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Klebetattoos gegen Grabscher

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TATTOO
dpa
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Wenn in den letzten Monaten von einem Umstand immer wieder die Rede war, dann davon, dass wir unsere Werte verkaufen würden. Die Toleranz und Religionsfreiheit an Menschen, die anderen nicht im Ansatz die gleiche Toleranz oder gar Religionsfreiheit zugestehen.

Die Meinungsfreiheit an jene linken Denunzianten der Amadeu Antonio Stiftung, die finanziert von der Bundesregierung mittlerweile über falsche und richtige „Hatespeech" im Internet entscheiden und natürlich ebenso auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die im Zuge der Reaktionen auf die sexuellen Übergriffe von Silvester wohl das Erste waren, was im Rahmen der Flüchtlingskrise auf dem Scheiterhaufen der Willkommenskultur lichterloh brannte.

Was mussten sich Frauen hierzulande seitdem für Frechheiten gefallen lassen, die sie noch ein zweites Mal zum Opfer machten? Wieso geht niemand entschieden dagegen davor, dass von der Politik nicht nur tatenlos seit Monaten zugesehen wird, sondern die Opfer obendrein mit schlauen Tipps noch ein zweites Mal verhöhnt werden? Ist unser Verständnis von der Gleichberechtigung der Frau, dem Recht auf körperliche Unversehrtheit wirklich so schwach ausgeprägt? Was sagt es über ein vermeintlich modernes westliches Land aus, wenn im Angesicht einer evidenten neuen Bedrohung für Frauen, es die Frauen selbst sind, die zur Verantwortung gezogen werden?

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Nach Silvester hieß es „eine Armlänge Abstand". Im Bayrischen Rundfunk schlug eine Flüchtlingshelferin jüngst vor, man solle junge Mädchen und Frauen darüber aufklären, wie sie sich einem Asylbewerber gegenüber zu verhalten hätten, damit sie ihn nicht „herausfordern" und jetzt? Klebetattoos, auf denen ein „Nein" steht?

Moment mal, das erscheint Ihnen jetzt zu abgedreht? Veronika Wäscher-Göggerle nicht. Die Familienbeauftragte des Landkreises Bodenseekreis sieht in der von ihr ins Leben gerufenen Kampagne nämlich eine Hilfestellung für junge Badegäste. Sie stellt fest: „Ich glaube, die sind sehr verunsichert."

Daneben soll ein Comic, der künftig in den Schwimmbädern ausliegt, erläutern, was erlaubt ist und was nicht. Wäscher-Göggerle sieht das Klebetattoo hierbei als Anreiz für junge Badegäste, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Wie eine weitere Baderegel soll es nämlich nicht herübergekommen.

Wieso eigentlich nicht, fragt man sich da direkt. Wieso soll es nicht als klare Regel gelten, dass man Frauen nicht zu belästigen oder gar anzugrabschen hat? Und wer ist hier überhaupt verunsichert? Junge Menschen allgemein? Oder doch vor allem die Asylbewerber, die letztes und dieses Jahr zu uns kamen? Wenn die Armlänge nicht hilft, dann der Fingerzeig auf das Klebetattoo? Was für Menschen kommen auf solche Ideen?

Angst davor, mal ein klares Machtwort zu sprechen

Es sind dieselben Menschen, die seit Monaten in den Flüchtlingsheimen den „Dududu"-Zeigefinger erheben, wenn ein Asylbewerber sich wieder einmal völlig daneben benommen hat. Menschen, die sich nicht durchsetzen können, die sogar Angst davor haben, mal ein klares Machtwort zu sprechen, weil man eben kein Nazi sein will.

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Jene, die immer noch nicht verstanden haben, aus welchen Ländern viele der Asylbewerber eigentlich kommen und dass man Menschen aus patriarchisch geprägten, autoritären Staaten nicht mit Klebetattoos, Broschüren und Armlängen beikommt. Davon ab, dass es überhaupt nicht die Aufgabe der Frauen und jungen Mädchen ist, solche Vorfälle zu verhindern, in dem sie sich anders verhalten als sonst.

Dabei tritt Letzteres bereits in immer stärkerem Maße auf. Viele Frauen gehen mittlerweile nur noch mit einem mulmigen Gefühl ins Schwimmbad. Eltern schicken ihre jugendlichen Mädchen nicht mehr alleine dorthin, weil sie Angst um sie haben. Die Einschränkung der Frauen und Mädchen? Die Beeinträchtigung ihres Alltags? Sie hat längst begonnen. Zahlreiche Mails an mich in den letzten Monaten geben Auskunft darüber.

Derweil verweist man am Bodensee jedoch lieber darauf, dass es zwar Fälle von sexueller Belästigung gäbe, aber nicht anders oder mehr als früher. Deshalb betont Veronika Wäscher-Göggerle auch noch einmal, dass ihre Aktion vollkommen losgelöst vom Thema Flüchtlinge sei. „Das ist völlig unabhängig.", erklärt sie. „Sexuelle Übergriffe in Bädern hat es schon immer gegeben."

Jaja, diese vielen sexuellen Übergriffe früher im Schwimmbad. Ich kann mich noch genau daran erinnern. Genauso wie an die zahlreichen Kampagnen, Broschüren und Klebetattoo-Aktionen. Die lagen schon zu meiner Jugend an jedem Schwimmbadthresen aus, weil sich Dennis und Alexander nicht benehmen konnten.

Wir Frauen nehmen hin, was wir nicht mehr länger hinnehmen sollten

Man möchte ob solcher Frechheiten nur noch laut schreien. Stattdessen liegt weiterhin ein Schleier des Schweigens über allem und gerade wir Frauen nehmen hin, was wir nicht mehr länger hinnehmen sollten. Denn es geht nicht nur um eine wachsende Gefahr für unsere Sicherheit und körperliche Unversehrtheit.

Es geht schlicht auch darum, dass man sich über uns lustig macht, uns verhöhnt. Mit jedem Klebetattoo, jedem schlauen Armlängen-Tipp und jeder Aufforderung, unser Verhalten anzupassen, um niemanden zu provozieren. Wir werden indirekt zu Schuldigen gemacht und das sollten wir uns keine Minute lang gefallen lassen, wenn uns auch nur etwas an unserer Gleichberechtigung liegt.

Stattdessen sollten wir uns bewusst machen, dass diese schöne neue Welt auf unsere Kosten geht. Dass es scheiße ist, wenn Klebetattoos und Broschüren überall herumliegen, ständig Sicherheitsleute um einen herumlaufen und die Selbstbeschränkung eintritt, bevor man es überhaupt realisiert hat.

Meine Jugend war schön. Nie musste ich mir auch nur einmal Gedanken machen, dass mir im Schwimmbad etwas passieren könnte. Diese Jugend wünsche ich mir ebenso für heutigen Mädchen und Jungs, denn auch die trifft das Ganze.

Das große Problem ist die Fokussierung auf die Sexualität im Islam

Es ist wie so oft: Gerade dadurch, dass man niemanden diskriminieren will, indem man behauptet, derlei Kampagnen seien auf alle gemünzt, diskriminiert man - und zwar die deutschen Jungen und Mädchen, die vorher ganz selbstverständlich miteinander umgegangen sind und denen diese Selbstverständlichkeit nun mitunter durch solche Aktionen abhanden kommt. Auch hier ist das große Problem die Fokussierung auf die Sexualität im Islam, die nun durch die mehrheitlich muslimischen Flüchtlinge in einem noch stärkeren Ausmaß zu uns getragen wird.

In nichts zeigt sich der Culture Clash so deutlich, wie im unterschiedlichen Umgang mit Sexualität, der so lange nicht zum Problem wird, wie die Kulturen nicht aufeinander treffen. Nun, da sie es in immer stärkerem Maße tun - und das zeigt sich ganz deutlich - sind wir es, die sich anpassen. Denn um der Übersexualisierung des Alltags einiger Muslime beizukommen, Strategien (egal wie absurd) zu entwickeln, wie man das tägliche Miteinander ohne tägliche Übergriffe gestalten kann, übersexualisieren wir auch unseren Alltag.

Haben Jungen und Mädchen vorher größtenteils ganz ungeniert miteinander verkehrt, sich in der Mehrzahl der Fälle vermutlich nie Gedanken darum gemacht, dass der eine den anderen gar sexuell belästigen könnte, verkrampfen mir mit solchen Aktionen nun auch ihren Umgang miteinander, unterstellen jedem Jungen, ein potenzieller Grabscher zu sein und jedem Mädchen, dass es bei Jungen und Männern stets aufzupassen habe.

In der Folge passiert genau das, was man eigentlich zu verhindern sucht: die alleinige Fokussierung auf das Sexuelle, die das ganze Miteinander bestimmt.

Zuerst erschienen bei Tichy's Einblick

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