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Alles zu haben, kann ganz schön scheiße sein

18/02/2016 15:41 CET | Aktualisiert 18/02/2017 11:12 CET
martinedoucet via Getty Images

Typisch Frau, sich so viel Mist aufzuhalsen.

Okay, lass mich zuerst einmal all meine Privilegien aufzählen, damit du es nicht tun musst: Ich bin eine weiße Frau mit einem College-Abschluss. Ich bin verheiratet. Ich lebe in einer wunderschönen kleinen Stadt in den Bergen. Ich habe einen Job, den ich wirklich gerne mag. Ich bin ein echter Glückspilz. Und trotzdem. So sieht es meiner Erfahrung nach in Wirklichkeit aus, wenn man „Kind und Karriere vereint": Neulich ging ich die Straße entlang, weil ich meine Post abholen wollte und ich war ziemlich zufrieden mit mir selbst. Ich habe ein dreieinhalbjähriges Kind und vor genau einem Monat habe ich noch ein Baby bekommen. In diesem Monat habe ich fast durchgehend gearbeitet und es hat sich gelohnt: Ich habe genug Geld verdient, um alle Rechnungen für meine Familie bezahlen und das Geschäft meines Mannes am Laufen halten zu können. Ich habe sehr gute Arbeit geleistet, auf die ich stolz bin. Und ich habe nicht ein einziges Mal irgendjemandem davon erzählt, dass ich gerade ein Baby bekommen habe. Gerade als ich mir selbst zu diesen „Leistungen" gratulierte, strömte plötzlich eine nicht unwesentliche Menge Pipi aus mir heraus. Da ich eine hellgraue Jogginghose trug, sah man es ziemlich deutlich. Ganz schön peinlich, als mein Nachbar vorbeiging und mir zuwinkte. Als ich nach Hause kam, musste ich mich sofort in eine Telefonkonferenz einwählen, also musste ich es noch eine ganze Weile in meiner angepinkelten Hose aushalten. Zum Glück war das Baby während des gesamten Telefonats ruhig und schlief, doch sobald ich aufgelegt hatte, wachte es auf und schrie, weil es gefüttert werden wollte. Also verbrachte ich noch eine halbe Stunde in meiner Pipi-Hose. Ich ließ das Baby Bäuerchen machen. Danach hatte ich Kotze im Haar, doch weil ich keine Zeit hatte, um etwas dagegen zu unternehmen, steckte ich die Kotze einfach mit einer Haarklammer nach hinten. Bäm! Schnell die angepinkelte Hose ausgezogen. Wieder bereit zum arbeiten. Stellt mich nur immer wieder vor neue Herausforderungen, ich bin eine starke Frau und ich habe Kinder und eine Karriere und trotzdem alles im Griff. Um fünf stürmt mein anderes Kind ins Zimmer und fragt, ob ich die Brownies schon gebacken habe, die ich ihm vorher versprochen hatte. Habe ich nicht. Dann fragt mein Mann, was es zum Abendessen gibt. Also stecke ich das Baby in seine Trage, gehe nach unten und kümmere mich um das Abendessen und die Brownies. „Scheiße." „Oh oh, was ist?" „Ich glaube, bei mir ist gerade eine Naht geplatzt." „Was? Woher weißt du das? Ist das denn nicht schlimm?" „Tja, irgendwas ist das unten absolut nicht in Ordnung und ja, es könnte schlimm sein, aber ich kann gerade auch nicht wirklich etwas dagegen tun." Zurück nach oben. Endlich unter die Dusche. Die Wunde, die früher einmal mal meine Vagina war, brennt ganz schön (bei meiner Untersuchung nach der Geburt sagte mein Arzt doch ernsthaft: „Die Nähte sieht man kaum mehr, doch Ihre Wunde ist noch nicht ganz verheilt." Krass). Dann wieder zurück ins Bett, Eisbeutel zwischen die Beine, Baby an die Brust, Laptop auf den Schoß. Ich habe dieses Zimmer einen ganzen Monat lang nicht verlassen, außer um mir zwischendrin schnell mal etwas zu Essen aus der Küche zu holen. Ich habe mir genau einen Tag freigenommen, um ein Baby zu bekommen. Lass das mal eine Minute sacken. Zum Glück ist ein komplettes Bad an dieses Zimmer angeschlossen. Das ist der Wäschestapel, den ich anstarre. (Das davor sind übrigens meine ekligen Füße. Den Nagellack habe ich seit mindestens zwei Monaten drauf.)
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Nur knapp einen Meter von mir entfernt steht eine Tüte mit vollgekackten Windeln. Direkt neben einem weiteren riesigen Wäschestapel. Es riecht hier drinnen ganz schön nach Durchfall.
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Ich bin keine alleinerziehende Mutter. Mein Mann hilft mir sogar sehr viel mehr als die meisten Ehemänner oder Väter das tun. Ich muss nicht für einen Mindestlohn arbeiten, ich bin eigentlich überhaupt nicht benachteiligt, bis auf die Tatsache, dass ich eine arbeitende Mutter in den Vereinigten Staaten bin. Meiner Meinung nach sieht es nämlich in Wirklichkeit so aus: Unsere Gesellschaft hat diese ganze Vorstellung von wegen „man kann Kinder und Karriere vereinen" insgesamt komplett falsch verstanden. In den 60er-Jahren wurden die ganzen BHs doch eigentlich verbrannt, weil man dadurch mehr Wahlmöglichkeiten für Frauen schaffen wollte. Du willst Sex haben, ohne dabei schwanger zu werden? Cool, dann hab Sex. Du bist schwanger aber du kannst das Baby nicht großziehen (oder du wurdest durch eine Vergewaltigung schwanger, oder du bist mit einem schwer kranken oder missgebildeten Baby schwanger, oder sonst welche Szenarien)? Kein Problem, du kannst dich auch gegen das Baby entscheiden. Du willst arbeiten gehen? Mach es! Du willst zu Hause bleiben und dich um die Kinder kümmern? Super. Du willst ein bisschen was von beidem? Toll. Du willst dich schick anziehen und dich schminken? Oder lieber im Schlabberlook rumhängen und dich nicht mehr waschen? Hey, mach wie du willst. Alles auf einmal machen zu müssen, war nicht der eigentliche Plan dahinter. Denn nach dieser Vorstellung hätten alleinerziehende Mütter schon seit Jahren „beides gleichzeitig" und dennoch ist es nach Meinung unserer Gesellschaft kein erstrebenswertes Ziel für Frauen, alleinerziehende Mutter zu sein. Nein, nein, so ergeht es nur Leuten, die arm sind und keine andere Wahl haben. Doch eigentlich ergeht es bis auf die ganz, ganz Reichen allen so, wenn wir Frauen dazu ermutigen, zu arbeiten und Kinder zu bekommen und ihre Situation ansonsten überhaupt nicht verbessern. Keine Frau (und was das betrifft auch kein Mann) würde doch jemals sagen: „Hey, weißt du, was ich toll fände? Ich träume davon, um 5 Uhr morgens aufzustehen, für alle Frühstück zu machen, mich danach anzuziehen (mit hochhackigen Schuhen natürlich), meine Kinder in der Kita abzuliefern, 10 Stunden zu arbeiten, die Kinder wieder abzuholen, nach Hause zu kommen, das Abendessen zu machen, aufzuräumen, die Kinder ins Bett zu bringen, bis Mitternacht im Bett weiterzuarbeiten, damit ich meinen Job nicht vernachlässige, und dann am nächsten Tag mit nur 5 Stunden Schlaf alles wieder von vorne zu beginnen."

Unsere Gesellschaft hat diese ganze Vorstellung von wegen 'man kann Kinder und Karriere vereinen' insgesamt komplett falsch verstanden ... Alles auf einmal machen zu müssen, war nicht der eigentliche Plan dahinter.

Irgendwie ist es so als hätten wir einfach gesagt: „Hey, lasst uns die klassische Frauenrolle verändern, aber sonst lassen wir alles beim Alten." Um dann zu erwarten, dass wir Frauen dankbar sind, dass wir Gelegenheitssex haben dürfen und dass wir dann auch arbeiten gehen, weil wir gar nicht merken, dass wir gerade in eine immer weniger realisierbare und immer weniger erstrebenswerte Rolle gedrängt werden. Heutzutage sagen wir zu Frauen: Du kannst nicht nur Karriere und Kinder vereinbaren, du solltest es auch tun -- denn wenn du es nicht tust, bist du einfach a) faul, b) schwach c) keine richtige Frau. Außerdem solltest du es ohne jegliche Unterstützung schaffen. Ohne staatlich finanzierten Mutterschutz (bist du etwa eine Sozialistin?). Mit möglichst wenig Fremdbetreuung (denn dann bist du eine Rabenmutter) und ohne deinen Job zu vernachlässigen (denn dann bist du eine schlechte Mitarbeiterin -- typisch Frau!). Und ohne zu viel Hilfe von deinem Mann in Anspruch zu nehmen (denn sonst ist er ein Weichei). Wir finden es toll, wenn Unternehmen dafür bezahlen, dass ihre weiblichen Angestellten ihre Eier einfrieren lassen können, doch wir fordern die Firmen nicht dazu auf, es Frauen zu ermöglichen, in ihrem eigentlichen gebärfähigen Alter Kinder zu bekommen und danach wieder zur Arbeit zu gehen, ohne ihre frühere Position zu verlieren. Anstatt das System zu verändern erwarten wir von Frauen, dass sie sich anpassen. Denn wir sind natürlich selbst schuld, weil wir nicht die Initiative ergreifen. Fick dich. Ich verbiege mich so sehr, dass ich dabei direkt auf die Nase falle. Und ja, ich weiß, dass Männer auch Elternteile sind und dass es auch für sie wichtig ist, in Elternzeit zu gehen. Doch als Frau muss man sich auch körperlich von der Geburt erholen und mit seinem neugeborenen Baby klarkommen (vor allem wenn man stillt und deshalb die Einzige ist, die das nächtliche Füttern übernehmen kann). In diesem Land tun wir jedoch so, als ob dem nicht so wäre. Es ist völlig in Ordnung, dass Frauen eine längere Auszeit brauchen als Männer. Damit eines klar ist (Männerrechtler aufgepasst!): Ich will hier nicht über Männer schimpfen, sondern die Gesellschaft im Allgemeinen dazu auffordern, dass sie etwas zum Besseren verändert. Ich wurde beruflich schon oft von Frauen übergangen, weil ich schwanger war, oder sie haben sich bei mir beschwert, wenn ich abends nicht an Meetings teilnehmen konnte, weil ich Kinder habe. Tatsächlich wurde ich sogar öfter von Frauen dafür bestraft, dass ich Kinder habe, als von Männern. Und es waren auch immer Frauen, die meine Mutterqualitäten in Frage stellten, weil ich arbeite. Männer verhalten sich meist auf eine andere Weise sexistisch, für gewöhnlich, indem sie an meiner Intelligenz zweifeln oder glauben, dass ich etwas nicht verstehe, weil ich eine Frau bin, doch ihr Verhalten hat nie etwas damit zu tun, ob ich Kinder habe oder nicht. Und ich bin auch nicht der Meinung, dass mein Leben immer nur leicht sein muss oder dass ich bei meinen Entscheidungen nie Kompromisse eingehen müssen sollte oder dass ich alles haben kann, ohne wirklich hart dafür zu arbeiten. „Wir erwarten von Frauen, dass sie sich anpassen. Denn wir Frauen sind natürlich selbst schuld, weil wir nicht die Initiative ergreifen. Fick dich. Ich verbiege mich so sehr, dass ich dabei direkt auf die Nase falle." Ich finde, dass wir keine Märchen mehr erzählen sollten. Wir sollten aufhören, Frauen zu sagen, dass sie alles haben können, ohne irgendetwas dafür opfern zu müssen. Die Wahrheit sieht so aus: Du willst Kinder und Karriere? Kannst du gerne haben, doch beides wird darunter leiden. Du wirst bei beidem nie das Gefühl haben, dass du genug Zeit investierst. Du wirst bei beidem niemals das Gefühl haben, dass du es gut machst. Du wirst keinerlei Freizeit mehr haben (zumindest nicht in den ersten paar Jahren). Du wirst dich immer zwischen mehreren Dingen entscheiden müssen, die deine Aufmerksamkeit erfordern, und du wirst dich so gut wie nie für dich selbst entscheiden. Du wirst dich für fast alles, was du tust, rechtfertigen müssen und du wirst niemals die Erwartungen von allen erfüllen. Wenn wir die Rolle der Frau neu definieren wollen, müssen wir auch einige gesellschaftliche Normen ändern. Es muss völlig in Ordnung für uns sein, wenn eine Frau keine Kinder bekommen möchte. Wir tun zwar so, als ob das heutzutage okay wäre, doch wenn es wirklich so wäre, würden meine kinderlosen Freundinnen verdammt noch einmal nicht ständig danach gefragt werden und ich würde bestimmt auch nicht so viele Beiträge lesen, die sich dafür aussprechen -- Huch! -- dass man als Frau nicht zwangsweise Kinder bekommen muss. Ernsthaft. Es gibt so unglaublich viele Beiträge darüber. Ich will gar nicht erst von den vielen Frauen anfangen, die keine Kinder bekommen können und die ohnehin schon mit dem Gefühl zurechtkommen müssen, dass sie gar nicht einmal die Wahl hatten und die dann auch noch ständig gefragt werden, ob und wann sie denn Kinder bekommen wollen. Wie wär's wenn wir einfach mal aufhören würden, Frauen ständig nach ihrem Kinderwunsch zu fragen, Punkt? Sie werden es Dir schon erzählen wenn sie wollen. Außerdem muss es völlig in Ordnung für uns sein, wenn eine Frau nicht mehr arbeiten will. Und es darf auch nicht nur ein bisschen okay sein, so dass hinter deinem Rücken eigentlich alle finden, dass du nicht dein ganzes Potenzial ausschöpfst und dass du deshalb das Gefühl hast, für deine Kinder eine Übermama sein zu müssen und ständig etwas mit ihnen unternehmen und ihnen etwas Neues beibringen zu müssen. Stattdessen sollte es wirklich in Ordnung sein, und zwar so, dass du auch mal nachmittags Freunde auf ein paar Mimosa-Cocktails einladen und die kleinen Biester für eine Stunde in den Garten schicken kannst, wenn dir danach ist, weil es Herrgott noch einmal einfach anstrengend und nervig ist, den ganzen Tag mit einem kleinen Kind zu verbringen und weil jeder vernünftige Mensch einmal eine Stunde Pause davon bräuchte. Und es muss völlig in Ordnung für uns sein, wenn eine Frau Mama werden will. Nicht so wie es heutzutage abläuft, dass man praktisch (und in meinem Fall auch buchstäblich) verheimlicht, dass man ein Kind hat und all seine Mutterpflichten wahrnimmt, ohne dabei etwas anderes zu vernachlässigen. Es muss wirklich vollkommen in Ordnung sein. Man sollte jedem erzählen können, dass man schwanger ist, ohne dass gleich alle ausflippen und befürchten, dass man jetzt nie wieder irgendetwas arbeiten wird und dass man seinen beruflichen Ehrgeiz komplett verloren hat. Es muss so okay sein, dass man nicht seine Eizellen einfrieren muss und warten muss bis man 45 ist, bevor man ein Kind bekommt - außer natürlich eine Frau will das so, dann soll sie ihre Eier ruhig einfrieren -- weil ansonsten die Karriere mit 28 beendet ist und man sie auch nie wieder zum Laufen bringen wird. Es muss so okay sein, dass sich keine Frau genötigt fühlt, ihr Neugeborenes in der Krippe abzuliefern, damit sie sofort wieder zu arbeiten beginnen kann und die Entscheidung dann doch ihr ganzes Leben lang bereut.

Die Wahrheit sieht so aus: Du willst Kinder und Karriere? Kannst Du gerne haben, doch beides wird darunter leiden.

Außerdem müssen alle Frauen Unterstützung bekommen können, egal welche Hautfarbe sie haben oder wie viel sie verdienen. Der Vizepräsidentin eines Technologieunternehmens stehen Mutterschutz, Arbeitsplatzsicherheit und angemessene Kinderbetreuung nicht mehr zu als einer Kellnerin in einem Restaurant. Das ist der Preis dafür, dass man Müttern nicht nur erlaubt, wieder zu arbeiten, sondern es auch von ihnen erwartet. Denn das tun wir heutzutage. Für den Großteil der Mütter ist es kein Luxus oder ihre persönliche Entscheidung, wenn sie wieder arbeiten gehen, und wir dürfen nicht mehr dauernd so tun, als ob es das wäre. Ich meine damit auch keine abgefahrene Sonderbehandlung. Ich finde nicht, dass wir wie in der „Oprah Winfrey Show" ständig herumheulen müssen, dass Mama zu sein der härteste Job auf der ganzen Welt ist. Für genauso falsch halte ich jedoch die Aussage eines Männerrechtlers, die ich kürzlich auf Twitter gelesen habe: „Gib mir Geld und eine Sonderbehandlung. Weil ich eine Vagina habe." Ich finde, dass es okay sein muss, wenn eine Frau sagt, dass sie schwanger ist oder dass sie eine kleine Auszeit braucht, um sich von der Geburt zu erholen, ohne dass sie Angst haben muss, dass sie damit ihre Karriere ruiniert. Wir sollten den Begriff „Kinder und Karriere unter einen Hut bringen" neu definieren, oder besser noch sollten wir jede Frau selbst darüber entscheiden lassen, was sie sich für ihr Leben wünscht. Denn der Gedanke, dass ich damals, als mein Sohn einen Monat alt war, ganz besonders stolz darauf war, dass ich seine Existenz so gut verheimlichen konnte, ist eigentlich verdammt traurig. Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

Video: Video: Nach diesem Video denkt ihr vielleicht anders über andere Mamas auf dem Spielplatz

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