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Nach-Gedanken zum Internationalen Frauentag 2017

11/03/2017 16:43 CET | Aktualisiert 11/03/2017 16:44 CET
Lucy Nicholson / Reuters

Jedes Jahr aufs Neue nehme ich die teilweise enthusiastischen Wünsche an „uns" Frauen am 8. März wahr.

Keiner kann sich ausnehmen, Bundeskanzler, Außenminister, Startenor, Steuerberater, Schauspieler, Friseur, Mann von der Straße usw. - alle erscheinen mit Blumengrüßen auf den diversen sozialen Medien. Es ist eine regelrechte Glückwunschprostitution, die da alljährlich stattfindet.

Nun - damit gleich klar ist - ich zähle mich nicht zu den Feministinnen, auch wenn mich diese ob meiner ungewöhnlichen Biografie sehr gerne immer wieder in ihren Kreis aufgenommen hätten und von mir fordern, ich möge doch ihren Ideen „als einzige Frau über so viele Jahre in Männerdomänen" mehr Gehör verschaffen. Sorry - girls - no way.

Ich hatte nie „dazu gehört" - zu anders, zu eigenwillig, zu eigensinnig, zu unangepasst. ... und jetzt, jetzt ist es zu spät, um in den erlauchten Zirkel aufgenommen werden ... ich will es nicht mehr.

Was ich jedoch bin, ist eine Wahrnehmende und Fragende. Vorsicht, die nachstehenden Fragen, natürlich ohne Antworten, denn ein wenig Denkleistung darf und soll ja sein ... jenseits der opulenten alljährlichen Blumengrüße ... also Vorsicht, die nachstehenden Fragen können entrüsten, können zum Aufbrausen verleiten, können sogar zum Stillwerden und zum Nachdenken verleiten.

Nebenwirkungen sind also jedenfalls garantiert. ... Und - für die kritischer Leserinnen und Leser ... selbstverständlich habe ich Fragen, die Sie aus persönlicher Betroffenheit gestellt hätten, nicht gestellt ... ja - man hätte können, habe ich jedoch nicht ... und bevor Sie "ja, aber" denken oder sagen ... einfach mal weiterlesen. ... es könnte etwas Anregendes dabei sein ... Vorsicht, gefährlich ...

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Ich frage, was an den restlichen 364 Tagen (beim Schaltjahr 365) mit Anliegen von Frauen geschieht, jenseits suffragettenhafter Auftritte und politischer Schaumschlägereien, weil es sich halt gut macht, für Frauen und ihre Anliegen einzutreten (im Regelfall sind ja 50 % der Wahlberechtigen Frauen - also ein markanter, und keinesfalls zu unterschätzender Anteil).

Und ich frage als Frau, die von Frauen sehr oft ignoriert und kaltgestellt wurde, weil ich ihre sogenannte "Sache" nicht ungeteilt vertrat, sondern mir meinen eigenen Standpunkt und die höhere Sicht der Dinge gerne bewahre.

Also - ich frage...

  • Was geschieht mit jenen Mädchen, die sich von klein an nicht anpassen, daher isoliert und geprügelt werden?
  • Was geschieht mit jenen Mädchen, die andere Wege als die bislang bekannten Wege gehen wollen?
  • Was geschieht mit jenen Mädchen, die ihren Traum erkennen und leben wollen?
  • Was geschieht mit jungen Frauen, die in sogenannten Männerdomänen arbeiten wollen und keine Möglichkeit dafür geboten bekommen?
  • Was geschieht mit jungen Frauen, die genau dafür belächelt, ausgelacht und wieder an den Rand gestellt werden?
  • Was geschieht mit jungen Frauen, die doch den Sprung schaffen - aus eigener Kraft - und dann im Haifischbecken über Jahre schwimmen und trotz aller Bisse überleben und weiterziehen?
  • Was geschieht mit jungen Frauen, die sich bewähren und zur Mann-Frau abgestempelt werden?
  • Was geschieht mit jungen Frauen, die mutig sind, die sich nicht um Konventionen scheren?
  • Was geschieht mit jungen Frauen, die von den Eltern und der Familie in eine Ehe gezwungen werden, da sie ansonsten keine Chance auf ein Überleben haben?
  • Was geschieht mit jungen Frauen, die von ihrer Familien geächtet werden, weil sie „nein" sagen?
  • Was geschieht mit jenen jungen Frauen, die von ihren Partnern immer und immer wieder tätlich angegriffen werden, weil sie ihren Traum leben wollen
  • Was geschieht mit jenen jungen Frauen, die derart von ihren Partnern psychisch unter Druck gesetzt werden, weil sie ihren Weg gehen wollen?
  • Was geschieht mit jungen Frauen, die von ihrer Familien geächtet werden, weil sie „nein" sagen?
  • Was geschieht mit den Tausenden und Abertausenden Alleinerzieherinnen, die täglich umso Überleben kämpfen?
  • Was geschieht mit Frauen, die aus Lust am Neuen in Männerdomänen eindringen und erfolgreicher sind als die Männer selbst?
  • Was geschieht mit Frauen, die um ihrer Leistung willen an den öffentlichen Pranger gestellt werden?
  • Was geschieht mit Frauen, die Fächer studieren, in Mindestzeit als Beste abschließen und erfolgreich ihren Weg gehen?
  • Was geschieht mit Frauen, die noch weiter im Studium gehen, sich habilitieren - als einzige z.B. im deutschsprachigen Raum?
  • Was geschieht mit Frauen, die als erste eine Führungsaufgabe in einer reinen Männerdomäne übernehmen?
  • Was geschieht mit Frauen, die ob ihrer Persönlichkeit und ihrer Leistung durch den Dreck des medialen Boulevards gezogen werden?
  • Was geschieht mit Frauen, die von ihren Vorgesetzten genau in dieser Situation „zum Abschuss frei gegeben werden" und die man(n) „ausbrennen" lässt, für die man „keinen Finger rührt, weil sie eh nicht zu uns gehört"?
  • Was geschieht mit Frauen, die sich in einem anderen Land komplett neu erfinden und sich eine neue Existenz aufbauen - ohne Hilfe?
  • Was geschieht mit Frauen, die im Neuen Fuß fassen und sich und ihr Sein jeden Tag aufs Neue erfinden?
  • Was geschieht mit all den Heldinnen und Rebellinnen, die nicht der Verführung aufsitzen?
  • Was geschieht mit den Mutigen und Vertrauensvollen, die schlicht ihren Weg gehen, ohne dabei in den Egoismus zu verfallen?

Ich kann die Reihe der Fragen noch gerne weiter fortsetzen. Mir geht es um eine Anregung zum Denken, denn dort findet Veränderung statt. Die Blumen und Glückwünsche im Außen, durch die Existenz sozialer Medien erleichtert, sind nett, gehen jedoch völlig an den restlichen 364 Tagen vorbei. So wie der Feminismus die Neupositionierung der Frau im außen durchaus gefördert hat und natürlich seine Meriten hat.

Wo aber hat sich die Frau über Jahrhunderte im eigenen innen gewandelt?

Jenseits schätzenswerter feministischer Parolen, jenseits der vieldiskutierten Frauenquote, jenseits der Bevorzugung von Frauen bei der Besetzung von Führungsaufgaben, jenseits der Beachtung der menschlichen und fachlichen Qualifikation der Bewerberin, die das gar nicht gebraucht hätte und die Bevorzugung als schlechten Dienst an ihr selbst ansah, als eigentliche Diskriminierung, weil ihre Leistung und Qualifikation nicht anerkannt wurden - sondern das Frausein als Etikette missbraucht wurde, und ... jenseits der gläsernen Decken. ...

Soweit meine Nach-Gedanken zum Frauentag 2017 ... und ich könnte dazu aus eigener Erfahrung als Mensch und als Frau mit 20 Jahren Führungserfahrung in Wissenschaft und Militär noch deutlich mehr und deutlich drastischer schreiben.

Die Zeilen sollen jedoch „nur" zum Nachdenken anregen, vor dem nächsten Frauentag und - vielleicht - in den 364 Tagen dazwischen (bei einem Schaltjahr 365 Tage).

Lesenswert:

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