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Zu viel weiße Ärzte

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Inzwischen wissen wir es alle: Deutschland ist trotz einer Zahl von mehr als zwei Millionen Zuwanderern allein im letzten Jahr und solch bunter Stadtteile wie Neukölln immer noch nicht Multi-Kulti genug. Schon lange machen uns linke Chefideologen der deutschen Presselandschaft darauf aufmerksam, dass Homogenität, egal in welchen Bereichen der Gesellschaft und aus welchen Gründen, per se etwas Schlechtes und Heterogenität auf jeden Fall etwas Gutes ist.

Einer Begründung, weshalb Multi-Kulti, oder schlicht millionenfache Einwanderung aus mehrheitlich islamisch geprägten Ländern bzw. schlecht integrierte frühere Einwanderer grundsätzlich als Bereicherung angesehen werden sollen, bleibt man bis auf den Verweis, dass man ansonsten eben ein Rassist sei, jedoch zumeist schuldig.

Zu viele Deutsche ohne Migrationshintergrund - das ist halt irgendwie verdächtig und muss auch entgegen jedweder Logik unterbunden werden.

Sie verfügen nicht über das nötige Kopftuch

Vor diesem Hintergrund ist es nur folgerichtig, dass die ZEIT Campus in Form des Arztes und freien Journalisten Jakob Simmank in einer Perle des deutschen Meinungsjournalismus mit dem schuldbewussten Titel „Wir weißen Medizinstudenten" auf die fehlende Diversität unter den Medizinstudenten und künftigen Ärzten in Deutschland aufmerksam macht.

Mahnend stellt der junge Arzt hierbei fest, dass fast nur Akademikerkinder den Zugang zum Medizinstudium schaffen würden und dass diese von Haus aus bösen und vor allem weltfremden Akademikersprösslinge letztlich sogar zu einer echten Gefahr insbesondere für ihre muslimischen Patienten, werden können.

Wann Simmank die fundamentale Erkenntnis über zu wenig Multi-Kulti-Kompetenz im Arztberuf traf? Als er in einem Anflug zweifelhafter Betroffenheit feststellen musste, dass die Medizinstudenten, im Virchow-Klinikum der Charité im Berliner Wedding allesamt zu weiß, zu akkurat gekleidet und vor allem nicht über das nötige Kopftuch zum besseren Verständnis der muslimischen Patientenklientel verfügten.

Denn weiß sein und akkurate Kleidung ohne Kopftuch, das weiß Jakob Simmank, ist auf jeden Fall schon einmal scheiße. Vor allem, weil sich das Leben der angehenden Ärzte aufgrund des akkuraten Scheitels und des Akademiker-Hintergrunds zu stark vom Leben der Patienten unterscheiden würde, die er im Übrigen wahlweise als verwirrtes Zeug fluchende Männer, arabische Großfamilien oder türkisch sprechende Kinder beschreibt.

Zu akademisch, zu wenig verschleiert und vor allem auch schlicht nicht asozial und desintegriert genug

Nun, was möchte uns Simmank damit sagen? Dass die Medizinstudenten in Deutschland nicht nur zu akademisch und zu wenig verschleiert, sondern vor allem auch schlicht nicht asozial und desintegriert genug sind, um ihre Patientenklientel zu verstehen? Ja, ganz offensichtlich genau das.

Was dann folgt, ist eine langweilige Beschwerde über angeblich mangelnde Chancengleichheit insbesondere was den Zugang zum Medizinstudium angelangt. So stellt Simmank empört fest, dass immer noch viel mehr Akademiker- als Arbeiterkinder studieren würden - und das eben zuvorderst in der Medizin. Während immerhin die Hälfte aller Sozialwissenschaftler eine niedrige oder mittlere Bildungsherkunft hätten, seien es bei den zukünftigen Ärzten nur 30%.

DREIßIG PROZENT. Das ist schon verdammt wenig. Oder, Moment Mal, eigentlich nicht. Sind 30% nicht sogar ziemlich viel bei einem gängigen NC von 1,0? Ist es nicht ferner beachtlich, dass mittlerweile die Hälfte aller Sozialwissenschaftler nicht aus Akademiker-Haushalten stammt? Dass wir mittlerweile sogar so viele Abiture pro Jahrgang unter mitunter zweifelhaften Methoden und der alles beherrschenden Prämisse des bedingungslosen Gleichheitsdogmas verteilen, dass wir mittlerweile Probleme haben, überhaupt noch die vielen Ausbildungsplätze zu besetzen, die jedes Jahr in Deutschland frei werden?

Was fordert Jakob Simmank eigentlich genau? Dass wir die Voraussetzungen für das Studium, wie schon im Falle des Abiturs, so weit herabsenken, bis auch noch der letzte Vollhonk Medizin studieren darf? Dass die gesamte Gesellschaft nur noch studiert und keiner mehr nach der Schule eine „schnöde" Ausbildung anfängt und arbeiten geht? Wieso geht Simmank davon aus, dass unbedingt jeder studieren muss, um glücklich zu sein?

Das Medizinstudium stellt aus gutem Grund eines der letzten universitären Refugien dar

Noch ist das Niveau an den deutschen Hochschulen jedenfalls vergleichsweise hoch, aber schon jetzt beschweren sich Dozenten und Professoren gleichermaßen über das teils erschreckende Bildungsniveau der deutschen Studenten. Zur Wahrheit des Strebens nach bedingungsleiser Gleichheit gehört eben auch, dass das Niveau nur deshalb überhaupt noch so hoch ist, weil man der inflationären Vergabe von Bildungsabschlüssen zumindest momentan noch die universitäre Selektion gegenüberstellt.

Nur wird man auch hier langsam großzügiger, wenn es um die Vergabe von guten Noten und Hochschulabschlüssen geht, aber vielleicht müssen wir das eben für ein Bisschen mehr „Diversität" in Kauf nehmen. Die Wichtigkeit von Kompetenz wird bei Ärzten ja ohnehin überschätzt.

Dabei stellt das Medizinstudium aus gutem Grund eines der letzten universitären Refugien dar, in dem noch wirklich etwas geleistet werden muss und in dem schon im Vorfeld anhand des NC's streng selektiert wird. Sicherlich kann man über die Notwendigkeit eines NC's von 1,0 diskutieren. Gänzlich sinnbefreit ist er allerdings nicht. Denn ja, es macht Sinn, dass nur die Besten eines Jahrgangs Arzt werden dürfen (wobei es über Umwege und Wartesemester ja auch mit etwas Geduld für andere möglich ist).

Ähnliches wünscht man sich nicht selten auch in Bezug auf andere Berufsgruppen, wie z.B. jener der Lehrer, wie es in Finnland übrigens schon lange gilt. Mit dem NC verbunden ist darüber hinaus auch immer ein gewisses Prestige, welches einen zusätzlichen Anreiz für die Besten darstellt, einen bestimmten Beruf zu ergreifen. In Zeiten, in denen Ärzte teils immer schlechter bezahlt werden und immer mehr Zusatzschichten schieben müssen, ein ebenfalls nicht zu unterschätzender Faktor.

Die in der Medizin so dringend benötigten kopftuchtragenden Migrantenkinder

Aber all das interessiert Simmank natürlich nicht, denn am Ende würde genau das ja dafür sorgen, dass nicht nur die deutschen Arbeiterkinder weniger oft Ärzte werden würden, sondern vor allem auch die nach Simmank in der Medizin so dringend benötigten kopftuchtragenden Migrantenkinder.

Diese würden nämlich viermal so oft eine niedrige Bildungsherkunft aufweisen als ihre deutschen Kommilitonen. Was allerdings die Gründe dafür sind, dass vor allem muslimische Migrantenkinder selbst in der dritten und vierten Generation in Bezug auf Bildung und sozialen Aufstieg immer noch weit hinter den autochthonen Deutschen und dort auch ebenfalls deutlich hinter den deutschen Arbeiterkindern liegen, darüber schweigt sich Simmank dann doch lieber aus.

Stattdessen moniert das hierarchische System in der Medizin, welches bedingungslosen Gehorsam und Höflichkeit gegenüber dem Vorgesetzten verlangen würde. Letztlich, so Simmank, der sich bei seinen Ausführungen auf ein kürzlich erschienenes Buch von Houda Hallal zur „Diversität in der Humanmedizin" bezieht, würde dies dafür sorgen, dass „Andersdenkende" oder „schwierigere" Patienten bzw. das Fremde per se im routinierten Arbeitsablauf als störend empfunden werden würden.

Dies würde laut Hallal sodann zu bösen Vorurteilen über gewisse Patientengruppen führen und einzelne Patienten gar „entpersonifizieren". Aha.

Der böse weiße Akademiker-Hintergrund-Arzt

Wir stellen also fest: Arabische Großfamilien sind gar nicht störend für den Arbeitsablauf, wenn sie in regelmäßigen Abständen in deutschen Krankenhäusern für tumultartige Zustände sorgen. Sie werden vom bösen, weißen, nicht verschleierten Akademiker-Hintergrund-Arzt nur als störend empfunden, weil dieser in seiner Angepasstheit einfach nicht in der Lage ist, sich auf die kulturelle Bereicherung, die von diesen Menschen im Krankenhaus ausgeht, einzulassen.

Das muss man natürlich wissen.

Deswegen gibt es auch Verlage, die Menschen wie Houda Hallal dafür bezahlen, dass sie diesen weltfremden akademischen Schrott in die Welt trägt, damit Gesellschaftsmodellierer wie Jakob Simmank derlei Ausführungen auf linken Presse-Plattformen wie ZEIT Campus widerkäuen können, auf dass sich künftig jeder weiße nichtverschleierte Medizinstudent mit Einser-Abi hoffentlich so richtig schämt und augenblicklich das dringende Bedürfnis verspürt, sich dafür zu entschuldigen, dass er nicht aus einer asozialen arabischen Großfamilie stammt und deswegen auch kein Verständnis dafür zeigen kann, wenn man im Krankenhausflur plötzlich auf das Krankenhauspersonal losgeht.

Dabei sei die daraus resultierende „unfreundliche Behandlung" des Arztes (nicht etwa die, der auf ihn losgehenden arabischen Großfamilie) nicht das größte Problem. So könne es durch etwaige Vorurteile auch zu Fehldiagnosen kommen - beispielsweise wenn man gemeinhin annimmt, die türkischen Männer seien besonders wehleidig und sie daraufhin nicht ausführlich genug untersucht.

Was also muss nach Simmank und Hallal getan werden, dass sich das Verhältnis von migrantischen Patienten und Ärzten verbessert?

Zum einen müsse der Medizinernachwuchs den Querschnitt der Gesellschaft besser abgebildet werden. Und da man die Kinder aus der arabischen Großfamilie nicht plötzlich so ehrgeizigen Akademiker-Intelligenzbestien erziehen kann, sollen hierfür einfach stattdessen die Zulassungsbedingungen verändert und der Zuzug von Ärzten aus anderen Ländern vorangetrieben werden.

Ob diese dann allerdings größeres Verständnis für ein solches Verhalten an den Tag legen, bleibt ungewisse, handelt es sich bei vielen ausländischen Ärzten ja auch zumeist um die aufgeklärte, obere Schicht aus den jeweiligen Ländern.

Zum anderen müsse das Medizinstudium deutlich interdisziplinärer werden. Hierfür sollen Mediziner, neben ihrem ohnehin schon forderndem Studium, welches nicht wenige schon jetzt nur mit aufputschenden und konzentrationssteigernden Medikamenten überstehen, zusätzlich mit der Sozialwissenschaft in Kontakt kommen.

Als hätte die Pseudowissenschaft der Soziologie unter der Herrschaft von linken Vollzeitideologen in den letzten Jahren auch nur irgendeine lebensnahe Bereicherung in dieser Hinsicht dargestellt.

Daneben soll selbstverständlich auch die psychosoziale Komponente eine stärkere Rolle spielen. Nur das, schlussfolgert Hallal, würde nämlich letztlich zu einer „Reflexionskultur in der Medizin" führen, die „die Werte und Normen einer modernen Gesellschaft annimmt".

Zuerst erschienen bei Tichy's Einblick (http://www.tichyseinblick.de/meinungen/zu-viele-weisse-aerzte/)

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