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Was ich von Zen bislang lernte ... fürs Leben und so...

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Zen ist seit vielen Jahren eine Haltung, die immer wieder als "Heilmittel" gegen zu viel Stress gepriesen wird.
Nun denn, so hat sich Zen in seinen Denkrichtungen nie verstanden. In 20 Jahren Zen ist mir jedenfalls nie eine Definition von Zen begegnet, die Heilmittel und Stressbewältigung umfasst haben. Wie vieles in unseren westlichen Gesellschaften wurde aus einer östlichen Denkrichtung ein Alleinheilmittel gegen all die Phänomene unserer Wohlstandsgesellschaften konstruiert, die uns - scheinbar- belasten und die wir daher grosso modo ablehnen.
So will ich ein paar klarstellende Gedanken aus meiner sehr persönlichen Erfahrung als ehemalige Führungskraft und als Schriftstellerin in der poetischen Philosophie anbieten. Sie mögen Inspiration sein. Nicht mehr, nicht weniger.

Was ist Zen für mich?

Zen ist für mich die Erfahrung eines sehr geduldigen Verarbeitens dessen, was ich in meinem Lebensalltag erfahre. Das mag allgemein klingen, in der Tiefe gelebt ist es jedoch ziemlich hereinfordernd. Zen ist eine innere Haltung, fern jeglicher Dogmatik, jeglicher Religion und jeglicher Identifikation.
Damit habe ich ich Schleier, den man im Westen gerne über Zen hängt, abgenommen. Erfahrungen, Geduld, Verarbeitung - drei nicht besonders beliebte Schlagworte in modernen Gesellschaften des Höher-Schneller-Weiter.

All die "Geheimnisse" sind rasch aufgezählt: es ist ein sehr natürlicher Weg, der Menschen die Möglichkeit anbietet, wieder zu sich selbst zu finden. Dies ist nur über den Erfahrungsweg möglich. Es geht dabei um das Stellen existentieller Fragen und um die innere Bereitschaft, die Antworten, die einem das Leben dazu schenkt, anzunehmen. Bücher, Seminare und Workshops sind dazu bestenfalls Anleitungen und geben Impulse. Leben darf es jede/r für sich selbst.

Zen beruhigt nicht. Zen gibt keine Heilsversprechen ab und ist auch kein Allheilmittel. Zen verspricht weder ein himmliches noch ein irdisches Paradies. Und - Zen ist nichts für Feiglinge und duldet auch keine Halbheiten. In der Stille, die Zen verlangt, zeigen sich die Licht- und die Schattenseite der eigenen Persönlichkeit - und nur darum geht es im ersten Schritt. Wegdrängen des einen und hervorheben des anderen ist möglich und doch nicht möglich, weil auch gar nicht sinnvoll. ... So schmerzhaft es sein mag. Zen ist ein Weg nach innen, schlicht und einfach, voll von Höhen und von Abgründen.

Was Zen ermöglicht - ich schreibe bewusst nicht 'garantiert' - also, was Zen ermöglicht, ist die Zusammenschließung des Ich mit dem Selbst. Damit erfährt der Einzelne, dass er mit dem Großen Ganzen verbunden ist. Er erfährt das Nichts als Urgrund allen Sein und er erfährt die vollkommene Annahme dessen, was ist - frei von Wertung. Klingt unspektakulär, klingt mystisch. Ist es auch bis zu einem gewissen Grad - wie z.B. das Miterleben einer totalen Sonnenfinsternis. Zen ist jedoch keine Zweiminutenangelegenheit, sondern ein lebenslanger Weg.

Wenn man diese "Verbindungs-Erfahrung" einmal gemacht hat, gehen alle Ängste Schritt für Schritt und werden kleiner. Manche davon verschwinden ganz.

Wie kam ich zu Zen?


Wie auch viele andere, habe ich mich in einer Lebenskrise nach Lösungen umgesehen und wurde mit Zen bekannt gemacht. Voll Freude begann ich mich, dafür zu interessieren, las eine Menge und ließ mich unterweisen. Es lebte der Intellekt. Nun gut, es war mein erster Zugang zu Zen.

Als es ans tägliche Üben ging und die Achtsamkeitsübungen gefragt waren, ließ meine anfängliche Begeisterung ein wenig nach. Doch irgendwie war auch eine große Neugierde auf das, was kommen mag, in mir. Und ich fühlte, das in meinem Innen etwas noch vollkommen unbeantwortet war. Diese Antwort ließ mich zumindest locker dranbleiben, an Zen und an den Zazen, den Übungen.

Als ich eine weitere Krise hineinstolperte, besann ich mich wieder verstärkt und konsequent der Übungen. Dann war ich reif genug, um auch die Disziplin und Hingabe zu haben und nachhaltig "dran" zu bleiben. Zazen, die Übung des ruhigen Hinsetzens, des weichen Atmens und des Meditierens, stand im Zentrum der Erfahrung von Zen - und sie tut es noch heute.

Was auf den ersten Blick leicht aussieht, ist eine Frage von viel Übung. Es ist einen Versuch wert, sich aus dem Lebensalltag kommend, hinzusetzen und sich mit Atmen einzustimmen und einmal nichts zu tun, nichts tun zu müssen - einfach nur sein. Viele wissen nicht mehr, wie es sich anfühlt, tief zu atmen, tief bis in den Bauchraum. Sie erschrecken, weil sie dieses Lebensgefühl nicht mehr erspüren. Viele sind Kurz- und Flachatmer geworden. Fragen Sie sich warum dies so ist...

Also - der Atmen bringt einen in die eigene innere Mitte, in das viel zitierte Zentrum des eigenen Seins. Das kann man üben und dann geht es relativ rasch, den eigenen Rhythmus zu finden und zu fühlen. Es geht um den weichen Atmen, um den fließenden Atem, der natürlich aus uns strömt, wenn wir ihn lassen.

Auch ruhig zu sitzen, das muss gar nicht im Lotussitz sein, einfach auf einem Stuhl, die Füße am Boden und den Rücken gerade.

Am Atmen und am Sitzen scheitern schon viele, weil sie es nicht mehr gewohnt sind, in der Ruhe zu sein und die Stille wahrzunehmen. Letztlich können sie sich selbst nicht mehr wahrnehmen. Sie sind im Tun verloren und haben damit sich selbst verloren. Zen ist eine von vielen Möglichkeiten, sich selbst zurückzuerobern und sich selbst zu begegnen.

Meistert man atmen und sitzen, dann geht es um einen Zustand an Gewahrsein, nicht verkrampft, sondern heiter-gelöst. Und die Gedanken ziehen und ziehen. Sie sind wie Züge, in man nicht einsteigt. Man nimmt sie wahr und lässt sie gehen. Es gibt auch keine Wertung. Fällt man aus der Aufmerksamkeitsmitte, dann hilft eines - weiches Atmen!

Mittlerweile sind die täglichen Zazen völlig normal für mich. Sie sind Teil meines Lebensalltags. Dafür braucht es nicht viel Zeit. Je nachdem, wo ich unterwegs bin, nehme ich mir Zeit für meine Zazen.

Warum widme ich mich Zen?

Zen ist in jeder Faser die Transzendierung des Widerspruchs, der Polarität und der Dualität.
Ich mag die Freiheit in der Übung und die gleichzeitig Animation zu Disziplin beim Üben. Zen inspiriert mich, die Polaritäten und die Dualitäten im menschlichen Sein jeden Tag aufs Neue zu überwinden und im Einssein in mir Neues zu erschaffen. Es ist ruhig, gelassen - fern jeglichen Müssen müssen und jeglichen Drucks und jeglicher Perfektion. Ich mache die Übungen so gut ich sie im Moment kann - frei von Urteil und Wertung, immer so ernsthaft und locker wie es mir im Moment möglich ist.
Bei den Zazen fühle ich mich vollkommen eins - als Körper, Geist und Seele. Ich habe zudem gelernt, mich mit nichts mehr zu identifizieren. Gedanken-Stille erreiche ich durch Beobachtung.
Beobachtung ist Nicht-Identifikation. Es ist eine Form von Wahrnehmung - ohne in den Zug einzusteigen und drinnen gar herumzulaufen und mich über mögliche Passagiere aufzuregen. Ich steige nicht ein.

Wenn sich dass Gedankenkarussell in meinem Kopf dreht, wenn als die Gedanken herumschwirren und sie auch noch durch Gefühle ummantelt werden, dann ist der Weg zu Vorstellungen und Erwartungen nicht mehr weit. Beide verursachen meistens Leid, das sie nie aus dem Herzen kommen. ... die Aufregung über Mitreisende aller Art ...

Die Energiefrequenz von Gewahrsein/Beobachtung ist weiblich. Sie ist sich hingebend, empfangend, passiv. Beim Denken gibt es keine Hingabe: das ICH (Verstand) spricht mit dem SELBST (Sein). Wenn die Gedanken mich im Griff haben, dann steuert mich das Ego. Akzeptanz bedeutet also die Hingabe an den kosmischen Moment; es ist was es ist. Mit dem Atem und aus dem Atem heraus komme ich immer in die Beobachtung. Nun sind die Gedanken und Gefühle noch immer vorhanden, doch sie mich nicht mehr. So habe ich einiges an Zeit ins Üben der Beobachtung und des Gewahrseins meiner Gedanken und Gefühle investiert. Dies ging in der Stille, der Ruhe und im Alleinsein. Dies ist daher auch ein Plädoyer, immer wieder Phasen des Alleinseins als natürlichen Teil des Lebens vorzusehen und nicht in Panik vor einen selbst zu verfallen.

In der Beobachtung bin ich immer mit dem gegenwärtigen Moment verbunden. Ich gehe weg von den eigenen Interpretationen. Dann entsteht in mir Ruhe, die ich durch Atmen noch begleiten kann; ich gehe noch tiefer hinein in meine Essenz und eröffne in meinem Sein den heiligen Raum in mir.

Hier kommen dann Antworten, die immer richtig sind - sie kommen aus dem Herzen und nicht aus dem Verstand. Dann entsteht eine neue Lebenshaltung des Miteinanders. Durch Widerstandslosigkeit entsteht eine eigene, neue Welt, die Fluss zulässt und ermöglicht.

Was ich zu Zen empfehle?

Nachdem ich immer wieder gefragt werde, wie man Zen lernen kann und wie man "das" angeht, kann ich nur aus meiner Erfahrung heraus empfehlen, es ernsthaft anzugehen. Es geht ja immerhin um das eigene Leben und um die sinnstiftende Gestaltung desselben. Ernsthaftigkeit schließt Freude dabei ja nicht aus.

Mini-Zen, Zen für Praktiker, Zen für die Hausfrau, Zen für den Alltag ... ich lese ja immer wieder einiges Zeitgeistiges dazu. Offen gestanden, für mich ist mein Leben der wertvollste Schatz. Daher erhält es immer eine Vorzugsbehandlung und ich nehme meine Leben ernst in einer heiteren Verfasstheit. Mit Zeitgeist kann ich nicht viel anfangen.

Zen ist keine "Sache für zwischendurch", denn wenn man sich mit Zen befasst, dann verändert sich das gesamte Leben in seiner Qualität. Dessen darf man sich vorher bewusst sein. Zen ist auch nie auserzählt oder perfektioniert. Es ist ein Dauerprozess, der mal intensiver ins Alltagsleben spielt und dann wieder weniger Platz hat. Doch Zen ist in meiner inneren Einstellung, in meiner Haltung dem Leben und dem gesamten Sein gegenüber immer präsent. So wie das Leben immer präsent ist, ist Zen immer präsent.

Wenn Ihr Interesse geweckt ist, dann seien Sie sich gewahr, worauf Sie sich einlassen, auf nicht mehr als auf Ihr Leben. Seien Sie auf Überraschungen, auf Berg- und Talfahren, auf lichteste Höhen und auf dunkelste Nacht gefasst. Seinen Sie auf ein Abenteuer gefasst, wo Sie das Leben aus der Adlerperspektive betrachten lernen - und weise über sich selbst auch lachen lernen, wo Sie sich wichtig und gleichzeitig nicht so schrecklich wichtig nehmen. Sie landen irgendwann bei einer tiefen Bescheidenheit sich selbst gegenüber. Das Leben wird einfacher, langsamer, bewusster und tiefer.

Gehen Sie zu Wissenden, die Ihnen Begleitung bei den ersten Schritten auf Ihrem Weg zu sich selbst sind. Und glauben Sie nicht, sie wüssten, wie das geht. Es gibt immer andere Möglichkeiten, die es lohnt anzusehen.
Am Beginn wird die Begleiter intensiver sein, bis Sie in der Lage sein werden, mehrheitlich selbst zu gehen, wahrzunehmen, zu atmen, zu beobachten, zu sein.

Dann wird vieles zur Normalität und Sie fragen sich, wie es je anders sein konnte.

Und glauben Sie mir ... ich bin weit davon entfernt, eine Meisterin in Zen zu sein. Zen - weniger ein großer Geheimnis als das Geheimnis bei sich selbst anzukommen...