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Zur Macht des Wortes ... zwischen Verantwortung und Manipulation

21/01/2017 15:53 CET | Aktualisiert 24/01/2017 19:37 CET
JIM WATSON via Getty Images

America, America ...

Als jemand, der den USA seit mehr als 30 Jahren in vielfältigster Weise verbunden ist, der das Land und seine Menschen bewundert für das, was möglich ist. Als jemand, der auch die Abgründe, die Übertreibungen und Exzesse des Landes sieht und nichts beschönigt. Als jemand, der präsidentielle Reden viele Jahre analysiert und eingeordnet hat. Kurz und gut - als jemand, dem das Land und seine Menschen am Herzen liegen und als Schriftstellerin, als Frau des Wortes - kann und will ich nicht schweigen.

Es ist Zeit, endlich aufzustehen, hinzublicken, offen, ehrlich und klar. Wenn präsidentielle Antrittsreden eine Fortsetzung des Wahlkampfes mit anderen Mitteln sind, dann kann ich nicht schweigen, vor allem dann, wenn die Möglichkeiten des Ausganges am Horizont heraufdämmern.

Die Rede von Donald Trump zu seiner Inauguration als US-Präsident war in vielerlei Hinsicht anders als bisherige Reden neuer US-Präsidenten.

Das „we", das das „I" verdeckt, die Wortwahl von Gemetzel (carnage) über Establishment (ja, da ist vieles, sehr vieles schief gelaufen), die manipulative Stimme, das demagogische Gehabe, die beiden in die Höhe gereckten Fäuste, great allover, plakative kurze und sehr vereinfachte Sätze. ... Ich könnte noch fortsetzen.

Damit eines klar ist - natürlich muss eine Rede verständlich sein, ansonsten ist sie sinnlos, bestenfalls eine „Helikopterrede" mit viel Wortgeklingel. Es geht mir auch nicht um grammatikalische Analysen, die vielleicht irgendwo auf dem Niveau eines Sechstklasslers angesiedelt sind. Vielmehr muss aus meiner Sicht eine Antrittsrede von einer Person in diesem Amt verantwortungsvoll, klar, mitnehmen, im Herz und im Verstand berührend sein. Es muss ein klar erkenntliches Programm gegeben sein. Das ist mein Anspruch, muss natürlich nicht der Anspruch anderer sein. Warum auch?!

Aufgabe und Verantwortung ... eine nie enden wollende Geschichte

Jede Aufgabe bringt Verantwortung mit sich, Verantwortung dafür zu tragen, was Ansagen auslösen können. Dies erfordert Weitblick und Durchblick. Es geht nicht um einen Job, sondern um eine Aufgabe. Das geneigte LeserInnenpublikum möge sich den Begriff der Auf-Gabe in einer stillen Stunde auf der inneren Zunge zergehen lassen. Dies könnte auch Rückwirkungen auf die eigene Aufgabe habe - Vorsicht - das kann Nebenwirkungen ungeahnten Ausmaßes haben ...

Daher kommt jedem Wort, jedem Satz eine besondere Rolle zu, wenn diese von einem neuen amerikanischen Präsidenten gesprochen und geschrieben werden. Da kann man sich nicht aus der Verantwortung stehlen. VerantwortungsträgerInnen haben Verantwortung. Sie müssen auch Antworten geben. Ich schreibe bewusste nicht „liefern" (deliver), denn das empfinde ich, dass wir uns in einer „Job done-Mentalität" befinden. Die Worte weise und verantwortungsvoll zu wählen, in einer Zeit des großen Umbruchs, mitten im Übergang zwischen mehreren gravierenden Verschiebungen, ist Ausdruck des Wissens, worum es in einer Führungsaufgabe hier, heute, morgen und übermorgen geht.

Worte sind wie der Zauberlehrling ...

Worte, gleich ob gesprochen oder geschrieben, sind materialisierte Gedanken, oftmals umrahmt mit Gefühlen. Sie bringen als Kombination Dinge in Gang. Sie lösen etwas beim HörerInnen- und LeserInnenpublikum aus. Hintergrund sind sogenannte frames, als geistigen Rahmen. Sagt man heute „Trump", dann löst dies beispielsweise - und ich führe hier nur beispielhaft an - ein inneres Bild eines Mannes mit Sturmfrisur, rötlichem Haar, Sonnenbräune, einer bestimmten Fingerhaltung und Wortwahl aus (I, I, I ... bitte nicht durch das manipulative we er Inaugurationsrede täuschen lassen; great again, great again, great again). Zudem löst er das Gefühl von Gefahr, von Unberechenbarkeit, von Protzerei, von Machertum, von Geschäftsmann, von dealmaker etc. aus. Alles bitte unbewertet zu lesen.

Diesen Auslösungen kann sich kaum eine/r entziehen. Darin liegt auch die manipulative Kraft. Wenn dies sprachlich über einen längeren Zeitraum in der nötigen medialen Breite unterstützt wird - übrigens geht es ausschließlich um die Dominanz des Nachrichtenzyklus, also so oft wie möglich genannt werden, gleich was die Botschaft ist - wenn man dies also unterstützt, dann setzt sich im Kollektiv ein Bild fest, das bei jeder präsenten Gelegenheit ausgelöst wird. Vereinfacht geschrieben: Herr Trump erscheint am Bildschirm und der innere Film fängt automatisch zu laufen an ...

Es ist wie beim Zauberlehrling: Die Geister die ich rief ...

Übertreibungen als Mittel der Politik

Übertreibung ist ein wesentliches Stilmittel der Rede. Ansonsten tut man sich oft schwer, überhaupt Aufmerksamkeit zu erzielen. Dazu kann man Jahrhunderte zurückgehen. Das Plakative, Übertriebene ist eine Politik, um wahrgenommen zu werden. Daran ist nichts Schlechtes zu finden - so ganz grundsätzlich. Nur - bitte mit Substanz und der ehrlichen Absicht, das dann auch umzusetzen ...

Zudem: Das menschliche Gehirn und unser Unterbewusstsein regieren stark auf in Worte gefasste Bilder. Nahezu 80 % in unserer Wahrnehmung (manche meinen sogar mehr) läuft über Bilder. Diese werden durch bildhafte Schilderungen erzeugt:

  • Feierende Politiker
  • Leidenden Familien
  • Großartige Schulen für Kinder
  • Reparatur der bröckelnden Infrastruktur
  • Milliardeninvestitionen
  • Gefangene Frauen
  • Gestohlene Leben
  • Verrottete Industrien
  • Protektionismus und Abschottung (sinngemäß - ich passe auf Euch auf, daher macht was ich will - was für ein Marionettentheater!?)
  • Mauern bauen
  • Leben und Politik als Kampf
  • Ökonomische und nationale Einheit - vor der emotionalen Einheit
  • Grenzen dicht machen, Jobs schaffen, Reichtum

Das geneigte LeserInnenpublikum wird hiermit eingeladen, inne zuhalten und die Begriffe auf sich wirken zu lassen. Keine/r ist davor gefeit, sich davon einlullen zu lassen. Keine/r ist davor gefeit, sich davon manipulieren und beeindrucken zu lassen. ... Und das ist nicht weiter schlimm, wenn es als solches erkannt wird.

Die Verantwortung der Eliten in diesem großen Spiel

Das große Spiel (great game ist ein Ausdruck, den Eliten gerne verwenden, um das sogenannte große Bild der Welt wolkig zu umschreiben. Es liest sich gut, hört sich beredt an und keine/r weiß so richtig, was es bedeutet. Daraus lässt sich eine Macht, eine Deutungshoheit ableiten. Es ist Teil des so beredten und gleichzeitig so schweigsamen Wortgeklingels, das in vielen Teilen der Eliten wie ein Virus seuchenhaft Platz gegriffen hat. Wehe man kratzt an der Wortfassade ...

Warum schreibe ich das, wenn es so negativ von mir gedeutet wird? Weil ich kontrastieren will ... auch eine Politik, um die Aufmerksamkeit des geschätzten LeserInnenpublikums zu erreichen. Sie sehen, auch ich bediene mich dieses Mittels. Gleichwohl - ich warne Sie vor, was ich hier so treibe ...

Eliten-Bashing, also das Niedermachen von Eliten ist ja mittlerweile ein Sport. Nun denn, vieles ist verständlich, insbesondere dann, wenn Eliten völlig abheben, die „anderen" niedermachen, ausgrenzen und sich für etwas Besseres halten.

Die Aufgaben der Eliten hier und heute lauten aus meiner Sicht, die sich zu dieser Elite zählt:

  • Verständlichmachen dessen, was im Großen wie im Kleinen vorgeht.
  • Erklären, was die Hintergründe von gesellschaftlichen sein können - kritisch und unaufgeregt.
  • Nichts ist zu komplex, zu vielschichtig, als man es nicht auch verständlich erklären kann, wenn man will.
  • Zugehen auf jene, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht verstehen, was „abgeht" auf der großen Autobahn des Lebens.
  • Mitnehmen von Menschen, durchaus auch zeitweilig an der „inneren Hand" nehmen, aufzeigen, immer und immer wieder erläutern, einfach ohne dabei überzuvereinfachen.
  • Abholen der Menschen auf dem Niveau, wo sie hier und jetzt leben.
  • Sie informieren und sagen, dass sie für die Verwendung der Information eine Verantwortung haben, und sei sie noch so klein.
  • Dem Kollektiv zeigen, welche Macht und Verantwortung es hat.
  • „Die da oben" gibt es nicht. Es sind jene Menschen, denen das Kollektiv Macht auf Zeit verleiht und die Verantwortung dafür auch einzufordern hat.
  • Dem Kollektiv die Machtmittel klar in die Hand geben und es auf die Verantwortung, die daraus entspringt, aufmerksam zu machen.
  • Nie aufhören, geduldig zu erklären und klar zu machen, was vor sich geht.
  • Vorangehen, mutig sein, unbequem sein, aufstehen, wo andere bequem sitzen bleiben, den Mund aufmachen, Verantwortung übernehmen, auf Menschen zugehen.
  • Letztlich muss sich die Elite neu definieren, wenn sie überleben will.

Teil der Elite zu sein, birgt eine besondere Verantwortung. Daran bemisst sich auch Legitimität von Elite. Auch sie muss ihre Existenz rechtfertigen. Und sie hat ganz klare Aufgaben im großen Ganzen (siehe oben - es gibt dabei sicherlich noch Luft nach oben ...). Dann sind die Lücken für PopulistInnen und RattenfängerInnen zu klein, um durchzudringen.

Darin wird sich auch die Kraft des Wortes bemessen. Daran wird sich die Kraft der Taten bemessen. Daran wird sich die Kraft der Eliten bemessen. Darin wird sich bemessen, wo das große Ganze kurz-, mittel- und langfristig hinbewegen wird, schneller, langsamer, unaufhaltsam ... Trump hin, Trump her.

Vergessen wir nie - wir haben es in der Hand. Auch wenn es gelegentlich eine bumpy road, eine Schotterstraße ist, wo wir entlang fahren. Vergessen wir nie - keine/r kann sich ausnehmen - Making America great again oder auch nicht. Haartollen hin oder her.

Wählen wir die Worte weise. Richten wir die Aufmerksamkeit dorthin aus, wo wir es haben wollen. Dann ist Herr Trump ein spoiler - nein, kein Autoteil, sondern ein Unruhestifter, der das große Ganze in eine neue Richtung bewegt.

Wir wählen die Richtung, in Europa, in den USA, in Russland, in China, wo auch immer. Darum geht es bei dieser Reise. Um nicht mehr, um nicht weniger.

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