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Wieso ich heutzutage keine Kinder kriegen würde

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Ich kann mich noch gut daran erinnern wie ich als Kind meine Baby-Born-Puppe in einem Kinderwagen durch die Gegend schob, wie ich sie fütterte und ihr die Windeln wechselte. Wenn man Kind ist, dann ist Puppenmutter sein irgendwie ein total selbstverständliches Ding.

Genauso wie die Vorstellung, irgendwann einmal statt Puppenkindern richtige Kinder zu haben. Ich wusste jedenfalls meine gesamte Kindheit, dass ich einmal Kinder haben will. Geändert hat sich das erst mit dem Erwachsenenalter. Als aus dem abstrakten Gedanken, dass es eben dazu gehört, irgendwann ein Kind oder mehrere zu haben, eine konkrete Vorstellung wurde, die man anfing, zu durchdenken und die einem bewusst machte, wie schwer es heute ist, sich dafür zu entscheiden. Heute bin ich fast 28, Single und so weit weg von Kindern wie nie zuvor.

Die Vorstellung, „nur" Mutter und Hausfrau zu sein, löst indes Schweißausbrüche in mir aus

Ich gehöre zu den Frauen, die die ältere Generation oder jene, die ein klassisches Rollenverständnis präferieren, gerne als egoistische, karrieregeile Hedonistinnen bezeichnen. Jene Generation von Frauen, die sich die gleichen Rechte wie Männer einräumt, die ihre Erfüllung nicht mehr nur in der Rolle der Mutter suchen, sondern eben auch und vor allem in der beruflichen Selbstverwirklichung, wie sie auch Männer meist für sich benötigen, worüber sie sich in starkem Maße identifizieren.

Die Vorstellung, „nur" Mutter und Hausfrau zu sein, löst indes Schweißausbrüche in mir aus. Ich weiß, dass jede der Frauen aus Desperate Housewives nur ein müder Abklatsch von mir wäre, wenn mein Dasein künftig einzig und allein in der Aufgabe bestehen würde, den Haushalt zu machen und Kinder zu betreuen.

Dafür wird man von Hausfrauen und konservativen Männern gleichermaßen verurteilt, läge es doch schlicht in der Natur der Frau, dass ich das alles ganz toll und erfüllend finden müsse und dass mir die anderen Dinge dann automatisch nicht mehr so wichtig seien. Dabei merken sie nicht einmal, wie sie damit nur zusätzlichen Druck aufbauen, der dafür sorgt, dass man sich mehr und mehr vom Thema Kinder distanziert.

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Warum deine Entscheidung richtig ist, keine Kinder zu bekommen

Denn ja, ich weiß nicht, wie es ist, Mutter zu sein. In meiner jetzigen Lebenssituation sowieso ein Gedanke, der in weite Ferne gerückt ist. Und dennoch bin ich zu rationalen Gedanken fähig, kann mich als Mensch selbst ein wenig einschätzen.

Ja, es mag sein, dass sich dann alles ändert, dass an die Stelle des rationalen Gedankens die Irrationalität der Mutterliebe rückt, dass dann alles andere nicht mehr so wichtig erscheint, aber was ist, wenn ich genau das gar nicht will? Wenn ich genau jetzt weiß, was ich will, was ich für mich brauche und wo ich einmal stehen möchte und dass ich diese Gedanken nicht von Emotionen überdeckt wissen möchte, die vielleicht irgendwann nachlassen und eine riesen Leere ob der verpassten Chancen und Möglichkeiten hinterlassen?

Menschen ändern sich, die Dinge, die einen glücklich machen und erfüllen tun dies in Teilen auch und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch ein Kind mich glücklich machen könnte, dass sich die Persönlichkeit, der Charakter, das Wesen aber nie ganz ändert und es daher nie alles wäre, was ich zum glücklich sein brauche - eine Glückseligkeit, eine innere Zufriedenheit, die meiner Auffassung nach auch essentiell dafür ist, dass ich eine gute Mutter sein kann.

Einzig und allein schon aus dem Grund, weil mein Studium und mein Beruf meine Leidenschaften widerspiegeln. Es geht nicht um einen Job, den man ohnehin nur als Pflicht empfindet, von der man gerne bereit ist, sich zu lösen. Es geht um meine Berufung, die für mich einen untrennbaren Teil von mir selbst darstellt und ohne den ich nicht vollständig und schon gar nicht ausgelastet bin.

Fünf Jahre in die eigene Ausbildung investiert, um dann zu Hause zu bleiben

Und so wie ich denken ganz viele Frauen in meiner Generation. Vor allem jene, die studieren oder bereits über einen akademischen Abschluss verfügen. Man hat eben nicht mindestens fünf Jahre in die eigene Ausbildung investiert, um dann zu Hause zu bleiben. Wir wollen wie die Männer mehr und das ist nichts, für das wir uns schämen müssten, nur weil wir einen Uterus haben und qua Natur zum Kinderkriegen imstande sind.

Diese Generation wird man in ihrer Persönlichkeit, in ihren grundsätzlichen Einstellungen nicht ändern.

Man kann als Konservativer und in den konservativen Parteien das traditionelle Rollenbild propagieren, aber es ist und bleibt etwas, was die jüngere Generation von gutausgebildeten Frauen hinter sich gelassen hat, für das sie sich zum Großteil nicht mehr begeistern lässt und lassen wird. Die Zeit lässt sich nun einmal nicht zurückdrehen und wir wollen das auch gar nicht.

Noch immer sind Kinder vor allem für Frauen das größte Armuts- und Karriererisiko

Statt im Gestern festzuhängen und das alte Rollenbild zurückzufordern, sollte die Politik, die Gesellschaft stattdessen dazu übergehen, sich mit dem Rollenverständnis meiner Generation zu arrangieren und endlich auf die dadurch neu entstandenen Bedürfnisse einzugehen.

Noch immer sind Kinder vor allem für Frauen das größte Armuts- und Karriererisiko. 80% der Frauen finden nach der Schwangerschaft nie wieder wie vorher in ihren alten Beruf zurück. Eine exorbitant hohe Zahl.Viele landen in der Teilzeitfalle oder schaffen gleich nie wieder die Rückkehr in den alten Beruf, weil ihre Stelle in der Zwischenzeit wegrationalisiert oder anderweitig vergeben wurde.

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Während Kinder Männern im Beruf zumeist positiv angerechnet werden, sind sie bei Frauen für viele Arbeitgeber ein Grund, sie nicht einzustellen, weil es in der Regel immer noch die Frau ist, die im Krankheitsfall der Kinder ausfällt, weil ihr das Kümmern um die Familie immer noch einseitig aufgetragen wird.

Gerade einmal sechs Prozent der deutschen Väter sind in Teilzeit berufstätig. Unter den berufstätigen Müttern sind es 70 Prozent. Das liegt jedoch nicht nur an der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Männer, sondern vor allem auch daran, dass die Frau in den allermeisten Fällen weniger verdient. Ein Umstand der mitnichten ausschließlich in einer unterschiedlichen Berufswahl begründet liegt, wie gerne argumentiert wird.

Selbst bei gleicher Qualifikation in der gleichen Branche verdienen Frauen oftmals weniger. In manchen Branchen bis zu 25%. Daher ist es auch schon aus finanziellen Erwägungen letztlich zumeist die Frau, die zu Hause bleibt. Da kann der Mann noch so offen für Gleichberechtigung und Elternzeit sein.

Für einige mögen auch diese Erwägungen wieder kalt und berechnend wirken, aber fragen Sie sich doch einmal als Mann (gesetzt dem Fall, Sie sind zufrieden mit Ihrem Beruf), ob Sie Kinder kriegen, ob Sie dieses Risiko eingehen würden, wenn Sie eine 80%ige Wahrscheinlichkeit hätten, nie wieder wie vorher in ihrem Beruf arbeiten zu können.

Dass es eher wahrscheinlicher ist, dass Sie zu den 70 Prozent Ihrer Geschlechtsgenossen mit Kindern gehören, die in Teilzeit arbeiten, während es beim anderen Geschlecht gerade einmal sechs Prozent sind. Dass Sie vielleicht gar nicht mehr in Ihren Beruf zurückkehren können, weil man Sie aufgrund der Kinder nicht mehr einstellt.

Dass Sie letzten Endes durch die Entscheidung, Kinder zu kriegen, sehr wahrscheinlich eine Entscheidung gegen Ihre Karriere treffen, die unabänderlich ist und die Sie obendrein noch Ihren gesamten Lebensplan und Ihr finanzielles Fundament kosten könnte, wenn Sie Ihre Frau verlässt und Sie plötzlich Alleinerziehender sind. Würden Sie dann noch über Frauen wie mich reden, wie Sie es jetzt tun?

Die Natur mag uns zum Kinderkriegen auserkoren haben, aber die Wahrheit ist auch, dass wir heute keine Kinder mehr bekommen müssen

Überall wird über den demographischen Wandel und darüber gestöhnt, dass wir im Gegensatz zur migrantischen, zumeist muslimischen Bevölkerung kaum noch Kinder bekommen würden und sich daher die Mehrheitsverhältnisse innerhalb der Bevölkerung drastisch verändern werden.

In der Folge wird man als Frau gerne lapidar dazu aufgefordert, Opfer im Sinne der Gesellschaft zu bringen, da man ja nun einmal das Geschlecht sei, welches zum Kinderkriegen von der Natur auserkoren wurde. Dass man in einer Gesellschaft, die sich gleichberechtigt gibt, auch als Mann bereit sein sollte, dahingehend Opfer zu bringen, wenn man den demographischen Wandel bremsen möchte, ist den meistens hingegen nicht ersichtlich.

Aber heute haben wir die Wahl. Die Natur mag uns zum Kinderkriegen auserkoren haben, aber die Wahrheit ist auch, dass wir heute keine Kinder mehr bekommen müssen, wenn wir es nicht wollen und genau das erleben wir gerade. Wenn wir also wieder mehr Kinder in der Gesellschaft haben wollen, sollten wir vielleicht auf die veränderten Ansprüche der Frauen eingehen, statt sie per se als egoistische Hedonistinnen zu verunglimpfen oder ihnen die Rolle der Mutter und Hausfrau wieder schmackhaft machen zu wollen.

Würde das funktionieren, würden Parteien wie die CSU und die Afd nicht vor allem bei jungen, weiblichen Wählern so schlecht dastehen. Was wir brauchen ist eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen und wenn ich das anmerken darf, nicht zuletzt auch Männer, denen man vertrauen kann, dass sie einen dahingehend nicht im Stich lassen. Dass man sich auf sie verlassen kann, nicht für die Nächstbeste verlassen oder bei den ersten Problemen gleich geflüchtet wird.

Denn neben einem Staat und Unternehmen, die es Frauen schwer machen, Kinder und Beruf miteinander zu vereinbaren, ist es vor allem auch eine Generation von Männern, die sich nicht festlegen, die keinerlei Verantwortung übernehmen will und die die Entscheidung für Kinder für Frauen wie mich so schwer macht.

Das Problem ist, dass wir seit jeher die falschen Anreize in Deutschland setzen

Ich verurteile keine Frau, die sich bewusst für das Hausfrauen- und Mutter-Dasein entscheidet, aber ich möchte auch nicht länger als unnatürliche Erscheinung behandelt werden, weil Kinder nicht die einzige Erfüllung für mich darstellen, weil für mich mehr zum glücklich sein gehört. Das Problem ist, dass wir seit jeher die falschen Anreize in Deutschland setzen. Dass wir Kinder für die einen zur Einkommensquelle machen, während sie für die anderen zum Risiko werden.

Dass während junge, gut ausgebildete Frauen wie ich noch darüber nachdenken, ob sie sich Kinder finanziell und beruflich leisten können, Mandy-Chantal oder die arabische Muslimin, der sich die Fragen aufgrund mangelnder Gleichberechtigung in ihrem Kulturkreis gar nicht stellen, bereits fünf Kinder auf Hartz IV bekommen haben.

Ja, wer möchte, dass auch die obere Mittelschicht, die gutausgebildeten Frauen Kinder bekommen, der muss für diese die passenden Anreize schaffen. Der darf einer Hartz IV-Familie nicht mehr Leistungen zukommen lassen als der arbeitenden Bevölkerung, die ebenfalls den Mut aufbringt, Kinder zu bekommen und diese selbst finanziert.

Ja, ich wollte immer Kinder haben als die Vorstellung noch eine Abstrakte war, als all das noch weit weg erschien. Heute will ich eigentlich immer noch Kinder, aber nicht zu diesen Konditionen, nicht zu diesem Preis, den ich in einer Gesellschaft zahlen muss, die jene begünstigt, die sich darauf ausruhen, während man ehrgeizigen Frauen wie mir nur Steine in den Weg legt.

Wir sind nicht kinderlos, weil wir egoistische Hedonistinnen sind, sondern weil unsere Vorstellungen von Selbstverwirklichung und eigenem Anspruch an einer politischen Realität scheitern, die uns nicht unterstützt.

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Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

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