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Mythos oder Realität? Der männliche und der weibliche Weg

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Zahlreiche spirituelle Webseiten sind seit Monaten voll davon und überschlagen sich regelrecht in guten Rat-Schlägen. Jede/r, der noch ein wenig seinen Verstand benutzt, wird in die berühmte Tonne getreten. Willkommen sind die HerzhörerInnen. Heart only - brainy girls and guys go wherever ... so scheint das Motto.
Die Verstandesmenschen sind - ach ich weiß gar nicht was. Sie werden verdammt und den Verstand gleich mitdämonisiert. Verstand, nein, geht gar nicht. Herz, das ist es. Herz. Keine Ahnung, wo es ist, ja, die Pumpe kenne ich schon. Doch Herz, ja - klingt gut.
Sie merken, ich pointiere.

Doch die Lage ist viel zu ernst. Daher will ich dazu ein paar klärende Gedanken ausbreiten und zeigen, dass beide Pole und Energien ihre Berechtigung haben, ja zum Sein notwendig sind, denn das Leben ist Bewegung, ist Licht und Schatten, ist kalt und warm, Tag und Nacht. Man stelle sich vor, es gäbe nur die eine Seite. Wie langweilig wäre Leben?
Ich wage sogar zu behaupten - Leben als solches könnte gar nicht existieren.

Was mir ganz wesentlich ist: Jede Frau hat beide Pole in sich. Jeder Mann hat beide Pole in sich. Ich schreibe also über Archetypen und Energiequalitäten und ausdrücklich nicht über den physischen Mann und die physische Frau. Dies sei hier in aller Deutlichkeit angemerkt, weil viele das immer noch verwechseln bzw. nicht so wahrnehmen, wie es gemeint ist.

Also - worüber sprechen wir?

Nun denn, ich bin viele Jahre, wie ein Großteil der Menschen auch den sogenannten männlichen Weg gegangen. Ich habe ihn mitbekommen und ihn zur Perfektion gebracht. Und es ging mir durchaus gut. Es hat für mich einfach gepasst. Ich lebte in einem wissenschaftlich-militärischen Umfeld und mir blieb auch gar nicht viel anderes übrig als mich in das männliche Schema einzupassen und anzupassen. Ich war äußerst erfolgreich, im außen, habe nach wie vor meine akademischen Abschlüsse und einen sehr, sehr langen Lebenslauf, weil ich ich viel und Vielfältiges bislang machte. In gut 50 Jahren bringt frau schon einiges unter. Und ich bin durchaus stolz auf mein bislang Erreichtes. Auch das will klar schreiben.

Zur Klärung: Worüber sprechen wir überhaupt, wenn wir von der männlichen Energie sprechen?
Zu vorderst - es ist eines der beiden Grundprinzipien im menschlichen Sein. Es ist wichtig, denn es steht für den Impuls und die Idee. Die männliche Energie ist zielgerichtet und linear, kämpferisch, gebündelt, dynamisch, leistungs- und wettbewerbsorientiert. Das männliche Prinzip ist Struktur; es ist haltend und aktiv. Wer daran etwas Schlechtes erkennt, verkennt die Bedeutung des Prinzips. Versuchen Sie Wasser von der Leitung zu trinken (weiblich) ohne ein Gefäß welcher Art auch immer zur Hand zu haben (männlich). Es geht, ist jedoch nicht besonders genussvoll.

Wenn wir vom weiblichen Prinzip sprechen, dann ist es der Gegenpol und meint etwas Diffuses, Zyklisches wie der Mond. Es ist in die Tiefe und Breite zerfließend, strömend, emotional und ohne Form - muss es ja nicht haben. Dafür gibt es das Männliche. Das weibliche Prinzip ist schöpferisch, kreativ, Leben gebärend, aufnehmend, umwandelnd und heilend. Die weibliche Energie ist überfließende Liebe und dient sich selbst. Das weibliche Prinzip steht für Hingabe; es ist empfänglich und passiv. Das Weibliche ist die Stille, die Ruhe, die Beobachtung, das Gewahrsein.

Warum wird der Verstand zurzeit so verdammt?

Ich orte seit einigen Jahren ein richtiges „Verstandes-Bashing". Als ich aus meiner wissenschaftlichen Karriere vor einigen Jahr ausstieg und ins Schreiben einstieg, erntete ich fast nur Kopfschütteln oder Neid.
Wann immer etwas so derart verdammt wird, wie der Verstand seit einiger Zeit, dann blicke ich gerne näher hin.
Viele Jahre habe ich meine Verstandesseite gelebt und ein durchaus ansehnliches Leben in der Wissenschaft und im Militär gelebt. Man brachte mir Respekt entgegen. Ich konnte mein pionierhaftes Wesen leben und viel voranbringen. Was daran schlecht war? Nichts. Gar nichts.
Meine weibliche Energie war in dieser Zeit wenig gefragt. Ja - ich war die Quotenfrau, auch wenn ich mich noch so sehr gegen diesen Ausdruck wehrte. Ja - ich war oft der bessere Mann und habe viele Abgründe bei Männern erlebt, Führungsversagen, Feigheit, Intrige, Lügen, Neid und Hass. Nur - das halte ich nicht für spezifisch männlich. Ich war in einem männlichen Umfeld tätig. Daher hatten Frauen gar nicht die Möglichkeit, mir ihre Abgründe zu zeigen. Um also einschätzen zu können, ob Frauen es anders gemacht hätte, hätten diese die Möglichkeit gebraucht, um den Wahrheitsbeweis anzutreten. Vergleiche sind daher ziemlich haltlos.
Was will ich damit sagen? Wir leben seit gut 5000 Jahren in einer patriarchalischen Welt - mit allem, was dazu gehört. Sie hat viel hervorgebracht. Wir haben so schlecht nicht davon gelebt, als dass wir die Anerkennung verweigern können und dürfen.
Doch diese Welt steht mitten in der Veränderung. Dies darf nun mehr und mehr erkannt werden. Sie ist nicht schlecht. Sie hat sich in ihrer Einseitigkeit in uns und im außen auserzählt und ist an die Grenzen des Möglichen und Sinnstiftenden gelangt. Nicht mehr, nicht weniger.

Woran kann man das erkennen? Beispielhaft an der erhöhten Zahl an erschöpften Menschen, die merken, dass, selbst wenn sie noch mehr quantitativ arbeiten, sie unter dem berühmten Strich kein besseres Ergebnis erhalten. Wir erleben es an den emotional verarmten, leeren Menschen, die materiell im außen viel, ja oft alles, was ihnen wichtig ist, haben. Doch sind sie innerlich leer und gleiten in die Depression ab. Ein weiteres Beispiel sind die überproportional anwachsenden Auflösungen von Beziehungen, die eine Brauch- und Gebrauchsgemeinschaft sind und nicht von tiefer Zuneigung, Wertschätzung, Respekt, also von Liebe erfüllt sind. Es hat sich schlicht ausgebraucht, denn die Frau braucht den Mann heute nicht mehr - nicht einmal mehr, um Kinder zu bekommen.

Wir leben in einer Phase der zahllosen Suchenden. Die Überhöhung des Verstandes ist es, die auserzählt ist . NICHT, ausdrücklich NICHT der Verstand selbst. Der Verstand, also der männliche Weg, dominierte über Jahrhunderte alles, was als wichtig erachtet wurde. Er wurde zur Krönung der Schöpfung erhoben und hat alles und jeden beherrscht. Der blanke Wille mit einem überzogenen und überblähten Ego führte zur Energieverpuffung. Er hilft uns alleine nicht mehr. Sie können rackern und schuften - und doch bleibt Ihnen der Erfolg verwehrt. Fragen Sie sich - was ist denn Erfolg für Sie? ... Alles nur im außen - oder wo?
Gleichzeitig will ich folgendes feststellen: Ja - wir sind denkende Wesen. Der Verstand ist wesentlich für unser Sein. Wie setzen wir ihn jedoch ein? Wir sind auch denkende Wesen, denn das Fühlen ist ebenfalls integraler Bestandteil unseres Seins. Das wurde jedoch konsequent in den gesellschaftlichen Hintergrund gedrängt. Das Gerede von Empathie und soziale Kompetenz sind bestenfalls Pflaster. Reden ist mit dem Denken eng verbunden und hat mit Fühlen nichts zu tun. Ganz klar: viel erzählt, nur sehr wenig gesagt und nichts getan. Stand der Dinge: gleich geblieben.
Zudem erkennen nur wenige, dass Gedanken eigenständige innere Wesenheiten sind, die sich ganz rasch verselbständigen. Wir nennen sie bildhaft dann das Gedankenkarussell und den Affengeist. Zudem werden die individuellen Gedanken von kollektiven Gedankenformen überlagert (Normen aller Art). Alle „Man-Gedanken" gehören dazu, vor allem wenn sie unhinterfragt übernommen wurden, „weil es sich so gehört und man es immer so gemacht hat".
Wenn die Gedanken durch Gefühle ummantelt werden, dann ist der Weg in die Vorstellungen und Erwartungen, die meistens Leid verursachen, weit offen. Man lasse sich beide Worte auf der inneren Zunge zergehen ... Vor-Stellungen ... was steht denn vor mir ... Er-Wartungen ... worauf warte und warte und warte ich ... und bin nie im Hier und Jetzt, sondern in der Vergangenheit (Vorstellung) und in der Zukunft (Erwartung). Damit ist man grundsätzlich außerhalb von sich, denn nur in der Gegenwart, im Hier und Jetzt ist man in sich und bei sich.
Vieles, was immer so gemacht wurde, wird plötzlich hinterfragt. Fragen eröffnen immer neue Räume. Der Mentalkörper tritt also zur Seite und der Intuitionskörper in uns tritt zeitweilig in den Vordergrund. Der Verstand ALLEINE bringt uns nicht mehr weiter. Daher muss nach Alternativen gesucht werden, die sowieso immer vorhanden waren und sind. Es ist eine Frage von Bewusstsein, da der Einzelne ansonsten mit seinen Gedanken außerhalb von sich auf Dauer unterwegs ist. Und das ist in jeder Weise ungesund - im umfassenden Sinn.

Wie steigt man aus dem Gedankenkarussell aus?

Verschiedene Denkrichtungen bieten zahlreiche Möglichkeiten, Übungen und Methoden an, um aus dem Gedankenkarussell auszusteigen und den Affengeist zur Ruhe zu legen.
Ich halte mich gerne an einen sehr einfachen, auch im Alltag umsetzbare Zugang: ATMEN. Der Atem ist der Ursprung des Lebens und mit dem Einatmen und Ausatmen ist alles gesagt, was jetzt wichtig ist. Halten Sie beim Lesen dieser Zeilen einmal die Luft an - und Sie wissen, was ich meine.
Der Atem steht für beide Prinzipien. Einatmen ist männlich. Ausatmen ist weiblich. Alles ist gesagt, was wesentlich ist.
Mehrere tiefe Atemzüge bringen einen mit ein wenig Übung in die Gedankenstille. Damit ist der Weg, um in die Beobachtung zu kommen, frei. Beobachten heißt, sich z.B. von oben zu sehen und einfach mal ohne Beurteilung und Wertung wahrnehmen. Dabei ist man frei von Anhaftungen und von Identifikationen. Der Zen-Buddhismus gibt dafür noch weitere, sehr schöne Anregungen und Übung. Im Kern bleibt es jedoch immer bei dem, was ich in den wenigen Sätzen schreibe.

Beobachtung als weiblicher Weg?

Die Energiefrequenz von Gewahrsein und Beobachtung ist wesentlicher Aspekt des weiblichen Weges. Gewahrsein ist eine Form von Akzeptanz, dass „es" jetzt so ist, wie es ist. Es ist so wie die Hingabe an den kosmischen Moment, an das Sosein. Das Ego hat dann keinen Platz mehr, zumindest für einige Zeit. Damit wird auch der Verstand entlastet und steuert nicht mehr.
Der Weg in die Wahrhaftigkeit und Echtheit wird möglich. Das Erkennen der eigenen Substanz und des Kerns wird eröffnet. Nun können, vom Atem begleitet, Ruhe, Stille, Gewahrsein und Beobachtung entstehen und sich ausbreiten. Wenn man so will, so eröffnet sich für Momente ein heiliger, innerer Raum, der eine starke, heilende Wirkung hat. Es gibt keinen Widerstand, keine Kampf in diesen Momenten.
Dann eröffnet sich die Möglichkeit, mit einer Intelligenz in Verbindung zu treten, die deutlich höher ist als der intelligenteste und klügste Verstand.
Was so einfach klingt, ist - mit ein wenig Übung - durchaus einfach. Warum soll das Leben in den Grundfragen kompliziert sein? Höchstens wir machen es dazu. Dann sind wir wieder im sich so wichtig nehmenden Ego.
Wenn man weiß, wie es geht, ist es einfach und es geht am Beginn nur um Momente und nicht um Stunden und Tage.

Wann wird das Weibliche gelebt?

Das Weibliche wird oft erst dann gelebt, wenn das Männliche erschöpft ist und es keine Alternative als Ruhe und Stille gibt. Wenn einen die Krankheit hinstreckt, dann bleibt nur mehr das Innehalten. Dabei hat die Seele schon lange vorher Laut gegeben und dezent und leise zur Ruhe und Stille gebeten. Oft blieb sie unerhört. Unser Ego und unser Verstand haben beide deutliche lautere Stimmen als das, was man als Herzensstimme bezeichnet. Ich meine damit NICHT das vielzitierte Bauchgefühl. Das sitzt im Solarplexus und darunter (d.h. Magenhöhe). Anatomie ist auch hier hilfreich zur Orientierung.
Vielmehr gehe ich ein Stück höher auf Herzhöhe, als auf Brusthöhe (Sie wissen schon, Anatomie und so...) Dort findet der weibliche Weg statt.
Wenn also keine Alternative zum weiblichen Weg mehr gegeben ist, dann kommt oft ein sich ohn-mächtig fühlen, ein sehr erschöpftes „Dein Wille geschehe", ein Aufgeben, weil jegliche Kraft fehlt, ein sich in das größere Ganze fügen. Nach Jahren des konsequenten Neinsagens entschlüpft einen ein leises, kaum vernehmbares, gehauchtes Ja.
Annehmen wird zur scheinbar einzigen Möglichkeit. Annehmen heißt ausdrücklich NICHT etwas gut zu heißen. Es heißt schlicht - ja sagen zu dem was ist und abwarten, was geschieht. Das ist sehr kraftvoll, anders kraftvoll als bekannt, jedoch ist es sehr kraftvoll in einer besonderen Art und Weise.
Es geht um eine besondere Form des Wartens - frei von Ego - das wären die Ungeduld und das Ziehen am Grashalm. Das Warten aus dem eigenen innen heraus - da gilt Ich BIN. Das ist sehr unprätentiös, unspektakulär und im außen kaum merkbar. Es gibt dabei kein konkretes Ziel, sondern einfaches, blankes Sein. Es ist was es ist. Ich meine ein SEIN-WARTEN, ein einverstanden mit dem sein, was ist. Dabei ergeben sich oft interessante Gelegenheiten, die man in der Tun-Hektik niemals wahrnehmen hätte können. Es zeigen sich neue Wege, die bislang unbekannt sind. Wenn man hektisch etwas Vorstellungsgebundenes versucht, dann verpasst man etwas, das so ganz anders ist.
Wenn wir also einseitig leben, tendenziell im Männlichen, dann orten wir jetzt die Grenzen des Machbaren. Es ist in der Einseitigkeit auserzählt. Die rein männlichen Instrumente ALLEINE wirken nicht mehr. Sie wirken stumpf und abgeschmackt. Nimmt man das Weibliche in sich dazu, dann ist Fluss möglich. Damit wird die Energie des Drucks herausgenommen und der Fluss gestattet. Denn Leben will ja fließen.
Aus dem SEIN-WARTEN, d.h. aus dem Einverstandensein entspringt wieder der männliche Impuls - das ist das Faszinierende. Wer es je versucht hat, wird das bestätigen. Allein eine kurze Mittagsruhe mit lockerer Atmung erspart jeden Espresso und gibt eine innere Kraft und Frische, die den nächsten Schritt im außen ermöglicht.

Was heißt „Das Leben fließt"?

Um das Leben in Fluss zu bringen, braucht es zurzeit in einem ersten Schritt das Weibliche. Das Fließen ist das Weibliche. Das Tun und Haben ist das Männliche.
So empfehle ich, als Gegenpol für einige Zeit immer mehr den weiblichen Weg in sich kennen zu lernen und zu ihn dem männlichen Weg gegenüberzustellen - als BeobachterIn. Nicht mehr, nicht weniger.
Wenn genug erkannt und geübt wurde, dann erst ist der nächste Schritt möglich. Der sieht die Integration beider Wege vor. Bevor man diese Integration gehen kann, muss man beide Seiten kennen. Und das gilt, ich wiederhole mich, für Mann und Frau, weil wir eben beide Seiten in uns tragen.
Um das Leben geglückt fließen zu lassen, braucht es BEIDES. Daher halte ich viel vom Verstand und vom Herzen, vom männlichen und vom weiblichen Weg. Die kosmische Ordnung gleicht einem Tanz aus aktiv und ruhig sein. D.h. wir können uns viel Kraft, Ärger und Kummer uns ersparen, wenn wir diese Prinzipien erkennen und auch leben. Wer würde denn auf die Idee kommen, nur einzuatmen und nicht auszuatmen? Denn: Leben - leben tun wir IMMER in BEIDEN WELTEN - im innen und im außen.
Daher haben wir auch das Männliche und das Weibliche in uns, gleich ob wir hier als Mann oder Frau sind und wie wir uns begreifen. Es bringt daher auch nichts, das eine gegen das andere aufzuwägen, nun plötzlich das Weibliche übertrieben in den Vordergrund zu stellen und für wichtiger als das Männliche zu erklären. Das halte ich für vollkommen verkehrt. Es geht zurzeit darum, dem Weiblichen wie ich es beschreibe mehr Raum zu geben und das Männliche auch zu entlasten, ja - zu entlasten.

Dann können beide Aspekte einander auf innerer und äußerer Augenhöhe begegnen. Dann kommen die von uns so sehr gewünschte und zu tiefst gesuchte Harmonie und der Einklang in uns und mit unserem Umfeld.
Dann fließt Leben. Was für eine Perspektive ...