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Ich habe eine Woche lang jeden Tag einen Fremden angesprochen - das ist mir passiert

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YOUNG PEOPLE WITH SMARTPHONES
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Lange nach Feierabend schleiche ich an einem Münchner Busbahnhof herum und überlege, welchen Mann ich ansprechen soll.

Nicht, weil ich hier tatsächlich einen Mann suche. Ich habe mich auf ein Experiment eingelassen: Jeden Tag in dieser Woche möchte ich einen fremden Menschen kennenlernen. Denn ich glaube, dass wir mehr miteinander und weniger übereinander sprechen sollten.

Wenn ich in der Bahn neben einem Fremden sitze, ziehe ich automatisch mein Smartphone aus der Tasche, genauso wie es alle anderen um mich herum tun. Bloß nicht riskieren, angesprochen zu werden, bloß nicht selbst sprechen müssen.

Wir machen uns selbst etwas vor, um nicht miteinander sprechen zu müssen

Oft haben wir Ausreden dafür, tarnen unser Schweigen und unsere Feigheit mit guter Erziehung. Schließlich gehört es sich nicht, einfach Unbekannte anzusprechen. Also schreiben wir lieber auf WhatsApp mit den Freunden, von denen wir schon alles wissen.

Das will ich ändern. Und mein Experiment beginnt hier an diesem verregneten Abend an der Bushaltestelle Giesing.

Hier sehe ich sie: eine echte Bilderbuch-Oma. Sie hat sogar ein Bilderbuch auf dem Schoß. Erst bei genauerem Hinsehen erkenne ich, dass es ein Buch mit Sudoku-Rätseln ist.

Montag

Elisabeth, 75: "Für euch ist heute alles so leicht"

elisabeth


Unauffällig sehe ich mich um, so, als würde ich gerade etwas Illegales tun. Niemand hört zu - und da nehme ich allen Mut zusammen. Als ich die Frau anspreche, verzieht sie zunächst das Gesicht. "Geht es um Sudoku-Rätsel?", fragt sie.

Als ich ihr versichere, dass ich nichts über Sudoku-Rätsel, sondern nur etwas über sie erfahren will, lächelt sie. Sie beginnt zu erzählen, als hätte sie lange nur auf die Möglichkeit gewartet, endlich ihr Sudoku-Buch zuklappen zu können, um mit jemandem zu sprechen.

"Ich heiße Elisabeth", sagt sie fröhlich und erzählt, dass sie bei ihrer Großmutter aufgewachsen sei. Obwohl sie mit 75 Jahren eigentlich längst in Rente ist, arbeitet sie immer noch in der Buchhaltung einer kleinen Firma. Nicht weil sie muss. Sondern weil sie es so von ihren Eltern kennt, dass man arbeitet so lange man kann.

"Meine Mutter hat immer nur gearbeitet, während mein Vater in Kriegsgefangenschaft war", sagt sie. "Also hat meine Großmutter mich großgezogen. Ja, ich weiß, für euch junge Leute klingt das wie ein Film. Für euch ist heute alles so leicht."

Elisabeth ist keine Frau, die sich über Dinge beklagen würde

Elisabeth hat Recht. Wir führen heute ein viel einfacheres Leben und finden doch immer genug Dinge, über die wir uns beklagen können. Aber nicht, weil unser Vater in Kriegsgefangenschaft ist, sondern eher weil an der Uni vielleicht nicht alles nach unseren Vorstellungen läuft. Oder weil der Akku so schnell leer ist.

Und noch etwas fällt mir auf: Ich kenne nicht viele Menschen, die mit 75 Jahren noch arbeiten. Aber Elisabeth ist keine Frau, die sich über Dinge beklagen würde. Eher ein Mensch, der Dinge in die Hand nimmt. So lange es noch geht.

Elisabeth wirft einen Blick auf die Bus-Anzeige. Wir haben nicht mehr viel Zeit. Sie beginnt zu kichern. Ich weiß nicht, wie sie auf einmal darauf kommt, aber sie fragt: "Was meinen Sie, warum früher so viel mehr Paare geheiratet haben?" Sie macht eine Kunstpause und lächelt verschmitzt.

"Früher konnte man noch nicht verhüten, da musste man gleich heiraten. Jetzt stellen Sie sich das mal vor. Furchtbar, oder?"

Dienstag

Ali, 56: "Wenn du in meiner Heimat ein falsches Wort sagst, bist du tot"

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Es ist schon 20 Uhr und ich habe immer noch niemanden angesprochen. Heute möchte ich es in einer dunklen Straße in einem abgelegenen Münchner Industriegebiet versuchen.

Den grimmigen Gesichtern der Passanten nach zu urteilen, hat es hier heute irgendwo Massenkündigungen gegeben.

Vielleicht sollte ich einfach nach Hause fahren. Dann sehe ich sie. "Balanstüberl" heißt die Kneipe. Schnell werfe ich einen Blick durch die Scheibe.

Männer mit grauen Haaren sitzen an der Bar. Im Hintergrund läuft ein Fußballspiel. Nein Danke, denke ich und gehe weiter.

An der Bushaltestelle steht ein Mann, der eine Pfandflasche aus einem Mülleimer zieht.

"Hallo", sage ich vorsichtig. Er dreht sich um, offensichtlich ist er sehr betrunken. "Hallo-ho, na meine Kleine! Hast du einen schönen Sonntag?" Kurz bin ich verwirrt. Ist nicht Dienstag?

Von solchen Fakten lässt sich der Mann nicht beirren: "Ich gehe jetzt in die Kirche!", lallt er. Viel Spaß. Ich gehe jetzt doch in die Kneipe mit den älteren Herren.

Die Männer starren mich an, als sei ich ein Alien

Frauen sind hier offenbar eher selten. Vor allem die in meinem Alter.

Als ich das Balanstüberl betrete, bereue ich meinen Entschluss sofort. Die Männer starren mich an, als sei ich ein Alien.

Nur der Barkeeper lächelt. "Ein Helles vielleicht?"

"Ja bitte", sage ich. Anders halte ich das hier nicht aus. Vielleicht sieht er mir das an.

Ich fühle mich unwohl, lasse meine Jacke an. Aber jetzt kann ich nicht gleich wieder gehen, weil ich gerade erst etwas bestellt habe.

Der Mann neben mir sieht mich neugierig an. "Ali", stellt er sich vor. "Was machst du denn hier?", fragt er verwundert.

Weil ich das Gefühl habe, dass er es mir nicht abnimmt, dass ich einfach nur bei einem guten Fußballspiel mein Bier genießen möchte, erzähle ich ihm von meinem Projekt.

"Da bin ich lieber Hausmann", sagt Ali

"Warum machst du denn so was?", fragt er. "Ist das dein Beruf?"

"Sozusagen, ja."

"Das würde ich nicht als Beruf machen wollen", sagt er. "Da bin ich lieber Hausmann."

"Was macht man als Hausmann?"

"Na, was machst du denn Zuhause?", fragt er. Jetzt ist er beleidigt, dreht sich um und drückt auf dem Spielautomaten herum. Es blinkt kurz. Dann spielt das Gerät eine fröhliche Melodie.

Es wirkt allerdings nicht so, als mache ihm der Automat Spaß. Ablenkung. Verlegenheit? Vielleicht ist der Automat für ihn so etwas wie für mich das Smartphone, wenn ich gerade nichts mit mir anzufangen weiß.

"Woher kommst du?", frage ich Ali.

"Türkei."

"Ich würde gern mal in die Türkei", sage ich. "Aber ist die Lage dort nicht etwas zu unübersichtlich?" Endlich hört er auf, an dem Automaten herumzudrücken.

Er setzt sich wieder neben mich. "Du musst unbedingt nach Antalya. Es ist die schönste Stadt der Welt. Man darf nie Angst vor dem Reisen haben."

Begeistert erzählt er mir von seiner Heimat, von den Stränden, dem wahnsinnigen Verkehr, seinem Onkel. Viermal im Jahr besucht er ihn.

Als es um Erdogan geht, wird er vorsichtig

Schließlich kommen wir auch auf Erdogan. Er wird ganz vorsichtig. "Nimmst du mich auf?", fragt er. Ich zeige ihm mein Handy, damit er sieht, dass ich nichts aufzeichne.

Es erschreckt mich, dass er sich auch in Deutschland davor fürchtet, schlecht über den türkischen Präsidenten zu sprechen. Er beschreibt Erdogan mit Worten, von denen ich versprechen muss, sie für mich zu behalten.

"Wenn du in meiner Heimat ein falsches Wort sagst, bist du tot", sagt er. Seinen Freunden vertraue er alles an. Aber nur bei geschlossenen Fenstern.

Er macht eine Handbewegung, als würde er geköpft werden. "Geht schnell."

Gleichzeitig habe er auch Verständnis für Erdogans Unterstützer. "Verständnis ist vielleicht das falsche Wort, aber sie wissen es nicht besser. Stell dir vor, du hast überhaupt keine Bildung, stellst den Fernseher an, siehst Erdogan und hörst tolle Dinge über ihn, schlägst die Zeitung auf und liest noch mehr wunderbare Dinge über ihn und dann hast du vielleicht auch noch Freunde, die dir erzählen, wie toll er ist."

Ali ist verzweifelt

Ich merke, wie verzweifelt Ali ist. Er liebt seine Heimat, würde heute aber nicht mehr dort leben wollen. Zensierte Medien, ausgehöhlte Demokratie und Angst beherrschen den Alltag dort.

"München ist so friedlich", sagt er. "Man kann hier einfach auf der Straße herumlaufen, ohne dass einem was passiert. Manche wissen einfach gar nicht, wie wichtig das ist. Und wie wunderschön."

Auf einmal merke ich, wie spät es geworden ist. Ich verabschiede mich. Und als ich durch die dunklen Straßen nach Hause gehe und keine Angst habe, merke ich, wie Recht Ali hat.

Mittwoch

Fatao, 28: "In Deutschland bin ich arbeitslos, in Afrika halten sie mich für reich"

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Fatao kommt mir am Karlsplatz entgegen. Er ist ungefähr zwei Meter groß und hat seine Kapuze bis tief ins Gesicht gezogen. Das, was noch davon zu sehen ist, sieht grimmig aus. Niemand, den ich abends in der Stadt ansprechen würde. Normalerweise.

Zu meiner Überraschung lächelt er breit und findet es "richtig cool", mit mir ins Gespräch zu kommen.

"Die Münchner sind ja oft ein bisschen hochnäsig. In Afrika sind die Leute viel entspannter", sagt er. Fataos Eltern stammen aus Togo. Er selbst aber sei in Deutschland aufgewachsen, erzählt er.

Auf seinem Smartphone zeigt er mir ein Foto von seiner Familie in Afrika. Alle strahlen glücklich in die Kamera, die Frauen tragen lange bunte Gewänder.

Sie sehen nett aus. "Pass bloß auf, die würden uns gleich verheiraten", sagt Fatao und lacht.

"Da sind die Afrikaner super drin. Meine Oma würde dir den ganzen Tag von mir vorschwärmen. Wenn wir heute hinfliegen würden, wären wir morgen verheiratet."

Vielleicht nächstes Jahr, sage ich und er lacht.

Zuletzt hat Fatao in einem Fahrradladen gearbeitet

Fatao besucht seine Großeltern einmal im Jahr. "Es nervt, dass mich dort alle für einen Reichen halten, nur weil ich andere Kleidung trage", sagt er.

"Dabei wissen die gar nicht, wie es mir hier geht. Ich bin jetzt schon seit drei Monaten arbeitslos und wohne immer noch bei meinen Eltern, weil ich kein Geld verdiene."

Ich denke darüber nach wie es wäre, mit 28 noch bei meinen Eltern zu wohnen und arbeitslos zu sein, überhaupt kein Geld zu haben. Und dann in meine Heimat zu reisen und von allen falsch verstanden zu werden. Für mich wäre das schrecklich. Auch Fatao belastet diese Situation.

Zuletzt hat er in einem Fahrradladen gearbeitet. In wenigen Tagen hat er ein Vorstellungsgespräch, wieder in einem Fahrradladen. Ich denke, dass ich nicht gern in einem Fahrradladen arbeiten würde und gleichzeitig, wie arrogant es von mir ist, so was zu denken.

Für Fatao geht es gerade nicht darum, seinen Traumjob zu finden, sondern darum, Geld zu verdienen. Damit er endlich ausziehen kann. Sein eigenes Leben beginnen kann.

"Hoffentlich klappt es", sagt er. Das hoffe ich auch für ihn.

Donnerstag

Joschy, 22: "Ich werde echt oft wegen meiner Haare angesprochen"

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Als ich an der S-Bahn den jungen Mann mit den grün gefärbten Haaren und den Piercings sehe, ist mir sofort klar, dass er mein nächster Kandidat ist. Denn mit seinem Aussehen ist er im braven München schon fast so etwas wie eine Attraktion.

Als ich ihm von meinem Projekt erzähle, strahlt er über das ganze Gesicht. "Ich hab aber auch immer ein Glück. Das letzte Mal, als mich jemand angesprochen hat, hat er mir einen Burrito geschenkt. Der war von der Burrito Company."

Von der Burrito Company bin ich leider nicht. Er erzählt mir trotzdem, dass er Joschy heißt, 22 ist und gerade Theaterwissenschaften an der LMU studiert. Vorher hat er zwei Studiengänge abgebrochen: Theaterpädagogik und ein Schauspielstudium.

Joschy: "Meine Haare hab ich mir für meine Performance gefärbt"

Ich bin irritiert. Drei ähnliche Studiengänge zu beginnen und davon zwei abzubrechen, ergibt für mich keinen Sinn. Es ist etwas, das ich niemals tun würde, mich wahrscheinlich aber auch gar nicht trauen würde. Joschy sieht mir meine Gedanken an.

"Ich war an einer privaten Schauspielschule und die Schulleitung da ging echt gar nicht", erklärt er. "Sagen wir es mal so: Wir haben uns im gegenseitigen Einvernehmen gekündigt."

Joschy macht trotzdem noch Theater, nebenbei.

"Deshalb sind auch meine Haare gefärbt", verrät er. "Für meine Performance. Meine Ex-Freundin und ich werden uns gegenseitig live die Haare schneiden."

"Und dann?", frage ich.

"Wie und dann? Dann haben wir kurze Haare."

"Gibt es keine Handlung?"

"Nein, es gibt keine Handlung. Das ist eine Performance."

Aha. Trotzdem finde ich Joschy sympathisch. Er wirkt so, als interessiere es ihn kein bisschen, ob ich seine Performance cool oder seltsam finde. Für ihn ist offenbar das Wichtigste, dass er selbst Spaß an dem hat, was er tut.

Wenn Joschy keine Lust mehr auf sein Studium hat, bricht er es eben ab

Wenn er Lust dazu hat, sich die Haare grün zu färben und sie sich danach live abschneiden zu lassen, dann tut er das einfach. Wenn er keine Lust mehr auf sein Studium hat, dann bricht er es eben ab.

Er reicht mir einen Flyer für eine Ausstellung zum Thema Feuer, natürlich hat er sich die selbst ausgedacht.

Man könnte denken, es sei ihm völlig egal, was andere Menschen über ihn denken. Doch an einem Satz merke ich, dass das nicht ganz stimmt.

"Oh man, ich hoffe echt, ich komme nicht wieder wie der Sonderling rüber", sagt er auf einmal. "Ich bin einfach mega fertig, war heute bis sechs Uhr morgens feiern."

Ich sage, dass er in München wahrscheinlich meistens wie ein Sonderling rüberkommt. Und das ist letztlich auch sein Plan. Er lacht und sagt: "Das Interessante ist: Ich werde echt oft angesprochen wegen meiner Haare. Das kann also auch helfen, wenn man miteinander reden will."

Freitag

YingYing, 13: "Ich will etwas Sinnvolles tun"

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An einem Tag meines Projekts, das hatte ich mir vorgenommen, würde ich jemanden in der U-Bahn ansprechen. Die Woche geht langsam zu Ende und ich habe es immer noch nicht getan. Es fällt mir zu meiner Überraschung sogar noch schwerer, als allein in eine Bar voll älterer Männer zu gehen.

Jetzt, am frühen Abend, ist die U-Bahn komplett voll. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, mich neben jemanden zu setzen und "Hey naa, was machst du so?" zu sagen, während mir alle zuhören und sich fragen, was mit mir nicht stimmt.

Ich schiele zu dem Mann neben mir. Er ist ungefähr in meinem Alter und hat kunstvoll einen Burberry-Schal um den Hals geschlungen.

So einer fehlt mir ja eigentlich noch. Er merkt sofort, dass ich ihn mustere. Er lächelt zufrieden und richtet seinen Schal. Vielleicht doch lieber nicht.

Die Oma gegenüber denkt, ich sei auf Männerfang

Mir gegenüber steht ein Mann mit einer Pudelmütze auf dem Kopf und einem Wanderrucksack auf dem Rücken. Der hat bestimmt was zu erzählen. Ich nehme mir fest vor, ihn anzusprechen, wenn er jetzt nicht aussteigt.

Er steigt aus.

Langsam habe ich das Gefühl, dass die Oma gegenüber mir zuzwinkert. Sie denkt offenbar, ich sei auf Männerfang. Stimmt ja auch. Irgendwie.

Ich gehe ans andere Ende der U-Bahn. Mir gegenüber sitzt jetzt ein kleines chinesisches Mädchen mit ihrer Mutter. Das Mädchen hält einen bunt verzierten Holz-Schmetterling in den Händen. Ich lächle sie an, sie lächelt zurück.

"Wo hast du den gemacht?", frage ich.

"Bei einem Geburtstag von meiner Freundin", sagt sie.

Weil ihre Mutter mich schief ansieht, erzähle ich ihnen schnell von meinem Projekt. Erst jetzt merke ich, dass ihre Mutter gar nicht misstrauisch ist, sondern einfach nur schlecht Deutsch versteht.

YingYing möchte Kinderärztin werden

Ihre Tochter hingegen, YingYing, drückt sich für ihr Alter sehr gewählt aus. "Ich finde es toll, dass Sie ein solches Projekt machen. Ich wünschte mir, die Menschen würden mehr miteinander sprechen", sagt sie ernst.

Ihr ist es wichtig, dass es den Menschen gut geht. Später möchte sie Kinderärztin werden. "Ich helfe Kindern gerne. Dann habe ich das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun."

Dass Yingying jetzt schon so genau weiß, was sie später machen möchte, beeindruckt mich. Ich wusste bisher nicht, dass jemand mit 13 Jahren so klug wirken kann, aber YingYing schafft das auf ihre Art. Es ist ihr anzumerken, dass sie sich viele Gedanken um andere Menschen und über sich selbst macht.

Ich erzähle ihr, dass viele andere in ihrem Alter noch nicht einmal wissen, welchen Beruf sie lernen wollen. "Sie sollten mehr von solchen schönen Projekten machen", rät sie mir.

Samstag

Thomas, 38: "Ich werde täglich als Nazi oder Arschloch beschimpft"

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Als ich Samstagabend gegen 23 Uhr am Hauptbahnhof stehe und auf meine U-Bahn warte, ist mein erster Gedanke tatsächlich nicht, mein Smartphone herauszuholen, sondern jemanden anzusprechen. Mein Projekt zeigt Wirkung.

Ich gehe um den Security-Mann herum, um ihn von vorn sehen zu können. Er beobachtet mich. Ich habe vergessen, dass es sein Job ist, auf Personen zu achten, die sich merkwürdig verhalten.

So wie ich mich gerade.

Ja, ein paar Minuten Zeit habe er, sagt er. "Aber mehr nicht."

Thomas: "Für mich ist gar nichts mehr krass"

Während ich mit ihm rede, beobachtet er seine Umgebung, jederzeit bereit, loszusprinten. Ich frage ihn nach dem krassesten Erlebnis in seinem Job. Er lacht.

"Für mich ist gar nichts mehr krass", sagt er. "Ich bin alles gewohnt, was man sich nur vorstellen kann."

Während seiner Nachtschicht von 20.30 Uhr bis 6 Uhr muss er ständig Leute aus dem Bahnhof schmeißen.

"Ich werde täglich als Nazi oder Arschloch beschimpft. Vor allem als Nazi." Obwohl auch mir klar ist, dass man als Sicherheitsmann vermutlich mit Beschimpfungen rechnen muss, erschreckt mich die Gleichgültigkeit, mit der er das erzählt.

Ich könnte mir nicht vorstellen, einen Job zu machen, bei dem mir jeden Tag Menschen ins Gesicht sagen, dass ich ein Arschloch sei.

Thomas: "Von einem Kapselriss träumt man nicht"

Auf die Frage, ob Security-Mann auch als Kind schon sein Traumberuf war, hat er eine deutliche Antwort.

"Ganz bestimmt nicht", sagt er. Ich komme mir in diesem Augenblick naiv vor, weil ich meistens davon ausgehe, dass Leute ihren Beruf selbst wählen. Dass sie etwas tun, was sie schon immer machen wollten.

Aber die Wahrheit ist, dass die meisten sich ihren Beruf nicht erträumt haben. Und trotzdem oft keine andere Wahl haben, als ihn jeden Tag zu machen. Im Fall von Thomas jede Nacht.

"Die schlimmste Verletzung, die ich bisher hatte, war ein Kapselriss im Daumengelenk. Von so was träumt man nicht", sagt er.

Sonntag

Jeanette (verrät ihr Alter nicht einmal ihren Freunden)

"Dass wir nicht mehr miteinander reden, ist gerade das größte Problem in Deutschland"

jeanette

Als ich Sonntagabend eine Freundin zum Bahnhof bringe, sehe ich Jeanette. Sie hat irgendetwas an sich, das mich fasziniert. Vielleicht ist es ihr fast bodenlanger, brauner Pelzmantel oder die majestätische Art, mit der sie durch den Bahnhof schreitet.

Als ich ihr von meinem Projekt erzähle, reißt sie begeistert die Augen auf. In Deutschland ist das Nicht-Mehr-Miteinander-Reden besonders schlimm, findet Jeanette. Und sie weiß, wovon sie spricht. Jahrzehnte lang hat sie als Reiseleiterin gearbeitet.

Sie war schon fast auf der ganzen Welt. Vielleicht liegt es daran, dass sie die Dinge in Deutschland ein bisschen anders sieht und vielleicht ist das einer der Gründe, warum es so wichtig ist, zu reisen.

"Künstler haben etwas gemeinsam", sagt Jeanette. "Sie sehen immer mit ein bisschen Distanz auf die Dinge. Das habe ich von meinen Eltern gelernt. Nur so gelingt es, sich nicht in diesen Sog an Fehlinformationen und Vorurteilen hineinziehen zu lassen", sagt sie.

"Dass wir zu wenig miteinander sprechen, ist das größte Problem in Deutschland"

Jeanettes Vater war ein Parfumeur, wie es sie heute kaum noch gibt, und reiste ständig um die Welt, ihre Mutter war Artistin im Zirkus. Obwohl das nicht gerade gewöhnliche Berufe sind, verwundern sie mich in Jeanettes Fall überhaupt nicht.

"Die Menschen müssen sich unabhängig von den Medien informieren. Das geht nur, wenn man miteinander spricht", sagt Jeanette.

Jeanettes Handy blinkt, sie scheint fast ärgerlich darüber zu sehen. "Sabine, wo bist du denn? Ich stehe hier schon seit einer Stunde", raunzt sie ins Telefon. Zu mir sagt sie ganz freundlich:

"Schade, dass ich jetzt weg muss. Es gäbe noch so viel mehr, über das ich gerne reden würde. Es wird viel zu wenig geredet. Das ist gerade unser größtes Problem in Deutschland."

Was ich gelernt habe: Die Menschen wollen miteinander reden

Es ist Sonntagabend. Mein Selbstversuch ist vorbei. Wenn ich ehrlich bin: Ich bin auch ein bisschen erleichtert. Es ist anstrengend, jeden Tag fremde Leute anzusprechen. Es kostet Überwindung.

Aber warum müssen wir uns eigentlich überwinden? Es gibt keinen Grund dafür.

Denn, womit ich nicht gerechnet hätte: Die Menschen haben fast ausschließlich positiv reagiert. Die meisten waren geradezu begeistert von meinem Projekt und haben sich gefreut, dass ich sie angesprochen habe.

Das zeigt vor allem: Die Menschen wollen miteinander sprechen. Aber sie haben Angst davor. Einige haben im Nachhinein Kontakt zu mir aufgenommen, haben mir geschrieben, wie toll sie die Idee finden, sich einfach mal mit Fremden zu unterhalten.

Dass es ein Problem sei, dass alle nur noch auf ihre Handys starren. Dass sie nie von anderen Menschen angesprochen werden.

Passanten haben mich angesehen als würde ich etwas Verbotenes tun

Das ist traurig - und sollte sich ändern. Während meiner Gespräche ist mir oft aufgefallen, dass vorübergehende Passanten mich seltsam ansehen, so, als würde ich gerade etwas tun, was sich nicht gehört. Dabei habe ich das Normalste der Welt getan: mit Menschen gesprochen.

Ich werde künftig wahrscheinlich nicht mehr jeden Tag einen fremden Menschen ansprechen, aber ich werde es öfter versuchen als früher. Denn tatsächlich hat jeder Mensch etwas Interessantes zu erzählen, jeder Einzelne, den ich angesprochen habe, hat mir auf seine Weise etwas mitgegeben. Und sei es nur, dass die Menschen oft nicht so sind, wie man sie auf den ersten Blick einordnet.

Mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen, ist übrigens gar nicht schwer. Man muss ihnen einfach nur eine Frage stellen.

Wir alle sollten das öfter ausprobieren, es lohnt sich.

Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..

(lk)

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