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Ich habe die Burka-Diskussion satt!

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BURKA
Ahmad Masood / Reuters
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Es ist definitiv bemerkenswert, wie lange man über ein Thema diskutieren kann, bei dem die Antwort so denkbar klar ausfallen müsste. Die Burka passt nicht zu uns.

Sie passt nicht zu unseren Werten wie der Gleichberechtigung von Frau und Mann und sie passt schon gar nicht in eine Gesellschaft, die schon gespalten genug ist, in der sich Muslime und Mehrheitsbevölkerung ohnehin zunehmend misstrauen und Teile der muslimischen Bevölkerung das mit der Abgrenzung von eben jener Mehrheitsgesellschaft auch ohne Burka schon ganz gut schaffen. Ja, eigentlich ist die Burka nur das i-Tüpfelchen, der Gipfel, die konsequenteste Zurschaustellung dieser Ablehnung.

Aber klar, auf diskursiver, akademischer Elfenbeinturmebene kann man die Debatte loben. Die Zahl der Pro-Burkaverbot-Kommentare und die der Contra-Burkaverbot-Kommentare hält sich konstant seit Tagen die Waage. Gute Argumente lassen sich auf beiden Seiten finden, das muss man zugestehen, selbst wenn man sich bereits für eine Ansicht entschieden hat.

Ja es ist eine ausgewogene, eine lange, eine ausführliche Diskussion, um dieses mobile Stoffgefängnis und der ein oder andere fühlt sich dadurch gar animiert, dies als Zeichen gesellschaftlichen Fortschritts zu werten. Dass wir eben in einer so unfassbar modernen Gesellschaft leben, dass man über Verbote derart lange diskutiert, statt sie einfach durchzuziehen.

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Ein frauenunterdrückendes Stoffgefängnis, ein Unsichtbarmacher

Dass die Freiheit für uns ein so hohes Gut ist, dass wir sie in alle Richtungen verteidigen, und dass dazu eben auch gehört, dass jeder tragen kann, was er will, selbst wenn es ein frauenunterdrückendes Stoffgefängnis, ein Unsichtbarmacher ist.

Und ja, wenn ich auf dieser akademischen Ebene der Realitätsentfremdung bleibe, dann finde ich das auch ganz wunderbar. Dann denke ich nach - über negative und positive Freiheit, über die Religionsfreiheit der Religiösen und meine negative Religionsfreiheit als Atheist.

Dann freue ich mich darüber, wie ausgewogen und sachlich wir über all das diskutieren, obwohl die Mehrheit der Deutschen längst für sich entschieden hat, dass die Burka ihrer Ansicht nach verboten gehört. Dann werte ich das als Fortschritt im Ringen um den sachlichen Diskurs, der in den letzten Monaten nur allzu oft schmerzlich vermisst wurde.

In der Realität fernab dieses akademischen und auch journalistischen Mikrokosmos' hingegen bin ich genau das Leid. Da differenziere ich auch noch, aber eben nicht mehr auf dieser theoretischen Ebene, die den Menschen im Alltag nicht wirklich viel bringt, wenn sie der Burka-Trägerin gegenüberstehen und dabei ein mulmiges Gefühl empfinden oder sich fremd im eigenen Land fühlen.

Dann will ich mich nicht mehr der übertriebenen Rücksichtnahme gegenüber Gläubigen anschließen, weil sich das für uns, die wir in diesem liberalen Rechtsstaat leben, angeblich so gehört. Dann möchte ich auf meine negative Religionsfreiheit pochen, die in der ganzen Debatte rund um den Islam meines Erachtens sowieso seit Monaten und eigentlich schon immer viel zu kurz kommt.

Dann will ich es nicht als Fortschritt werten, dass wir wochenlang über etwas diskutieren, über das wir früher in unserer Gesellschaft nicht einmal nachdenken mussten. Dass wir, wie von Aydan Özogüz bereits vor Monaten in freudiger Erwartung verkündet, unser Zusammenleben ab sofort anscheinend wirklich täglich neu aushandeln müssen - und das selbst wenn es um einen Stoffsack geht, der die Frau in der Öffentlichkeit zum Nichts degradiert.

Ist das noch Fortschritt oder schon Wohlstandsverblödung?

Dass anhand der Diskussionen um Kinderehen, Ehrenmorde, Verhüllungen in unterschiedlichster Ausprägung, aber auch solch vermeintlicher Banalitäten wie Schweinefleisch in den Kantinen längst erkennbar ist, was Broder in Anlehnung an Özogüz Aussage befürchtete - dass wir beginnen, selbst über die wenigen mühsam erkämpften Gemeinplätze des gesellschaftlichen Miteinanders wieder zu debattieren und sie im Zuge des Multi-Kulti-Dogmas infrage stellen.

Dann frage ich mich bei aller Ausgewogenheit und Diskursivität der Debatten um Kopftuch, Burka und Schweinefleisch: Ist das noch Fortschritt oder schon Wohlstandsverblödung?

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Ähnlich wie man es aus dem Deutschunterricht in der Schule kennt, kann man Dinge eben auch überinterpretieren. Wer jemals eine Gedichtinterpretation geschrieben hat, weiß wovon ich rede. Wer sagt uns eigentlich, dass der Autor mit der grauen Wand wirklich sein Seelenleben meinte und nicht doch eben nur eine graue Wand?

Genauso verhält es sich mit Diskussionen wie der um die Burka oder andere religiöse Absurditäten. Je länger die Debatte geführt, je länger wir darüber nachdenken, desto mehr entdecken wir in der grauen oder in dem Fall schwarzen Wand. Am Ende, so scheint es, kommt dann selbst die Burka als Ausdruck der Freiheit daher. Man muss eben nur lange genug drauf starren bzw. den Pfad der eigenen Ideologie konsequent verfolgen.

Inzwischen geht uns der Blick auf das, worüber wir wirklich reden, vollkommen abhanden. Von uns selbst im pseudoakademischen Taumel ganz betroffen, klopfen wir uns auf die Schulter, feiern unsere Ausgewogenheit, Differenzierung und Fähigkeit zum Diskurs, statt zu erkennen, dass genau dieses Ausschlachten, das Hin- und Herdenken, das Überinterpretieren der grauen bzw. schwarzen Wand darüber hinwegtäuscht, über welche mittelalterliche, zutiefst zivilisatorisch-rückschrittlichen Dinge wir eigentlich reden.

Und dass genau dieses zermürbende Aushandeln der mühsam erkämpften Werte, die uns bis vor kurzem noch selbstverständlich erschienen, mehr Schaden anrichtet als hilft. Dass auf Ebene der Kultur zwischen islamischer und im weitesten Sinne westlicher Kultur meist nicht einmal ein Minimalkonsens erreicht werden kann und dass man auf dieser Grundlage nie ein wirkliches gesellschaftliches Miteinander, sondern maximal ein Nebeneinander zu Lasten derer erreicht, die sich wünschen würden, sie würden mit dem ganzen rückschrittlichen Religionszeug einfach einmal in Ruhe gelassen werden.

Nein, in Wahrheit sind all diese Diskussionen um die Auswüchse des Islams, die tief in die öffentliche Sphäre reichen und damit nicht mehr das geringste mit privater Religionsausübung zu tun haben, die mittlerweile täglich die Nachrichtenseiten füllen, mitnichten ein Zeichen des Fortschritts, sondern des Rückschritts.

Eben weil wir über graue Wände und nichts anderes als das reden. Weil es da nichts zu interpretieren und schön zu reden gibt. Und weil wir für das Reden über und Interpretieren von grauen Wänden so viel Zeit opfern müssen, die man, wären sie nicht da oder verboten, für Dinge übrig hätte, die unserer modernen Gesellschaft angemessen wären. Die in der zivilisatorischen Zukunft und nicht in der Vergangenheit liegen.

Denn letztlich ist der Islam nichts anderes als ein Relikt der Vergangenheit, welches nicht zuletzt auch durch unsere Art und Weise der Auseinandersetzung mit ihm eine Revitalisierung erfährt.

Ja, vielleicht sollte man einfach wieder dazu übergehen, den Islam als das zu behandeln, was er ist: eine graue Wand. Dann hätten wir auch wieder Zeit für das Visionäre, den wirklichen Fortschritt - nicht nur in der Form der Debatte, sondern auch in ihrem Inhalt.

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