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"Ich lasse nicht zu, dass du so über Muslime redest" - Warum ich so stolz auf meinen kleinen Jungen bin

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CHILDREN SCHOOL CONFLICT
manley099 via Getty Images
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"Muslime sind das Problem", meinte ein Schulkamerad meines Sohnes. Ich weiß nicht, wie eine Gruppe Fünftklässler darauf kam, im Sportunterricht über Terrorismus zu diskutieren. Ich weiß nur, dass mein Sohn den Jungen unterbrochen hat, aufgestanden ist und zu ihm sagte: "Ich bin in einem Raum voller Muslime gesessen und ich habe mich vollkommen sicher gefühlt."

Ein paar Tage zuvor waren wir bei einer "Triff einen Muslim"-Veranstaltung. Sie wurde vom Crescent Peace Verein in unserem Ort ins Leben gerufen.

Mein Sohn hat bei dieser Veranstaltung viel über Muslime gelernt. Er konnte sich ein besseres Bild davon machen, von was für Menschen wir sprechen, wenn wir über amerikanische Muslime reden. Jetzt hatte er Gesichter vor Augen und diese Gesichter sehen freundlich aus und lächeln ihm zu.

Seit 9/11 hat die Angst vor Muslimen zugenommen

Sobald klar war, dass Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten werden würde, überkam mich ein starkes Gefühl von Übelkeit. Während des gesamten Wahlkampfes hat der Mann nur Hass gepredigt, er hat andere Menschen gedemütigt und empörende Aussagen gemacht. Nichts von alledem steht für das Amerika, an das ich glaube.

Also habe ich für mich beschlossen, dass ich mich mehr über Minderheiten in unserer Gesellschaft informieren möchte. Damit ich sie gegebenenfalls in Schutz nehmen kann, wenn jemand abfällig über sie redet.

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Ich bin schon öfter Zeuge von Islamophobie geworden. Seit dem 11. September 2001 scheinen viele Amerikaner zu glauben, dass die gesamte muslimische Religionsgemeinschaft für Terrorangriffe verantwortlich ist.

"Triff einen Muslim" war eine tolle Gelegenheit, um mehr über die muslimische Gemeinde in meiner Stadt zu erfahren. Am Tag der Veranstaltung beschloss ich kurzerhand, meinen zehnjährigen Sohn mitzunehmen.

Menschen wie du und ich

Ich war überrascht, wie viele verschiedene Ausprägungen des Islams bei der Veranstaltung vertreten waren. Viele der anwesenden Muslime kamen als Migranten oder Flüchtlinge in die USA und haben später die Staatsbürgerschaft angenommen.

Andere waren afro-amerikanische Moslems, die konvertiert sind. Und natürlich waren viele Personen da, die in Amerika als Kind von Einwanderern geboren wurden. Es gab sogar einige weiße Amerikaner, die für ihren Ehepartner konvertiert sind - eine sehr heterogene Gruppe also.

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Unter dem Motto "Triff einen Muslim" bringt der Crescent Peace Verein in Kansas verschiedengläubige Amerikaner zusammen, Bild: Laura Intfen

Wir saßen in Kleingruppen von fünf bis sechs Personen zusammen. Jedem Tisch war ein Muslim als eine Art Moderator zugeteilt. Unserer war vor kurzem Vater geworden. Er hatte seinen kleinen Sohn auf dem Schoß.

Der Mann führt ziemlich genau dasselbe Leben, wie mein Mann und ich: er arbeitet, kümmert sich um seine Kinder, treibt gerne Sport und erledigt die Einkäufe. Das Einzige, was ihn von uns unterscheidet, sind seine Religion und seine Hautfarbe.

Mir hat es sehr geholfen, mehr über den Islam zu erfahren. Ich muss gestehen, dass ich viele Dinge falsch aufgefasst hatte. Zum Beispiel wusste ich nicht, dass muslimische Frauen selbst entscheiden können, ob sie ein Kopftuch tragen wollen, oder nicht. Ich war immer davon ausgegangen, dass man es ihnen aufzwingt.

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Sich mit Menschen zu unterhalten, die anders sind, als man selbst, die einer anderen Religion angehören oder aus einer anderen Kultur stammen, macht einen nicht nur schlauer, sondern schafft mehr Mitgefühl für andere.

"Ich lasse nicht zu, dass du so über sie sprichst"

An unserem Tisch saß auch ein Moslem im Teenager-Alter. Er war sehr geduldig mit meinem Sohn und hat sich bemüht, alle seine Fragen zu beantworten. Ob sie Weihnachten feiern -
Nein, aber ihnen gefallen die Dekorationen und die Musik - ob er oft versucht, seinen andersgläubigen Freunden seine Religion zu erklären - wenn sich die Gelegenheit bietet, aber so oft ist das nicht - und ob er schon einmal diskriminiert wurde - er konnte einige Beispiele nennen.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

Auf der Heimfahrt sagte mir mein Sohn, dass er sich sehr gerne mit dem Jungen unterhalten hatte.

Darum konnte er es nicht stehen lassen, als sein Klassenkamerad behauptete, dass Muslime das Problem seien. Mein zehnjähriger Junge fühlte sich verpflichtet, den anderen aufzuklären: "Die Muslime, die ich kennengelernt habe, waren sehr nett zu mir."

"Sie gehen einfach nur in eine andere Kirche als du und ich lasse nicht zu, dass du so über sie sprichst." Einige seiner Mitschüler haben ihm für seine Ansage applaudiert.

Als mir mein Sohn von dem Vorfall erzählte, gestand er, dass er ziemlich nervös gewesen war und dass seine Knie gezittert haben. Doch in diesem Moment dachte er an den Jugendlichen, den er auf der Veranstaltung getroffen hatte. Sein freundliches Gesicht war es, wofür mein Sohn an diesem Tag im Sportunterricht eingestanden ist.

Dieser Beitrag wurde von Anna Rinderspacher aufgezeichnet und aus dem Englischen übersetzt.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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