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Conscious Leadership und Mindful Business: Schlagworte oder Notwendigkeit?

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Mindful Business, Conscious Leadership, Achtsamkeit, Bewusstsein, Bewusstheit ... seit einiger Zeit "geistern" wieder einmal schicke Schlagworte und manch neues Konzept durch Führungsetagen und im Zuge von Beratungen fragt man, was denn diese Konzepte besser könnten als das was viele bereits machen.

Ich will dazu meine Gedanken teilen ... als langjährige Führungskraft, als jemand, der nach wie vor beratend Menschen begleitet und der über ein gehöriges Maß an Selbstreflexion verfügt.

Brauchen wir diese neuen Zugänge überhaupt?

In fast 20 Jahren als Führungskraft war ich mit einigen Moden in der Führungslehre, im Management und im Leadership konfrontiert und habe im strategischen Bereich selbst mitgemischt. Management-by-Konzepte hatten ebenso ihre Hoch-Zeiten wie z.B. die Berücksichtigung emotionaler Intelligenz, um zwei bekannte Zugänge zu nennen. Selbstführung, unterschiedliche Teamführungsansätze, Team Building etc. - nichts war bunt und ausgefallen genug. Vieles war Anregung, manches war durchaus mit guter Erziehung und Hausverstand erfassbar und vor allem lebbar. Anderes war eine wertvolle Basis und Ergänzung.

Auf meinem Weg bin ich natürlich auch Sun Tsu, Machiavelli und Laotse begegnet - beispielsweise. Auch Nietzsche, Odysseus und so mancher Samurai kreuzten meinen Führungsweg, nein, nicht persönlich. Ich meine ihre Gedanken.
Man ist so leicht versucht, Parallelen und Ähnlichkeiten herzustellen, wenn es irgendwie nicht so recht läuft. Denn - Veränderung im Führungsstil findet nahezu ausschließlich dann statt, wenn es nicht rund läuft. Es stimmen die Zahlen nicht. Es gibt immer wieder mehr oder weniger starke Konflikte in Teams und zwischen Hierarchien. Es knarzt und hakt im unternehmerischen Gebälk.

Also - etwas Neues versuchen. Warum auch nicht? Warum auch nicht etwas aus dem persönlichen Lebensbereich wie z.B. Meditation, die Kenntnis von Lebensprinzipien oder Entspannungsübungen in den eigenen Arbeitsalltag einbauen? Warum nicht mit systemischen Ansätzen Verstrickungen im Team auflösen? Ich bin eine große Befürworterin von Verbindung. Mit Trennungen kann ich nur wenig anfangen.

Ich erinnere mich, dass ich bereits vor 20 Jahren mit der täglichen Meditation begann - übrigens in einer Führungsaufgabe im universitären Bereich befindlich. Ein Tagesbeginn ohne Meditation ist für mich faktisch nicht denkbar. Ich meditiere leicht und sehr gerne - auch wenn es nur ein paar Minuten sind.
Ich erinnere mich auch, mit welch großen Augen, ja einer gewissen Verachtung man mich in meiner damaligen Aufgabe als Dekanin einer Privatuniversität anblickte, als ich eine sehr unruhige Klasse an StudentInnen mit einigen kurzen Atemübungen in die Ruhe brachte. Man konnte es nicht glauben, dass es funktioniert. Und wie es funktioniert hat. Es wurde zu einem kleinen Ritual, das wunderbar wirkte und interessanterweise die Gemeinschaft in der Gruppe stärkte.

Heute ist die Meditation fern aller Kopfstände, Om und sonstigem zu meinem täglichen Begleiter. Je einfacher, desto lieber habe ich es. Wenn es konkret und umsetzbar ist - perfekt. Einfachheit wird dann für mich zur höchsten Stufe der Vollendung und es gibt eine Art Umsetzungsgarantie. Alles was kompliziert ist, wir erfahrungsgemäß nicht umgesetzt.

Wir leben heute in einer paradoxen Gesellschaft. Zum einen leben wir verbundenen Gesellschaften. Die digitalen Medien helfen dabei sehr. Gleichzeitig leben wir in einer ent-persönlichten Gesellschaft. Reale Begegnungen werden zur Rarität. Herz-zu-Herz-Begegnungen sind die Ausnahme. Und wenn, dann kommt gleich wieder die Unsicherheit und die Abhängigkeit von äußeren Reaktionen hinzu. Gleichzeitig haben Menschen ein hohes Bedürfnis an Sicherheit, an Geborgenheit, an Aufgehobensein.

Führen heute bedeutet sehr oft, mit Kindern in Erwachsenenkörpern konfrontiert zu sein. Je unsicherer eine Lage empfunden wird, umso stärker zeigen sich kindliche Defizite. Jeder gute Psychologe wird dies bestätigen. Jeder systemische Coach kann bücherfüllende Beispiele dazu anbieten. Wir sind - salopp - ein ziemlich verstrickter Haufen. Dass nicht mehr Negatives geschieht, ist einerseits ein kleines Wunder, und zeigt andererseits eine gewisse systemische Toleranz. Nicht jeder Fehltritt führt zur Katastrophe.

Wie geht man als Führungskraft und auch als Mensch mit dieser paradoxen Lage um? Viele haben vor einigen Jahren vermehrt zu suchen begonnen. Als Spinner abgestempelt zu werden, wenn man sich spirituellen Praktiken zuwendet, wird mehr und mehr die Ausnahme. Sinnentleerte Gesellschaften und Wirtschaften haben sich auf Sinnsuche begeben. Und - viele sind dankbar, wenn man Hinweise und Erfahrungen teilt.

Es besteht also für viele Führungskräfte der dringende Bedarf, sich innerlich auch anderen Führungsmethoden und Führungsinstrumenten zu öffnen - und das geschieht auch, z.B. bei SAP, bei Google und auch bei viele mittleren und kleineren Unternehmen. Ich merke dies auch daran, wer zu mir in meine Beratungsgespräche kommt, die ich nach wie vor anbiete.

Was hat in den vergangenen Jahren mehr und mehr in Führungsetagen Einzug gehalten?

Einzug gehalten haben ein geweitetes Bewusstsein, dass neben Zahlen, Daten und Fakten es der Mensch ist, der ein Unternehmen trägt und hält. Exzellente Bilanzzahlen sagen nichts über die Mitarbeiterführung und die Mitarbeitermotivation aus. Sie sagen nichts darüber aus, ob sich Mitarbeiter wohl fühlen und gerne arbeiten. Emotionale Intelligenz zu fördern, ist nett, jedoch auch nicht ausreichend. Da muss schon etwas mehr her. Analysiert man z.B. die vergangenen zehn Jahre, so kann man einen Wechsel im Führungsverhalten feststellen, der teilweise durch die Führungskräfte selbst induziert ist, teilweise durch die Mitarbeiter erzwungen ist (weil schlicht eine zu hohe Mitarbeiterfluktuation Gift für jedes Unternehmen ist; eine gewisse personelle Grundstabilität ist überlebensnotwendig) und zu einem weiteren Teil durch das Umfeld, in dem Unternehmen agieren, forciert wurde. Digitale Medien führten zu einem grundlegenden Wechsel in den Anforderungen an Führung und Mitarbeiter - und zwar in nahezu allen Branchen.

So begann man zu suchen.
  • Da gab es die Pioniere, die vieles von dem, was heute als Innovation und Heilmittel angepriesen wird, schon seit vielen Jahren anwenden - vielleicht mit weniger schicken Begriffen verbrämt.
  • Dann gab es die Neugierigen, die immer für Neues zu haben waren und gerne ausprobierten.
  • Dann gab es Workshop- und Seminarfreaks, die sich in der Gruppe Anregungen holten und Schritt für Schritt umsetzten.
  • Es gab jene, die durch eine Krise z.B. durch Kündigung oder Krankheit oder einen anderen persönlichen Verlust animiert, vielleicht sogar gezwungen wurden, sich zu verändern und sich am Markt der Möglichkeiten umblickten und stückweise anwendeten.

Und wenn ich nachdenke, finde ich noch weitere Grüppchen.

Was macht neue Zugänge so anders im Vergleich?

Neue Zugänge wie z.B. Mindful Business wie es bei SAP betrieben wird, sind offen, sie verbinden Spirituelles mit der Führungspraxis und dem persönlichen Leben mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit. Sie sind besonders, weil sie eben nichts Besonderes, sondern etwas Natürlich-Selbstverständliches sind. Und - sie sind weder dogmatisch noch apodiktisch. Sie laden ein, auszuprobieren.

Im Regelfall sind die Anwender auch im persönlichen Leben Menschen, die sehr bewusst leben, denken, sprechen und handeln. Es gab sie immer, die Pioniere, die Neugierigen, die Experimentierfreudigen. Sie kennen ihre Grenzen und wissen um ihre inneren Hindernisse. Sie wissen auch, dass es kein sogenanntes Ende im Prozess ist. Man erlernt Fähigkeiten und weiß, dass die nächste Hereinforderung kommt und dass man sich wieder bewähren muss, Erfahrungen sammelt, wächst und sich ausweitet. Es ist ein wahrlich lebenslanger Prozess, voll von Berg- und Talfahrten, nicht immer geraden Wegen, manch dunkler Nacht und manch wundervollen Tag.
Diese Führungskräfte wissen auch, dass, wenn sie den Weg einmal beschritten haben, nicht mehr umkehren wollen und können. Sie setzen sich auch keine klassischen Ziele mehr. Für sie geht es um die innere Erfülltheit. Natürlich gibt es Pläne und Ambitionen. Doch diese entwickeln sich am Weg. Es ist also der Weg, der das eigentliche Ziel ist. Das ist unspektakulär - und Leben und Führung müssen ja nicht immer spektakulär sein.
Jedenfalls ist es anders und verlangt auch, Menschen ins Team zu holen, die damit umgehen können und wollen. Wer starr ist, tut sich schwer in diesem Umfeld.

Mangel und Fülle - ein subtiles Geflecht

Wir leben nach wie vor in einer mehrheitlich am außen orientierten Gesellschaft. Haben wollen statt schlichtes sein. Höher, schneller, weiter - auch wenn dies nur mehr im Mikrobereich stattfindet und in die Absurdität gleitet.

Der Druck, Leistung im außen bringen zu müssen, führt viele Menschen rasch in einen vielschichtigen Mangel. Ja - es geht so weit, dass nur mehr die Abwesenheit dessen, was wir vermeintlich ach so dringend brauchen - im Zentrum steht. Sind wir Abwesenheitsfreak mit Hang zum Dauerunglücklichsein?

Nun gilt ja das mittlerweile bestens bekannte Prinzip: Das, worauf ich die Aufmerksamkeit richte, kommt treffsicher ins Leben. Es geht gar nicht anders. Und - unser Unterbewusstsein, das uns zu etwa 80 % in unseren Gedanken und Handlungen steuert, kennt kein "nein". Es ist ein zuverlässiger Lieferant dessen, was wir ihm auftragen. Nichtannehmen der Lieferung geht nicht. Gefordert ist die Übernahme von Verantwortung für das, was man mit Gedanken produziert.

Dies bedeutet, dass sowohl den Gedanken als auch den Worten eine hohe Bedeutung zukommt.
Warum schreibe ich darüber? Weil Führungskräfte eine große Vorbildwirkung haben, Vorgaben für ihr Team geben und sie auch vorleben müssen. Das nennt man dann auch Wahrhaftigkeit. Und genau daran werden Führungskräfte heute gemessen - nicht nur als netten Bilanzzahlen. Wahrhaftigkeit ist unerbittlich. Wer dagegen verstößt, trägt einen wesentlich nachhaltigeren Schaden als bei ein paar verunglückten Geschäften.

Wahrhaftigkeit hat viel mit dem Selbstbild zu tun. Dieses gilt als Hort für Mangelwahrnehmungen. Nichts ist gut genug. Nichts passt so richtig. Nichts, nichts und wieder nichts. Und dabei übersehen wir die Fülle, die bereits vorhanden ist. Und viele wundern sich, dass die so ersehnte Fülle nicht und nicht eintreten will. Der Teller ist voll. Der Garten ist prall gefüllt. Das Leben schüttet das Füllhorn aus - und die Mehrheit klagt über vergleichbare Kleinigkeiten. Welch Paradoxon?

Stille, innere Mitte und bei Ihnen so?

Ich befasse mich viel mit Stille und innerer Mitte - als Mensch, als Künstlerin, als Beraterin. Die Außenwelt ist die perfekte Ablenkungsmaschine, um nur ja nicht bei sich zu sein. Wer weiß, was und wer einen da begegnet? Man kann ja nie wissen? ...
Kaum ein Seminar kommt ohne den "Predigtteil" - seien Sie bei sich, finden Sie Ihre Mitte - aus. Doch wo ist diese Mitte? Ist das ein imaginärer Ort?
Nun denn - nein - es ist dort, wo wir unser physisches Herz fühlen. Dort lohnt mal ein Blick hin. Atmen, atmen und nochmal atmen. Alle Ablenkungen für ein paar Momente ausschalten. Nichts ist so wichtig. Dann haben Stille und die innere Mitte eine erste Chance, sich bemerkbar zu machen.
Es gibt bereits eine Fülle an Studien, z.B. vom Hearth Math Institute, die sich mit Meditation und anderen Entspannungsübungen und ihre Auswirkungen auf das physische und psychische Befinden befassen. Die Wirkungen lassen sich messen und vor allem im Verhalten des Einzelnen und im Team feststellen.
Ohne Stille gibt es kein Finden der inneren Mitte. So einfach ist das. Und ohne innere Mitte gibt es kaum die Möglichkeit, sich in dieser verbundenen Welt mit ihrer hohen Komplexität zurecht zu finden. Es ist also einen Versuch wert, der eigenen inneren Mitte und damit sich selbst zu begegnen. Positive Nebenwirkungen sind garantiert. Auch hier gilt: die Führungskraft hat eine Vorbildfunktion.

Und was passt nun für meine Situation als Führungskraft, als Mensch?

Auf diese zugegeben wichtige Frage gibt es keine Patentantwort. Wer immer ein Rezept verspricht, ist ein Scharlatan. Alleine daran erkennt man, wer es ernst meint.
Bewusste Führung und achtsames Wirtschaften sind zwei Aufgaben, die immer wieder und wieder Fragen mit vorläufigen Antworten bringen. Ich beschäftige mich damit seit 20 Jahren. Anfänglich waren es kleine Schritte. Heute ist es eine Selbstverständlichkeit für mich, regelmäßig zu meditieren, Yoga-Übungen in meinen Tagesablauf einzubinden, Reflexion zu machen, hineinzufühlen, was mir gut tut und was mir weniger gut tut und Zeit in der Natur zu verbringen - und seien es nur ein paar Minuten. Es kommt auf die innere Einstellung und die Ernsthaftigkeit an, mit der man herangeht.

Mindful Business und Conscious Leadership sind als zwei WEGE und nicht zwei Konzepte, die man rezepthaft anwendet und es sich alles zum Besseren wendet. Sie bieten auch keine Gelinggarantie, denn die gibt es schlicht nicht. Achtsamkeit ist kein Kochrezept. Bewusstsein ist etwas, das man sich erübt.

Wir wissen aus der spirituellen Praxis, dass es viel Disziplin und Hingabe braucht, um die zahlreichen Erkenntnisse zu finden, herauszufinden, was für einen stimmig ist und wie man das Gefundene dann konsequent umsetzt.

Der Weg der Achtsamkeit und des Bewusstseins ist kein bequemer Weg, sondern ein anspruchsvoller Weg - vor allem nicht im Führungsbereich, vor allem nicht in der Wirtschaft. Es ist jedoch ein zutiefst befriedigender Weg. Manche behaupten, es sei der einzige Weg, um Wirtschaft, Gesellschaft, Menschen, Werte und das Überleben als Ganzes zu verbinden.
Meine Erfahrung zeigt mir, dass nicht das Radikale die Lösung ist, sondern die Kunst darin besteht, Spirituelles, Achtsamkeit und die verschiedenen Übungen soweit wie möglich als Bestandteil des Geschäfts- und des Lebensalltags zu sehen. Erst wenn eine gewisse Übung vorhanden ist, kann man durchaus anspruchsvollere Wege beschreiten.

Ob man es schafft - es ist alles eine Frage der Wahrhaftigkeit. Sie erscheint mir der Maßstab schlechthin.

Ob man es versuchen soll - ja, unbedingt. Der Weg als Ziel ist ein Abenteuer. Die Verbindung aus Wirtschaft, Spiritualität und Lebensalltag ist das Abenteuer schlechthin.