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Unter jedem Stein?

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Nein, beschweren möchte ich mich nicht. Nicht darüber, dass seit Tagen die Amtsstuben von Wutkatholiken in einer höheren Schlagzahl angepilgert werden als das sonntägliche und gemeinschaftlich zelebrierte Naschen am Leib Christi (vor den Augen von Kindern!), um dem Stab des Hirten die Gefolgschaft zu verweigern.

Nein, die Menschen treten aus der Kirche aus und wollen ein Zeichen setzen. Ein
Zeichen gegen Protz, gegen die Zeiten und für die Zeit. Ein Zeichen gegen die
Verkennung von Hochamt mit Hochmut. Tebartz-van Elst ist dabei nichts weiter als eine bemitleidenswerte Symbolfigur. Leider wird er diese auch bleiben. Leider wird es mit einem Zeichen getan sein. Schon wieder.

Denn während die frischgebackenen Ungläubigen nach ihrem Austritt fest daran
glauben, der Kirche ein Schnippchen geschlagen zu haben, wird der Mammon weiterhin aus der Geldbörse des Steuerzahlers gefüttert. Das bischöfliche Amt wird entgegen einiger Vermutungen nicht aus der Kirchensteuer finanziert, sondern aus Staatsmitteln auf Basis eines ca. 200 Jahre alten Vertrages. Damals, als die Kirche zahlreiche Gutshöfe und Land abgeben musste, bekam sie im Gegenzug Staatsleistungen. In Zahlen bedeutet das für heute:

475 Millionen Euro im Jahr 2012 und über 15 Milliarden Euro seit der Gründung der
Bundesrepublik Deutschland. Aber Pustekuchen: Mit dieser Kohle werden weder
Krankenhäuser noch Schulen finanziert - geschweige denn eine Arche gebaut.
Ach ja, die 9,4 Mrd. Euro Kirchensteuer kommen noch dazu. Macht gut 10 Milliarden
Euro. Jedes Jahr. Da muss ein alter Küster lange für fegen, ein Organist lange für
klimpern, ein Ministrant lange für knien.

Es gab mitunter Möglichkeiten, diesen Zustand zu ändern. Bei der Gründung der BRD hat man es mit Artikel 140 des GG verpasst, in dem es heißt, dass der Artikel 138 der Weimarer Verfassung vom 11. August 1919 in der jungen Bundesrepublik weiterhin Bestand hat. In eben diesem Artikel 138 der Verfassung von Weimar steht: „Die auf Gesetz, Vertrag oder besonderen Rechtstiteln beruhenden Staatsleistungen an die Religionsgesellschaften werden durch die Landesgesetzgebung abgelöst." Rrrums.

In der jüngeren Vergangenheit sündigte die Linke im Bundestag schwer mit dem
Versuch, das Ende der Ära der Reparationszahlungen an die Kirche einzuläuten. Jedoch waren sich CDU, CSU, SPD, FDP und Grüne selten so einig. Der bizarr und abstrus wirkende Status quo von ungerechtfertigten Zahlungen auf Basis eines Abkommens, welches trotz zahlreicher staatlicher Neuordnungen - nicht zuletzt der Wiedervereinigung - vollkommen unberührt blieb, wird auch rund um den Skandal des Protz-Bischofs weiterhin unberührt bleiben. Und alles Unberührte ist ja ohnehin der Fetisch der Brüder und Schwestern.

Ich möchte mich nicht beschweren über Kirchenaustritte. Nein, finde ich super. Jeder, der austreten möchte, aber zu faul dazu ist, würde von mir persönlich abgeholt und zum Amt gefahren werden, hätte ich Kenntnis von seinem Vorhaben. Jeder Taler, der in Bildung, Vernunft, Verstand und religiös unbefleckte Kindergärten und Schulen investiert werden würde, ist hundert Mal mehr wert als nur ein einziger Euro für eine Kita, in der den Kids die Mär von Adam und Eva als Ursprung des Menschen verkauft wird. Adam und Eva sind historisch so wertvoll wie Hänsel und Gretel, Schneeweißchen und Rosenrot, Jorinde und Joringel oder Bratwurst und Senf.

Ich möchte mich darüber beschweren, dass aller Voraussicht nach erneut eine Chance verpasst wird, eine seit knapp 100 Jahren hinfällige Überarbeitung des Kirchenrechts vorzunehmen und dadurch die Trennung von Kirche und Staat - wie es das Grundgesetz verlangt - endlich faktisch umzusetzen.

Die Kirche hat das zu verkraften - qua Verfassung. Ihr gehört ohnehin schon viel. Das Geflecht aus Grundbesitz und Firmenanteilen ist quasi undurchschaubar und, wie wir jüngst erfahren haben, wird ja auch für teuer Geld neu gebaut. Doch selbst ich als überzeugter Atheist würde bezweifeln, dass Jesus das so meinte, als er sagte (so er es denn sagte): „Hebe einen Stein auf und du wirst mich finden."