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Liebe Menschen aus Freital

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FREITAL
Getty Images
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Ich kenne euch nicht, aber vermutlich seid ihr in den letzten Jahren nicht viel auf die Straße gegangen. Habt euch wahrscheinlich noch nie darüber aufgeregt, dass die untersten Einkommensschichten hierzulande durch Leiharbeit, Hartz4 und Co. immer weniger von ihrem Geld leben können und dass man die, die ohnehin schon viel haben, nie zur Kasse bittet. Dass es weder Vermögenssteuer noch eine vernünftige Erbschaftssteuer gibt.

Sicherlich habt ihr euch damals auch nicht aufgeregt als die Bankenrettung während der Wirtschaftskrise in den Jahren 2007/08, diese vielen Milliarden und Aber-Milliarden Euro, mit euren Steuergeldern bezahlt wurden. Auch habt ihr wahrscheinlich noch nie darüber nachgedacht, wie sehr wir hierzulande von der Ausbeutung all der Länder profitieren, aus denen die vielen Flüchtlinge jetzt den Weg über das Mittelmeer zu uns antreten.

Und wenn, dann habt ihr es vermutlich wie so viele andere Menschen ohne schlechtes Gewissen einfach hingenommen. Es geht ja schließlich um unseren Wohlstand und da stellt ihr dann schnell fest „dass ja nun einmal nicht jeder unseren Lebensstandard haben kann" und da ihr zufällig durch die Gnade der Geburt im richtigen Land geboren worden seid, ist es auch kein Problem für euch, die eigene moralische Integrität (vermutlich haben die meisten von euch auch nie eine besessen) hinten anzustellen.

Wieso sollte man auch Empathie haben mit den ganzen, wie ihr sie nennt, „Negern" und „Bimbos"?

Wieso sollte man sich hilfsbereit und solidarisch mit diesen Menschen zeigen, während es euch selbst und so vielen hier im Lande nicht gut geht? Denn wir, das glaubt ihr zumindest, wir sind ja irgendwie besser, weil wir Deutsche sind und es daher wichtig ist, erst einmal dafür zu sorgen, dass es uns allen gut geht.

Dass es denen „da unten", in Ländern Afrikas, in Syrien etc. nicht gut geht, das liegt ja schließlich nicht daran, dass wir seit der Kolonialzeit systematisch Krieg und Hunger in diesen Ländern säen. Dass liegt nicht an euch, die ihr das hinnehmt. Nein, wenn es nach euch geht, dann liegt es einfach an Darwin. Daran, dass die einen eben besser, stärker und schlauer sind als die anderen. Dass wir das eben besser hinkriegen mit der Zivilisation und der Wirtschaft als die dort.

Wenn da jemand stirbt, dann ist das für euch eben natürliche Selektion.

Survival of the fittest nennt ihr das. Und fast ist es schon witzig, dass ausgerechnet ihr euch für die Stärkeren, die Schlaueren, Besseren haltet. Wäret ihr doch schließlich die ersten, die ohne unseren Sozialstaat dem Prinzip "Survival of the fittest" zum Opfer fallen würden.

Allerdings kann ich über so viel Blödheit und unbegründete Arroganz schon gar nicht mehr lachen. Denn leider behaltet ihr sie nicht für euch. Leider steht ihr damit vor dem Flüchtlingsheim in eurer Stadt und beschimpft mutwillig jene, die unsere Hilfe gerade am allermeisten benötigen.

Dabei ruft ihr so etwas wie „Hurensöhne" und mir wird jedes Mal ganz schlecht, wenn ich euch im Fernsehen oder Internet dabei zusehen muss, weil es mich an so schrecklich düstere Zeiten erinnert und weil ich mich in diesen Augenblicken so sehr schäme, dass wir aus einem Land kommen.

Zum Glück ist mir meine Nationalität nicht so wichtig und so fühle ich mich dann doch nicht so verbunden mit euch, nur weil wir aus einem Land kommen. Viel verbundener fühle ich mich dagegen mit den hilfsbedürftigen Menschen bei euch, die ihr so schäbig behandelt. Und dafür braucht es für mich keine gemeinsame Nationalität. Dafür braucht es für mich nur ein wenig Mitgefühl.

Ihr wollt keine Flüchtlinge in eurem Land, weil es euch wichtig erscheint, dass wir uns erst mal um die Menschen in unserem Land kümmern?

Ich sage euch etwas: Ihr hättet ganz viel Zeit gehabt, dafür etwas zu tun. Ihr hättet viele Jahre protestieren, demonstrieren, euch informieren und bilden können.

Gegen die Ausbeutung dieser Länder, unseren Wohlstand auf deren Kosten, gegen den Hunger, für den Schuldenerlass. Ihr hättet gegen das Schüren von Konflikten in Ländern wie Syrien, Afghanistan und den Irak aufbegehren können. Gegen den „Kampf gegen den Terrorismus", der nur noch mehr Terroristen züchtet.

Ihr hättet wütend sein können, als ihr mit euren Steuergeldern die Banken gerettet habt und als mal wieder öffentlich wurde, wie viel der Bürokratie-Apparat der Jobcenter verschlingt, wo vielen Menschen überhaupt nicht geholfen wird. Bei all diesen Dingen hättet ihr mit eurer Stimme, eurem Engagement dazu beitragen können, dass es den Menschen in eurem Land besser geht.

Etwas, was euch nach eigenen Aussagen so wichtig ist, wie nichts anderes. Mit ein wenig Interesse an unserer Außen- und Wirtschaftspolitik wüsstet ihr darüber hinaus, was das eigentliche Problem ist und wieso diese Flüchtlinge zu uns kommen und nicht in ihren Ländern bleiben können und dass das nicht irgendwelche von uns isolierten und weit entfernten Probleme sind.

Dass niemand flüchtet, weil er ein paar Euro mehr in der Tasche haben will. Aber das wäre ja irgendwie so viel komplizierter als ein paar von ihnen vor ihrer Notunterkunft so etwas wie „Hurensöhne" entgegen zu rufen.

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