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Wie ich endlich der Sektenhölle und meiner Depression entkam

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DEPRESSION
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Meine einsame Kindheit und schwierige Familie haben mich sehr verwundbar gemacht. Mit 17 wurde ich wegen wachsender persönlicher und familiärer Probleme depressiv. Dann trat Dani in mein Leben. Bevor ich ihn getroffen habe, habe ich stets Ablehnung erfahren.

Meine Eltern waren Anhänger der Hare-Krishna-Religion. Sie waren fanatisch. Ihr Glaube beherrschte meine Kindheit. Ich lebte in einer Welt abseits des ursprünglichen Brasilien, bestimmt von Traditionen und Gewohnheiten, fernab des alltäglichen Lebens. Ich konnte nicht essen, was meine Klassenkameraden gegessen haben, weil ich Vegetarierin war.

Zusätzlich folgten meine Eltern einem fanatischen Glauben, der nichts mit Vegetarismus zu tun hatte: Ich durfte nichts essen, was außerhalb unseres Zuhauses zubereitet worden war, weil ich das Karma der Person, die das Essen gekocht hat, aufnehmen könnte. Demzufolge durfte ich nur Dinge essen, die meine Eltern oder Leute, denen sie vertrauten, zubereitet hatten. Mein Kindheitstraum war es, einen Kaugummi zu probieren.

Das ist kein besonders komplexer Traum, aber es war einfach mein Traum. Ich habe auch davon geträumt, eines Tages im Flugzeug mitten in der Luft das Fenster aufzumachen, ein Stück Wolke abzureißen und es zu essen, um zu wissen, wie Zuckerwatte schmeckt. Diese sozialen und ernährungstechnischen Eingrenzungen wurden schlimmer, als ich mit einer Krankheit diagnostiziert wurde, die die Ausbildung meiner Knochen verzögerte.

Die Hölle meiner Kindheit

Deswegen kam meine körperliche mit meiner psychischen Entwicklung nicht mit. Das war sehr schwierig für mich als Kind. Obwohl die Krankheit heute keine Rolle mehr spielt, habe ich damals mit sechs immer noch wie ein Kleinkind ausgesehen, als wäre ich drei oder vier. Die Relation stimmte nicht. Mit 14 sah ich aus wie elf oder zwölf - und das genau zu einer Zeit, wenn Teenager so verzweifelt dazugehören wollen.

Ich wurde ständig gemobbt und habe eigentlich die ganze Zeit nur geweint. Meine Freunde waren "Mädchen-Mädchen" und ich sah immer noch aus wie ein Kind. Ich sah aus wie die kleine Schwester meiner Klassenkameraden. Niemand wollte Zeit mit mir verbringen.

Die Leute schämten sich wegen mir. Ich war das komische Kind, das nichts essen durfte, das mit niemandem wegfahren durfte, wegen dieser Ernährung, das einer komischen Religion angehörte und das einen komischen Namen trug.

Ich wurde völlig ausgegrenzt. Mit 17 fühlte ich mich wegen meiner persönlichen und familiären Situation alleingelassen. Ich wurde schwerst depressiv und musste zum Psychiater. Ich hatte Identitätsstörungen, mir mangelte an Aufmerksamkeit. Ich nahm ein Jahr lang Antidepressiva. Ich hatte zwei Nervenzusammenbrüche - etwas, was ich nie wieder erleben will.

Der völlige Zusammenbruch

Ich kannte Dani nicht lang, aber er war immer da für mich und hat mir immer geholfen. Bei einem der Zusammenbrüche war er dabei. Das war der Beginn unserer Beziehung. Er wollte einen Ausflug machen, und ich wollte gerne mit, aber er wollte mich nicht mitnehmen. Das hat meine Verlassenheitsängste getriggert. Während des Zusammenbruchs wollte ich einfach nur, dass es aufhört. Aber es hörte nicht auf.

Ich schlug die ganze Zeit auf mich selbst ein, in der Hoffnung, mich bewusstlos zu schlagen, aber ich bekam nur blaue Flecken. Ich versuchte, der Benommenheit zu entfliehen, aber ich konnte nicht. Ich dachte daran, vom Balkon zu springen, mit dem Kopf auf den Asphalt aufzuschlagen und allem ein Ende zu bereiten.

Ich wollte es zu Ende bringen. Ich fühlte mich fürchterlich. Alle negativen Gefühle, die ich hatte, kamen in diesem Moment raus, und ich dachte nicht mehr über die Konsequenzen nach.

Wir standen uns bei

Aber dann hat mir meine innere, vernünftige Stimme gesagt, was passieren würde, wenn ich vom Balkon springe. Also habe ich es nicht getan. Und Dani hat mir verziehen, trotz all der schlimmen Dinge, die ich ihm gesagt habe.

Jeder andere Mensch hätte mich zur Hölle gewünscht - er aber war sehr tapfer, hat klar und deutlich mit mir gesprochen, und obwohl er mich nicht angesehen hat, reichte er mir die Hand und zog mich aus dem Loch. Er trat während einer schlimmen Zeit in mein Leben und gab mir viel Kraft.

Ich hatte den Eindruck, dass wir uns gegenseitig halfen, weil auch er schwierige Situationen durchleben musste, wegen der er sich sehr schämte. Deswegen werde ich, aus Respekt vor ihm, nun nicht darüber sprechen. Es waren die schlimmsten Albträume seines Lebens, aber ich stand an seiner Seite, genauso wie er an meiner.

Wir gaben uns gegenseitig Kraft

Wir waren neun Jahre lang zusammen. Wir halfen einander gegenseitig, es war ein Austausch. Er war eine ruhige Person, was ich am meisten an ihm bewunderte. Er hätte sehr viel wütender sein, sich daneben benehmen und die anderen wie Scheiße behandeln können. Seine Kindheit und Jugend waren sehr schwierig, was schlimmste Konsequenzen mit sich brachte.

Er hatte sich selbst schon öfter verletzt und mehrere Unfälle erlebt. Als Kind brach er sich mehrere Knochen und lag fünf Tage lang im Koma. Er war arm, seine Familie kratzte am Existenzminimum und er wurde in der Schule gemobbt, weil er so ruhig war. Und es gab Leute, die ihn so schlecht behandelten, dass man es kaum beschreiben kann.

Mit 17 hatte er eine Beziehung mit einem Mädchen, das ihm das Herz gebrochen hatte. Als ich ihn traf, glaubte er nicht mehr an die Liebe. Er wurde sehr schwer verletzt. Aber ich half ihm. Der Unterschied zwischen unserer Beziehung und anderen war, dass in den anderen Beziehungen in schlechten Zeiten der eine dem die Hand gibt und ihn hochzieht, einer ist der stärkere.

Wir aber reichten uns gegenseitig die Hand und zogen uns gegenseitig mit derselben Stärke hoch. Ich betrat sein Leben in einer der schwierigsten Phasen und er meins. Wir gaben uns gegenseitig Kraft in dieser schwierigen Zeit.

Zusammen wurden wir zu besseren Menschen

Wir waren sehr offen einander gegenüber: Wir sprachen über unsere größten Ängste, verrieten uns unsere größten Geheimnisse. Er wusste alles über mich, und ich glaube, ich wusste alles über ihn. Ich wollte alles über ihn wissen, sogar die Sachen, die er getan hat, die mich eifersüchtig machen würden. Ich wollte die Wahrheit. Ich wollte, dass es weh tat, denn Schmerz schweißt die Menschen zusammen.

Wenn Schmerz zu schlimm ist, warum hat er uns dann so nahe zusammengebracht? Schmerz ist gut, wir würden ihn also zusammen aushalten, bis er nachließ.

Wir würden den Schmerz so lange fühlen, bis wir darüber lachen könnten, und dann würden wir nie wieder verletzt werden. Ich war nie wieder depressiv, zusammen wurden wir zu besseren Menschen. Er hatte Werte, bestimmte Charaktereigenschaften, die mir viel beigebracht haben. Er war ein wunderschöner Mensch.

Und obwohl er so schlecht behandelt worden ist, hatte er niemals Feinde und war niemals nachtragend. Er meinte, man müsste den Menschen verzeihen, die uns schlimme Dinge angetan haben. Viele Menschen waren so gemein zu uns, und trotzdem sagte er, wir müssen gut sein zu diesen Menschen. Es war nicht gut, sie zu hassen oder zu ignorieren. Er liebte sie trotz allem.

Er hat ihnen verziehen. Das ist das Erbe, das er mir hinterlassen hat, die Lehre der Liebe... vor allem bedingungslose Nächstenliebe. Ein paar Menschen haben ihm wirklich gute Gründe geliefert, sie zu hassen, aber er hasste sie nicht. Ich fand es faszinierend, dass er jeden für sich zu gewinnen schien. Das war unglaublich.

Seine Beerdigung war ein wundervolles Geschenk

Zu Danis Beerdigung kamen Kollegen von all seinen ehemaligen Arbeitsstellen, und jeder von ihnen wusste eine Geschichte darüber, was für ein guter Mensch er war. Und ich bin mir sicher, dass sie sie nicht nur erzählten, um mich zu trösten. Seine Kommilitonen und Freunde beschrieben ihn leidenschaftlich.

Bei der Beerdigung sagten seine Kollegen, dass er einzigartig war, dass er ständig Kuchen mitgebracht hat für alle - Kuchen, den ich gebacken habe. Dani sagte immer: "Ich muss doch nicht den ganzen Kuchen essen. Ich bringe ihn meinen Kollegen mit." Das war ein Zeichen seiner Großzügigkeit.

Er brachte mir viel darüber bei, was es heißt, zu lieben. Er arbeitete zehn Jahre lang in einem Teppichgeschäft, und sein Chef hat viel für ihn getan, was zeigt, wie sehr er ihn mochte. Er wollte eigentlich kündigen, aber sein Chef ließ ihn nicht gehen. Die ganze Veranstaltung war ein Geschenk, ein wundervolles Geschenk von Dani.

Er wollte mir etwas schenken, aber er wusste, dass ich gekaufte Geschenke nicht mochte. Ich hatte kein Interesse an materiellen Gegenständen. Ich habe immer gesagt, ich will keinen Strauß Blumen, sondern lieber einen Strauß Rucola, damit wir einen Salat machen und zusammen essen können. So verbrachte er also Monate damit, mir ein Kästchen und einen Holzanhänger zu schnitzen.

Die Nacht bevor er starb war unfassbar

Dani war mein erster Freund, und er war der erste Mann, mit dem ich eine sexuelle Beziehung einging. Und es war ein Zeichen seiner wachsenden, bedingungslosen Liebe, als er sagte, er will nicht der einzige Mann in meinem Leben sein. Er sagte immer: "Ich will, dass du dein Leben lebst. Ich will nicht, dass deine Neugier dich plagt. Ich will, dass du Dinge erlebst, dass du glücklich wirst."

Ein Teil von ihm liebte es, der einzige für mich zu sein, seine Liebe war aber so groß, dass er wollte, dass ich auch andere Menschen erfahre. Er wollte dasselbe.

Die Nacht bevor er starb war unfassbar. Ich war mir sicher, dass es ein Abschied war. An diesem Abend tranken wir zusammen Bier und Wein und unterhielten uns. Wir haben uns über nichts Bestimmtes unterhalten, vor allem aber darüber, wie sehr wir uns liebten.

Wir sprachen über ein paar der Fehler, die wir gemeinsam gemacht haben. Wir sprachen über die unangenehmen Dinge, die wir uns gegenseitig angetan haben. Ich fragte ihn, ob es ihm immer noch weh tut, und er sagte, er hätte mir verziehen.

Das berührte mich, denn ich wollte Brasilien verlassen und einige Zeit in Italien verbringen. Ich buchte für zwei Monate, und ich wusste noch nicht, was ich von dieser Reise erwarten sollte. Ich wollte gerne lernen, während ich unterwegs war. Wir würden allerdings getrennt sein.

Als er starb, wurde meine Liebe zu ihm noch größer

Am nächsten Morgen starb Dani bei einem Arbeitsunfall. Ich habe noch geschlafen. Eins der letzten Dinge, die er mir an diesem Morgen sagte, war: "Ich weiß, dass es dein Traum ist, einmal außerhalb Brasiliens zu leben. Wir werden unsere Beziehung für die Zeit deiner Reise beenden, damit du dein Leben genießen kannst.

Ich will nicht, dass dein halbes Herz in Brasilien bleibt, und ich will nicht der Grund sein, weswegen du zurückkommst. Mach weiter, lebe deinen Traum, denk nicht an mich, komm nicht wegen mir zurück, aber schick mir Bilder. Triff andere Leute, mach all das, was du nicht tun konntest, weil du dich so jung verliebt hast. Dreh einfach mal durch!" Wir lachten. Wie hätte eine Liebe bedingungsloser sein können?

Ich weiß nicht, wo er hergekommen ist oder wer er in seinem vergangenem Leben war. Als er starb, wurde meine Liebe zu ihm noch größer. Obwohl er nicht mehr am Leben ist, kümmert er sich immer noch um mich. Es hat sehr weh getan.

Ich habe fast zehn Kilo in nur einem Monat abgenommen, aber ich sagte mir, ich würde tun, was er mir aufgetragen hat. Wo immer er auch ist, ich will, dass er meine Liebe spürt, und nicht meine Trauer - denn genau das hat er auch immer für mich getan. Wenn ich leiden würde, würde er sagen: "Ich ruf dich schon an, jetzt hau ab!" Er würde mich necken, da bin ich mir sicher.

Die besten Lehrer sind die Menschen, die dir nahestehen

Er hat gelernt, dass wenn du die Leute um dich herum liebst, erwidern sie deine Liebe. Nach seinem Tod ist viel passiert.

Mein Großvater weinte, als Dani starb. Mein Großvater war schon immer sehr stark gewesen und hatte einen schwierigen Charakter. Er war eifersüchtig auf mich. Und auf irgendeine magische Art und Weise hat Dani ihn herumgekriegt. 25 Jahre lang habe ich meinen Großvater nicht ein einziges Mal weinen sehen. Dani hat es geschafft, dass mein Großvater weinte, als er von seinem Tod erfuhr.

Er hat meine Großeltern und meine Eltern für sich gewonnen. Mein Vater meinte, er hätte niemals gedachte, dass er Dani so sehr lieben würde. Sein Tod berührte viele Menschen, die ihn kannten, er machte, dass die Menschen über ihre eigenen Leben nachdachten. Mein Vater änderte viele seiner Ansichten.

Er sagt, dass er eine Menge von Dani gelernt hätte, er sagt, dass wir nicht erwarten sollten, dass unser gesamtes Wissen von einem Halbgott abhängen sollte, der auf einer Wolke angeflogen kommt und uns sagt, was wir zu tun hätten. Und er hat gelernt, dass die besten Lehrer die Menschen sind, die dir nahestehen.

Ich schloss Frieden mit meiner Familie

Die Distanz zwischen mir und meinen Eltern, die wegen all dem, was während meiner Kindheit und Jugend passiert war, entstanden ist, schrumpfte. Wir schlossen Frieden, als Dani starb. Wir fanden wieder zueinander. Ich genoss die Zeit mit ihnen, und sie sahen ihre Fehler ein. Sie haben sich verändert.

Selbst als Erwachsene waren wir emotional sehr distanziert. Wir stritten uns die ganze Zeit, ich fühlte mich immer noch einsam, ich wusste nicht, wie ich mit meinen Eltern umgehen sollte und umgekehrt. Und das tat mir weh.

Ich war neidisch auf meine Schulkameraden, wenn eine ihrer Mütter sie abholte und sie sie "Mami" nennen würden und dann würden sie sich wie Freunde unterhalten. Ich war so neidisch, dass ich weinte.

Ich wollte auch so eine enge Beziehung zu meiner Mutter. Und ich konnte niemals so eine Beziehung zu meiner Mutter oder meinem Vater haben. Es war, als würden wir uns permanent streiten und wären niemals bereit, uns zu vertragen, wegen all der Dinge, die während meiner Kindheit passiert sind und die mich so heruntergezogen haben. Das war, was mich am meisten schmerzte.

Die Erfüllung von Träumen

Nachdem wir Dani auf so tragische Weise verloren haben, haben wir etwas getan, was ich an anderen Familien immer beneidet habe: Wir machten einen Familienausflug, etwa einen Monat nach seiner Beerdigung. Wir fuhren nach Ushuaia in Patagonien. Wir erfüllten meinem Vater einen seiner Träume: mit mir im Schnee zu spielen.

Er erzählte mir, dass das einer seiner Träume war, und dass es in unserer Stadt aber niemals so stark geschneit hätte, dass wir zusammen im Schnee hätten spielen können. Gleichzeitig kam er aber niemals auf die Idee, dass wir einen Ausflug machen könnten. So haben wir uns also einen Familientraum erfüllt, einen gemeinsamen Ausflug. Inspiriert von Dani.

Mein anderer Traum war es, außerhalb von Brasilien zu leben, und auch diesen Traum konnte ich mir erfüllen, indem ich wieder bestätigt sah, dass Schmerz auch Gutes provozieren kann. Ich fühle keinen Kummer. Ich war sehr traurig, dass die Dinge so ihren Lauf genommen haben.

Aber Dani hat so viel Liebe ausgestrahlt, so viele Liebe, das wir es selbst in dieser schwierigen Zeit fühlten. Und nicht nur wir. Er hat auch so viel Gutes für andere Menschen getan. Und er tut immer noch Gutes.

Mein Großvater, der nicht wollte, dass ich das Land verlasse, hat das schließlich akzeptiert und auch gelernt, dass Geld nicht alles ist im Leben. Er behandelt meine Großmutter besser. Ein 85 Jahre alter Mann hat dank Dani etwas Neues gelernt.

Ich werde seine Lehre weitertragen, solange ich lebe

Seine Liebe verbreitet sich. Ich erzählte Menschen von ihn, die ihn nicht mal kannten, und er veränderte deren Leben. Ich traf zwei Menschen, die mich später weinend anriefen, die mir sagten, wenn ich eines Tages wieder mit Dani sprechen würde, ich ihm danken sollte.

Eine Person hatte nach einer schwierigen Beziehung Probleme, sich wieder zu verlieben. Nachdem er meine Geschichte gehört hat, nahm sein Leben eine 180-Grad-Wende. Eine andere Person sagte mir, dass sie Dani lieben würde, obwohl sie ihn niemals kennengelernt hat, und sie fragte mich, ob es mich stören würde, wenn sie sich in Angedenken an ihn tätowieren lassen würde.

Während unseres Trips nach Ushuaia traf ich die Entscheidung, mich tätowieren zu lassen. In Ushuaia merkte ich, wie viele gute Dinge passierten, und ich konnte diese Lektion der Liebe nicht unbeachtet lassen. Der Grund für ein Tattoo war kein ästhetischer. Ich hatte bisher noch keine Tattoos und ich wollte mich eigentlich niemals tätowieren lassen.

Plötzlich war ich aber absolut dazu entschlossen, mir ein Tattoo stechen zu lassen, nicht in Angedenken an ihn, sondern als Erinnerung an die Liebe, die er mich gelehrt hat. Sodass ich das niemals vergessen würde und mich immer weiterentwickeln würde. Wenn er sehen kann, was in dieser Welt passiert, kann er auch das sehen. Ich werde seine Lehre weitertragen, solange ich lebe.

Liebe muss bedingungslos sein

Das Symbol, dass ich für mein Tattoo wählte, ist der Knoten der ewigen Liebe, er besteht aus mehreren Herzen. Ich habe es mir auf den Ringfinger tätowieren lassen, der mit unserem Herzen verbunden ist, der gleichzeitig auch der Finger ist, mit dem wir unsere Verbindung zueinander zeigen.

Egal wen du liebst oder wie: Liebe muss bedingungslos sein und darf keine weiteren Interessen verfolgen. Sie muss für sich bestehen. Sie muss uns zu besseren Menschen machen.
Ich habe den Eindruck, dass er mich mit seiner Liebe zu einer besseren Person gemacht hat.

Und hätte er mir Liebe nicht beigebracht, wäre ich heute nicht der Mensch, der ich bin. Ich weiß, dass ich durch ihn ein besserer Mensch geworden bin und ich weiß, dass das auch auf viele andere zutrifft.

Ich mache es zu meinem Job, dass Menschen von dem profitieren, was Dani in die Welt gebracht hat. Ich glaube an seine Mission. Er war einer der unglaublichsten Menschen, die ich jemals kennengelernt habe, obwohl er das selbst niemals geglaubt hat, weil er so eine unerschütterliche Selbstwahrnehmung hatte.

Er hätte niemals gedacht, dass so viele Menschen wegen seines Todes weinen würden, er dachte, dass die meisten Menschen ihn gar nicht mochten und fragte sich ständig, ob er ein guter Mensch sei, obwohl er anderen so viel gegeben hat.

Er hat sich niemals beschwert

Dani hat sich regelrecht den Arsch abgearbeitet, er belegte an der Uni acht Fächer und hatte immer noch Zeit für mich, er hatte seine Familie und all die Probleme, die ein Familienleben mit sich bringt. Und niemals hat Dani sich beschwert.

Weder über den Schmerz, noch die Erschöpfung, noch die schwierigen Zeiten, die er aushalten musste. Manchmal binden wir uns an die kleinen Dinge im Leben und vergessen die großen. Er hat verstanden, dass es Zeitverschwendung ist, sich zu beschweren. Er hat mich immer geneckt, weil ich mich so viel beschwere, er meinte, Menschen müssten die Dinge so nehmen, wie sie sind.

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Die Tatsache, dass Dani bei der Arbeit starb, ist ein Zeichen. Die Leute verurteilten ihn wegen seiner Vergangenheit, seiner wilden Teenie-Zeit, aber er lebte sein Leben, er war ehrlich, sehr ehrlich. Er finanzierte seine Mutter, und er half mir immer aus, selbst wenn sein Zeitplan schon voll war, selbst wenn er eigentlich schon keine Zeit mehr hatte. Das hat ihn zu der Person gemacht, die er war.

Er sah nach mir, er zeigte mir neue Orte, er machte alles. Er machte es, weil er mich mochte, weil er diese Dinge für mich tun wollte. Und so war er mit jedem. Mit seinem Hund, seinem Chef, seinen Brüdern.

Er wird mich niemals verlassen

So traurig seine Beerdigung auch war, war sie dennoch eine der schönsten, die ich jemals gesehen habe. Weil er friedlich gestorben ist, weil die Leute aus Liebe zur Beerdigung kamen. Die Tatsache, dass sein Körper anwesend war, spielte keine Rolle für mich. Er selbst war schon fort. Aber die Menschen, die er liebte, blieben. Sie waren da.

Und es waren all die Umarmungen, die ich brauchte, und diese Menschen brauchten meine Umarmungen. Ich werde immer einen Teil von Dani in mir tragen. Er wird mich niemals verlassen. Egal, ob ich mit jemand anderem zusammen bin oder Kinder kriege, er wird immer ein Teil meines Lebens sein.

Er war es neun Jahre lang, und ich weiß, dass ich das glücklichste Mädchen der Welt bin, weil ich neun Jahre mit der besten Person des Universums verbringen durfte. Eine Person, die mich liebte, respektierte, mich lehrte und mich zu einer besseren Person machte. Er mag gestorben sein, aber ich habe ihn kennengelernt und ich war sehr glücklich. Das wird sich niemals ändern. Niemand kann mir das wegnehmen. Und ich werde ihn für immer lieben.

Diese Geschichte stammt aus "Nua e Crua" (Nackt und native), eine Sammlung brasilianischer Geschichten, die sinnliche Fotografie mit Geschichten von Frauen verbindet.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf medium.com und wurde von Agatha Kremplewski aus dem Englischen übersetzt.

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