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Brief an den verunsicherten Mann

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MANN
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Lieber verunsicherter Mann,

du hast es gerade nicht leicht. Dass du erschreckt oder irritiert bist, kann ich verstehen. Die #metoo-Debatte hat eine erstaunliche Macht entwickelt. Aber das ist gut so. Denn endlich trauen sich mehr Frauen auf der ganzen Welt, von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung zu berichten.

Du musst lesen, dass die meisten Frauen in ihrem Leben bereits mehrmals sexuell belästigt wurden, wahrscheinlich sogar jede von uns auf die eine oder andere Art. Viele wurden bedrängt und begrapscht oder sogar vergewaltigt. Auch Prominente wie Harvey Weinstein werden beschuldigt. Männer verlieren ihren Job. Die Kult-Serie "House of Cards" wird abgesetzt, weil Hauptdarsteller Kevin Spacey junge Männer sexuell belästigt haben soll.

Auch Männer melden sich zu Wort: #Ihave twittern sie - und bekennen sich öffentlich dazu schuldig, Frauen diskriminiert oder schlecht behandelt zu haben.

Dir ist unwohl, wenn du das liest, denn das sind Männer wie du. Jetzt willst du dich auch zu Wort melden. Denn du fühlst dich vorverurteilt, wie ein Täter und ungerecht behandelt. Schließlich sind nicht alle Männer sexistische Vollidioten. Du zum Beispiel bist keiner - glaubst du, hoffst du.

Du willst deine Verunsicherung loswerden

Du beschlieĂźt, all deine Verunsicherung und deine Fragen in einem Text loszuwerden. "Der verunsicherte Mann" heiĂźt dein Text, erschienen in der "Zeit".

Drei Anläufe hast du gebraucht, leicht gefallen ist es dir nicht, aufzuschreiben, was dir durch den Kopf geht.

Denn kannst du als Mann ĂĽberhaupt nachvollziehen, wie sich eine Frau fĂĽhlt, wenn sie sexistisch diskriminiert wird?, fragst du dich.

Kannst du die Kränkung und Angst nachempfinden, "wenn sich ein großer, starker Mann einer schwächeren Frau gewaltvoll nähert?"

Die Antwort auf letztere Frage lautet: Nein, das kannst du nicht. Aber keine Sorge - auch viele Frauen können das nicht. Wie es ist, von einem Mann gewaltsam sexuell belästigt zu werden, wissen nur Frauen, denen das passiert ist - alle anderen, Männer und Frauen, können nur versuchen, sich in die Person hineinzuversetzen.

Und das ist völlig in Ordnung so. Denn Menschen müssen nicht alles selbst erlebt haben, um Mitleid zu empfinden oder sich richtig zu verhalten.

Was dürfen Männer heutzutage überhaupt noch?

Doch deine Fragen sind verständlich. Viele von ihnen gehen wahrscheinlich gerade Männern auf der ganzen Welt durch den Kopf. Vor allem: Wo fängt Sexismus an und wo hört er auf? Wann ist er justiziabel und wann eine Respektlosigkeit? Wann ist er ein verunglücktes Kompliment und wann eine verbale Attacke?

Die große Frage, die dahinter steht: Was dürfen Männer heutzutage noch tun, ohne als sexistische Widerlinge dazustehen?

Die schlechte Nachricht lautet: Ganz genau kann dir das niemand sagen. Denn was als Kompliment und was als verbale Attacke verstanden wird, ist immer auch Geschmackssache.

Manche Frauen sind schon von einem sexistischen Witz gekränkt - aber Mario Barth lebt schließlich auch noch.

Also musst du dir da wohl eher weniger Sorgen machen.

Achte einfach auf das Verhalten der Frau

Viel wichtiger ist, dass du deinen gesunden Menschenverstand gebrauchst und darauf achtest, wie die Frau auf dich reagiert. Denn wenn du nicht ein völlig emotionsloser Stein bist, wirst du merken, ob der Frau dein Verhalten gerade unangenehm ist oder nicht.

Und wenn es das ist, dann hörst du auf - so einfach ist das.

Doch du seist zutiefst verunsichert, so verunsichert, dass du Frauen anrufst, um mit ihnen über die Problematik zu sprechen, schreibst du in deinem Text in der "Zeit". Du hörst wütende Stimmen. Männer sollten sich gar nicht zu Sexismus äußern, sagen sie dir. Du seist schon Teil des Problems.

Und auch da gehen die Meinungen von uns Frauen auseinander. Ich sehe das anders. Ich finde, du solltest dich zu Sexismus äußern. Warum sollten nur Frauen darüber sprechen? Ich dachte, darum geht es in einer Debatte - beide Seiten zu hören.

Auch du bist dieser Meinung, fragst dich aber, ob du dazu überhaupt befähigt bist - als Mann.

Männer und Frauen sind nicht gleich, aber das ist kein Hindernis

Du fragst dich, ob es eine Differenz im Empfinden zwischen Mann und Frau gibt, die sich nicht überwinden lässt. Der Gedanke beschäftigt dich sehr.

Und ja, mein Gott, es gibt sie wahrscheinlich. Männer und Frauen sind biologisch nicht gleich - eines der liebsten Argumente von Feminismus-Kritikern ist wahr. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass wir Frauen minderwertig oder deshalb nicht gleichberechtigt sein können.

➨ Mehr zum Thema: Liebe Männer, nur weil ich eine Feministin bin, bin ich keine Männerhasserin

"Kein Mann besitzt die Fähigkeit, in den weiblichen Körper zu reisen und die Vorstellung über das Frausein mit dem tatsächlich Erlebten einer Frau in Einklang zu bringen", klagst du.

Ja, das ist richtig. Aber ganz ehrlich: Um eine Frau gut zu behandeln, sollte es nicht nötig sein, deshalb "in den weiblichen Körper reisen" zu müssen und alles Erlebte nachzuvollziehen.

Wie setzt du dich denn in deine Freunde hinein, wenn sie dir etwas Dramatisches erzählen? In deren Körper kannst du schließlich auch nicht reisen.

Gleichberechtigung hat wenig mit Porzellan-PĂĽppchen zu tun

Und damit hast du schon das nächste große Problem angesprochen, vor dem wir jetzt offenbar stehen. Einige Männer sind mittlerweile so verunsichert von Frauen, dass sie uns schon als eine Art anderes Wesen von einem fremden Planeten betrachten, in deren Körper sie erst "hinein reisen" müssen, um sie verstehen zu können.

Dabei ist das genau das Gegenteil von dem, was die #metoo-Debatte erreichen will. Frauen wollen gleichberechtigt behandelt werden. Dass wir nicht sexuell belästigt oder mit sexistischen Sprüchen angemacht werden wollen, heißt nicht, dass wir wie Porzellanpüppchen von einem anderen Stern behandelt werden müssen.

➨ Mehr zum Thema: Warum ich meine Erfahrungen mit sexueller Belästigung nicht unter dem Hashtag #metoo teile

Was du dir eigentlich wünschst, schreibst du, ist: Dass wir nur als menschliche Wesen und nicht als Mann und Frau wahrgenommen werden. Du hältst das für eine Idealvorstellung. Aber ich finde, dass du es dir zu einfach machst.

Männer und Frauen sind nun mal nicht gleich. Du findest, dass diese Feststellung "den Feminismus ad absurdum führt". Das finde ich nicht. Denn nur, weil wir biologisch nicht gleich sind, heißt das nicht, dass wir nicht gleich viel wert sind.

Deine Unsicherheit ist auch eine Chance

Die Wahrheit ist: Du musst einfach akzeptieren, dass Frauen Frauen sind und keine Männer - und dadurch nun einmal nicht vollkommen gleich sind, genau so wenig wie Männer untereinander und Frauen untereinander gleich sind.

Trotzdem musst du sie alle mit gleichem Respekt behandeln.

Es tut mir ein bisschen leid, dass du jetzt so verunsichert bist. Aber es ist auch gut, dass die Debatte über Gewalt gegen Frauen und Sexismus endlich diesen Punkt erreicht hat. Vielleicht fühlt es sich ungerecht für dich an. Aber genau dadurch hast du die Möglichkeit, auf lange Sicht etwas zu verändern.

Dadurch, dass du dich in die Debatte einmischst, kannst du sie auch in eine positive Richtung lenken.

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(lk)