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Liebe Parteien, ich bin eine junge Frau und habe eure Programme gelesen - das kann nicht euer Ernst sein

23/09/2017 21:13 CEST | Aktualisiert 24/09/2017 10:23 CEST
NurPhoto via Getty Images

Mal im Ernst: Wer hat schon Lust, sich durch alle Parteiprogramme zu quälen?

Jetzt mal abgesehen von Menschen, die keine Hobbys haben und in ihrer Freizeit in Partei-Fan-Outfits herumrennen?

Ich jedenfalls nicht.

Bevor ich mir freiwillig mehrere hundert Seiten mit politischen Floskeln durchlese, sehe ich mir sogar lieber "Love Island" auf RTL II an.

Aber eigentlich ist das ziemlich dumm. Denn am Sonntag ist Bundestagswahl und ich wähle eine Partei, von der ich zwar weiß, wofür sie sich einsetzt, worauf sie besonders viel Wert legt und was sie verändern will - doch ihr Parteiprogramm habe ich mir noch nie durchgelesen.

Vielleicht verheimlichen die Programme etwas

Meine Meinung habe ich mir vor allem aus knappen Zusammenfassungen und Berichterstattungen in den Medien gebildet. Dabei haben mich diese Berichte oft nicht über das informiert, was ich wirklich wissen will.

Ich bin 25 und vor etwa eineinhalb Jahren richtig in den Beruf eingestiegen. Deshalb interessiert mich gerade vor allem der Aspekt der Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Arbeitswelt. Ich will wissen, was die Parteien konkret dafür tun wollen. Und wie es mit der Familienpolitik aussieht - wenn Frauen sich zum Beispiel dazu entscheiden, Kinder zu bekommen.

Außerdem bin ich misstrauisch: Wer weiß, ob mir die Parteien nicht doch das ein oder andere verheimlichen, was irgendwo tief verborgen in ihrem Programm steht.

Eine dornige Chance

Also habe ich mir alle Programme der etablierten Parteien vorgenommen: sechs Parteiprogramme, das sind mehr als 700 Seiten. Natürlich musste ich mir dabei einige Schwerpunkte setzen.

Denn Zeile für Zeile habe ich es dann doch nicht ausgehalten. Das ist schon eine ziemliche Herausforderung. Aber wie soll ich sagen: Herausforderungen sind für mich nur dornige Chancen.

Folgerichtig entscheide ich mich dazu, mit dem Parteiprogramm der FDP zu beginnen.

Gedanklich hüpfe ich mit Lindner über eine Wiese

Als ich es auf dem Laptop öffne, bin ich überrascht. Ich hätte nicht gedacht, dass die Parteien Chanel-No. 5-for-Men-Werbung in ihren Programmen schalten.

Oh. Mein Fehler. Es ist doch nur ein weiteres ganz vortreffliches Schwarz-Weiß-Foto von Christian Lindner.

"Nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt steht am Beginn einer neuen Zeit. Denken wir neu."

Ich versuche es...Aber die FDP lenkt mich mit ihrem leuchtenden pink-blauen Layout dabei gerade ein bisschen ab. Liebe FDP, das ist eine Farb-Kombination, die wirklich nur bei Dirndln schön aussieht.

Eigentlich wollte ich gerade das Parteiprogramm lesen - nun hüpfe ich gedanklich Hand in Hand mit Christian Lindner in einem pink-blauen Dirndl über eine Gänseblümchen-Wiese.

Aber beschäftigen wir uns doch zur Abwechslung mal nicht mit Christian Lindner, sondern mit den Inhalten der FDP.

Die FDP und ihr "German Mut"

Schauen wir nicht länger zu!

Die FDP will nicht mehr zuschauen, will sich vom "German Mut" leiten lassen. Eine Floskel nach der anderen. Und ach herrje, jetzt schreiben sie es schon wieder:

Schauen wir nicht länger zu!

Enttäuschter als von den Floskeln bin ich aber von den Hauptthemen der Partei. Denn "Gleichberechtigung" ist zwar ein Punkt im Partei-Programm der FDP, aber längst kein Schwerpunkt.

Die gesetzliche Frauen-Quote lehnt die FDP ab, diese würde Frauen zu Platzhaltern degradieren, argumentieren sie.

Wenn der Superlativ nicht reicht

Ein Schwerpunkt der Partei ist die "weltbeste Bildung" - neben den "weltbesten Lehrern". Ich glaube das letzte Mal, als ich dieses Wort gelesen habe, war ich sechs und habe meinem Vater einen Diddlmaus-Anhänger mit dem Aufdruck "Der weltbeste Papa!" geschenkt.

Und ich glaube sogar mit sechs kam mir das leicht übertrieben vor.

Für Kinder setzt sich die FDP, wie jede Partei, auch ein. Sie wollen unter anderem das Kindergeld neu regeln. Und die FDP zeigt sich modern, will, dass Eizellspenden und nicht-kommerzielle Leihmutterschaften auch in Deutschland erlaubt werden.

Außerdem betont die Partei, sie sei gegen Homo- und Transphobie.

Wobei das eigentlich auch selbstverständlich sein sollte, finde ich. Ich scrolle weiter bis zur letzten Seite: 96 Seiten. Das ist mir ehrlich gesagt schon zu viel.

Da mache ich doch lieber erst mal mit dem Parteiprogramm der AfD weiter. Das stelle ich mir ziemlich kurz vor, denn "Ausländer raus!" sind ja nur zwei Worte.

Die AfD bezeichnet mich als "Untertan"

Doch ich bin überrascht: Der AfD ist es gelungen, zwei Worte auf 76 Seiten auszuweiten. Respekt.

Das AfD-Programm nach dem FDP-Programm zu lesen, ist, wie nach einem Mädchen-Geburtstag mit pinken Luftballons eine Tier-Mast- und Schlachtanstalt zu betreten. Es ist beklemmend.

Allein schon der Anfang: "Mut zu Deutschland, freie Bürger, keine Untertanen."

Schon jetzt bin ich raus - denn ich sehe mich nicht als "Untertan".

Die große AfD will die Untertanen befreien: Von den bösen Muslimen, den bösen Flüchtlingen und den bösen deutschfeindlichen Deutschen.

Humor hat die AfD

Wenigstens hat die AfD Sinn für Selbstironie - ohne es zu wissen. Das hier sind meine drei Lieblings-Witze aus dem AfD-Parteiprogramm:

1. "Wir sind offen gegenüber der Welt."

2. "Die große Vielfalt der verschiedenen nationalen und regionalen kulturellen Traditionen macht das Besondere unseres Kontinents aus."

3. "Die AfD steht für eine Kultur des Lebens."

Außerdem bin ich als Tierfreundin gerührt, dass sich die AfD so sehr für Tiere einsetzt.

Die AfD ist eine Partei mit Herz

"Tiere sind fühlende Wesen", schreiben sie. Danke für die Information.

Kurze Zwischenfrage: Sind Muslime eigentlich auch fühlende Wesen? Nein, oder? Und Homosexuelle? Und Flüchtlinge?

Offenbar sind das im Gegensatz zu "Schlachttieren" keine fühlenden Wesen, denn die AfD will sie fern halten - mit allen Mitteln.

Gegebenenfalls sollen "Schutzzäune oder ähnliche Barrieren" gegen Flüchtlinge errichtet werden.

Ich würde eine Mauer empfehlen. Ich wette, so etwas hat es in Deutschland noch nie gegeben.

Als Frau finde ich es aber auch gut zu erfahren, dass die meisten von uns den Feminismus bisher "falsch verstanden" haben. Ich bin so froh, dass die AfD mich aufklärt.

Die Partei will mich zur Gebärmaschine machen

Der falsch verstandene Feminismus, weiß die AfD, schätzt nur die Frauen im Erwerbsleben. Der "richtig verstandene Feminismus" aber sei es, die Frau als - ich formuliere das mal eben in eigenen Worten - Gebärmaschine im Auftrag des deutschen Volkes zu betrachten.

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Die Partei will, dass wir deutschen Frauen ganz viel Sex haben und dabei an unser Volk denken. Denn wir sollen deutsche Babys gebären, damit die deutsche Rasse nicht ausstirbt. Und die sollen wir dann natürlich am besten als Vollzeit-Mama in einer traditionellen Familie großziehen.

Als ich mit dem Lesen dieses Partei-Programms fertig bin, ist mir übel.

Ich brauche jetzt dringend ein Kontrastprogramm. Also mache ich weiter mit der Partei die Linke.

Frieden für alle und meine Seele

"Sozial. Gerecht. Frieden. Für alle." steht gleich auf der ersten Seite. Nach so viel Hass, nicht zwischen sondern in den Zeilen des AfD-Parteiprogramms ist das gerade fast wie Balsam für meine Seele.

Doch das hält nur kurz an, denn schon nach wenigen Zeilen wird auch die Linke in ihrem Partei-Programm übertrieben dramatisch.

"Die Welt ist aus den Fugen" schreibt sie. Und ich hätte doch so gerne mal etwas Mut machendes gelesen. Stattdessen liest sich das Programm der Linken eher bedrückend.

Zumindest im Hinblick auf das Thema Gleichberechtigung aber, was mich ja gerade am meisten interessiert, wird das Programm ermutigender und konkreter als in den meisten Themenbereichen zuvor.

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Die Linke fordert Maßnahmen, wie zum Beispiel ein individuelles Recht auf Teilzeit-Arbeit für Mütter, das Rückkehrrecht nach einer Geburt und gleichen Lohn für Männer und Frauen für gleichwertige Arbeit.

Sogar für die Frauen-Hygiene will sich die Linke einsetzen und die Frauenhygieneprodukte billiger machen.

Billige Tampons für starke Frauen

Als Frau wäre das für mich natürlich ein nettes Plus, wobei ich auch sagen muss - in der Kategorie "Mehr Gerechtigkeit für Frauen" gibt es ohnehin noch so viel zu tun; da würde ich Dinge wie Tampon-Preise mal eher in den Hintergrund stellen.

Denn vielleicht sind es auch solche Forderungen, die einige Menschen dazu veranlassen könnten, diese Partei nicht gänzlich ernst zu nehmen.

Dabei stellt sie ja durchaus auch wichtige Forderungen. Als einzige Partei hat die Linke zum Beispiel einen Abschnitt zu Maßnahmen gegen Gewalt gegenüber Frauen im Programm. Sie fordern ein Gesetz, das Frauen garantieren soll, dass sie Hilfe bekommen, wenn sie Opfer von Gewalt wurden.

Auch die Anerkennung aller Lebensentwürfe ist der Linken ein wichtiges Anliegen. Die Partei verlangt sogar, dass Transsexuelle ihre operativen Eingriffe finanziell absichern lassen können.

Intoleranz kann man der Linken zumindest nicht vorwerfen.

Da mache ich doch mal mit der CDU weiter.

Das klingt wie aus Angies Mund

Schon der Claim klingt nach Angela Merkel: "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben." Nüchtern, schlicht und auch ein bisschen langweilig. Nichts mit neu denken, Umbruch und so, einfach nur gut weiterleben - so wie schon in den vergangenen zwölf Regierungsjahren.

Ein Pluspunkt für die CDU: Das Programm ist um einiges simpler und leicht verständlicher geschrieben als die anderen Parteiprogramme.

Ein CDU-Nickerchen ist sehr erholsam

Und es zeigt sich verblüffend optimistisch. Fast möchte ich beim Lesen mit den Händen eine Raute bilden und dabei zufrieden einschlafen.

Und doch gibt es inhaltliche Mängel, die mein CDU-Schläfchen stören. Denn in Sachen Gleichberechtigung bietet mir die CDU zu wenig.

Sexuelle Vielfalt gibt es bei der CDU nicht

Zwar gibt es den Punkt "Frauenpolitik stärken" im Programm, doch viel mehr als eine Überschrift steckt nicht dahinter. Denn die Partei beruft sich hier lediglich auf die schon bestehende Quote - und sagt, sie wolle die Gleichstellung "von Frauen in Führungspositionen im öffentlichen Dienst bis 2025" vorantreiben.

Damit nimmt die CDU in Kauf, viele Frauen mit ihrem Programm nicht anzusprechen. Und auch keine Homo- oder Transsexuellen übrigens. Denn sexuelle Vielfalt existiert in den Augen der CDU anscheinend gar nicht erst - denn sie erwähnen sie nicht einmal.

Für die Familien will die CDU natürlich auch einiges tun. Beispielsweise will sie erreichen, dass jedes Kind im Grundschul-Alter einen Betreuungsplatz in einer KiTa bekommt. Außerdem wollen sie den Kinder-Freibetrag erhöhen, damit junge Familien mehr Geld bekommen.

Bitte nicht wieder der Schulz-Zug

Nun nehme ich mir zum Vergleich das Programm der SPD vor. Es ist Zeit. Davon verspreche ich mir zum Thema Gleichberechtigung einiges mehr. Sie haben ja selbst erwähnt, es sei "Zeit für mehr Gerechtigkeit" - das eine oder andere Mal.

"Die SPD tritt an, um mit Martin Schulz als Bundeskanzler die Weichen für die Zukunft Deutschlands und Europas zu stellen", beginnt das Parteiprogramm der SPD. Und ich wünschte wirklich, sie hätten das mit den Weichen nicht geschrieben.

Denn jetzt habe ich sofort wieder die dämliche Schulz-Zug-Metapher im Kopf.

Ich versuche das grinsende Gesicht von Martin Schulz auf einer Lokomotive auszublenden und mich stattdessen auf die Inhalte zu konzentrieren.

Schulz im Kopf

Die SPD will Führungsgremien zu 50 Prozent mit Frauen und zu 50 Prozent mit Männern besetzen. Außerdem verlangt die Partei ebenfalls eine bessere Kinder-Betreuung, damit Familie und Job besser vereinbar sind.

Deshalb will die Partei auch, dass Familien mit weniger Geld mehr Kindergeld bekommen.

Ebenso wie die Linke ist die SPD für ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare und will sich besonders für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen einsetzen.

Das alles und - natürlich noch einige andere Punkte - formulieren sie auf ganzen 116 Seiten aus. Und schon wieder habe ich den grinsenden Martin Schulz vor Augen, der enthusiastisch beide Daumen in die Höhe reckt. Meine Güte, dabei gab es nicht mal ein Vorwort mit Foto von ihm.

Die Grünen lieben Nena - leider

Die Grünen toppen wirklich alles. ihr Programm besteht aus 248 Seiten. Wer soll das nur alles lesen, frage ich mich.

Ich wünschte, sie hätten nicht ihren Claim "Zukunft wird aus Mut gemacht" auf ihr Programm geschrieben. Denn jetzt habe ich beim Lesen statt eines ratternden Zuges den Nena-Song im Ohr, dem die Partei das Zitat geklaut und umgewandelt hat.

Das Programm ist, wie es von den Grünen zu erwarten ist.

Ihre Hauptanliegen: Sie setzen sich für Umwelt-, Klima- und Tierschutz ein, für das Abschalten der Atomkraft und die Schonung von Ressourcen.

Sie schreiben so ausführlich darüber, dass leicht die Gefahr besteht, dass bei Lesern untergeht, was die Partei außerdem fordert.

Irgendwie, irgendwo ein bisschen viel

Auch die Grünen wollen die Frauenquote in deutschen Unternehmen auf 50 Prozent erhöhen. Ebenso wie die SPD und die Linke wollen sie außerdem erreichen, dass soziale Berufe besser bezahlt werden. Auch fordern alle diese drei Parteien, das Ehegatten-Splitting abzuschaffen.

Irgendwie, irgendwo, irgendwann...

Entschuldigung, der Ohrwurm. Aber ein bisschen kürzer hätte sich die Partei bei den Ausformulierungen schon fassen können.

Mir reicht es erst einmal. Ich habe wirklich versucht, jedes Programm im Detail zu lesen, aber die Parteien machen es ihren Wählern nicht leicht. Mindestens die Hälfte eines jeden Programms könnte guten Gewissens gestrichen werden .

Das würde den Lesern nicht nur Zeit sparen - mir würde das auch helfen, die Politik etwas ernster zu nehmen.

Es gibt keine Alternative zum Wählen

Wichtiger als eindrucksvoll klingende Floskeln, ein gut aussehendes oder sympathisches Partei-Gesicht, unglaubwürdige Verallgemeinerungen und leere Versprechungen, sind mir bei Parteien tatsächlich die Inhalte. Und die sind für mich als junge Frau in großen Teilen enttäuschend.

Doch auch wenn mir vielleicht nie alles gefällt - nicht zu wählen, ist keine Alternative.

Nicht nur verschenke ich damit meine Möglichkeit, an einer Demokratie teilzunehmen und mitzubestimmen, wer das Land regiert, in dem ich lebe. Vor allem könnte ich dadurch eine Mitschuld daran tragen, dass Menschen in Deutschland Macht bekommen, die menschenfeindlich und voller Hass sind.

Wer verunsichert ist und sich ein eigenes Bild machen will, dem empfehle ich, zumindest die Kurz-Zusammenfassungen der Partei-Programme zu lesen.

Jeder wird in einer oder mehreren der Parteien Dinge entdecken, die ihm wichtig sind - und in anderen Parteien gar nichts. Außer Hass.

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