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Feminismus: Reaktionen der Männer, Beruf, Sex

21/09/2015 16:20 CEST | Aktualisiert 21/09/2016 11:12 CEST
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„This is a man's world..."

Seit geraumer Zeit höre ich James Browns kräftige Stimme nun schon in meinem Kopf dröhnen. Immer dann, wenn ich über den Platz meiner Geschlechtsgenossinnen und mir in der heutigen Welt sinniere. Immer dann, wenn ich über Gleichberechtigung nachdenke. Und immer dann, wenn mich das alles besonders nervt.

Fast 50 Jahre ist der Song alt, den James Brown mit seiner damaligen Lebensgefährtin geschrieben haben soll und den das Musikmagazin Rolling Stone einmal als „biblisch chauvinistisch" bezeichnete. Und fast erscheint es mir so, als wenn Brown mir damit gut 9 Jahre nach seinem Tod etwas sagen will. Als wenn er mir sagen will: Mädchen, sieh es ein. Diese Welt gehört noch immer uns Männern. Auch heute. Auch in 2015.

Wenn ich über den Feminismus und seine Notwendigkeit schreibe, spreche, diskutiere, ärgert mich eine Sache immer besonders: Die Kommentare der Männer. Manchmal erscheint es mir so, als sei der Feminismus DAS Reizthema, zu dem vor allem Männer eine Meinung haben.

Und meist ist es keine Meinung, die man mit den Worten „verständnisvoll", „reflektierend" und „einsehend" beschreiben könnte. Ja, wenn ich drei Wörter wählen müsste, die stattdessen zutreffen, so wären es wohl „erklärend", „belehrend" und „verharmlosend".

Männer erklären die Welt

Es ist wahrlich ein Phänomen, in welchem Ausmaß die unterschiedlichsten Männer dazu neigen, einem die Welt erklären zu wollen. Als wäre es völlig selbstverständlich, dass sie das tun. Wildfremde Männer, die dich überhaupt nicht kennen, schreiben dir private Nachrichten bei Facebook, in denen sie dir dann zum Beispiel erklären, wie man Facebook am Besten benutzt.

Da spielt es auch keine Rolle, ob der Mann zehn Mal dümmer ist als du. Wenn er dir etwas erklären will, will er dir etwas erklären und es ist völlig selbstverständlich für ihn, dass er das auch kann.

Ähnlich verhält es sich in Bezug auf politische Themen (als angehende Politikwissenschaftlerin habe ich natürlich auch davon keine Ahnung) und vor allem, wenn es um die Feminismus-Debatte geht. Denn der Mann erklärt der Frau auch gerne den Feminismus.

Er erklärt ihr, wie sie zu empfinden hat, ob sie sich belästigt fühlen darf und ob der Feminismus überhaupt noch notwendig ist. Denn der Mann weiß natürlich viel besser, wie der Hase läuft und die Frau ist wahrscheinlich einfach nur hysterisch.

Selbst bei den ureigenen Empfindungen einer Frau, die er, mit Verlaub, nicht wird nachvollziehen können. Denn er ist in der Regel nicht die Person, die dem anderen Geschlecht körperlich unterlegen ist. Er wird nie verstehen, dass vom Mann genau aus diesem Grund immer ein anderes Bedrohungspotenzial ausgehen wird als von der Frau. Dass die Wahrnehmung von Mann und Frau da einfach zu Recht eine andere ist.

Belehrung inklusive

Und freilich ist in diesem Drang zur Erklärung des Feminismus die Belehrung schon enthalten. Denn viele Männer erklären nicht nur unglaublich gerne, sie belehren auch gerne und geben Tipps, wie Frau die Welt denn richtig sieht und wie sie richtig handelt.

Dabei ist ihm dann häufig auch nicht klar, dass er sich damit nur allzu oft längst in der Spirale des sogenannten „Victim Blaming" befindet, also der Frau letztlich indirekt die Schuld daran gibt, wenn sie belästigt wird. Frei nach dem Motto: "Wenn ihr nicht belästigt werden wollt, dann macht die Männer doch nicht so scharf."

Ein Argument, welches mich zugegebenermaßen immer ein wenig an die Logik des fundamentalistischen Islam erinnert, wenn den Frauen dann letztlich eine Burka oder ein Nikab übergeworfen wird.

In diesem Sinne ein fettes Dankeschön an all euch schlaue Männer mit euren wertvollen Tipps. Ohne euch würde ich mich ganz sicher nicht in dieser Welt zu Recht finden.

So wird verharmlost

Und da der Mann natürlich viel besser über den ganzen Feminismus-Quatsch Bescheid weiß. Da er viel besser weiß, welche Empfindungen einer Frau berechtigt sind und welche nicht. Und weil er ja auch gute Tipps für die Frau parat hat, wie sie zu mehr Gleichberechtigung und darüber hinaus weniger Belästigung durch Männer kommt, verharmlost er auch gerne.

Bei jährlich 15.000 angezeigten Vergewaltigungsfällen (die Dunkelziffer liegt um ein vielfaches höher) allein in Deutschland kommt dies einer Verhöhnung schon sehr nah. Dabei muss es nicht mal zur Vergewaltigung kommen. Nahezu jede Frau gibt an, in ihrem Leben schon mindestens einmal Opfer sexueller Belästigung geworden zu sein.

Verlässliche Daten über Internetstalking gibt es nicht und als Frau kann man auch kaum etwas dagegen tun. Das Internet hat bei vielen noch einmal die Hemmschwelle gesenkt. Ein „Ich habe kein Interesse" zählt oft nicht mehr und beleidigende, sexuell belästigende Mails sind an der Tagesordnung.

Und ja, liebe Männer, es mag sein, dass man auch als Mann hin und wieder solche Mails bekommt. Dass auch Frauen manchmal aufdringlich sein können, aber das Kräfteverhältnis ist und bleibt in der Regel das Gleiche.

Männer haben bis heute im Schnitt ein stärkeres Bedürfnis, Macht zu besitzen. Als Frau mit politischer Meinung, die diese auch kundtut, bekomme ich das immer wieder am eigenen Leib zu spüren. So erhielt ich kürzlich in einer Diskussion folgende Antwort:

„Mir schwant gerade, wieso du so viel Pech mit Männern hast."

Davon abgesehen, dass mich der Typ nicht einmal persönlich kannte und daher gar nicht beurteilen konnte, ob und welche Probleme ich denn mit Männern habe, offenbart sich hier etwas, was ich in Bezug auf Männer in der politischen Diskussion schon oft erlebt habe:

Wenn ihm die inhaltlich/sachlichen Argumente ausgehen, versucht er entweder

  • a) dich auf deine Optik zu reduzieren und damit mundtot zu machen oder

  • b) dich als vermeintlich frustrierte Alte darzustellen, die einfach nur keinen abbekommt und ihre Meinung sicherlich ändern würde, wenn sie einfach nur mal wieder ordentlich durchgef**** werden würde.

Als Frau möchte man da nur allzu oft schreien und dem Typen mitteilen, dass man sehr wohl sehr viel und guten Sex hat. Nur eben nicht mit Typen wie ihm. Aber dann würde man sich ja auf seine Gesprächsebene einlassen und dann hätte er einen da, wo er einen haben will: Nicht mehr auf der sachlichen Ebene, auf der er anscheinend längst nicht mehr in Lage ist, zu argumentieren.

Aber natürlich denkt er am Ende trotzdem, er hätte die Diskussion für sich entschieden.

Eine erschreckende Zahl

Sexismus, mangelnde Gleichberechtigung... all das ist immer noch alltäglich. Dabei merken selbst die guten, die netten, die überhaupt nicht belästigenden Männern oft gar nicht, wie sehr sie noch in tradierten Rollenbildern festhängen.

Und die Frauen? Die helfen ihnen vielfach noch dabei, dieses Bild aufrechtzuerhalten, indem sie sich ganz freiwillig in die ihnen zugedachte Rolle begeben.

„This is a man's world...." - Das Dröhnen der Stimme James Browns in meinem Kopf wird heftiger. Langsam bekomme ich das Gefühl, er lacht mich aus. Ich schweife ab. Weg vom ernsten Thema der sexuellen Übergriffe, Belästigungen und Machtspielchen zur Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Ich denke über all die Artikel und Bücher nach, die ich in der letzten Zeit zum Thema gelesen habe. 80 Prozent der Frauen, so eine Studie, finden nach dem Kinderkriegen nie mehr in die alte Position in ihrem Job zurück.

Entweder sie bleiben gleich Hausfrau oder kommen auf Teilzeit zurück, wo sie dann, so lese ich ebenfalls, oft Stück für Stück wegrationalisiert werden. ACHTZIG PROZENT.

Diese wenigen Worte beschreiben alles

Ich beschließe den Songtext von James Brown zu googlen. Vielleicht habe ich den Song ja gar nicht mehr richtig im Gedächtnis.

„This is a man's world

This is a man's world

But it wouldn't be nothing, nothing without a woman or a girl.

You see, man made the cars to take us over the road

Man made the trains to carry heavy loads

Man made electric light to take us out of the dark

Man made the boat for the water, like Noah made the ark

This is a man's, a man's, a man's world

But it wouldn't be nothing, nothing without a woman or a girl

Man thinks about a little bit of baby girls and a baby boys

Man makes them happy 'cause man makes them toys

And after man has made everything, everything he can

You know that man makes money to buy from other man

This is a man's world

But it wouldn't be nothing, nothing without a woman or a girl

He's lost in the world of man

He's lost in bitterness."

Ich lese, dass der Songtext auf den Beobachtungen seiner damaligen Lebensgefährtin Betty Jean Newsome beruhen würde. Diese hätte das Gefühl gehabt, dass die Welt zwar von Männern erbaut worden wäre, sie ohne Frauen aber nichts wert sei. Viele würden darin eine Relativierung der Aussage „This is a man's world" sehen. Ich nicht.

Eigentlich belegt es nur auf traurige Weise, wie sich Frauen selbst die Rolle als Unterstützerin, als Rückenfreihalterin des Mannes zuweisen. Etwas, was ich zu einem großen Teil auch noch heute beobachte.

Frauen, die sich freiwillig in die Rolle des Sidekick des Mannes begeben, die gerne die Nebenrolle als Hausfrau und Mutter spielen, damit der Mann weiterhin die Hauptrolle in seinem eigenen Leben und seiner Karriere spielen kann. Ja, ohne sie wäre das nicht möglich.

Der Einfluss der Natur

Ich frage mich, ob das eben die Natur der Frau ist. Ob das wirklich die Erfüllung für sie ist oder doch ein auferlegtes Rollenbild. Ein Selbstverständnis, welches weniger aus der weiblichen Natur herrührt denn aus einem tradierten Rollenbild, welches viele von uns bis heute nicht komplett abgeschüttelt haben.

Bin ich einfach nur komisch? Gar keine richtige Frau? Ist meine Einstellung wider der Natur, wenn ich Kinderkriegen nicht als absolute Erfüllung meiner Weiblichkeit ansehe, weil ich eben ganz genau weiß, dass sie mich mit achtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit daran hindern werden, meine eigenen beruflichen Träume zu verwirklichen?

Und wieso werde ich als Frau in öffentlichen Diskussionen, in denen ich diese Ansprüche an mein Leben erhebe, als karrieregeile Egoistin dargestellt, während genau dieses Anspruchsdenken beim Mann als völlig normal angesehen wird?

Geld spielt doch eine Rolle

„This is a man's world...." - James kann einfach nicht die Klappe halten. Aber wieso sollte er auch? Die Realität gibt ihm Recht. Denn selbst, wenn ich als Frau einen Mann hätte, der nicht in diesen tradierten Rollenbildern festhängt, dann ist die Entscheidung, wer beruflich zurücksteckt, häufig auch schlicht einfach eine des Geldes.

Noch immer verdient der Mann im Schnitt deutlich mehr als die Frau. Und das nicht nur, weil der Mann gerne Ingenieur wird und die Frau gerne irgendetwas im sozialen Bereich. Auch bei gleicher beruflicher Qualifikation verdienen Frauen heute im Schnitt noch bis zu 25 Prozent weniger als Männer.

Vielleicht ist alles nur Frust

„Ooooh this is a man's world..." - Ich beginne, mit James einzustimmen. Manchmal lese ich, wenn ich am Wochenende bei meinen Eltern bin, regelrecht argwöhnisch die Hochzeits- und Geburtenanzeigen in der regionalen Tageszeitung und freue mich dann, wenn ich die Namen von Leuten lese, die ich von früher aus der Schule oder wo auch immer her kenne.

Hin und wieder gebe ich dann einen zynischen Kommentar über den Namen des Kindes oder den Nachnamen des Ehemannes ab. Ist das vielleicht wirklich schon das nächste Level auf der Frustrationsskala oder doch nur die Ablehnung eines Konstruktes von Ehe und Familie, das Frauen immer noch in hohem Maße benachteiligt?

Muss ich vielleicht doch noch viel besser durchgevögelt werden, damit diese feministischen Gedanken endlich aufhören? Damit ich auch Bock auf so etwas habe und nicht in all diesen Dingen eher die Beschneidung meiner eigenen Freiheit und Erfüllung denn meine unerfüllten Sehnsüchte sehe?

Muss dieses Land sich wirklich darüber wundern, dass gebildete und gut ausgebildete Frauen Ansprüche entwickeln und dass diese Ansprüche nur allzu oft nicht mit der Realität zu vereinbaren sind, weil alles und jeder gegen uns selbstbewusste moderne Frauen arbeitet?

Und alle machen mit...

Weil uns die modernen Männer nicht mit Verständnis begegnen und unsere Geschlechtsgenossinnen beim „Bachelor" und „Germany's Next Topmodel" mitmachen und so zu Vorbildern der nächsten Generation werden, die denkt, man hätte als Spielerfrau, Bacheloranwärterin oder Mädchen, was geradeaus einen Laufsteg entlang laufen kann, mehr erreicht, als eine Wissenschaftlerin, Ministerin oder Frauenrechtlerin.

Ich glaube, es war Ronja von Rönne, die 23-jährige Nachwuchs-Star-Kolumnistin der „Welt", die vor einiger Zeit schrieb, dass sie der Feminismus anekeln würde und die dafür von allen Seiten Applaus erhielt.

„This is a man's world...." - Manchmal habe ich die Befürchtung, du könntest Recht haben, James.

Mehr Beiträge von Anabel Schunke findet ihr hier

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