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Die Entwertung der deutschen Kultur: Ihr nehmt mir meine Heimat weg

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Sean Gallup via Getty Images
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Als ÔÇ×wichtiges integrationspolitisches Signal" sehen die Gr├╝nen die Verfassungs├Ąnderung, die vor wenigen Tagen im nordrhein-westf├Ąlischen Landtag beschlossen wurde. K├╝nftig wird hier bei der Vereidigung nicht mehr auf das ÔÇ×deutsche Volk" geschworen, sondern auf das Land Nordrhein-Westfalen.

Statt ÔÇ×dem Wohle des deutschen Volkes" hei├čt es nun f├╝r die Abgeordneten ÔÇ×dass ich meine ganze Kraft dem Wohle des Landes Nordrhein-Westfalen widmen" werde. Die Durchsetzung einer ÔÇ×diskriminierungsfreien Eidesformel" sei ein Erfolg, wird der stellvertretende Vorsitzende der Landtagsfraktion der Gr├╝nen zitiert.

Einmal mehr m├Âchte man die Gr├╝nen an dieser Stelle fragen, was eigentlich ihr Problem mit Deutschland und den Deutschen ist und worin sich Einwanderer eigentlich integrieren sollen, wenn man alle Bezugspunkte, jegliche nationale Identit├Ąt im Antidiskriminierungseifer abgeschafft hat. Die viel entscheidendere Frage, die ich mir allerdings gerade in diesem Moment stelle, ist, in was ich mich eigentlich k├╝nftig noch integrieren soll.

Wo meine Bezugspunkte und meine Identit├Ąt sein werden und ab wann man eigentlich als Deutscher f├╝r sich beanspruchen kann, dass man von den eigenen Politikern und Teilen der Gesellschaft diskriminiert wird.

Die kulturelle und nationale Freiheit in Deutschland schrumpft

Denn w├Ąhrend ihr mir das Recht auf immer mehr Bezugspunkte nehmt, das Recht, Deutschland als meine Heimat anzusehen, mich als Deutsche zu sehen und mich auch dar├╝ber ein St├╝ck zu definieren, ohne gleich als Rassist abgestempelt zu werden, im weitesten Sinne so etwas wie stolz zu sein - gesteht ihr anderen zu, ihre kulturelle und nationale Identit├Ąt in einer Art und Weise vor sich herzutragen, dass ich meine Freiheit immer mehr bedroht sehe. Dass mein Anteil an der Kultur dieses Landes und der Mitsprache dar├╝ber, wie diese weiter aussehen soll, stetig kleiner wird.

Und so ist es nur logisch, dass w├Ąhrend ihr mich und andere daf├╝r bel├Ąchelt, dass wir uns noch so etwas wie ein Recht auf unsere Heimat und den Erhalt spezifischer kultureller Gepflogenheiten einr├Ąumen, ihr euch f├╝r die kulturellen und religi├Âsen Befindlichkeiten von Menschen mit Migrationshintergrund in den Staub werft. In den Augen von Gr├╝nen, Linken und anderen vermeintlichen Weltverbesserern habe ich doch l├Ąngst nicht mehr denselben Wert.

Passend zum Thema:
"Wie du mir, so ich dir - eine Replik auf Anabel Schunke" von Peter Kastschajew, Mitglied des Landesvorstands der FDP in Berlin.

Soll ich doch l├Ąngst einfach nur noch die Klappe halten, wenn ich kein d├Ąmlicher Rassist sein will und andere kulturelle und religi├Âse Eigenheiten - m├Âgen sie noch so demokratie- und frauenfeindlich sein - bis zur Selbstaufgabe tolerieren.

Haio Forler schreibt in einem Beitrag zum gestrigen Kopftuch-Urteil, nachdem es einer Rechts-Referendarin, die hierzulande Richterin werden will, k├╝nftig erlaubt sein soll, ihres auch im Gericht zu tragen: ÔÇ×Nach Fingerspitzengef├╝hl f├╝r die Kultur des Gastlandes wird nicht gefragt. Es gehe ja schlie├člich, so titelt die SZ, ÔÇÜums Prinzip.. Aha. Die Prinzipien des Gastlandes sind hierbei allerdings zweitrangig. Sensibilit├Ąt bleibt eine Einbahnstra├če; Kn├Âllchen gibt es nur, wer in die eigene Richtung f├Ąhrt."

Und genau darum geht es. Um die Asymmetrie, die mittlerweile in diesem Land in der Behandlung von Deutschen ohne und mit muslimischen Migrationshintergrund bzw. zwischen Deutschen und muslimischen Ausl├Ąndern herrscht.

Was ist denn mit der Toleranz f├╝r die deutsche Kultur?

Denn ja, l├Ąngst geht es nicht um alle Einwanderer und alle Deutschen mit Migrationshintergrund, sondern nur um jene Gruppe unter ihnen, die immer wieder nach Sonderbehandlung, Respekt und Toleranz f├╝r die eigene Kultur und Religion fragt und selbst am wenigsten Respekt und Toleranz gegen├╝ber der Kultur zeigt, die hier au├čer ihrer auch noch vorherrscht und die ebenfalls f├╝r viele Menschen, die hier leben, wichtig ist.

Eine Kultur mit Werten, die man vor allem vor dem Hintergrund der Aufkl├Ąrung und S├Ąkularisierung, all der Kriege in Europa in den letzten Jahrhunderten und vor allem aufgrund der Nazi-Gr├Ąueltaten zu sch├Ątzen gelernt hat. Zumindest in dem Teil der Gesellschaft, der wei├č, dass es Freiheit nie gratis gibt. Dass sie erk├Ąmpft wurde und auch immer wieder verteidigt werden muss.

Die Frage, die sich aus dieser Einbahnstra├če der pers├Ânlichen Befindlichkeiten und Toleranzanspr├╝che ableitet, ist jene nach der dauerhaften Konsequenz.

Wenn mir immer nur ├╝ber den Mund gefahren wird, so ich mir erlaube, Anspr├╝che in Richtung Migranten zu stellen, wenn ich Angst haben muss als junge Frau, ins gesellschaftliche Abseits ger├╝ckt zu werden, weil ich religi├Âse Symbole wie das Kopftuch als Zeichen f├╝r die Unterdr├╝ckung der Frau im Islam kritisiere und es in diesem Sinne auch im ├Âffentlichen Raum als Einschr├Ąnkung meiner negativen Religionsfreiheit ansehe, w├Ąhrend man umgekehrt Frauen wie Frau Sandhu f├╝r ihre egoistische und bockige Integrationsverweigerung oder zumindest f├╝r ihre fehlende R├╝cksichtnahme auf die Befindlichkeiten anderer Menschen, die sich daran st├Âren k├Ânnten, in den Medien f├╝r ihre Beharrlichkeit feiert - was passiert dann St├╝ck f├╝r St├╝ck mit diesem Land, wie verschieben sich die Kr├Ąfteverh├Ąltnisse und vor allem: Was passiert mit mir?

Mit meinem Bewusstsein, meiner kulturellen Identit├Ąt, die ich nicht haben darf und die anscheinend in humanit├Ąrer Vollendung f├╝r einige am Besten ganz ausgemerzt geh├Ârt

Ich habe nie in meinem Leben ├╝ber Auswanderung nachgedacht. Deutschland war meine Heimat, in der ich mich immer wohl gef├╝hlt habe und mit der ich mich so weit identifizierte, dass es f├╝r mich fast schon einem Verrat gleichgekommen w├Ąre, wenn ich mich aus dem Staub gemacht h├Ątte. Wenn ich nicht hier, sondern woanders arbeiten, leben und Steuern zahlen w├╝rde.

Kann man auch Stolz empfinden wenn man kein Araber ist?

Dieses Land hat mir viel gegeben und irgendwie habe ich es immer als meine Pflicht angesehen, ihm auch etwas zur├╝ckzugeben. Dieses Pflichtgef├╝hl schwindet allm├Ąhlich.

Der Gedanke des Auswanderns ist heute fast an jedem Tag pr├Ąsent. Auf einmal spricht man mit Freunden ├╝ber L├Ąnder, in denen vielleicht noch kein Political Correctness-Wahn herrscht. Wo man auch noch als Nachfahre der b├Âsen wei├čen Kolonialisten, Imperialisten und Nazis jemand sein darf. Wo man noch so etwas wie Stolz ob der eigenen Identit├Ąt und Herkunft empfinden darf, auch wenn man kein T├╝rke oder Araber ist.

Die Auswahl ist begrenzt. L├Ąngst ist Deutschland nicht mehr das einzige westliche Land, was die Toleranz bis zur Selbstverleugnung praktiziert, auch wenn wir zweifelsohne wohl der Spitzenreiter sind.

Allein, dass ich so oft dar├╝ber nachdenke, zeigt mir, wie entwurzelt ich mich mittlerweile f├╝hle und wie sehr es Politik und Medien mittlerweile schon geschafft haben, meine Identifikation mit diesem Land aufzul├Âsen, es so radikal und ohne R├╝cksicht durch andere ver├Ąndern zu lassen, dass ich mich nicht mehr wohl f├╝hle.

Denn ja, w├Ąhrend ihr so vehement darauf erpicht seid, anderen eine Heimat zu geben, sich so weit anderen kulturellen und religi├Âsen Befindlichkeiten anzupassen, damit sich auch ja niemand ausgegrenzt f├╝hlt, nehmt ihr mir meine Heimat weg und grenzt mich aus.

W├Ąhrend ich nur zu tolerieren habe, stellen l├Ąngst andere die Forderungen und breiten sich mit ihren Wertvorstellungen in einem Ma├če im ├Âffentlichen Leben und Diskurs aus, dass von dem Land, dass ich eigentlich so mochte, immer weniger ├╝brig bleibt.

Kulturen brauchen eine Identit├Ąt

Ja, nichts in dieser Welt ist statisch. L├Ąnder, Menschen, Kulturen, Werte - all das hat sich schon immer ver├Ąndert und wird sich auch weiterhin ver├Ąndern. Aber hei├čt das automatisch, dass ich nichts erhalten kann, was sich als gut herausgestellt hat? Dass ich frauen- und demokratiefeindliche Ideologien tolerieren muss? Dass ich mich damit abfinden muss, wenn sie die von uns so teuer erk├Ąmpften liberalen Werte verdr├Ąngen? Auch hier bleibt meine Antwort gleich: Nein. Muss ich nicht.

Der fundamentalste Fehler ist der Versuch, uns Deutschen unsere Identit├Ąt madig zu machen. Menschen brauchen Identit├Ąt. Nicht nur als Einwanderer.

Im Prinzip machen wir nichts anderes als unser ganzes Leben an ihr zu feilen, sie auszudifferenzieren und zu festigen. Es ist die Frage ÔÇ×Wer bin ich?", die uns alle besch├Ąftigt und deren Beantwortung so wichtig ist f├╝r die eigene Selbstsicherheit, das politische Verst├Ąndnis, den Umgang mit anderen Menschen.

Die Schaffung der Identit├Ąt erfolgt durch Zuordnung und Abgrenzung. In dem Moment, in dem ich mich zu etwas zuordne, grenze ich mich von etwas anderem ab.

Abgrenzung ist hier also mitnichten immer nur als aktiver und bewusster Vorgang gemeint, sondern passiert ganz nat├╝rlich im Prozess der eigenen Identit├Ątsfindung. Die Bezugspunkte, denen man sich zuordnet, k├Ânnen hierbei selbstredend vollkommen verschieden sein und reichen von der Lieblings-Fu├čballmannschaft bis zur Wahl einer Partei.

Einer der gr├Â├čten Bezugspunkte, auch in globalisierten, toleranzbesoffenen Multi-Kulti-Zeiten ist und bleibt jedoch die Nation. Die Herkunft und Kultur der Menschen. Und je mehr Multi-Kulti und Toleranz gegen├╝ber dem Fremden uns gerade zwanghaft von Politik und Medien auferlegt werden, desto mehr l├Ąsst sich eine R├╝ckbesinnung auf diesen veralteten, von gr├╝nen und linken Ideologen am liebsten abgeschafften Bezugspunkt der Nation und auch der kulturellen und wertebasierten Gemeinschaft des Westens ausmachen.

Kultur und Werte sind eben dann doch nichts Indifferentes. Und so wird der Trend zum Nationalen in dem Ma├če weiter zunehmen, wie man die Menschen unter den Zwang des Alles-Tolerierens und zur Aufgabe der eigenen kulturellen und nationalen Identit├Ąt zwingt. Am Ende erweist sich die Suche nach eben dieser Identit├Ąt als konstitutiver f├╝r unser aller Sein als das Bestreben, um eine gro├če indifferente Welt- und Kulturgemeinschaft, die nicht funktionieren wird, weil sie den Menschen ihre Bezugspunkte und damit ihre Identit├Ąt nimmt.

Und dennoch versucht man mir und vielen anderen diesen speziellen Bezugspunkt zu nehmen, w├Ąhrend man ihn anderen nur umso gro├čz├╝giger zuspricht. Dass Frau Sandhus Kopftuch f├╝r mich ein Angriff auf die Freiheit und mein Verst├Ąndnis von Recht ist? Schei├č egal.

Dass Frau Sandhu es als Einschr├Ąnkung ihrer religi├Âsen Freiheit wertet, wenn sie sich nicht selbst unterdr├╝cken darf? Muss unter allen Umst├Ąnden verhindert werden. 500.000 unregistrierte Einwanderer, IS-K├Ąmpfer unter ihnen, die mir mein Gef├╝hl von Sicherheit in diesem Land komplett genommen haben? Egal.

Wichtig ist, dass keiner diskriminiert wird, indem man ihn an der Grenze kontrolliert und auch mal jemanden nicht hereinl├Ąsst, wenn er sich nicht ausweisen kann. Und was ist mit den vielen jungen muslimischen M├Ąnnern, die bereits an Silvester bewiesen haben, was sie von Frauen wie mir halten? Auch da erscheint es wichtiger, keine ÔÇ×Ressentiments" gegen├╝ber Einwanderern zu sch├╝ren als meine Rechte als Frau zu wahren.

Und so sitzen k├╝nftig wohl auch Richterinnen mit Kopftuch in meinem Land, welches sich auch durch die fast zwei Millionen Zuwanderer immer weiter ver├Ąndern wird und dessen Politikern es wichtiger ist, keinen von ihnen zu diskriminieren, w├Ąhrend man meine Diskriminierung als Kollateralschaden ganz gut verkraften kann. Auf alles muss ich R├╝cksicht nehmen und nichts darf ich sagen, wenn ich nicht als Rassist diffamiert werden will.

Die Entwertung des Landes

Ja, ich war immer Stolz darauf, zu Deutschland zu geh├Âren, Deutschland als meine Heimat zu haben, aber dieser Stolz wird weniger. Erstens, durch die Bezugspunkte, die man mir nimmt und zweitens durch den fehlenden Willen, diese Punkte zu verteidigen.

Diese unterw├╝rfige Anbiederung an eine Kultur und Religion, die mir keinerlei Vorz├╝ge gegen├╝ber meiner Kultur aufzeigen kann, die mich in meiner Freiheit sogar einschr├Ąnkt und mich zu Diskussionen zwingt, die ich nicht f├╝hren will und zuvor niemals f├╝hren musste, weil es sich um zivilisatorische Selbstverst├Ąndlichkeiten handelte. Das Land und seine B├╝rger werden entwertet, um andere aufzuwerten.

Aber mit den eigentlichen Selbstverst├Ąndlichkeiten ist das eh so eine Sache in einer ideologisierten, von den Menschen vollkommen entfremdeten Sph├Ąre. So sprach Anja Reschke j├╝ngst eher unfreiwillig satirisch davon, dass Demokratie ja auch irgendwie immer so ein bisschen das eigene Volk mitnehmen m├╝sste. Eine Selbstverst├Ąndlichkeit, die als gro├če Erkenntnis verkauft wird, offenbart, wie sehr sich Medienvertreter und Politik von dieser vermeintlich banalen Selbstverst├Ąndlichkeit bereits entfremdet haben.

Denn ja, richtig: Irgendwo gibt es auch noch das ÔÇ×eigene Volk" und seine Rechte und Anspr├╝che und nicht nur die anderen, denen man mit NGO's, Emp├Ârtenvereinen und durch gr├╝ne Deutschlandhasser zu ihrem ÔÇ×Recht" verhilft. So braucht man sich jedenfalls nicht wundern, dass sich die Menschen zu jenen hinwenden, die ihnen versprechen, auf ihre Identit├Ąt und ihre Bezugspunkte R├╝cksicht zu nehmen und sie zu verteidigen.

Helmut Kohl pr├Ągte einst ├╝ber Angela Merkel den Satz: ÔÇ×Die macht mir mein Europa kaputt." Ich m├Âchte auf kleinerer Ebene erg├Ąnzen: ÔÇ×Ihr macht mir meine Heimat kaputt." Und so kommt zu der politischen Heimatlosigkeit so langsam eine wahrhaftige dazu.

Hier geht es zum Beitrag "Wie du mir, so ich dir - eine Replik auf Anabel Schunke" von Peter Kastschajew, Mitglied des Landesvorstands der FDP in Berlin.

Zuerst erschienen bei Tichy's Einblick.

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