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Die Rolle der Kunst im Umbruch: Freiheit, Eitelkeiten, Antworten?

14/02/2016 10:46 CET | Aktualisiert 14/02/2017 11:12 CET
Guido Mieth via Getty Images

Die Freiheit der Kunst und das Fegefeuer der Eitelkeiten


Manch kühne Aussage ist unter dem Etikett „Freiheit der Kunst" rasch getroffen. Und was kommt danach, wenn der Nebel verschwunden ist, wenn der Moment vergangen ist - und sogenannte Normalität wieder eintreten ist? Ich denke an sicherlich gut gemeinte Aktionen, um auf Missstände aufmerksam zu machen, sei es durch kraftvolle Worte, überzogene Pointen, drastische Bilder, klagende und anklagende Musik und verzerrte Skulpturen. KünstlerInnen, gleich welcher Fachrichtung, lassen sich gerne bitten, denn keine und keiner ist vor Eitelkeiten gefeit. Und wir sind auch Menschen, die betroffen sind. Viele meinen, zudem eine innere Verpflichtung zu haben, die Stimme mit ihren Möglichkeiten zu erheben. Keine Frage, auch PolitikerInnen aller Couleur putzen sich gerne mit bekannten KünstlerInnen auf. Das hat doch was ... für den Moment - und ja, warum nicht?! Ich gehöre zu den BeobachterInnen und nicht zu den ProfientrüsterInnen. Und was kommt danach, nach dem Kaffeefoto, nach der heftigen Debatte, nach dem Erdbeben, nach der Flut, nach der Flüchtlingswelle, nach den täglichen Dramen an der griechischen, türkischen, libyschen Küste, nach dem Krieg wo auch immer, nach dem Abflauen des Interesses und dem Übergang, nach dem Moment, wo die Krise zur neuen Normalität wird? Der Ausnahmezustand zur täglichen Routine? Was geschieht, wenn der Film einer von vielen wurde? Wenn die Ausstellung in ein 'ach-was-war-denn-der-Grund-dafür' übergeht? Wenn der Text zwar bekannt, doch nicht einmal mehr zitiert und konkret zugeordnet wird? Wenn das Stück am Theater das Hoch überschritten hatten und Pointierung zur Normalität wurden? Ich stelle diese Fragen als Schriftstellerin, die Grenzen immer wieder leidenschaftlich überschreitet, um dann wieder zu verbinden.

Medienwirksame Auftritte: Hype, Blitzlichtgewitter und was bleibt?


George Clooney samt Ehefrau bei Angela Merkel - oder umgekehrt - so genau weiß man nicht, wer wen „mitbrachte", Sean Penn als Sammler für Haiti unterwegs, Zusammenkünfte von KünstlerInnen auf einer Bühne zur AIDS-Hilfe, die ansonsten undenkbar wären, Filme über Lampedusa, die über die Grenzen schmerzenden Bilder zeigen, und, und, und. Ich habe wahllos in die „Kunsttopf" hineingegriffen und herausgezogen. Was sind die Hintergründe für breites Engagement? Von der PR-Maschinerie organisierte Events? Ehrliches, persönliches Ansinnen? Oder von allem etwas, also das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden? Nun, wir werden wohl nie wissen, was die sogenannten tatsächlichen Motive einzelner sind. Es ist auch nicht wichtig, denn sie bleiben letztlich unergründbar und sind der öffentlichen Interpretation ausgesetzt. Auch das ist durchaus immer wieder gewollt und Teil der Debatte. Wenn KünstlerInnen ihre Bekanntheit zum Aufmerksam machen auf bestimmte Themen nutzen, um diese so einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen, um zu sensibilisieren, um ein Vorbild zu sein, kann ich mich durchaus dafür erwärmen. Ich tue dies auch immer wieder mit einer gewissen Lust an der Provokation, um das schlafende Kollektiv zumindest zeitweise zu wecken. Gleichwohl, es ist und bleibt eine Gratwanderung, denn der Schritt, zu schreierisch zu sein, sich der Lächerlichkeit preiszugeben und unbedarft zu wirken, dieser Schritt ist ein sehr, sehr kleiner. Der schmale Grat ist oft im Vorhinein nicht wirklich erkennbar, Shitstorm inklusive.

Aufmerksamkeit, Freiheit und Verantwortung: Wie bringt man das in Deckung?


In unserer gläsernen Gesellschaft, die alles und jedes sofort weiß und einordnet, die be- und verurteilt, die zu allem und jeden eine Meinung hat, haben Aufmerksamkeit, Freiheit und Verantwortung besondere Zuschreibungen. Sich die Freiheit zu nehmen, Klartext zu sprechen, zu schreiben, zu gestalten, darzustellen, diese Freiheit verlangt als Spiegelbild ein eben solches Maß an Verantwortung. Ich verstehe darunter die Fähigkeit, konkrete Antworten zu geben und nicht nur Effekthascherei zu betreiben und kurzfristige Hypes mit netten Bildern zu erzeugen. Ich verstehe darunter die Bereitschaft, zu diesen Antworten zu stehen - Shitstorm hin oder her. Auch dies ist eine Gratwanderung, die nur ganz wenige verstehen und die noch weniger bereit sind, konsequent zu gehen. Die Vergessenskurve hat sich mittlerweile derart verflacht, dass KünstlerInnen schon spektakuläre Reize setzen müssen um Aufmerksamkeit mit Nachhall zu erfahren.

Möglichkeiten und ihre Folgen: Wo bleibt die Fähigkeit zur Antwort?


Gleichwohl bietet Bekanntheit die Möglichkeit, künstlerisch umrahmt und Kraft der Persönlichkeit der KünstlerIn Themen auf die „Aufmerksamkeitsagenda" zu setzen. Kunst bietet Bühnen, die vielen Menschen in der Darstellung nicht gegeben sind, geschweige denn die Option zum Aufmerksam machen bietet. Das Bewusstsein, dass man mit Kunst Aufmerksamkeit erregt, Themen als solche oft erst erzeugt und zum Thema macht, bewusst überzeichnet, schamlos übertreibt, um überhaupt wahrgenommen zu werden - dieses Bewusstseins darf man sich als KünstlerIn täglich gewahr sein. Allein das ist herausfordernd, denn ein Wort, ein Bild, ein Artikel, ein Stück, ein Text, ein Foto, ein was auch immer ist heute sehr rasch verbreitet. Und ich frage: Was kommt danach? Was bleibt? Was wird bewirkt? Wer ist fähig, tatsächlich sinnstiftende Antworten jenseits der Provokation zu geben? Kann das überhaupt die Aufgabe von Kunst sein - in diesem nicht enden wollenden Umbruch? Ich will nicht ökonomisch messen, was so gar nicht messbar ist. Ich will aufmerksam machen auf das Aufmerksam machen in unser Hype-Gesellschaft und auf die Rolle von Kunst im Allgemeinen in diesen bewegten Zeiten. Und ich will aufmerksam machen, dass man sich weder von schicken Bildern noch von scheinbar spektakulären Aktionen nachhaltig einfangen lassen darf - nicht als KünstlerIn und nicht als Mensch. Klingt einfach, ist es jedoch im Anlassfall nicht. Auch auf HuffPost:

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