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Es geht nicht um persönliche Befindlichkeiten

14/08/2015 11:48 CEST | Aktualisiert 14/08/2016 11:12 CEST
dpa

Eines muss man den Journalisten von der etablierten Presse ja lassen: Man ist vorsichtiger, ja reflexiver und selbstkritischer geworden, seitdem man weiß, dass man in den letzten Jahren viel an Glaubwürdigkeit gegenüber dem Publikum hat einbüßen müssen, dass der wütende Internetmob nur allzu gerne hinter vielem sofort eine Verschwörung vermutet bzw. allzu große „Systemnähe" und zu viel Distanz zum Volk unterstellt.

Selbst als Gastautorin und Vollzeitstudentin, die hin und wieder Blogposts in der Huffington Post veröffentlicht, muss man sich solche Vorwürfe gefallen lassen. Die Unterstellung und das Misstrauen, man schreibe für die „Mächtigen dieser Welt" - wer auch immer das im konkreten Fall nun genau sein soll - schwingt überall mit.

Die Medien üben sich in Selbstkritik

Jedenfalls ist man jetzt selbstkritisch und übt sich darin, mit neu gewonnener Selbstreflexion auch einmal die eigene Rolle in der Vermittlung von Informationen und Darstellung von Sachverhalten zu hinterfragen. So geschehen jüngst auch in der Debatte um Til Schweiger und sein geplantes Vorzeige-Flüchtlingsheim in Osterode am Harz.

Nachdem man sich kurz zuvor noch voller Häme über Schweiger und seine wütenden Posts mit zu vielen Ausrufezeichen lustig machte, nachdem man die Debatte schon empfindlich geschwächt hatte, indem man den Schauspieler und Filmemacher elitär und von oben herab für sein politisches Engagement belächelte, statt mit ihm an einem Strang zu ziehen, wurden in den letzten zwei Tagen plötzlich dann doch Töne laut, die Schweiger in Schutz nahmen und darüber hinaus selbstkritisch einräumten, dass es dem Anliegen nicht dienlich sei, wenn man sein Engagement auch noch von medialer Seite zerlege.

Und das, wo man doch eigentlich froh sein könne, dass sich jemand, der eben jene verunsicherte Mitte der Gesellschaft erreichen würde (was die etablierte Presse in ihrer elitären Entfremdung selbst oft nicht mehr schafft), sich für solche Themen einsetze.

Vor allem die Süddeutsche überschlug sich geradezu mit ihrem Plädoyer für Schweiger und analysierte messerscharf, was es denn mit der sogenannten „Call out culture" auf sich habe, bei der jemand, der neu zu einer Debatte stößt, für sein vielleicht teils naives Verhalten bzgl. der Thematik von all jenen belächelt oder sogar kritisiert wird, die schon länger zur In-Group gehören und sich besser auszukennen meinen.

Das Rassismus-Problem ist zu groß für solche Diskussionen

Ein begrüßenswerter Ansatz, der sich auch in den Kommentaren zu Schweigers Auftritt in Dunja Hayalis „Donnerstalk" am gestrigen Abend widerspiegelt und in denen Schweiger durchweg sehr positiv wegkommt. Erleben wir hier nun so etwas wie eine Kehrtwende der etablierten Medien? Hat man bisweilen begriffen, dass die Debatte und vor allem das dahinter stehende Problem des Rechtsradikalismus und Rassismus in diesem Land zu ernst, zu groß ist, als dass man es sich leisten könne, sich in elitärer Klein-Klein-Kritik zu zergehen?

Zweifelsohne ist ein wichtiger Schritt gemacht worden. Hinaus aus der teilweise schon absurd anmutenden Hybris gegenüber Schweiger und seinem Engagement, dem unsäglichen Sezieren jedes einzelnen Satzes eines Mannes, der bei seinen Posts auf erfrischende Art und Weise seinen Emotionen einfach mal freien Lauf lässt, statt jedes Wort vorher genau auf politische Korrektheit zu überprüfen, hin zu einer Rückbesinnung auf das, worum es eigentlich in der Debatte geht und wofür sich auch die hiesige Presselandschaft als wichtige Säule der Demokratie genauso einsetzen sollte wie es Schweiger tut. Und dennoch geht dieser Schritt noch nicht weit genug.

„Ich bin der erfolgreichste Filmemacher hier in Deutschland."

Til Schweiger hat an diesem Abend bei Dunja Hayali viel Richtiges und Wichtiges gesagt und er sagte es in einer Sprache, die authentisch und verständlich für jeden war. Etwas, was man in den Polit-Talkshows dieses Landes oft so schmerzlich vermisst, wenn sich die eigentlichen „Polit-Profis" unterhalten. Und dennoch war wohl jedem, der die Sendung am gestrigen Donnerstagabend verfolgte klar, dass es genau einen Satz geben würde, den man am nächsten Tag überall in der Presse wird lesen können.

Angesprochen auf die Unterstellung, er würde sich eventuell aus PR-Zwecken engagieren, antwortete Schweiger gewohnt ehrlich, indem er klarstellte, dass er PR doch gar nicht nötig hätte, sei er doch der erfolgreichste Filmemacher Deutschlands. Ein stichhaltiges Argument, welches ich ebenfalls in meinem kürzlich erschienenen Blogpost aufnahm. Aber natürlich war das wieder einmal zu ehrlich, zu wahr und unverschnörkelt ausgedrückt, als das man hätte einfach darüber hinweggehen können oder es gar als positive Ehrlichkeit gewertet hätte.

Und hier zeigt sich, dass die etablierte Presse, wenn auch in deutlich abgeschwächter Form, sich selbst treu bleibt. Dass dieser Satz am heutigen Morgen nahezu für jeden Kommentar von Süddeutsche bis zu Focus online den Aufhänger bildet, zeigt auf, dass man sich immer noch an Schweiger und dem, was er sagt und wie er es sagt, aufhängt, wo man doch eigentlich betont hatte, man wolle sein Augenmerk wieder auf die eigene Problematik der Debatte richten.

Aber Deutschland ist halt nicht die USA, wo man erfolgreiche Menschen für ihren Erfolg schätzt und bewundert. In Deutschland muss man sich in Demut üben, wo man kann. Selbst wenn es unehrlich ist. Schweiger ist vielleicht der erfolgreichste Filmemacher hierzulande und hat daher sicherlich keine PR nötig, die ihm aufgrund des Themas und der medialen Ausschlachtung ohnehin teilweise sogar eher schadet, aber sagen darf man das natürlich so nicht.

Unnötige Spitzfindigkeiten in den Medien

Dass wir immer noch nicht gelernt haben, uns auf die eigentliche Sache zu beziehen, immer wieder in das alte Muster zurückfallen, uns an Randbemerkungen aufzuziehen und uns in unnötigen Spitzfindigkeiten zu ergießen, zeigt, was nach wie vor das Problem an der ganzen Debatte überhaupt ist:

Uns geht es zu gut. Und weil es uns zu gut geht, weil es der deutschen Presse und allen, die immer so gerne kritische und anmaßende Kommentare unter Schweigers Posts schreiben, zu gut geht, haben wir immer noch nicht verstanden, wie ernst das Thema wirklich ist und dass wir es uns eigentlich so gar nicht leisten können, uns an solchen Nichtigkeiten aufzuhalten.

Darüber hinaus bleibt die Selbstkritik der Pressevertreter immer noch nur diffus. Fast bekommt man den Eindruck, man schiebe sich gegenseitig den schwarzen Peter zu, indem man sich wahlweise in allgemeiner Kritik oder, wenn überhaupt, Bezügen zu anderen Pressevertretern übt, wenn es darum geht, auf das zu verweisen, was bis jetzt in der Debatte schief gelaufen ist.

Dieser Umstand zeigt einmal mehr, dass es noch lange nicht wieder ausschließlich um die Vermittlung von Informationen und das Sachliche geht. Wenn die etablierte Presse dieser Tage Selbstkritik übt, dann geht es auch immer ein bisschen darum, den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen und mit dem Finger auf die anderen zu zeigen. Und auch gegenüber Schweiger tritt man zwar deutlich wohlwollender auf, aber immer noch von oben herab.

Die Presse belächelt Til Schweiger noch immer

So zeigt sich zwischen den Zeilen des neu formulierten Lobes gegenüber Schweiger immer noch, wie die Presse ihre eigene Rolle in der Debatte beurteilt. Mit Schweiger, dem Schauspieler, der gerade heraus und mit für den Pressegeschmack zu vielen Satzzeichen sagt, was er denkt, sieht man sich in der Debatte um Flüchtlinge immer noch nicht auf Augenhöhe. Man behält die Zügel in der Hand, beurteilt von außen, lobt ihn für sein „naives" aber gut gemeintes und irgendwo, wenn man ehrlich ist, doch wichtiges Engagement.

Aber diese Art von Lob ist keine inhaltliche Zusammenarbeit gegen den aufkeimenden Rassismus in diesem Land. Es ist die Art des Lobes, die Hierarchien in der Debatte sichtbar macht und so wirkt, als lobe man das Kind für sein nicht gerade schön gemaltes Bild. Der Wille zählt, aber die Call-Out-Culture wird genauso betrieben wie vorher. Nur eben etwas weniger kritisch.

Dennoch: Der Anfang ist gemacht. Eine Kehrtwende in der Debatte erscheint möglich. Dabei geht es gar nicht darum, einen Kniefall vor Til Schweiger zu machen, nur weil er prominent und als Schauspieler und Filmemacher erfolgreich ist - weder der normale Bürger muss das, noch die Presse.

Auch soll und kann die Presse sich in gegenseitiger Kritik üben. Aber weder das eine noch das andere sollte der inhaltlichen Debatte das Wasser abgraben. Denn wie auch Dunja Hayali am Ende des Gespräches mit Schweiger ganz richtig feststellte, geht es nicht um persönliche Befindlichkeiten. Weder um die von Til Schweiger, noch die der Presse oder sonst irgendwem.

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