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Ich bin meiner Mutter dankbar, dass sie diesen einen Fehler nicht gemacht hat

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Die Tochter sieht aus wie die Mutter in Miniatur-Form, die Mutter sieht aus wie die Tochter mit Falten. Arm in Arm schlendern sie an mir vorüber in ihren gleichen Jeans, den gleichen Stiefeln, mit den gleichen blond gefärbten Haaren, ja sogar dem gleichen Täschchen.

Ein klarer Fall von Möchtegern-Gilmore-Girls - einem dieser Mutter-Tochter-Gespanne, die offenbar versuchen, dem Serien-Idealbild nachzueifern. Ihr Ziel: Der Welt zeigen, dass sie die allerbesten Freundinnen sind.

Die Mutter ist bestimmt eine dieser coolen Mütter. Eine, die sich abends zu den Freundinnen ihrer Tochter aufs Sofa quetscht und sie zu ihrem Liebesleben befragt. Das ist mir selbst schon so bei einer Freundin passiert. Und ich habe meiner Mutter innerlich gedankt, dass sie so etwas nie getan hat.

Meine Mutter ist nicht meine beste Freundin - zum Glück

Ich gehe schließlich auch nicht zu den Freundinnen meiner Mutter und frage sie, wie es denn sei, in ihrem Alter noch ein Kind zu bekommen. Oder wie es denn nach der Scheidung von ihrem Mann jetzt weitergehe.

Die Vorstellung ist genauso absurd wie die, dass ich meine Mutter in meinem Lieblings-Outfit erwischen würde. Oder, dass sie vorschlagen würde, dass wir jetzt zusammen vorglühen und anschließend feiern gehen. Natürlich erst, nachdem sie mir wichtige Tipps für die Männerwelt gegeben hat.

"Ich bin doch deine beste Freundin!" - Ähm, nein.

Meine Mutter ist nicht meine beste Freundin - und sie hat sich auch nie eingebildet, es zu sein. "Aber du kannst mir doch alles erzählen - ich bin doch deine beste Freundin!" ist meiner Meinung nach einer der unpassendsten Sprüche, den Mütter zu ihren Töchtern sagen können. Aber aus Erzählungen weiß ich, dass ihn viele sagen.

Von meiner Mutter habe ich ihn nie gehört. Und ich bin ihr dankbar dafür. Klar erzähle ich ihr viel, aber nicht alles. Es gibt Dinge, die Töchter eher ihren Freundinnen anvertrauen und genauso auch Dinge, die Mütter eher ihren Freundinnen erzählen. Und das ist auch gut so.

Mehr zum Thema: Die zehn häufigsten Fehler, die Eltern machen

Nicht nur ich bin der Meinung, dass Mütter Mütter und Töchter Töchter sein sollten. Experten raten Müttern sogar eindringlich davon ab, ihre Kinder wie ihre besten Freunde zu behandeln.

Die Erziehungsexpertin Dana Westreich nennt in der Huffington Post USA drei wichtige Argumente.

1. Den Kindern ein Freund zu sein, ist nicht die Aufgabe der Eltern

Erstens gehöre das "befreundet sein" nicht zum Job der Eltern. Eltern haben laut Westreich andere Aufgaben, die weitaus wichtiger sind.

Sie müssten ihren Kindern zum Beispiel ein sicheres Umfeld bieten und ihnen grundlegende Werte vermitteln. Schließlich trügen sie viele Jahre die Verantwortung für ihr Kind.

Deine beste Freundin trägt hoffentlich nicht die Verantwortung für dich. (Es sei denn, du bist so betrunken, dass du alleine nicht mehr nach Hause findest.)

2. Eltern und Kinder sind nicht gleichgestellt

Eltern sollten ihren Kindern Vorbild und Mentor sein, schreibt Westreich. Dafür sei es aber wichtig, dass die Eltern nicht auf der gleichen Stufe wie ihre Kinder stehen.

Im Gegensatz zu Freunden, die in einer guten Freundschaft gleichgestellt sein sollten.

Außerdem warnt die Expertin: Falle ein Elternteil einmal aus der Elternrolle, sei es fast unmöglich, sie wieder zurückzugewinnen.

3. Es schadet den Kindern, wenn Eltern ihre Freunde sind

Auch könne es den Kindern sogar schaden, wenn ihre Eltern sie wie ihre Freunde behandeln. Diese Eltern zählen laut der Expertin tatsächlich zu den sogenannten coolen Eltern, die davor zurückschrecken, ihre Kinder zu kritisieren, aus Angst, sie zu verletzen.

Soweit der Rat der Expertin. Was ich mich frage, ist vor allem eines: Wie sollen diese Kinder jemals lernen, mit Kritik umzugehen?

Auch den Respekt vor den Eltern zu behalten, wenn man wie beste Freunde miteinander umgeht, stelle ich mir teilweise schwierig vor. Denn, mal ehrlich: Mit unseren Eltern sprechen wir anders als mit unseren Freunden. Hoffentlich.

Ihre Kinder wie Freunde zu behandeln, schadet auch den Eltern

Tatsächlich kann es auch den Eltern schaden, wenn sie die besten Freunde ihrer Kinder sind. "Kinder brauchen ebenso dringend abgegrenzte Eltern. Damit ist nicht gemeint, dass sich Eltern emotional oder mental distanzieren, sondern dass sie im Kontakt mit ihren Kinder gleichermaßen zugewandt und bei sich selbst bleiben sollten", schreibt die Familientherapeutin Felicitas Römer in einem Elternratgeber-Magazin.

Andere Eltern, die euch das Gefühl vermitteln, ihr solltet mit euren Kindern befreundet sein, könnt ihr also getrost ignorieren. Meine Mutter hat es, vielleicht sogar unbewusst, genau richtig gemacht.

Entscheidet euch lieber dafür, Eltern zu sein

Die Wahrheit ist: Es ist viel schwieriger eine Mutter oder ein Vater zu sein, als ein bester Freund. Denn Eltern haben Pflichten. Sie müssen ihren Kindern Grenzen setzen, so ehrlich zu ihnen sein, wie es sich viele Freunde vermutlich niemals trauen würden.

Wenn sie es nicht sind, wer ist es dann?

Kinder haben oft viele Freunde. Aber sie haben nur eine Mutter und nur einen Vater.

Deshalb: Wenn deine Mutter nicht deine beste Freundin ist, sei ihr dankbar dafür. Ich bin es, denn meine Mutter hat sich zu etwas viel Schwierigerem entschieden: dazu, meine Mutter zu sein.

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(lk)