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Über die Kunst der Erregung

09/01/2016 14:19 CET | Aktualisiert 09/01/2017 11:12 CET
dpa

Immer wieder wurde ich in den ersten Tagen des neuen Jahres angesprochen, angeschrieben, warum ich mich nicht zu den Vorfällen in der Nacht zum neuen Jahren äußere, warum ich nicht meine Stimme erhebe und dagegen schreibe, warum ich auf die Posts und Mails, die ich erhalte, nicht reagiere und endlich aufstehe und dagegen schreibe.

Ich sei doch auch eine Frau, noch dazu eine, die viele Jahre in einer Männerdomäne arbeitete, sich durchsetzen musste und von Männern vor allem im Beruf immer wieder vehement gemobbt und hinausgeekelt wurde. Also - was ist nun? Schreiben Sie als Autorin, die kritisch ist und Hintergründe auszudeuten weiß, endlich etwas. Das ist doch eine ausgezeichnete Gelegenheit für Rache für Erfahrenes. So und ähnlich ist der Grundtenor.

Nun - dies mag die Wahrnehmung vieler sein. Es ist jedoch nicht meine Wahrnehmung. So viel gleich am Beginn zur Klarstellung. Ich war nie ein Opfer, ich bin kein Opfer und ich werde auch nie ein Opfer sein. Das ist nicht meine Wahrnehmungsebene. Das ist nicht meine Begegnungsebene.

Ich schreibe auch nie gegen etwas, weil ich sehr genau weiß, dass ich damit nur mehr von dem erzeuge, was ich nicht will.

Was mir wesentlich ist - hier&heute?

Ich stelle mir ganz andere Fragen. Und - ich schreibe sehr gerne FÜR etwas. Was ich jedoch war, bin und sein werde, ist eine aufmerksame Beobachterin. Wer still ist, den Mund zeitweilig hält und nur in der Ruhe die Kakophonie, die nun die Masse von sich gibt, beobachtet, der kann viel erkennen. In der Stille zeigt sich Klarheit. Und die erscheint mir zurzeit ganz besonders wichtig, um den nächsten Schritt tun zu können und die Verantwortung dafür auch übernehmen zu können und zu wollen.

Ein paar Beobachtungen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit ...

  • Ich beobachte unglaublich viele Meinungen und den großen Zwang, Kraft sozialmedialem Geschrei diese teilen zu müssen.
  • Ich beobachte Polarisierungen, Ängste, Unterdrückung von Ereignissen, politische unopportune Begebenheiten, Verschweigen, Wegschieben, salamitaktikgemäßes Freigeben von Informationen, verschämtes Eingestehen von Schwäche.
  • Ich beobachte Beschuldigung, nur schwer identifizierbare Täter, Provokation.
  • Ich beobachte Opfergehabe und eine Solidarisierung mit Opfern, die es zweifellos gab, die anmaßend ist. Wer kann schon fühlen, was geschah - ohne dabei gewesen zu sein? Was wissen wir denn wirklich, was in dieser Nacht wo auch immer geschah? Wir meinen, zu wissen. Faktisch wissen wir nur sehr, sehr wenig - noch immer.
  • Ich beobachte eine bemerkenswerte Feigheit jener, die angeblich das Sagen haben.
  • Ich beobachte eine ebenso bemerkenswerte Hilflosigkeit bei jenen, die angeblich das Sagen haben.
  • Ich beobachte eine Aggression, die leicht in mehr als ein paar Faustschläge, die unangenehm genug sind, münden kann.
  • Ich beobachte ein Ausnutzen der Lage von Frauen für politische Sprüche, die hohler nicht sein können.
  • Ich beobachte, wie das Weibliche versucht wird, zu unterdrücken und wie hilflos Männer dieser Entwicklung gegenüber stehen.
  • Ich beobachte sogenannte weise Sprüche und Empfehlungen, wie Frau sich verhalten soll - als wüsste eine Frau nicht, wie sie sich zu verhalten hat.
  • Ich beobachte Versuche, unter dem Deckmantel von Scheinsicherheit Frauen auf altbekannte Plätze in der Wahrnehmung und im täglichen Verhalten zurückzuversetzen.
  • Ich beobachte den evidenten Ausbruch der Gegnerschaft von Männlichem und Weiblichem.
  • Ich beobachte die Unfähigkeit des Kollektivs im Erkennen, dass das eine ohne das andere nicht kann und wir schon längst in der Sowohl-als-auch-Zeit leben. Es gibt beides und so ist es. Und beides, Männlich und Weiblich, sind gleichwertig, wenngleich natürlich auch unterschiedlich. Genau das macht die Symbiose ja aus.
  • Ich beobachte eine Zeitgeistigkeit und ein Gehype, in dem sich das Kollektiv selbst ad absurdum führt - nur merkt es die Mehrheit nicht. Und das ist beängstigend, wie rasch das Mitreißen ohne Ziel erfolgt.
  • Ich beobachte eine Du-Sucht, eine Lust, sich in Dramen anderer zu begeben, die wir gar nicht kennen. Es ist ein Hineinboren in die intimsten Details. Jeder Informationsfetzen wird seziert und beleuchtet.
  • Ich beobachte ein Mitgefühl unter dem Deckmantel von Solidarität, die bei näherem Hinschauen leer und inhaltslos ist. Auch hier begegne ich einer Du-Sucht, die im Außen vor dem eigenen Innen und seinen Abgründen davonläuft.
  • Ich beobachte einen Hang, alles noch mehr regulieren zu wollen - unter Vorspiegelung von Sicherheit, von Scheinsicherheit ... in dieses bewegten Zeiten der Verwerfungen, deren Ergebnis wir nicht kennen.
  • Ich beobachte, dass kaum eine und einer erkennt, dass es im Auge des Sturms am ruhigsten ist.
  • Ich beobachte, dass dort, und nur dort, in dieser Ruhe die Lösung liegt - jenseits von Gegeifere, Hypes und Zeitgeist, jenseits von Relativismus, jenseits von gutgemeinten und doch unglaublich platten Ratschlägen, jenseits von Entweder-Oder, jenseits von Extremen.

Was tun mit diesen Beobachtungen?

Ich habe die allein gültige Lösung nicht parat, denn die gibt es nicht. Es ist vermessen, in komplexen Lagen vereinfachte Lösungen anzubieten. Ich halte dies für einen Betrug. Es ist anmaßend, trotz umfangreicher Recherche von einer umfassenden Kenntnis der Lage auszugehen. Dies ist Arroganz und würdigt weder die Betroffenen noch diejenigen, die versucht haben, eine Form von Ordnung in die Lage zu bringen, auch wenn es offenbar nur teilweise gelang.

Was man mit meinen Beobachtungen tun kann, ist, zu erkennen, dass uralte Strukturen und Gewohnheiten brechen und schon gebrochen sind. Es ist wie das Reiben von tektonischen Platten, das zu Verwerfungen führt. Grundlegend Neues ist vorhanden - grundlegend Altes ist vorhanden. Und das führt zu teilweise massiven Spannungen und Verwerfungen.

Dabei dürfen die Betroffenheit, Mitgefühl, Mitleiden, Interesse und alle Möglichkeiten der sozialen Medien nicht den Blick davor verstellen, dass wir erst am Beginn stehen. Die Ereignisse der Neujahrsnacht sind erst der Anfang von sichtbaren Verwerfungen - jenseits dessen, was geschah, so schmerzhaft es auch für die Betroffenen ist. Es werden noch weitere, vielleicht viel drastischere Verwerfungen folgen, weil grundlegende Veränderung angezeigt ist - und gegen die kann man versuchen, sich zu wehren. Es ist jedoch leichter, mit der Welle der Veränderung zu gehen, auch wenn es manches Mal unangenehm ist und schmerzt.

Das ist, was ich beobachte. Nicht mehr, nicht weniger. Mögen meine Beobachtungen Anregung sein, den nächsten Schritt zu tun.

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