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Liebe Männer, nur weil ich eine Feministin bin, bin ich keine Männerhasserin

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Liebe Männer,

ich möchte euch diesen Brief schon lange schreiben. Aber leider kam ich bisher nicht dazu. Ich war zu beschäftigt damit, meinen Damen-Bart zu trimmen, meine Latzhosen zu bügeln und T-Shirts mit Brüsten und dem Spruch "Vaginas win" zu bemalen - für meine nächste Demo.

So etwas machen Feministinnen doch in ihrer Freizeit, oder?

Ich weiß, dass viele von euch genau dieses übertriebene Bild vor Augen haben: Eine Feministin ist eine männerfeindliche, unattraktive und - mindestens ein bisschen - lesbische Emanze.

Einer der Beweise: Wenn ich "Feministinnen sind" bei Google eingebe, werden mir als automatische Ergänzungen: "sind hässlich", "sind Sexisten", "sind männerfeindlich", "sind lesbisch" und "sind an allem schuld" vorgeschlagen.

feminist

Endlich wissen wir es: Nicht Merkel ist an allem Schuld, sondern die Feministinnen!

Und natürlich steht eine Feministin entweder gar nicht auf Männer, oder aber hat ein riesiges Männerproblem.

Deshalb hat sie sich in eine wütende, aggressive Frau verwandelt, in eine Männerhasserin, kurz: in eine Feministin.

Das Ziel der Feministinnen ist eindeutig: die Frauen-Diktatur

Ihr Ziel ist offensichtlich: Männer unterdrücken und Frauen in diktatorische Mannsweiber verwandeln. Wenn es endlich so weit ist, werden auch Männer Kinder kriegen können. Und Frauen können das tun, wozu sie wirklich geschaffen sind: nicht mehr Mamas, sondern mächtig sein.

Ich will euch gar nicht allein die Schuld an diesem verzerrten Bild geben, liebe Männer. Auch wir Frauen haben in der Vergangenheit dazu beigetragen.

Mir fällt da ein noch recht frisches Beispiel männerfeindlicher Feministinnen aus meiner Uni-Zeit ein. Vor einigen Jahren hatte ich ein Seminar bei einer Journalistin von einer feministischen Zeitung.

Sie bestätigte einige der oben genannten Klischees. Und sie sagte uns allen - wir waren nur Frauen - wir sollten keine Kinder bekommen oder wenn, dann bitte so spät wie möglich.

"Männer denken, dass wir Frauen nur auf der Welt sind, um Kinder aus uns herauszupressen", sagte sie. Bei dem Wort "herauszupressen" betonte sie jede Silbe.

"Und vielleicht noch, um uns zu schminken. Sie denken, wir sind nur ein Ausstellungsstück."

Viele der anderen Seminar-Teilnehmerinnen nickten wütend. Ich hätte mir am liebsten den Lippenstift nachgezogen - leider hatte ich keinen dabei.

Oldschool-Feministinnen sind in der Minderheit

Mit solchen Frauen möchte ich nicht gleichgesetzt werden. Ich würde mich trotzdem als Feministin bezeichnen. Wir müssen den Begriff neu besetzen.

Mehr zum Thema: Emma Watson zeigt viel Haut - die Reaktionen beweisen, dass gerade etwas gewaltig schief läuft

Ihr solltet wissen, liebe Männer, und auch Frauen, dass Oldschool-Feministinnen eine kleine Gruppe sind.

Alle anderen Feministinnen, wie ich und viele meiner Kolleginnen und Freundinnen, wollen lediglich, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte und Chancen haben. Und nicht, dass jede Frau eine Männerfrisur trägt und die Fortpflanzung verweigert. Wir wollen einfach nur, dass wir gleichgestellt mit euch sind: im Job, beim Gehalt und den Aufstiegsmöglichkeiten. Das ist alles. Ist das so viel verlangt?

Das ist es, was wir wirklich wollen

Ihr werdet hoffentlich verstehen, das wir für eine gleiche Leistung auch ein gleiches Gehalt verlangen, liebe Männer. Die wenigsten von euch würden sich wohl mit einem geringeren Gehalt als eine weibliche Kollegin in gleicher Position zufrieden geben.

Dennoch verdienen Frauen in Deutschland im Schnitt immer noch 21 Prozent weniger als ihr - und wir übernehmen weit seltener Führungspositionen.

Auch, weil sich viele von uns möglicherweise nicht zutrauen, eine Führungsposition zu übernehmen - obwohl wir eigentlich qualifiziert wären.

Also ja, vielleicht müssen wir auch noch mutiger Chancen nutzen und uns verändern - aber ihr müsst uns auch entgegen kommen, liebe Männer. Uns ernst nehmen und unterstützen - und uns nicht klein machen, wenn wir dann mal den Mund aufmachen.

So wie es viele Frauen immer wieder erleben, aktuell in der Harvey-Weinstein-Affäre.

Junge Frauen, die sich äußern, werden oft beleidigt

Viele junge Frauen äußern sich jetzt öffentlich dazu, wie sie der Filmproduzent sexuell belästigt hat. Und auch deutsche Frauen berichten von ähnlichen Erfahrungen aus dem Film-Business.

Kaum waren die Berichte der Frauen erschienen, füllten sich die Kommentarspalten von Nachrichtenseiten und in sozialen Medien schon mit skeptischen, teils beleidigenden Kommentaren - hauptsächlich von euch, liebe Männer.

Ich frage mich in solchen Momenten, was mit euch los ist. Dass ihr sogar angesichts von erschreckenden Belästigungs-Erfahrungen junger Frauen noch sexistische und frauenfeindliche Kommentare raushaut.

Manchmal frage ich mich sogar, ob ihr Angst habt. Davor, dass von nun an alle jungen Frauen öffentlich ihre Meinung äußern, euch möglicherweise bloßstellen, weil sie sexistische Kommentare und Handlungen kritisieren, die für euch zum Alltag geworden sind.

Tja, das wird passieren, liebe Männer. Ihr könnt euch dagegen wehren, indem ihr Feministinnen ins Lächerliche zieht. Oder ihr lasst junge Frauen einfach ihre Meinungen äußern, anstatt sie zu beleidigen. Das wäre die andere Möglichkeit.

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(ks)