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Kunst erlöst die Welt ...

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DRAWING ARTIST
Fine art painter in his workshop, drawing flowers, painting on table. | valentinrussanov via Getty Images
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Dieser Satz wird einigen bekannten Persönlichkeiten zugeschrieben, so beispielsweise Nikodemus, einem der ersten bekannten christlichen Künstler, und Lorenzo di Medici, einem der großen Renaissancemenschen. Er beschäftigt mich seit vielen Jahren, vor allem wenn ich von Lesereisen komme oder Kommentare in Emails zu meinen Texten lese.

Der Satz hat mich zu einigen Fragen stellen, in einer Phase der globalen Entwicklung, die als entscheidend zu bezeichnen ist. Ja - man möge sagen, das sei schon immer so gewesen, dass es entscheidende Phasen in der Geschichte der Menschheit gäbe. Ja - es gibt natürliche Auf- und Abwegungen in gesellschaftlichen Entwicklungen. Ja - das ist wieder so ein Gemeinplatz ohne Substanz.

Fragen als Grundlage für Antworten

Dennoch - ich will Fragen stellen, um zum Nachdenken anzuregen. Denn Denken hat noch keiner Gesellschaft geschadet, wenn es darum geht, Weichen zu stellen.
  • Kann Kunst die Welt erlösen?
  • Welche Kunst meine ich?
  • Was heißt „erlösen"?
  • Welche Rolle der kommt Bildung in diesem Zusammenhang zu?
  • Wie hängen Kunst und Bildung zusammen?
  • Welche Bedeutung haben Intuition und Weisheit in diesem Geflecht?
  • Sind Kunst und Bildung reine Elitenprojekte oder gibt es einen Allgemeinspruch darauf?
  • Was wären die Konsequenzen für die große Entwicklung unserer Gesellschaften?
  • Könnten wir damit überhaupt umgehen und wenn ja, wie?

Kunst und Bildung als Banalelemente unseres Seins?
Ich stelle diese Fragen, weil ich wahrnehme, dass Kunst zu einer schönen Zuwaage geworden ist, zu einem Hobby, das man vielleicht irgendwann irgendwo so am Rande ausübt. ... just for fun ... also am Spaß an der Freude. Alle die dies hauptberuflich tun, sind Spinner und Weltentflüchtete. Sie sind der Welt, was auch immer das sein mag, abhandengekommen.
Ich stelle diese Fragen, weil ich orte, dass Ungebildetheit schickt geworden ist. Wir und die - die Polarisierung in einer komplexen Welt - besser flüchten und die, die Wissen erworben haben und die den Blick über den Tellerrand regelmäßig tun, die tritt man in die große Tonne. ... Ach, das macht ja Muskelkater im Gehirn, wenn man da einen näheren Blick hinmacht, gar sich einlässt und damit befasst!
Ich stelle diese Fragen, weil ich wahrnehme, dass es ein regelrechtes Bildungs- und Kunstbashing gibt. Dies sind keine individuellen Hie- und Daphänomene, sondern dies sind in unserer Gesellschaft tief verankerte Phänomene. Ja - es gilt als schick und hipp, dagegen zu sein und Menschen als Spinner abzutun und zu marginalisieren.
Damit meine ich nicht nur Donald Trump, der Bildungseliten grundsätzlich für etwas Bedrohliches und Gefährliches hält. Ich meine jene, die grundsätzlich Qualitätsveranstaltungen als etwas ihre Existenz Gefährdendes ansehen, die Kunst in jeglicher Form als etwas beurteilen, das man locker und sofort einsparen kann und für die Kunst das Feuerwehrfest und der Kirchtag sind. Ich will diese Veranstaltungen nicht schlechtreden. Sie sind wunderbar und unterhaltsam. Sie sind jedoch nicht Kultur.
Ich meine damit jene, die Bildung als etwas abtun, das abschreckt und Macht verleiht. Daher macht man sie besser klein und redet sie schlecht. Nein - ich will nicht die zweiten Bildungswege, Internetprogramme und die Volkshochschulen schlechtschreiben - genauso wenig wie ich Universitäten und Fachhochschulen als Horte der Bildung ansehe und Opern- und Konzerthäuser als Kunsthochburgen einstufen. Nein - darum geht es mir nicht.

Mir geht es um etwas viel Tieferes.

Wachsend-sich ausweitende Gesellschaften oder Stagnation im Sumpf des Dahinvegetierens?
Gesellschaften, die wachsen, die sich ausweiten und entwickeln wollen, brauchen ein Bildungs- und Kunstfundament. Die Menschheitsgeschichte beweist dies mit zahllosen Beispielen. Dabei meine ich nicht ausschließlich das, was man gemeinhin als Hochkultur und als Exzellenzinitiativen bezeichnet. Nein - es geht nicht nur um Zahlen, Daten und Fakten - ja auch.
Es geht um die Gesamtheit, die vermittelt wird, um Literatur, Malerei, Musik, Bildhauerei, Performance, Schauspiel, Oper, Pop etc. pp. Es geht um die vielzitierte Holistik in unserer Spezialistengesellschaft, die einen verengten Blick fördert. Es gibt sowohl Anti-Bildungs- als auch Anti-Kunstnerds. Bei manchen stelle ich eine regelrechte Bildungs- und Kunstallergie fest, die durch Beispiele in öffentlichen Aufgaben noch zusätzlich gefördert und gefestigt wird.
Es braucht Bildung und Offenheit für Kunst. Beides ist nicht in Zahlen, Daten und Fakten messbar. Vielleicht im Auftreten, im Denken, im Zugehen aufeinander, in der Offenheit für den Anderen und das Andere - jedoch kaum in Bilanzzahlen.

Leben statt Über-Leben ...
Für sich genommen werden weder Bildung noch Kunst die Welt erlösen. In einem Gesamtverbund hingegen sieht die Sache differenziert aus. Vor allem gilt dies dann, wenn Gesellschaften im Überlebensmodus sind - und das ist zweifellos der Fall.
Es geht darum, Menschen, gleich welcher Herkunft, mit mehr als nur dem Notwendigen auszustatten, um zu überleben - in einer Wettbewerbswelt, die sich zu Tode konkurriert hat, es jedoch meistens nicht merkt. Es geht schlicht ums Leben selbst. Dazu gehört mehr als nur die Grundausstattung, über die es sich bereits trefflich streiten lässt.
Wenn Gesellschaften im Überlebensmodus hängen bleiben, und viele Gesellschaften sind in diesem Modus verblieben - vorsichtig schreibe ich - auch die sog. moderne, westliche Gesellschaft, die ja mittlerweile nicht einmal mehr postmodern, sondern post-post-modern, also jenseits jeglicher Maßstäbe geformt sind und der Inhaltsgebung eine ganz besondere Beliebigkeit erfahren hat.

Anything goes - wohin, frage ich ganz dezent, wohin?
Wenn alles möglich und nichts fix ist, wenn jeder tun darf, was ihm beliebt (gilt für beiderlei Geschlechter, bevor ich wieder angegriffen werden), wenn es keine Leitlinien mehr gibt, dann frage ich mich:

  • Brauchen wir die sogen. klassischen Denker, die Renaissancemaler und -bildhauer, die klassischen Literaten, die modernen Autoren, die Maler des 19. und 20. Jahrhunderts? Naja - ganz so schlecht ist es nicht, wenn man den Unterschied zwischen Banksy und Gauermann kennt... vielleicht...
  • Warum sich mit Goethe beschäftigen, außer man will beim Afterworkcocktail mit Pseudobildung angeben? Lässig hingeworfene Zitate, meistens ohne viel Substanz...
  • Warum sich mit einem Leonardo da Vinci oder einem Michelangelo auseinandersetzen, außer man interessiert sich für herrlich geformte nackte Männer? Man könnte ja etwas erkennen, was einem bislang fremd war ...
  • Warum sich für Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms, Wagner etc. interessieren, außer man braucht sie Beruhigungsmusik oder ein musikalisches Narkotikum? Naja, keiner der Genannten war im täglichen Leben eine Koryphäe, warum also als Beispiel hernehmen, die Frauenverächter, Spieler, Säufer und, und, und...
  • Warum sich überhaupt für Musik des 20. und 21. Jahrhunderts interessieren - außer man lässt sich bei der Autofahrt nach Arbeit berieseln oder aufputschen? Nono, Henze, Schönberg, Riehm, Beatles, Rolling Stones, Madonna - ich weiß, eine sehr schräge Mischung ...
Ich weiß, ich provoziere und pointiere.
  • Kann man heute überhaupt noch angesichts des unglaublichen Drucks des Höher-Schneller-Weiter, das präsenter denn je ist, auch wenn manch wohlmeinende Stimme meint, dass dies nicht mehr so wäre, sich den Luxus von Bildung und Kunst überhaupt erlauben?
  • Wenn ja - wer kann es sich erlauben, eine gediegene Ausbildung zu machen, in einer vernünftigen Zeitspanne, wenn Unternehmen den 23-jährigen Alleskönner mit 5 Jahren einschlägiger Berufserfahrung wollen und ein Minimalgehalt, das an der Präkariatsgrenze herumtümpelt, bezahlen?
  • Lohnt es sich dafür überhaupt, Zeit, Energie, Freude und Interesse in eine Ausbildung zu stecken, die beim Abschluss schon beinahe überholt ist, wenn Universitäten und Fachhochschulen überhaupt etwas vermitteln, dass in der praktischen und wissenschaftlichen Realität anwendbar ist?
  • Hat die Instantbasisausbildung damit doch ihre Berechtigung und wo soll man da mit Kunst hin?

Ja - mir ist bewusst, ist stelle viele Fragen und gebe kaum Antworten. Einfach auch deshalb, weil es keine Instantantworten gibt, die sich bei der nächsten Oberflächendiskussion im schicken Beisl oder Bar am Kiez wendig anbringen lassen. Sie sind auch nicht für den Boulevard geeignet, sind auch nicht sexy, sondern bestenfalls mühsam, denn sie erfordern ein Denken. Und wer will denn das heute noch?! Das ist doch uncool! Es gibt keine Antworten auf all diese Fragen, denn darum geht es gar nicht. Nun wird es ganz uninteressant. Und dennoch - ich bleibe dabei:

Fragen als Schritt zum Denken?
Es geht um das Stellen dieser Fragen, um das Nachdenken darüber, was eine mögliche Antwort sein kann und welche Konsequenzen sie hat.
Es geht also um das vielgescholtene Nachdenken über unser Leben, darüber, was wir für ein gelungenes Leben brauchen. Das mag variieren von Region zu Region, von Person zu Person, von Biografie zu Biografie und von Kulturkreis zu Kulturkreis. Und es ist kein Luxus von irgendwelchen intellektuellen und künstlerischen Spinnern, denen der Bezug zum Alltag angeblich fehlt.
Was nicht variiert ist die Dringlichkeit, sich diese und mehr Fragen zu stellen. Sogenannte sichere und verbindliche Antworten machen geistig träge, ja fett. Sie führen zu einem temporären Sicherheitsgewinn, der zudem nur scheinbar ist. Sie führen in Komfortzonen, deren Aufgabe immer mit sehr großen inneren und äußeren Schmerzen verbunden ist. Es ist das berühmte Auffallen am Boden und bitter aufwachen, ohne auch nur irgendeinen Schimmer zu haben, was Sache ist, geschweige denn, was ein möglicher Ausweg ist.
Ich bin der festen Überzeugung, dass sowohl eine spezielle als auch generelle Bildung ihre Daseinsberechtigung haben. Ich bin auch der festen Überzeugung, dass ein breiterer Bildungshorizont, gekoppelt mit persönlicher innerer Offenheit sowohl das persönliche als auch das berufliche Leben und Er-Leben - ich schreibe ausdrücklich NICHT vom Über-Leben - erleichtern, ja sogar ermöglichen. Ich bin auch der festen Überzeugung, dass Interesse und Wissen zu den unterschiedlichen Bereichen von Kunst mehr als nur eine schöne Drapesse am Kleid des Lebens sind, sondern unabdingbar für das Er-Leben von Leben sind.
So kann es gut sein, dass Kunst den Impulse, die Welt zu erlösen gibt, dass Kunst gemeinsam mit Bildung die Welt in eine neue Richtung treibt und so zu ihrer Erlösung beiträgt.