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Liebe Stadtkinder, ich komme vom Dorf und habe Mitleid mit euch

24/11/2017 08:26 CET | Aktualisiert 24/11/2017 18:01 CET
Matteo Colombo via Getty Images

Kürzlich hat mir eine 20-jährige Kollegin erzählt, sie habe vor wenigen Tagen zum ersten Mal ein echtes Schwein gesehen. Ich dachte erst, das wäre ein Scherz.

Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass jemand mit 20 noch nie ein Schwein gesehen hat. Schweine haben mein Leben bereichert. Im Ernst, das sind wunderbare Tiere mit der Intelligenz eines Kleinkindes.

An so etwas denke ich, wenn ich Kinder sehe, die in der U-Bahn Haltestangen ablecken. Das machen Kinder, wenn ihre Stadt-Eltern nicht hinsehen. In diesem Fall reagierte die Münchner Mutter glücklicherweise schnell und riss das Kind entsetzt und angeekelt weg.

"Aber mir ist langweilig!", krähte das Kind. Und genau das ist das Problem von euch Stadtkindern.

Früher habe ich euch noch beneidet

Als ich jünger war, habe ich euch immer ein bisschen beneidet. Ihr kamt mir so viel weltgewandter vor als ich - weil ihr in der Stadt gelebt habt und ich im Dorf. (Damals wusste ich noch nicht, dass manche von euch in ihrer Freizeit Haltestangen ablecken.)

Als kleines Kind wusste ich ohnehin so gut wie nichts darüber, wie es ist, in der Stadt zu leben. Ich kannte das nur aus (vorgelesenen) Büchern und Kinderserien. Also bin ich davon ausgegangen, dass Stadtkinder den ganzen Tag mit ihrer internationalen Stadtkinder-Gang Mordfälle lösen, nachts über Hochhäuser klettern und sich in dunklen Hinterhöfen Basketbälle zuwerfen.

Ich habe gesehen, wie selbstverständlich ihr mit U-Bahnen, Straßenbahnen und Zügen gefahren seid und euch dafür bewundert. Bei mir im Dorf gab es nur einen Bus. Der ist einmal die Stunde gefahren.

Wer ihn verpasst hat, musste eine Stunde warten. Oder bis zu einer der nächsten Haltestellen neben dem fahrenden Bus herlaufen - was auch später als Teenie mit einem viel zu tief hängenden Rucksack mit viel zu schweren Büchern natürlich überhaupt nicht peinlich war. Aber hey - das nennt man Ausdauer.

Ihr habt wahrscheinlich nie gelernt, euch selbst zu beschäftigen

Ihr hattet im Gegensatz zu uns nicht nur Busse, die alle fünf Minuten fahren, sondern auch Einkaufscenter, Kinos, Restaurants, Theater, Zoos und Museen um die Ecke - und jederzeit unzählige Menschen um euch herum. Und das alles ist für euch seitdem selbstverständlich.

Ihr seid verwöhnt. Und viele von euch haben wahrscheinlich nie gelernt, sich selbst zu beschäftigen.

Den Eindruck gewinne ich zumindest manchmal. Vor allem, wenn jungen Stadtkindern gleich langweilig wird, sobald sie mal zwei Stunden keine Bespaßung haben. Der Vorteil, den Eltern von Dorfkindern haben: Sie müssen ihre Kinder nicht beschäftigen. Sie müssen einfach nur die Tür aufmachen.

Früher habe ich mir oft vorgestellt, wie unfassbar cool es sein muss, in einer Stadt aufgewachsen zu sein. Mittlerweile habe ich in fünf verschiedenen Städten gewohnt und mein Bild hat sich gewandelt.

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Ich liebe das Leben in der Stadt und würde nicht in mein Dorf zurückziehen wollen. Aber ich beobachte auch die Kinder in der Stadt. Und die wenigsten von ihnen lächeln oder sehen auch nur im Entferntesten so aus, als würden sie Spaß haben. Viele von ihnen sitzen in der U-Bahn mit ernsten Gesichtchen und Smartphones in der Hand - so wie ich - und sehen dabei aus wie kleine Klone ihrer Eltern.

Und dann tut ihr Stadtkinder mir sehr oft sehr leid.

Denn wie wenige Möglichkeiten ihr hattet, eine andere Seite des Lebens kennenzulernen als die, die ihr wahrscheinlich als Erwachsener schon oft genug erleben werdet, ist traurig. Und wie viele von euch Schweine wahrscheinlich nur vom Mittagsteller kennen, auch.

Ich kann mich nicht erinnern, mich je gelangweilt zu haben

"Aber im Dorf aufzuwachsen, ist bestimmt total langweilig", höre ich oft.

Ich bin in einem Dorf mit einem Bäcker, einem Supermarkt und einem Friseur aufgewachsen - und ich kann mich nicht erinnern, mich je gelangweilt zu haben.

Ich habe kaum ferngesehen oder Computerspiele gespielt. Aber nicht, weil meine Eltern es mir verboten hätten - ich hatte einfach kein großes Interesse daran.

Mit Freunden und Geschwistern habe ich lieber Bälle für Hunde geworfen, Ponys gestriegelt, Ferkel im Arm herumgetragen oder Lämmchen mit der Flasche gefüttert. Das klingt furchtbar klischeehaft - aber es war toll. Und meine Freunde aus der Stadt fanden es auch toll. So etwas wie Kutsche fahren oder Hufe auskratzen kannten sie bisher nur vom Urlaub auf einem bayerischen Bauernhof - oder aus Filmen.

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Manchmal haben wir einen Frosch gefangen und versucht, ihn zu küssen - weil wir hofften, dass er sich dann in einen Prinzen verwandeln würde. Hat leider bis heute nicht geklappt.

Dorfkinder entwickeln ein anderes Verständnis für den Tod

Als wir mal ein ausgehungertes Kätzchen gefunden haben, haben wir es mit nach Hause genommen und aufgezogen. Und als wir einen toten Maulwurf entdeckt haben, haben wir ihn im Garten einer Freundin beerdigt und eine Rede für ihn gehalten.

Zugegeben: Ja, das mag ein bisschen seltsam klingen. Aber ich erwähne es deshalb, weil Dorfkinder sehr früh auch noch etwas anderes lernen: ein gesundes Verständnis für den Tod. Mit dem Tod umzugehen, lernst du nämlich zwangsweise auf dem Dorf.

Natürlich können Tiere nicht mit Menschen verglichen werden - aber sag das mal einem kleinen Kind. Für uns hat das damals keinen Unterschied gemacht.

Nur, dass Tiere ein sehr viel kürzeres Leben haben und deshalb andauernd sterben. Im Dorf sehr oft auch unfreiwillig. So wie der riesige Bulle aus dem Nachbardorf. Ich weiß noch, dass ich besorgt war, weil er immer und immer dicker wurde. Er war wirklich abnormal dick. Und dann war er auf einmal weg.

"Wo ist der Bulle?", habe ich gefragt, vielleicht sieben Jahre alt. Und die Antwort lautete: "Wir haben ihn gegessen."

So sind die Menschen im Dorf. Sie reden nicht lange um eine Sache herum. Und wenn du weinst, dann sagen sie: "So ist das Leben."

Das Konzept einer Bauern-Party ist nicht zu verachten

Die Gans, die einer der Nachbarn selbst geschlachtet hat und die er jetzt stolz zum Weihnachtsmahl vorbei bringt, oder das kleine Küken, das tot in seinem Ei liegt - Dorfkinder lernen schnell, dass der Tod ungerecht und grausam ist, aber auch zum Leben dazu gehört.

Und auch wenn sich wohl jedes Dorfkind spätestens als Teenager wünscht, in der Stadt zu leben: Es ist kein Zufall, dass Dorfkinder besonders trinkfest sind. Denn ist einmal eine Dorfparty, dann wird dort nicht gesoffen, was die Flaschen, sondern was die Fässer hergeben.

Das Konzept einer Bauern-Party ist übrigens auch nicht zu verachten: Jeder aus dem Dorf oder Nachbardorf wirft Geld in das Fass des Gastgebers und darf dann so viel trinken und essen, wie er will. Das würde in der Stadt wahrscheinlich niemals funktionieren, ohne in einer Facebook-Crash-Party zu enden.

Der Dorffrisör hat die einzig richtige Frage gestellt

Vor kurzem war ich wieder in meinem Dorf. Denn war ich früher noch froh, es verlassen zu können, freue ich mich mittlerweile auch, wieder dort zu sein. Ich habe einen alten Dorf-Frisör getroffen.

Wenn ich in der Kleinstadt, in der ich mein Abi gemacht habe, alte Bekannte treffe, fragen sie mich oft geradezu aus. Es sind die immer gleichen Fragen.

Wo ich denn jetzt arbeite, ob ich einen Freund habe, manchmal auch, wie teuer meine Wohnung im fernen München sei. Und als Journalistin, wie viel verdient man denn da?

Verdient man da überhaupt? Will ich nicht doch noch Lehrerin werden? Für Deutsch vielleicht oder Latein?

Das fiel mir doch immer so leicht - und Latein-Lehrer, das ist schon eine sichere Karte auf den katholischen Gymnasien. Die werden gebraucht. Und dann könnte ich ja auch in der Heimat bleiben.

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Ich glaube nicht, dass der alte Dorffrisör Latein kann. So etwas interessiert ihn nicht. Er hat mir eine viel bessere und eine viel wichtigere Frage gestellt als meine Bekannten in der Stadt. Auch was ich arbeite oder wie viel ich verdiene, hat ihn nicht im Geringsten interessiert.

"Geht es dir gut und bist du gesund?", fragte er mich stattdessen. "Ja danke, mir geht es sehr gut", sagte ich.

Er lächelte. "Das ist schön", sagte er. "Das ist das Wichtigste. Alles andere ist unwichtig."

Und manchmal sind es solche Sätze, die dir zeigen, wer wirklich weltgewandt ist.

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(lk)