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Fast vier Millionen Kinder haben psychisch kranke Eltern - kaum jemand sieht, was das mit ihnen macht

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Die Filmemacherin Andrea Rothenburg hat unzählige Interviews mit den Kindern psychisch kranker Eltern geführt. Für ihre Filme hat sie verschiedene psychiatrische Einrichtungen besucht und Gespräche mit Chefärzten geführt.

Sie selbst ist die Tochter eines Psychiaters und verlangt: Wir müssen den Kindern psychisch kranker Eltern endlich Gehör schenken - und sie fordert Maßnahmen von Politikern, denn unter den Folgen leide unsere ganze Gesellschaft.

Ich habe mit Kindern gesprochen, die ihre eigene Mutter tot aufgefunden haben.

Mit Kindern, die sich kaum noch trauen, aus dem Haus zu gehen - weil sie die Angsterkrankung ihrer Eltern übernommen haben.

Und mit Kindern, die schwer depressiv sind.

Kinder psychisch kranker Eltern bleiben oft unsichtbar, im Schatten der Erkrankung ihrer Eltern, denn sie finden kaum nennenswerte Unterstützung. Offiziell sind es etwa 3,8 Millionen allein in Deutschland, doch ich schätze, dass die Dunkelziffer noch weit höher ist.

Was ich nicht verstehe: Wir Erwachsenen pressen alles in Normen, wir leben in einer zivilisierten Gesellschaft und sprechen über alles Mögliche. Nur das Thema psychische Erkrankungen ist immer noch mit vielen Vorurteilen besetzt - vor allem Krankheitsbilder wie Schizophrenie und Psychosen.

Diese Krankheiten erscheinen unberechenbar und angsteinflößend, ganz ähnlich wie Krebs.

Wir dürfen das Thema nicht mehr verdrängen

Wenn eine schwere psychische Erkrankung, wie zum Beispiel eine Depression, nicht behandelt wird, kann auch sie - wie Krebs - tödlich enden. Deshalb ist es wichtig, sich dem Thema zu stellen und es nicht zu verdrängen.

Wenn es in der Öffentlichkeit doch einmal um psychische Erkrankungen geht, schauen wir im Normalfall auf die Betroffenen - aber nur selten auf die Angehörigen und viel zu selten auf die Kinder.

Ich wollte das ändern - also habe ich angefangen, den ungesehenen Kindern eine Stimme zu verleihen. Seit einigen Jahren drehe ich Dokumentationen über sie. Außerdem habe ich eine Stiftung gegründet, die sich für die Kinder einsetzt.

Diese Kinder haben noch nie über ihre Gefühle gesprochen

Mein Vater ist Psychiater und Chefarzt in einer großen, psychiatrischen Klinik gewesen. Ich war als Kind selbst oft dort, für mich war das ganz normal.

Zumindest, bis die Sprüche kamen. Selbst meine Lehrer haben gesagt: "Die Menschen in der Klinik sind verrückt und nicht normal."

Für mich waren diese Menschen nie verrückt. Ich habe nur gesehen, wie sie gelitten haben. Und ich habe ihre Kinder gesehen und ihren Leidensdruck.

Ich habe mit vielen von ihnen gesprochen. Dabei sind fast immer Tränen geflossen. Meistens haben die Kinder noch nie mit jemandem über ihre Gefühle gesprochen.

Die meisten werden bis ins Erwachsenenalter nie gefragt: Wie ging es dir eigentlich mit der Erkrankung deiner Mutter oder deines Vaters? 

Mehr zum Thema: 7 Dinge, die nur Menschen mit Depressionen verstehen

Vielen Kindern fehlt am Ende die Kraft für ihr eigenes Leben

Sie leiden stumm und verdrängen, verwandeln sich schon in der Kindheit in kleine Erwachsene. Sie können oft gar nicht anders. Denn ein Kind, das keinen Papa und nur eine depressive Mama hat, beginnt, selbst die Mutterrolle zu übernehmen, sich um die Geschwister und den Haushalt zu kümmern.

Ihr Leben lang haben diese Kinder gelernt, sich zurückzunehmen. Aber irgendwann kommt es dann hoch. Irgendwann können auch sie nicht mehr - dann können sie selbst depressiv werden, Angsterkrankungen entwickeln oder ihnen fehlt am Ende die Kraft für ihr eigenes Leben.

Viele von ihnen entwickeln auch im Kindesalter schon Depressionen. Ihr ganzes Leben kann sie außerdem diese Angst verfolgen, nicht richtig zu sein, nicht geliebt zu werden. Einige von ihnen verfallen dem Alkohol oder härteren Drogen. Andere entwickeln schwere Angsterkrankungen.

Wir können die Umfeldbedingungen beeinflussen

Viele haben Angst vor der Welt. Ich habe mit Kindern gesprochen, die Angst vor der Nachbarin mit der Pralinenschachtel hatten, weil der Vater eine Bombe in der Schachtel vermutete. Die Eltern geben ihre eigenen Unsicherheiten an das Kind weiter, ob sie wollen oder nicht.

Es gibt auch Studien, die belegen, dass die Kinder psychisch kranker Eltern oft selbst psychisch krank werden. Und so entsteht ein Teufelskreislauf. Doch es ist nicht alles nur Genetik.

Wir müssen endlich verstehen, dass wir entgegenwirken und Präventivmaßnahmen treffen können und müssen, denn die Umfeldbedingungen, die eine wichtige Rolle spielen, können wir beeinflussen.

Ich würde so gerne mal Politiker mit in diese Familien nehmen

Es gibt natürlich auch Kinder, die nicht erkranken, weil die Umfeldbedingungen sie gestärkt haben - aber ich habe noch nie mit jemandem gesprochen, an dem die Erkrankung des Elternteils spurlos vorbeigegangen ist.

Es geht aber nicht nur um Einzelschicksale. Indem wir tatenlos zusehen, schaden wir der ganzen Gesellschaft.

Ein psychisch kranker Mensch, der behandelt werden muss, der nicht am Leben teilhaben kann, kostet uns viel Geld. Aber nicht einmal dieses Argument scheinen Politiker wahrzunehmen.

Ich würde so gerne mal Politiker mit in diese Familien nehmen, die ich besuche. Damit sie sehen, wie es dort ist, was für ein Leidensdruck in den Familien herrscht.

Kinder werden mit dem Erlebten allein gelassen

Bis vor kurzem mussten psychiatrische Einrichtungen nicht einmal nach Kindern fragen. Das heißt: Ein Elternteil wurde eingeliefert, aber zu selten wurde sich darum gekümmert, was eigentlich mit den Kindern dieser Eltern passiert.

Im Vordergrund steht, ob das Kind versorgt ist und nicht verhungert - aber was ist mit der emotionalen Seite? Kinder haben in der Regel sehr viel mitbekommen, denn meistens dauert es eine ganze Zeit, bis ein Elternteil eine Klinik aufsucht.

Die Kinder bleiben währenddessen mit ihrem Erlebten und ihrer Fantasie der ungeklärten Geschichten allein.

Es müsste in jeder Psychiatrie einen Spielplatz geben

Zu viele psychiatrische Einrichtungen haben bis heute keinen Aufenthaltsort für Kinder. Dabei kommen so viele Kinder ihre Eltern besuchen. Es müsste eigentlich in jeder Einrichtung einen Spielplatz und einen Raum für Kinder und ihre Gefühle geben.

Bei meinen Besuchen in psychiatrischen Einrichtungen habe ich immer wieder gesehen, dass Eltern mit ihren Kindern draußen im Regen herumlaufen, anstatt reinzugehen.

Mehr zum Thema: Herzzerreißende Bilder: Das malen Kinder psychisch kranker Eltern

Diese Eltern wollen verhindern, dass ihre Kinder eine psychiatrische Einrichtung von innen sehen und mit den zum Teil sehr schwer kranken Menschen dort in Kontakt kommen müssen.

Es gibt aber auch Krankenhäuser, auf deren Stationen Kinder gar nicht erst dürfen, um zum Beispiel das Zimmer des erkrankten Elternteils zu sehen. Dabei würde das Kindern sehr gut tun - wenn die Rahmenbedingungen stimmen und die gesundheitliche Verfassung des Elternteils es zulässt.

Aber diese Einrichtungen sind, auch wenn es mittlerweile auch moderne Krankenhäuser gibt, immer noch tabuisiert.

Wir müssen diesen Kindern endlich helfen

Dagegen können wir etwas tun. Wir müssen aufklären, auch in der Schule. Das System muss sich ändern. Das Thema psychische Erkrankungen gehört unbedingt in den Lehrplan.

Es muss Angebote für diese Kinder geben. Jedes Kind braucht einen gesunden Menschen, mit dem es Kontakt hat und der für es da ist.

Es ist ein Fehler, an diesen Kindern vorbeizugucken. Hier liegt ein Fehler im System vor.

Wir müssen die Kinder von psychisch erkrankten Eltern stärken und sie unterstützen und es wird höchste Zeit, ihnen unsere Hände zu reichen - denn auch das ist eine Aufgabe unserer Gesellschaft.

Das Gespräch wurde von Amelie Graen aufgezeichnet.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

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(lm)