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Der Tod des Journalismus. Eine unangenehme Prophezeiung

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JOURNALISMUS
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Wie der Journalismus untergeht

Es ist die Zeit gekommen, da die Wahrheit gesprochen werden muss. Oh ihr Journalisten, hört auf die Propheten unter den depressiven Medienmenschen und den nicht- depressiven Nicht-Medienmenschen. Der Journalismus wird sterben! Es gibt keine Hoffnung mehr. Fernsehen lebt nur noch von Hartz IV-Empfängern. Radio hört kein Mensch mehr. Außer einsamen Witwen und verachtenswerten Mainstream-Autofahrern. Zeitungen sind eh schon lange in Leichenstarre verfallen. Die sind nicht mal mehr zum Fisch einwickeln zu gebrauchen. Denn niemand wickelt mehr Fisch mit Zeitungen ein.

Der Journalismus steht ganz weit oben auf der To-Do-Liste des Sensenmanns. Hört auf eure Eltern. Ihr werdet alle arm. Der Hunger wird an euch zehren. So sehr, dass ihr verzweifelt an Todesanzeigen knabbern müsst. Ergreift lieber schnell eine andere Tätigkeit. Eine mit Zukunft. Vielleicht bei der PR- und Event-Firma, bei der die Beerdigung des Journalismus in Auftrag gegeben wird. Seid gewiss, sie steht nah bevor. Der Ablauf ist schon geplant. Bis ins kleinste Detail.

Aus einem Radio ertönt die Melodie der Tagesschau in C-Moll. Tausende Journalisten trotten mit ernsten Mienen hintereinander her. Jeder von ihnen trägt eine Urne in den Händen und einen Zeitungspapierhut auf dem Kopf. In den Urnen befindet sich die Asche zerstückelter Zeitungen. Redaktionen aus aller Welt sehen weinend zu, während der Journalismus zu Grabe getragen wird. Sie tupfen sich ihre Tränen mit den letzten verbliebenen Print-Zeitungen ab.

Haushohe Plasma-Bildschirme übertragen die Beerdigung ins Second und Third Life, bevor sie als Sims-Spiel erscheint. Fernseher strahlen letzte journalistische Inhalte aus. Nachrichtenredakteure müssen sich auf die Lippen beißen, damit sie vor der Kamera nicht in Tränen ausbrechen. Zur Aufmunterung zeigen sie Bilder von Baby-Robben und einen Staubsauger, der sprechen kann.

In einer Talkshow analysieren ein Politiker, ein Model, eine Medienkommunikations- Psychologin und ein Star aus dem Dschungel-Camp, warum der Journalismus gestorben ist. Nach zweistündiger Diskussion kommen sie zu keinem Ergebnis. Dafür hat die Medienkommunikations-Psychologin ihr neues E-Book über die Bindungs-Ängste von USB- Kabeln vorgestellt.

Plötzlich kommt Markus Lanz mit Rollator ins Studio gefahren. Es gibt stehende Ovationen. Jeder will ihm eine Hand auf die Schulter legen, fühlen, ob er noch warm ist. Denn für Emma Schweigers berührende Reallife-Doku „Eisklotz im Kopf" ließ er sich gemeinsam mit ihren 12 Kindern und einem 5^3/Wurzel von 2-Ohr-Walross-Kuscheltier für 15 Jahre einfrieren. Bundeskanzler Bohlen, faltenfrei und gut gebräunt, aber so gebrechlich, dass er in einem ferngesteuerten, fahrbaren Bett unterwegs ist, komponiert kurzerhand einen Song für den Sohn von Florian Silbereisen und Helene Fischer, der dieses Jahr zur ersten männlichen Bachelorette gekürt wurde. Oma Klum und ihr 15-jähriger Freund tanzen dazu.

Aus dem Himmel erklingt ein Räuspern. Die Trauergäste wenden ihre Köpfe nach oben. Sie blicken in das überdimensionale Gesicht von Mark Zuckerberg dem Zweiten. Er hält die Grabrede aus seinem Facebook-Profilfilm, der weltweit in den Himmel gebeamt wird. Er habe den Journalismus immer geliked, sagt er emoticonsvoll. Aber letztendlich müsse jeder das Aktivitätenprotokoll seines Lebens löschen und sich von der Welt defrienden. In jedem Status sei irgendwann das Ende der Zeichenzahl erreicht.

Zuckerberg II. erklärt den Trauer-followers, dass niemand Journalisten braucht. Denn wozu sonst gäbe es den Whats-App-Informationsservice, der von im All lebenden Affen gesteuert wird. Das leuchtet den Zuhörern ein. Sie lächeln in den Himmel und recken die Daumen nach oben. Aber ihre Likes gelten nicht nur den Affen, sondern auch den Journalisten, die all die Jahre über so geduldig und tapfer zugesehen und abgewartet hatten, bis alles vorbei war.

Die letzten Ausgaben des „SPIEGEL", der „FAZ", der „SZ" und der „ZEIT" dürfen die jeweiligen Chefredakteure in der U-Bahn verkaufen.

Nun, oh ihr Journalisten, wisst ihr, was euch blüht. Bis zu eurem Ende dürft ihr Origami aus Printzeitungen falten und den Erzfeind, das Internet, verdammen. Wer gleich einen neuen Job will: Eine PR- und Event-Agentur für Beerdigungen sucht noch Praktikanten für ein bald bevorstehendes Großereignis.


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