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Ein Tag beim Influencer-Seminar hat mir gezeigt: Um unsere Welt steht es schlimmer als gedacht

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Auf dem Redner-Pult prangt eine riesige schwarze Chanel-Tasche. Sie ist wie ein Versprechen: Wenn du dem Seminar aufmerksam folgst, kannst du dir auch bald eine Handtasche f├╝r 4000 Euro leisten.

Die Tasche geh├Ârt der Seminar-Leiterin: Tara Waldorf, 27, Influencerin. Mit schnellen Finger-Bewegungen tippt sie auf ihrem Smartphone herum. An ihren Ohren baumeln Creolen in Herzform, um ihren Hals h├Ąngen goldene Chanel-Cs an einem Kettchen.

"Wie werde ich erfolgreicher Influencer?" steht auf dem Whiteboard hinter ihr. Eine Frage, die ich mir schon seit meiner Geburt stelle. Wer nicht? Deshalb bin ich heute hier. Es ist der erste offizielle Tag der "Influencer Academy" in Berlin. Wo auch sonst sollte eine "Influencer-Academy" sein, wenn nicht hier.

Ein Influencer ist laut der Academy jemand, der in sozialen Netzwerken ├╝ber Marken berichtet und dabei durch sein hohes Ansehen gro├čen Einfluss auf die Follower hat. Ich also schon mal nicht.

Von euren Likes kaufe ich mir Chanel

Aber ich bin fest davon ├╝berzeugt, dass die Influencer-Academy auch mich in einen Influencer verwandeln wird. So schwer kann das ja nicht sein. Wenn ich mir ansehe, wer sonst noch Influencer ist. Namen m├Âchte ich jetzt keine nennen.

New Video up on my channel! Click the link in my bio to see it! Freue mich ├╝ber euer Feedback! ­čĺą

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Sobald ich mit meinen neuen Kenntnissen die 20.000-Follower-Marke geknackt habe, kann ich die Aufmerksamkeit meiner Follower endlich auf das lenken, was wirklich wichtig ist: Verdauungs-Drinks, Fu├č-Deo und besonders weiches Klopapier zum Beispiel. Und dann werde ich mir von dem Geld, das ich f├╝r die Werbung bekomme, eine Chanel-Tasche kaufen.

So wie Tara. Tara kann wie auf Knopfdruck strahlen. Sie ist nett, lacht viel. Das muss sie vermutlich auch. Mit ihrer Ausstrahlung verdient sie immerhin Geld. "Oft einen hohen dreistelligen Betrag pro Post", sagt sie.

Tara f├╝hrt seit sechs Jahren den Fashion- und Food-Blog "fashion lunch" und vermarktet Produkte auf Instagram.

But just remember how we shook, shook ­čÉ╝­čľĄ || #gg #marmont #ootd #casual

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Die 15 Seminar-Teilnehmer, die jeder 336 Euro f├╝r dieses Seminar bezahlt haben, h├Âren ihr gebannt zu. Sie tragen rosa M├╝tzen und Glitzer-Pullover oder sehen v├Âllig unscheinbar aus. Die meisten sind zwischen 20 und 30 Jahre alt.

Viele von ihnen wollen offenbar so sein wie Tara: Geld mit den eigenen Selbst-Portr├Ąts verdienen. Eine Branchen-Ber├╝hmtheit sein. Von Unternehmen f├╝r Produkt-Werbung gebucht werden.

DJane, Teilzeit-Model, Hausfrau: Sie alle wollen Influencer werden

"Ich bin K├╝nstlerin, S├Ąngerin, Songwriterin und DJane", sagt die erste Teilnehmerin in der Vorstellungsrunde.

Dann stupst sie den Mann neben sich an. "Jetzt du, Schatz."

"Ich bin DJ", sagt ihr Mann.

Die beiden sind extra aus M├╝nchen angereist. Offenbar wollen sie in Zukunft als Influencer-DJ-P├Ąrchen durchstarten.

Die n├Ąchste Teilnehmerin berichtet, sie habe schon "viele Projekte mit Internet" gemacht. Neben ihrem BWL-Studium habe sie au├čerdem als Model gearbeitet.

Eine andere, sie ist Hausfrau und Mutter, will lernen, "wie das mit den Hashtags richtig funktioniert".

"Ich habe einen Blog und muss meine kreative Seite noch viel mehr ausleben", erz├Ąhlt die n├Ąchste Nachwuchs-Influencerin.

Zwei weitere absolvieren gerade den Kurs zum "Professional-Online-Marketing-Manager" an der Influencer-Academy und belegen das Seminar im Rahmen ihrer Ausbildung.

"Neun Prozent der Gesamtbev├Âlkerung sind Influencer"

Neben Tara Waldorf ist Sascha Schulz Beauftragter der Influencer-Academy. Er hat in der Vergangenheit im Online-Marketing und eine Zeit lang auch als Fotograf gearbeitet. Im Seminar liefert er vor allem die Zahlen. Beunruhigende Zahlen.

"Neun Prozent der Gesamtbev├Âlkerung sind Influencer", sagt er. Es steht weit schlimmer um unseren Planeten, als ich dachte.

Und er macht den Seminar-Teilnehmern Mut. "Zehn Millionen Menschen in Deutschland k├Ânnten als Influencer erfolgreich sein", verk├╝ndet er.

Schon bald werden Influencer unser Land ├╝berfluten

Man stelle sich das nur mal vor. Zehn Millionen Menschen, die in Deutschland als Influencer arbeiten. Bald werden Nicht-Influencer nirgends mehr einen Kaffee trinken k├Ânnen. Weil ├╝berall Influencer in aufwendigen Foto-Shoots festhalten m├╝ssen, wie sie einen veganen Mandelmilch-Matcha-Latte schl├╝rfen.

Dank der Influencer-Academy wird es bald noch viel mehr Menschen geben, die sich mit nachdenklichem Blick und einge├Âltem K├Ârper am Strand fotografieren - oder Instagram mit Werbung f├╝r Anti-Schuppen-Shampoo verstopfen. F├╝r viele in diesem Seminar wahrscheinlich eine Traum-Vorstellung.

Aber Influencer sein ist ein harter Beruf, lerne ich. "Es reicht nicht, ein h├╝bsches Gesicht zu haben", sagt Tara streng. Sie z├Ąhlt die drei Punkte auf, die ein guter Influencer erf├╝llen muss.

1. Einen Mehrwert bieten, also zum Beispiel entweder lustig sein oder eine Ratgeber-Funktion einnehmen.

2. Pr├Ąsenz zeigen und mehr als nur einen Social-Media-Kanal nutzen.

3. Die Follower an sich binden und eine Begehrlichkeit wecken. Sie alle m├╝ssen so sein wollen wie du. Am besten gibst du dich nahbar, damit sie dich gleichzeitig als Freund betrachten.

Die Nahbarkeit ist besonders wichtig. Denn umso mehr Follower einem Influencer vertrauen, desto wertvoller ist er f├╝r Unternehmen und desto mehr Geld wird er am Ende verdienen.

Um es anders zu formulieren: Spiel deinen Followern den allerbesten Freund vor, um ihnen sp├Ąter Produkte unterjubeln zu k├Ânnen, die sie eigentlich nicht brauchen. Aber sie vertrauen dir schlie├člich.

Die Nahbarkeit sei fast so wichtig wie die Einzigartigkeit eines Influencers, sagt Tara. Einzigartig sind Influencer zum Gl├╝ck ja alle. Vor allem die Fashion-, Beauty- und Travelblogger unterscheiden sich unheimlich in ihren Fotos.

"Wie ist das eigentlich mit dem Urheberrecht bei Instagram?", fragt die K├╝nstlerin, DJane, S├Ąngerin und Songwriterin. "Als S├Ąngerin und Songwriterin ist es mir sehr wichtig, dass meine Texte nicht von anderen kopiert werden. Gibt es auch ein Urheberrecht f├╝r Hashtags? Sonst k├Ânnten andere ja meine Hashtags klauen."

"Nein, so etwas gibt es nicht", sagt Tara. Hoffentlich rastet die Teilnehmerin nicht aus, wenn sie sieht, dass au├čer ihr auch schon andere Menschen den Hashtag #fun verwendet haben.

Pro 10.000 Follower gibt es 100 Euro

Noch viel mehr als Hashtags steht aber ein anderes Thema im Vordergrund des Seminars: Geld. Ich komme mir fast schon naiv vor, weil ich bei meinen Instagram-Fotos bisher nicht ans Geld verdienen gedacht habe - offenbar als Einzige.

"Kein Influencer macht Fotos, nur weil es Spa├č macht", lerne ich.

Vielleicht kann ich in Zukunft auch unauff├Ąllig Produkte im Bild platzieren: ein bisschen Hundefutter hinter dem Hund und daneben zuf├Ąllig die teuren Hanteln.

"Das geht, wenn es authentisch ist", sagt Tara. Gut, dann eben keine Hanteln.

Ô×Ę Mehr zum Thema: Selten hat sich eine bekannte deutsche Marke so l├Ącherlich gemacht

"Pro 10.000 Follower zahlen Firmen und Agenturen 100 Euro", sagt Tara. Alle schreiben eilig mit.

Schon ab 500 Followern gelten Instagrammer laut Tara als "Mikro-Influencer". Ich bin also eher so die Nano-Influencerin.

Zum Gl├╝ck kann ich mir zur Not einfach Follower kaufen. Schon f├╝r 50 Euro k├Ânne man tausend Follower oder mehr bekommen.

Nat├╝rlich m├╝sse ich dabei klug vorgehen. Denn wenn ich mir zu viele Follower kaufe, dann merken das meine Fans. Weil ich dann im Verh├Ąltnis zu wenige Kommentare bekomme, warnt Tara. Hach, ist das ein Dilemma.

Perfekt aussehen, au├čer bei Body-Positivity

Viel wichtiger als die Anzahl der Follower und Likes sei aber die Qualit├Ąt, sagt sie. Kaum ein Influencer macht Fotos mit seinem Handy. Sie nutzen teure Spiegel-Reflex-Kameras, oft mit professioneller Beleuchtung und immer mit anschlie├čender Bearbeitung.

Das w├Ąre mir zu anstrengend. Ich m├╝sste nicht nur mit einem professionellen Fotografen, sondern st├Ąndig auch mit einem Pagen unterwegs sein, der meinen Licht-Koffer tr├Ągt. Und mir am besten auch noch die Haare f├Âhnt, falls gerade keine nat├╝rliche Brise weht - f├╝r den angesagten Beach-Wave-Look im Winter und so.

Nat├╝rlich m├╝sste ich auch immer perfekt aussehen - durchtrainiert sowieso. "Au├čer ihr macht beim Body-Positivity-Trend mit", sagt Tara. "Da bin ich ja auch f├╝r. Der Trend steht daf├╝r, dass man lieber Kuchen isst, als Sport macht."

Eine interessante Auslegung. Die einigen Body-Positivity-Models, die durchaus auch Sport machen, gar nicht gefallen d├╝rfte.

"Als Influencer musst du Tr├Ąume verkaufen"

Tara stellt uns Apps vor, mit denen wir uns f├╝r Instagram optimieren k├Ânnen. "Facetune" zum Beispiel mache schlanker. Sie sei da zwar kein Fan von, aber:

"Als Influencer musst du Tr├Ąume verkaufen", sagt sie.

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Ein Beitrag geteilt von Tara Waldorf (@fashionlunch) am

Seitdem habe ich Angst vor dem Einschlafen. Weil ich bef├╝rchte, dass ich in meinem n├Ąchsten Traum mit Sami Slimani auf Bibis "Tasty Donut"-Badeschaum surfe.

Doch der Satz stammt nicht von Tara. Auch Hollywood-Produzenten und Mode-Designer wie Karl Lagerfeld verteidigen kitschige Filme oder Magermodels mit Tr├Ąumen, die sie verkaufen w├╝rden.

Was zweifellos stimmt, ist, dass viele die Realit├Ąt nicht sehen wollen, schon gar nicht auf Instagram. Also weg mit den dicken Hamster-B├Ąckchen und her mit den hohen Wangenknochen. Und darauf hoffen, dass die Auftraggeber dich nie live treffen. Das w├Ąre dann ein bisschen peinlich.

"Die Farben der Gew├╝rze passen nicht in meinen Feed"

W├Ąhrend der Mittagspause werden typische Influencer-Probleme er├Ârtert. "Mir hat eine Firma geschrieben, ob ich f├╝r ihre Gew├╝rze werben kann, aber ich musste ablehnen", erz├Ąhlt eine Teilnehmerin. Auf ihrem Instagram-Profil postet sie t├Ąglich ihr selbst gekochtes veganes Essen.

"Solche Pulver-Gew├╝rze in seine Fotos einzubauen, ist echt schwer. Und die Farben von den Gew├╝rzen h├Ątten auch gar nicht in meinen Feed gepasst."

Eine andere Teilnehmerin nickt verst├Ąndnisvoll. Ich bei├če in meinen nicht-veganen Muffin.

"Ich arbeite als Influencerin in Teilzeit"

Im zweiten Teil des Seminars bekommen wir sogar noch prominenten Besuch: Eine Beauty-Bloggerin spricht zu uns. Sie nennt sich Andy Sparkles. Ich habe noch nie von ihr geh├Ârt, aber die Seminar-Leiter sagen, dass sie sehr ber├╝hmt sei. "Fast so wie Bibi und ihr Beauty-Palace."

Ich hoffe, ich kann auch irgendwann einmal ├╝ber mich sagen, fast so ber├╝hmt zu sein wie Bibi und ihr Beauty-Palace.

Ô×Ę Mehr zum Thema: So plump scheffelt Sarah Lombardi Geld durch den Ehestreit mit Pietro

Es ist ganz still im Raum, als Andy Sparkles spricht.

"Ich bin sehr erfolgreich, das kann ich schon sagen", beginnt sie sie. "Influencer sein ist mein Teilzeit-Beruf. Aber ich strebe an, in Vollzeit als Influencer zu arbeiten."

Sie sagt das in einer Ernsthaftigkeit und mit einem Tonfall, als plane sie demn├Ąchst, in ein Krisengebiet zu reisen und 2000 Kinder aus dem Menschenhandel zu befreien.

Gemeinsam mit einer Freundin f├╝hrt Andy Sparkles einen Fashion-Blog. Ihre Freundin, eine professionelle Fotografin, macht all ihre Instagram-Fotos. Auch Andy Sparkles hat also ihren pers├Ânlichen Profi-Fotografen - wie jeder echter Influencer.

Unsere Outfits im Urlaub! Heute gibt es auf dem Blog nicht nur meinen Look, sondern auch das Outfit von @christinefunkphotography zu sehen! ­čĺÜ

Ein Beitrag geteilt von Andrea | Blogger & Influencer (@andysparkles) am

Wer als Influencer erfolgreich sein will, sollte zweimal am Tag etwas posten, sagt Tara. Ein Raunen geht durch den Raum. Die meisten Teilnehmer haben einen Job und keine Zeit, jeden Tag zwei sch├Âne Fotos zu machen. Daf├╝r hat Tara kein Verst├Ąndnis.

"Das kostet wirklich nicht viel Zeit", sagt sie. "Ihr setzt euch einfach irgendwohin, esst was, trinkt einen Kaffee und lasst euch dabei fotografieren."

Ich werde meinen pers├Ânlichen Fotografen samt Scheinwerfern von nun an einfach mit in die Kantine nehmen. Daf├╝r haben meine Kollegen ja wohl hoffentlich Verst├Ąndnis.

Live-Videos nur, wenn "wirklich mal was Wichtiges passiert"

Instagram-Stories postet Tara zus├Ątzlich jeden Tag. Nur Live-Videos nicht. "Die mache ich nur ungef├Ąhr zweimal im Jahr, wenn auch wirklich was Wichtiges und Interessantes passiert", sagt Tara - was das ├╝ber ihre anderen Posts aussagt, sei jetzt mal dahingestellt.

Zwischen 12 und 15 Uhr fotografiere sie au├čerdem nie. Da sei das Licht einfach zu hart. Dann wird das bei mir wohl doch nichts mit der Kantine.

Taras wichtigster Rat an uns lautet: "Als Influencer ist es eure Pflicht, Geld zu verlangen. Sonst macht ihr das ganze Business kaputt. Wenn ihr Gratis-Schminke geschenkt bekommt, denkt immer daran: Davon k├Ânnt ihr nicht eure Miete bezahlen."

Ich frage mich, warum so viele der Teilnehmer das dringende Bed├╝rfnis versp├╝ren, ausgerechnet als Influencer ihre Miete zu verdienen. Klar, mit etwas Gl├╝ck und viel Anstrengung gibt es m├Âglicherweise sehr viel Geld - aber unter welchen Bedingungen.

Der Influencer ist mehr Koala als Mensch

Vielleicht verkaufen Influencer Tr├Ąume. Vielleicht verkaufen sie aber auch einfach nur Produkte. An Follower, die diese Influencer f├╝r eine Art Freunde halten - zu Unrecht. Denn Menschen, die sich selbst als Influencer bezeichnen, verstehen sich als vieles, aber nicht als Freunde. So viel habe ich heute gelernt. Dann schon eher als Koala.

Gegen Ende zeigt Tara uns n├Ąmlich noch, wie wir auf Instagram einen Koala-Filter ├╝ber unser Gesicht legen. Die meisten Teilnehmer im Seminar kannten diese Funktion offensichtlich noch nicht. Sie geben entz├╝ckte Laute von sich. Tara wackelt zufrieden mit ihren virtuellen Ohren.

F├╝r mich ist es an der Zeit zu gehen. Im Flur steht eine Seminar-Teilnehmerin, die offenbar gerade mit einem Baby skyped. Zumindest denke ich das zun├Ąchst, weil sie mit weit aufgerissenem strahlenden Mund, gro├čen Augen und schief gelegtem Kopf in ihre Smartphone-Kamera guckt. Als wollte sie sagen "Ei ei ei, bist du aber s├╝├č!"

Dann stelle ich fest, dass sie doch nur ein Selfie schie├čt.

H├Ątte ich mir auch gleich denken k├Ânnen.

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(lk)