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So ein Künstlerleben ... oder: nach dem Auftritt im Wechselbad der Gefühle...

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Als Schriftstellerin bin ich immer wieder mit diesen Momenten nach einem Auftritt konfrontiert. Da erkenne ich überdeutlich: Kunst hat auch immer etwas Profanes, bei allem Elitären, bei allem Außergewöhnlichen. Die Hype-Momente täuschen oft über die manches Mal turbulenten Probezeiten hinweg und zeigen nicht, wie man Lektoren um jedes Wort ringt und dem Verleger noch so manche Zusatzfrist abringt.

Diese Überdrüber-Momente zeigen nicht das Alleinsein, das Ringen mit sich selbst und mit so mancher Idee, die man unbedingt verschriftlichen will und nicht so recht weiß wie - bis einem dann die zündende Idee dort zufliegt. Der Weg zu den Brettern, die die Welt bedeuten ist oft ein Weg des sich immer wieder Aufrappeln, voll mancher Tränen, mancher Zweifel, und natürlich auch voll so mancher Glücksmomente, die dann unbeschreibbar sind.

Glamour ... Wo bitte ist der?

Schriftstellerin - viele sehen diesen Beruf oft als glamourös. Ok. - es gibt ja genug Beispiele, dass es so sein kann. J. K. Rowling, Thomas Mann, Goethe, Schiller. Ich weiß - eine seltsame Mischung. Ich will ein bisschen provozieren und Sie sollen ja nicht einschlafen beim Lesen.

Also - klingt immer gut: Lesungen, Lesungskonzerte, Interviews, ein bisschen Fernsehen, dann wieder Radio, gutes Essen, Blumen, Applaus, Fans, herumgereicht werden, bewundert werden, Zuneigung bekommen - ja, und nicht zu vergessen, die wichtigen Agenten und das noch wichtigere Management.... Wer's braucht?! ... Auch - und das ist die andere Seite: Scheitern, Erschöpfung, Alleinsein, Zweifel, durch den medialen Dreck gezogen werden auf der anderen Seite. Und auf dieser anderen Seite ist man meistens alleine. Es gibt also mindestens zwei Seiten, mindestens - oft sind es mehr als diese beiden Seiten, diese Extreme.

Ich sehe meinen Beruf, den ich übrigens ausgesprochen gerne ausübe, differenziert. Ja - natürlich bin ich Künstlerin. Ich bin jedoch auch Mensch. Und das ist mir wichtig. Die Verführung durch den Glamour im Außen ist vielfältig und die Wahrscheinlichkeit, in die Glamourfalle zu tappen, die ist wahrlich sehr groß. Kennen Sie den aktuellen Literaturnobelpreisträger?

Sie räuspern sich jetzt verlegen beim Lesen? Macht nichts. Ehrlich - auch ich müsste googeln. Die Schnelllebigkeit holt uns immer wieder ein. Der Markt an Künstlern ist überflutet. Es gibt viele richtig gute Künstler. Und es geht uns allen ähnlich. ... Die Füße am Boden zu halten, ist dabei eine Kunst für sich selbst. Und - es gibt immer noch zu wenige, die einen bei so manchem Höhenflug daran erinnern.

Die Momente danach ...

Die Gefühlslage in diesen speziellen Momenten nach einem Auftritt, sei es eine Lesung oder ein Lesungskonzert, erhält immer eine eigene Note. In mir stehen Freude, Erleichterung, Leere, Stille und Wehmut in einem Widerstreit.

Es ist ein wenig so wie nach einem gelungenen Abitur oder einem Abschluss eines großen Projektes. Geschafft, gemeistert - doppelt schön, wenn es vom Publikum positiv aufgenommen wird, was man sich erdacht hat und wie man das Erdachte an die Frau und den Mann brachte. Müde, leer, erschöpft bin ich dann auch sehr oft. Auch wie beim gemeisterten Abi. Kaum ein Unterschied.

Dann, wenn der Applaus wie Strom durch den Körper nachrieselt, wenn die Anspannung wegfällt, wenn ich nur lachen, mich freuen kann und überdreht bin.

Dann, wenn der Applaus vorbei ist, wenn die Leselampe und der Tisch abgebaut werden, die Requisiten eingesammelt werden, das Glas Wasser bzw. das, was davon übrig ist, hinausgetragen wird. Dann, wenn ich in meiner Garderobe meine meistens verschwitzte Kleidung wechsle und nach einer meist kurzen Dusche wieder in meine Alltagsklamotten steige, die Zeit drängt ein bisschen.

Von einer Genussdusche kann also keine Rede sein. Dann, wenn ich den Mantel anziehe oder im Sommer das Tuch umlege, immer schön auf die Stimme achten, und meine Blumen mitnehme. Hinaus durch den Künstlereingang auf die Straße, ins Licht, in die Menge der Flaneure. Da und dort noch ein paar Bekannte, die mich einfach nur umarmen wollen. Für ein Glas Rotwein bin ich meistens zu müde. Also - bis zum nächsten Mal. Die Flaneuren, die vorbeischlendern, manche laufen auch - ich kenne keinen.

Es ist ein bisschen wie weg von der Droge des Applauses hin zum kalten Entzug. Wenn ich langsam die Szenerie verlasse ... Hinein-Spüren ... Hin-Lauschen ... die Leere in der scheinbaren Fülle wahrnehmen. Durchatmen, wirken lassen. Die Töne hallen nach, der Applaus ist vorbei, die Zuneigung, ja - die Zuneigung ist eine Zeiterscheinung, kurz, heftig ... und dann ist der nächste Auftritt wieder zu erarbeiten, zu erringen - bei aller Freude und bei aller Leichtigkeit. Wo willst du den Erfolg von gestern verbuchen?

Ich spüre auch immer wieder Hohlheit, Show, Blabla, leeres Geschwätz, Lachen, wenngleich die Tränen im Innen so präsent sind und es einen zerreißt ... und doch immer ein Funke von Unerreichbarkeit für die breite Masse ... und doch immer ein Funke von eigener Göttlichkeit in diesem Ozean an gleicher Masse an Lemmingen, an Trittbrettfahrern, an Möchtegernkopien ... und doch berührend, weil berühren wollend, und doch ansteckend, mitreißend, kraftvoll.

Die Öffentlichkeit und alles, was dazu gehört ...

Die Medien und die Öffentlichkeit - brennend interessiert, oft mehr an zutiefst Privatem denn am Geschriebenen - und gleichzeitig auf den Fehler wartend, was immer dieser Fehler auch sein mag. Schwäche zeigen - wohl doch nicht, und sei sie noch so klein. Ansonsten zerreißen einen binnen Stunden die sozialen Medien. Keine Abweichung wird verziehen in dieser Anspruchs- und Leistungsgesellschaft, die von ‚über' nur so trieft und selbst diesen Ansprüchen nur in den seltensten Fällen gerecht wird.

Künstler sind auch Menschen ... Wenn da nicht noch das Gefälligkeitsprodukt wäre ... ich lasse das Wort auf mich wirken im Nachhall der zwiespältigen Emotionen. Seltsam, dass ich davon so berührt bin. Gefallsucht, Anerkennungsjunkies, Applausabhängige, Liebesbedürftige ... sie begegnen mir immer wieder vor allem in jenen Bereichen, wo ich es mit Empfindsamen zu tun habe - und in der Kunstszenerie gibt es die als Dutzendware. Sie öffnen sich, geben viel, oft alles in diesem einen Moment; sie berühren, sie ziehen uns in ihren Bann ... und was ist im tiefsten Inneren?

Gefälligkeitsprodukt ...
Glauben Sie mir - keiner ist davor gefeit. Wir sind alle Gefährdete, wir Künstler, gleich aus welchem Bereich wir kommen, gleich wie erfolgreich wir sind. Das Gefälligkeitsprodukt ist dann nicht sehr fern. Auch dabei sind wir alle Gefährdete, weil wir geliebt werden wollen. Wer da nicht aufpasst, der fällt in einer unglaublichen Geschwindigkeit und verliert sich dabei selbst.
Ist die Gefälligkeit das Ergebnis, sich bewusst und unbewusst schützen zu müssen, vor den Geiern, die nur darauf warten, hinschlagen zu können und sich das Filetstück zu holen? Ist die Gefälligkeit das Ergebnis, sich noch ein wenig Privatheit in einer gläsernen Gesellschaft zu bewahren? Ich weiß es nicht. Es sind oft hilflose Versuche, noch ein wenig selbst zu sein. Es sind oft noch hilflosere Versuche, irgendwo seinen eigenen Platz zu finden, als Mensch und als Künstler. Es braucht schon eine kraftvolle Seele, um kein Gefälligkeitsprodukt zu werden und zu sein - im Leben und in der Kunst ganz besonders. ...
Jenseits des Gefälligkeitsproduktes, wie sieht es ... wie geht es mir als Mensch, wenn ich wieder in der sogenannten Realität gelandet bin, im Hotelzimmer, zu Hause? Wie spät ist es? Wohl so kurz vor Mitternacht. Die Sehnsucht nach dem, den man liebt, sie brennt im Moment sehr. So gerne hätte ich ihn jetzt bei mir, ohne Applaus und Leistung. Soll ich noch anrufen? Besser nicht, er schläft bestimmt schon. Ich lasse mich aufs Bett fallen, spüre meine unendliche Müdigkeit und kann doch nicht einschlafen. Ich greife nach dem Handy, und lasse es doch sein. Besser vielleicht eine SMS oder WhatsApp. Schnell den Fernseher an und durchzappen. Ich nehme nichts mehr wahr. Doch, da - mein Handy läutet und er ist dran. Das Ende der Sehnsucht - sie stirbt an der Schwelle zur Erfüllung. Ausatmen nach dem kurzen Telefonat, Zuspruch und Wärme erfahren.

Ein Streifzug zu den Momenten nach meinem Auftritt. Eindrücke, Empfindungen - für viel fremd, für manche sehr gut bekannt. Ein kleiner Einblick in die Gefühlswelt einer Schreibenden. So ein bisschen zum Nachklingen lassen ... vielleicht sehen Sie uns Künstler dann ein wenig differenzierter und vielleicht sehen Sie in uns auch den Menschen. Denn: Kunst ist so viel mehr als Glamour, als das Gefälligkeitsprodukt, der Applaus, der Hype des Abends ... Leben als Kunst ...?

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