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Ich habe abgetrieben

03/02/2016 12:09 CET | Aktualisiert 03/02/2017 11:12 CET

Wir reden nicht gerne darüber, aber es ist zu wichtig. Viele Frauen haben schon mal über Abtreibung nachgedacht, doch ist das Thema für viele zu emotional, zu tabu, um offen darüber zu reden. Diese zwei Frauen haben es gemacht. Andrea entschied sich für eine Abtreibung, Nicole hält es für Mord und schrieb einen flammenden Appel.

Ich habe abgetrieben. Zwei Mal. Das hier zu schreiben, fällt schwer. Und ich habe mir lange überlegt, ob ich es wirklich tun soll. Aber ich finde es wichtig, der aktuellen Debatte nebst vielen Fakten auch ein Gesicht zu geben.

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Dies ist ein Versuch, dagegen anzuschreiben, dass konservative Kräfte an einem Katapult basteln, das uns in ein unaufgeklärtes Zeitalter zurückwerfen soll. In eine Zeit, an deren Ausläufer ich mich besser erinnere, als mir lieb ist:

Mein erster Abbruch hat noch in einer Ära stattgefunden, in der man sich für diese Entscheidung psychisch durchleuchten lassen musste und auf die Gnade eines Attests hoffen. Oder ein Ticket nach Holland kaufen. Natürlich meine ich damit nicht man, sondern frau. Männer hatten damals so wenig für eine ungewollte Schwangerschaft gerade zu stehen, wie heute.

Die Fakten sind hinlänglich bekannt: Jede vierte bis fünfte Frau in der Schweiz hat mindestens einmal eine Schwangerschaft abgebrochen. Das hat sich auch mit der Liberalisierung kaum geändert. Keine spricht gern darüber.

Denn entgegen der Behauptung einiger weltfremder Polemiker ist eine Abtreibung nichts, was frau so einfach tut, wie eine Handtasche kaufen. Und es ist nichts, was man je vergisst. Auch wenn es das ist, was man uns im Moment mal wieder glauben machen will.

Die Abtreibungsgegner im liberalen Schafpelz setzen dafür gern auf einen alten Trick des Theaters.

Die Abtreibungsgegner im liberalen Schafpelz setzen dafür gern auf einen alten Trick des Theaters. Dort weiß man schon lang: Tiere und Kinder funktionieren immer. Auch in der gesellschaftlichen Debatte sind Hundewelpen im Labor und Bilder zertrümmerter Ungeborener ausgezeichnete Vehikel, um Anliegen per Schuldschiene durchzubringen.

Denn beides geht direkt ins Herz. So sehr, wie die Angst um die eigene Brieftasche. Die zieht auch bei jenen, denen es moralisch Wurst ist, ob oder nicht abgetrieben wird. Kombiniere Angst mit Schuldgefühlen, und du hast schon fast gewonnen.

Die Geld-Schuld-Schiene eignet sich nämlich prächtig, um eine Gesellschaft künstlich zu spalten in böse, teure Schuldige und gute, zahlende Unschuldige. Ich erinnere mich bestens, wie oft wir bei meiner Arbeit bei der Krebsliga mit Menschen konfrontiert wurden, die für ihren Krebs, eine sehr teure Angelegenheit, stigmatisiert wurden. Vor allem solche mit Lungenkrebs und Pankreastumoren.

Selber schuld, hieß es dann. Kommt halt vom Rauchen. Oder vom Saufen. Eine neue Gruppe von teuren Schuldigen sind auch die Dicken. Man darf sie öffentlich anstarren, wenn sie ein Sandwich essen. Selber schuld. Kommt vom Fressen.

Schon klar, eine ungewollte Schwangerschaft ist weder ein Tumor, noch eine andere Krankheit. Aber auch hier funktionieren die selben Mechanismen, blühen die Schuldzuweisungen. Kommt vom Sie-wissen-schon. Soll halt verhüten. Ist ja keine Sache.

Glauben Sie mir, es ist nicht so rasend schwierig, trotz Verhütung schwanger zu werden.

Glauben Sie mir, es ist nicht so rasend schwierig, trotz Verhütung schwanger zu werden. Und selbst wenn es tatsächlich aufgrund mangelnder oder fehlender Verhütung passiert: Ich habe noch kaum je gehört, dass ein Mann selber schuld sei an einer ungewollten Schwangerschaft.

Es gibt ja auch kein realistisches Szenario, wie Männer in die Pflicht genommen werden sollen, die eine Frau geschwängert haben, ungewollt. Wobei ja wohl nur das Ergebnis ungewollt war. Das andere geht bei Männern bekanntlich nur gewollt.

Also läuft es immer auf dasselbe heraus. Schuld sind die Frauen, folglich sollen sie es auch selber ausbaden. Ausbaden tun es letztlich aber nicht nur die Frauen, oft junge, finanziell schwache, sondern oft auch die Kinder, die ungewollt geboren werden.

Das kann gut gehen. Oder eben auch nicht. Und dafür kommt ebenfalls die Gesellschaft auf, und das zu einem wesentlich höheren Preis als bei einem Abbruch. Daran reut nicht das Geld, sondern die Kurzsichtigkeit und der psychische Preis.

Es wäre daher schön, wenn die Gesellschaft sich auch in der Abtreibungsfrage als das begriffe, was sie ist: als ein Bund von Individuen, die gegenseitig für einander einstehen, nicht nur, wenn es um den Bau einer zweiten Gotthardröhre geht (selber schuld, man muss ja auch nicht Autofahren) oder darum, welche Beleuchtung die Bahnhofstrasse bekommen soll. Sondern auch bei Themen, bei denen es wehtut, hinzuschauen. Und mit Respekt für das Recht der Einzelnen, sich für oder eben gegen eine ungeplante Schwangerschaft zu entscheiden, und zwar nicht nur vordergründig auf dem Papier.

Darum wünsche ich mir, dass möglichst viele Frauen und auch Männer hinstehen und sagen: «Ja, wir haben abgetrieben». Wie damals 1971 in der von Alice Schwarzer initiierten «Stern»-Kampagne. Das zu tun, tut weh. Und ist nichts, worauf man stolz sein kann. Aber es ist das Leben. Und das lässt sich weder wegmoralisieren noch durch finanzielle Hürden heuchlerisch aus dem Bewusstsein verdrängen.

Nun ist der Ball bei Ihnen. Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.

Der Artikel erschien ursprünglich auf blog.tagesanzeiger.ch

Die Autorin betreibt die Website http://www.fischer-schulthess.ch

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