Schmidt / Reuters
Drucken

Die massenhafte Zuwanderung von Menschen aus Krisenregionen erhöht das Risiko für einen terroristischen Anschlag in Deutschland - so lautet eine weit verbreitete Annahme. Der gestrige Hieb- und Stichwaffenangriff in der Regionalbahn RB 58130 durch einen jugendlichen Asylbewerber ist ein Indiz für diese These.

Wäre dieser Junge an der Einreise nach Deutschland gehindert worden, hätte er gestern auch keinen Passagiere in einem Zug nach Würzburg angreifen können. Nicht ausgeschlossen, dass es weitere Anschläge dieser Art durch Zuwanderer geben wird. Einerseits erhöht die massenhafte Zuwanderung also offenbar das Risiko für einen terroristischen Anschlag in Deutschland.

Ende der Geschichte? Nein! Denn von der Deutschen Zuwanderungspolitik geht ebenfalls ein präventiver Effekt aus, der das Risiko für Angriffe mit Islamistischen Hintergrund im Land verringert. Diesen Effekt muss man mit dem "Risikofaktor Zuwanderung" verrechnen.

Der präventive Effekt der Flüchtlingspolitik

Worin konkret besteht der präventive Effekt deutscher Flüchtlingspolitik? Er liefert potentiellen Rekruten das beste Argument gegen die Hassrede des IS.

Terroristische Organisationen benötigen zur Mobilisierung ihrer Anhänger ein überzeugendes Narrativ, das potentiellen Rekruten plausibel erklärt warum der Angriff auf ein bestimmtes Land oder ein bestimmtes Ziel gerechtfertigt ist. Fehlt ein solches Narrativ, oder ist es nicht überzeugend, werden c.p. weniger Menschen an die Weltanschauung des IS glauben.

Das heißt nicht, dass niemand mehr der Ideologie des IS folgt. Aber langfristig kann eine verantwortungsvolle und menschenwürdige Innen- und Außenpolitik dem fundamentalistischen Islam das Wasser abgraben. Am Ende des Tages interessiert die meisten Menschen weder Religion noch Ideologie, sondern vor allem Sicherheit, Wohlstand und Gesundheit.

Der IS kann seinen Anhängern keines dieser Dinge langfristig bieten. Und dieser langfristige Effekt im Kampf um die richtige Ideologie (Demokratie oder religiöser Fundamentalismus) muss bei der Frage nach der richtigen Strategie der deutschen Zuwanderungspolitik berücksichtigt werden.

Eine andere Strategie der Gewaltprävention

Und was ist mit dem Täter von Würzburg? Er hat sich scheinbar nicht vom Gerede über demokratischen Werten beeindrucken lassen. Individuen, wie die Attentäter von Würzburg und Nizza, die eher durch persönliche Motive als durch politische Motive angetrieben sind, werden bei ihrer Entscheidung einen Anschlag zu begehen sicherlich nicht die Rolle Deutschlands (bzw. Frankreichs) in der Welt reflektieren.

Diese Anschläge stehen dem Amoklauf (Fachausdruck hochexpressive Gewalt) sehr viel Näher, als dem politischen Attentat. Dementsprechend benötigt man eine andere Strategie der Gewaltprävention.

Diese Taten sind kein Terrorismus im engeren Sinne, selbst wenn der Täter eine IS Flagge gebastelt hat, und selbst wenn die Medienabteilung des IS dazu übergeht Verbrechen labiler Einzeltäter für sich zu beanspruchen (Meiner Meinung nach eher eine Bankrotterklärung als ein Zeichen militärischer Stärke).

Welchen Einfluss die Zuwanderung auf Qualität und Quantität des sonstigen Kriminalitätsaufkommens haben wird, ist eine völlig andere Frage, als die nach dem Risiko für terroristische Anschläge. Auf diese Fragen werden nur empirische Studien zum Hell- und Dunkelfeld der Kriminalität Antwort geben können.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde von der Redaktion zunächst unter einer irreführenden Dachzeile veröffentlicht („Offene Grenzen schützen vor Terroranschlägen“). Dieses Zitat stammt nicht vom Autor und er hält diese Aussage für falsch. Der Artikel ist eben gerade darum bemüht, ein differenzierteres Bild der aktuellen Lage zu beschreiben. Die Redaktion entschuldigt sich für das Missverständnis.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: