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Tod & Leben ... der Tanz unseres Seins

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Allerheiligen, Allerseelen, der November, oft grau und regnerisch, zeigt uns unsere Vergänglichkeit. Die Natur spiegelt uns das Sein ins seiner gesamten Breite und Tiefe. Die fallenden Blätter, die nassen und kahlen Wege, die leeren Strände, die erstmals angezuckerten Berge, nur wenige Menschen bewegen sich draußen - und wenn, dann mit hochgezogenen Schultern und fest eingemummt.

Zeiten des Be-Sinnens

Der November hat eine undankbare Rolle zwischen dem goldenen Oktober und dem lichterstrahlenden Dezember. Irgendwie so dazwischen gepackt. So wie viele Abschiede dazwischen gepackt werden, weil sie unangenehm sind. Die Aufmerksamkeit liegt auf dem Ende des Schönen, auf der Trennung und dem
für einige Zeit getrennt sein. Das verursacht Schmerz. Das verursacht Traurigkeit.

Abschied, Vergänglichkeit, Flüchtigkeit und Tod sind untrennbar miteinander verbundene Phänomene unseres Seins. Sie sind integraler Bestandteil dessen, was wir Leben nennen. Dabei ist Leben nur eine Seite der Medaille von Sein - der Tod ist die andere Seite - ob wir ihn wollen oder nicht. Die Begegnung mit dem Ende macht das Sein zu dem was es eigentlich ist.
Ich will mir dazu ein paar Gedanken machen, die ich mit den geneigten LeserInnen teile. Es sind Gedanken, die auf Erfahrungen beruhen und eine geweitete Sichtweise zum Dasein als Grundlage haben.

Mit der Vergänglichkeit fängt es an ...

Alleine der Satz klingt schon paradox. Da alles in Bewegung ist, ist die Vergänglichkeit ein natürlicher Bestandteil unseres Seins. Wir durchlaufen Zyklen die man grob mit „Werden und Vergehen" umschreiben kann. Es gibt also nichts Normaleres als die Veränderung, den Wandel und damit die Vergänglichkeit.

J.W. Goethe lässt seinen Faust sagen: »Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! Du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn!« (V 1699-1702).
Dieser Gedanke ist natürlich aus dem Zusammenhang gerissen. Goethe ging ist in dem Dialog um das Streben nach Wissen, das er der Bequemlichkeit gegenüberstellte. Und - doch es geht um die Vergänglichkeit von Wissen, von Erfahrungen, von Kenntnissen - und damit geht es um etwas Wesentliches in unserem Dasein. Bleiben wir stehen, verharren in alten Mustern und Vorstellungen, in bequemen, wenn auch Schmerzen verursachenden Glaubenssätzen? Blicken wir unverwandt auf gemachte Erfahrungen und unerfüllte Erwartungen? Oder gehen wir weiter, gehen auf unbequemen Wegen, stellen uns immer wieder in Frage?

Die Buddhisten sagen gerne: Auch das geht vorüber. Damit gibt es keinerlei Anhaftungen - weder an das Schöne, noch an das weniger Schöne.

Dann wird das Abschied zu einem Durchgangstor von vielen. Er muss nicht mehr verdrängt werden. Es braucht auch nicht mehr den Fokus auf In allem Anfang wohnt ein Zauber inne, den wir bewahren wollen. Vor dem oft unausgesprochen vereinbarten Ende graut uns dann auch etwas weniger.

Den Geburtsschmerz vergessen wir gnädig. Die Todesangst begleitet uns oft deutlich länger. Dabei ist alles nur ein zyklisches Durchlaufen von Seinszuständen. Blenden wir den Abschied aus, dann verdrängen wir Zyklen. Wenn wir erkennen, dass Abschied die Grundlage für den Neubeginn auf einer anderen Ebene sind - erleichtert das dann die Annahme von Abschied? Vielleicht ...

Der große Abschied

Manche bezeichnen den Tod sehr nobel als den ganz großen Abschied. Mit Sicherheit ist er wohl der am meisten verdrängte Abschied. Dabei helfen uns Verstand und Seele, uns auf das Leben zu fokussieren. Es ist also gewissermaßen ein Schutz, dieses Verdrängen. Ansonsten würden wir immer im Angesicht des Todes leben. Das wäre wohl zu anstrengend und auch irgendwie paradox.

Wenn wir immer wieder mit dem Tod konfrontiert werden, dann ist es meistens das Ableben eines Nahestehenden. Die Radikalität, dass der Körper geht, zerfällt ... Die Schmerzlichkeit der Endgültigkeit, die Unwiderruflichkeit des nicht Wiedersehens in der bekannten Form - all dies macht Angst, verursacht Schmerzen und Trauer. Doch auch Angst, Schmerzen und Trauer sind Teil unseres Daseins. Wir würden die Freude, die Liebe und die Erfüllung nicht als solche erkennen, wenn wir nicht auch den Gegenpol erkennen und erfahren. Das mag ebenfalls paradox klingen - doch wir Menschen sind so „gestrickt". Es ist uns wesensinhärent und ist es auch Zweck unserer Erfahrungsreise. Yin und Yang ...

Die Literatur zeigt uns die Ambivalenz des Menschen zum Tod in all seinen Schattierungen. Von Komik über Humor bis zum Drama und der Tragödie - niemand kommt ohne den Tod aus, wohl auch weil wir ansonsten nie erfassen könnten, was Leben ist und auch sein kann.

Dabei hat der Tod auch etwas Befreiendes - weniger für die Hinterbliebenen, oft für die Betroffenen. Die Erlösung und das Übergehen in das große Unbekannte werden gerne übersehen, ja verdrängt. Das Nichtwissen, was auf einen zukommt. Das Unbekannte beschert zusätzliche Angst, weil alles, was unbekannt ist, mit Unsicherheit behaftet ist.

Ich spiele ab und zu ein inneres Spiel: Ich imaginiere das eigene Sterben, die großen Ängste vor vollkommener Ohnmacht und die Unwissenheit über das, was kommen wird, die Urangst des Alleinseins, des Verlassen Werdens, des Ausgesetzt Seins und die eigene Auflösung. Es ist wie der Gang durch das dunkle Tal, wo man nichts wahrnehmen kann und doch irgendwie weiß, dass man ankommen wird. Wo? Das ist wohl die größte Unbekannte. Das mache ich nicht täglich, doch es gibt Zeiten, da bin ich mir meines Geschenks des Lebens bewusster als zu anderen Zeiten. Meistens habe ich den Gegenpol durch eine Erkrankung oder einen Verlust vorher erfahren. Doch diese Anlässe werden immer weniger. Mir ist bewusst, dass Leben ein Geschenk auf Zeit ist, wohl auch weil ich eigene Endlichkeit schon sehr früh in meinem Leben erfahren habe und auch im weiteren Leben mit dem Tod konfrontiert war - und zwar ohne Wenn und Aber. Das macht mich heute demütig, dankbar und auf den Kern besonnen.

Nicht dass ich mir diese Erfahrungen bewusst ins Leben holte, nein - und ich will den Tod auch nicht zum Abenteuer verklären. Damit wäre ich im Trend unserer Gesellschaft. Nein - ich will einen Impuls zum Hinblicken geben. Nicht mehr.

So frage ich: Hängen Leben und Sterben zusammen?

Ja, natürlich. Ja, oft zur Seite geschoben und ignoriert, weil Sterben schlicht unangenehm ist. Keine Kontrolle mehr, keine Macht mehr. In diesen Momenten erleben wir die totale Ohnmacht - und die ist äußerst gewöhnungsbedürftig.

Kann man sterben lernen? Diese wohl auf den ersten Blick absurde Frage zutiefst menschliche Frage ist ein paar weitere Gedanken wert - auf den zweiten Blick. Der Tod kann nur über den Gegenpol des Lebens erfahren werden. Nichts wirklich Neues, doch etwas zutiefst in unserem Sein Verankertes, auch wenn wir davor immer wieder wegdrehen.

So erscheint mir die zeitweilige Auseinandersetzung mit dem Sterben und dem Tod eine der Grundvoraussetzungen, um überhaupt leben zu können - frei von Suchen, Süchten und Abhängigkeiten, frei von Bedürftigkeiten und von Habenwollen.

Erst durch die Beschäftigung mit dem Nichtsein, dem Tod erfahren wir unser Sein, unser Leben in seiner gesamten Tiefe.

Glauben Sie mir - es ist jedenfalls einen Versuch wert.