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Hört auf rumzumosern!

11/08/2015 18:07 CEST | Aktualisiert 11/08/2016 11:12 CEST
Getty

Til Schweiger ist mal wieder ausgerastet. Wieder einmal hat er seine pöbelnden Fans auf Facebook in einem Post zurechtgewiesen und natürlich fühlt sich alle Welt nun in ihren Vorurteilen gegenüber ihm bestätigt. Ich will euch sagen, wieso ich das überhaupt nicht so sehe.

Ich weiß nicht, ob es typisch deutsch ist, aber oft habe ich das Gefühl, es wäre eine spezifisch deutsche Angelegenheit alles und jeden herunterzureden, immer nur zu meckern. Und klar, Facebook entfesselt da noch einmal ganz besonders.

Nie war es so leicht vom heimischen Sessel aus zu urteilen, zu verurteilen und auszuteilen. Und der Schweiger, ja der hat es ja ohnehin nicht anders verdient. Wer diese Schlacht auf diese Art und Weise austrägt, der muss auch mit öffentlichem Gegenwind rechnen. So viel ist klar. Hier die gängigsten Sprüche der letzten Tage:

„Der macht das doch nur, weil er sich damit profilieren will."

Auch wenn ich einige von euch damit vielleicht enttäusche, aber der Mann muss sich nicht mehr profilieren. Ihr könnt ihn mögen oder nicht. Ihr könnt ihn als Schauspieler gut finden oder nicht. Fakt ist, dass Til Schweiger zu den erfolgreichsten Schauspielern und Filmemachern dieses Landes gehört. Dass er damit auch den ein oder anderen Euro verdient hat, steht außer Frage.

Genau das ist der Punkt: Auch wenn es euer Ego kränkt, der Mann ist nicht auf euch angewiesen. Selbst wenn er auf den ein oder anderen Hobbyrassisten oder politischen „Truther", der es natürlich viel besser weiß als er, als Fan verzichten muss: er wird es verkraften und die Leute werden weiterhin in seine Filme gehen.

Gerade, dass Til Schweiger öffentlich kein Blatt vor den Mund nimmt, müsste euch diesen Umstand bewusst machen. Er ist eben nicht Helene Fischer, der sehr wohl bewusst ist, dass ein nicht gerade kleiner Teil ihrer Fans ganz gerne mal „zu guter Schlagermusik" ein bisschen deutschtümelt und die sich deswegen nie zu solchen Dingen äußern wird. Nein, Schweiger ist jemand, der nicht mehr jeden seiner Anhänger hofieren muss.

Das heißt: Gerade dass er laut und öffentlich seinen Unmut äußert, sich dem Thema annimmt, zeigt, dass er genau das nicht nötig hat.

„Der Typ lässt sich von Gabriel instrumentalisieren."

Ich weiß, ihr habt alle viel mehr Ahnung von Politik als Til Schweiger. Seit Jahren engagiert ihr euch im politischen Aktivismus und versucht die Leute aufzuklären, zu informieren. Und dann kommt da dieser Schauspieler und trifft sich einmal mit dem Gabriel und denkt, er könne damit die Welt verändern, wo ihr doch aus eigener Erfahrung wisst, dass das so schnell oder vielleicht gar nicht zu schaffen ist.

Der hat doch gar keine Ahnung von Politik, genauso wie so viele andere und dann trifft der sich auch noch mit dem Gabriel und lässt sich von dem vor den Karren spannen. So ein naiver Idiot. Deshalb sollte sich der Ottonormalbürger und erst recht kein prominenter Schauspieler in die Politik einmischen. Das kann ja nicht gut gehen.

Denn ihr wisst: Nur ihr habt Ahnung von Politik. Nur ihr wisst, dass Gabriel ein Arschloch ist, dem es nicht um die Flüchtlinge geht. Der Schweiger, der weiß doch gar nicht, was der Vizekanzler sonst so macht. Rüstungsexporte, TTIP, die Integration der SPD in die CDU. Und ja, vielleicht habt ihr mit einigen Dingen Recht.

Natürlich ist die Verbrüderung mit Schweiger für Gabriel ein gefundenes PR-Fressen, auch wenn er sich dabei ähnlich clever angestellt hat, wie Merkel bei ihrer Streichelattacke auf das junge Flüchtlingsmädchen. Das war natürlich auch eine ziemlich ungünstige Sache mit den Zahlen zu den Rüstungsexporten. Aber was hat das mit Til Schweiger zu tun und wer seid ihr, dass ihr beurteilen könnt, wie viel Ahnung Til Schweiger von all dem hat? Jedenfalls ist es schon ziemlich beeindruckend, einem Mann, der so viel erreicht hat, der so ein Medienprofi ist, Dummheit und Naivität zu unterstellen.

Wer sagt denn, dass Schweiger nicht vielleicht bekannt ist, was Gabriel sonst so tut, wer sagt denn, dass Schweiger nicht bewusst ist, dass Gabriel ihn instrumentalisiert? Wer sagt denn, dass er nicht vielleicht über all diese Dinge in einem Moment, wo es darauf ankommt, hinwegsieht, weil es für ihn schlichtweg um die Sache geht? Darum, die Politik als Partner für sein Projekt zu gewinnen. Dass er seine eigenen politischen Ansichten für kurze Zeit außen vor lässt, weil er weiß, dass es sicherlich nicht schadet, die Politik mit an Bord zu holen.

Weil ihr das, wenn ihr clever wärt, wenn es euch nicht nur um euch und eure Pseudo-Moral gehen würde, auch tun würdet.

Vielleicht ist Til Schweiger einfach nur pragmatisch. Vielleicht geht es ihm nur um die Sache und nicht um persönliche Befindlichkeiten. Auch das könnt ihr gut oder schlecht finden. Auf alle Fälle ist es aber effektiver als pseudomoralisch im Internet vor sich her zu schwadronieren, nur damit man sich am Ende des Tages moralisch überlegen fühlen kann.

„Der hat doch keine Ahnung, wie man so etwas macht."

Wenn mir in Bezug auf die ehrenamtliche und auch politische Arbeit eines in den letzten Jahren aufgefallen ist, dann, dass Neid und Missgunst auch vor vermeintlich altruistischen Menschen keinen Halt macht und so solltet ihr, bevor ihr über die etwaigen Motive eines Menschen spekuliert, den ihr überhaupt nicht kennt, vielleicht einmal die eigenen kritisch hinterfragen.

Wie ist es so weit mit euch gekommen? An welcher Stelle habt ihr aufgehört, für etwas, für die Sache zu kämpfen und ab wann habt ihr begonnen, einfach nur noch gegen alles zu sein und zu reden, weil es im Detail vielleicht nicht so läuft, wie ihr euch das vorgestellt habt? Es mag sein, dass ihr es anders gemacht hättet als Schweiger, aber sollte nicht am Ende zählen, was dabei herumkommt?

Ich verstehe euch nicht mehr und das obwohl ich ein Teil der politischen Community bin. Ihr setzt euch ein, für Flüchtlinge, für bessere Lebensbedingungen, für all das, wofür sich auch Til Schweiger einsetzt, seitdem er mitbekommen hat, wie schlimm es bezüglich dieses Themas wirklich hierzulande aussieht. Aber wenn es von ihm kommt, von einem politischen Underdog, wenn es nicht zu euren Konditionen läuft, dann ist es plötzlich nicht mehr gut? Warum? Weil ihr euch so viel länger engagiert? Weil es unfair ist, dass der Schauspieler im Gegensatz zu euch nur einmal mit dem Finger schnipsen muss, um so viel Aufmerksamkeit von der breiten Masse zu bekommen? Weil ihr nicht von Sigmar Gabriel angerufen werdet?

Und ja, wenn es um euch als Personen gehen würde, könnte man sicherlich den ein oder anderen Umstand als unfair empfinden. Aber es geht nicht um euch! Es geht nicht um persönliche Befindlichkeiten und wer sich wie lange für Flüchtlinge oder allgemein politisch engagiert. Es geht auch hier um die Sache und es sollte euch eigentlich freuen, wenn ein prominenter Schauspieler seine Prominenz für eure Themen, für das Politische erhebt und nicht nur für sich selber.

Und ja, ihr könnt es scheiße finden, dass er diese Aufmerksamkeit bekommt, nur weil er prominent ist, oder ihr könnt akzeptieren, dass ihr das nicht ändert werdet und es stattdessen gut finden und euch darüber freuen, dass die Sache damit noch weiter in den Fokus der Öffentlichkeit rückt.

Ihr könnt es ebenfalls doof finden, dass sich jemand politisch engagiert, der sonst sein Geld mit Kinokomödien und einem Action-Tatort verdient, oder ihr könnt es gut finden, dass das demokratische Empfinden in diesem Land noch nicht ganz abgestorben zu sein scheint und sich vereinzelt plötzlich doch noch so etwas wie Widerstand und politisches Engagement in den Teilen der Bevölkerung regt, die sich nicht professionell den ganzen Tag mit dem politischen Geschäft beschäftigen. Dass jemand wie er es schafft, die Masse anzusprechen und nicht nur die politische Kaste und die intellektuelle Elite.

Und ja, ihr könnt es auch scheiße finden, dass Gabriel sich das zu nutzen macht, dass Gabriel euch nicht anrufen würde, weil er nicht Til Schweiger seid. Oder ihr könnt zumindest sehen, dass es gut ist, dass die Politik überhaupt reagiert. Dass sich etwas bewegt, was sich vorher nicht bewegt hat.

Fangt doch bitte mal an, die eigene Eitelkeit, die eigenen Befindlichkeiten herunterzuschlucken und euch wieder für das einzusetzen, worum es eigentlich geht. Wir müssten uns alle weniger ärgern. Til Schweiger ist keine Konkurrenz, niemand nimmt euch etwas weg. Also entspannt euch mal.

Machen Sie weiter so, Herr Schweiger. Es ist erfrischend, jemanden zu sehen, der noch so etwas wie Emotionen und Leidenschaft besitzt und diese auch zeigt, wenn ihn ein Thema bewegt. So und nicht anders sollte es im Politischen sein!

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