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Ein Tag beim Influencer-Seminar hat mir gezeigt: Um unsere Welt steht es schlimmer als gedacht

30/10/2017 11:39 CET | Aktualisiert 30/10/2017 17:55 CET
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Auf dem Redner-Pult prangt eine riesige schwarze Chanel-Tasche. Sie ist wie ein Versprechen: Wenn du dem Seminar aufmerksam folgst, kannst du dir auch bald eine Handtasche für 4000 Euro leisten.

Die Tasche gehört der Seminar-Leiterin: Tara Waldorf, 27, Influencerin. Mit schnellen Finger-Bewegungen tippt sie auf ihrem Smartphone herum. An ihren Ohren baumeln Creolen in Herzform, um ihren Hals hängen goldene Chanel-Cs an einem Kettchen.

"Wie werde ich erfolgreicher Influencer?" steht auf dem Whiteboard hinter ihr. Eine Frage, die ich mir schon seit meiner Geburt stelle. Wer nicht? Deshalb bin ich heute hier. Es ist der erste offizielle Tag der "Influencer Academy" in Berlin. Wo auch sonst sollte eine "Influencer-Academy" sein, wenn nicht hier.

Ein Influencer ist laut der Academy jemand, der in sozialen Netzwerken über Marken berichtet und dabei durch sein hohes Ansehen großen Einfluss auf die Follower hat. Ich also schon mal nicht.

Von euren Likes kaufe ich mir Chanel

Aber ich bin fest davon überzeugt, dass die Influencer-Academy auch mich in einen Influencer verwandeln wird. So schwer kann das ja nicht sein. Wenn ich mir ansehe, wer sonst noch Influencer ist. Namen möchte ich jetzt keine nennen.

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Sobald ich mit meinen neuen Kenntnissen die 20.000-Follower-Marke geknackt habe, kann ich die Aufmerksamkeit meiner Follower endlich auf das lenken, was wirklich wichtig ist: Verdauungs-Drinks, Fuß-Deo und besonders weiches Klopapier zum Beispiel. Und dann werde ich mir von dem Geld, das ich für die Werbung bekomme, eine Chanel-Tasche kaufen.

So wie Tara. Tara kann wie auf Knopfdruck strahlen. Sie ist nett, lacht viel. Das muss sie vermutlich auch. Mit ihrer Ausstrahlung verdient sie immerhin Geld. "Oft einen hohen dreistelligen Betrag pro Post", sagt sie.

Tara führt seit sechs Jahren den Fashion- und Food-Blog "fashion lunch" und vermarktet Produkte auf Instagram.

But just remember how we shook, shook 🐼🖤 || #gg #marmont #ootd #casual

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Die 15 Seminar-Teilnehmer, die jeder 336 Euro für dieses Seminar bezahlt haben, hören ihr gebannt zu. Sie tragen rosa Mützen und Glitzer-Pullover oder sehen völlig unscheinbar aus. Die meisten sind zwischen 20 und 30 Jahre alt.

Viele von ihnen wollen offenbar so sein wie Tara: Geld mit den eigenen Selbst-Porträts verdienen. Eine Branchen-Berühmtheit sein. Von Unternehmen für Produkt-Werbung gebucht werden.

DJane, Teilzeit-Model, Hausfrau: Sie alle wollen Influencer werden

"Ich bin Künstlerin, Sängerin, Songwriterin und DJane", sagt die erste Teilnehmerin in der Vorstellungsrunde.

Dann stupst sie den Mann neben sich an. "Jetzt du, Schatz."

"Ich bin DJ", sagt ihr Mann.

Die beiden sind extra aus München angereist. Offenbar wollen sie in Zukunft als Influencer-DJ-Pärchen durchstarten.

Die nächste Teilnehmerin berichtet, sie habe schon "viele Projekte mit Internet" gemacht. Neben ihrem BWL-Studium habe sie außerdem als Model gearbeitet.

Eine andere, sie ist Hausfrau und Mutter, will lernen, "wie das mit den Hashtags richtig funktioniert".

"Ich habe einen Blog und muss meine kreative Seite noch viel mehr ausleben", erzählt die nächste Nachwuchs-Influencerin.

Zwei weitere absolvieren gerade den Kurs zum "Professional-Online-Marketing-Manager" an der Influencer-Academy und belegen das Seminar im Rahmen ihrer Ausbildung.

"Neun Prozent der Gesamtbevölkerung sind Influencer"

Neben Tara Waldorf ist Sascha Schulz Beauftragter der Influencer-Academy. Er hat in der Vergangenheit im Online-Marketing und eine Zeit lang auch als Fotograf gearbeitet. Im Seminar liefert er vor allem die Zahlen. Beunruhigende Zahlen.

"Neun Prozent der Gesamtbevölkerung sind Influencer", sagt er. Es steht weit schlimmer um unseren Planeten, als ich dachte.

Und er macht den Seminar-Teilnehmern Mut. "Zehn Millionen Menschen in Deutschland könnten als Influencer erfolgreich sein", verkündet er.

Schon bald werden Influencer unser Land überfluten

Man stelle sich das nur mal vor. Zehn Millionen Menschen, die in Deutschland als Influencer arbeiten. Bald werden Nicht-Influencer nirgends mehr einen Kaffee trinken können. Weil überall Influencer in aufwendigen Foto-Shoots festhalten müssen, wie sie einen veganen Mandelmilch-Matcha-Latte schlürfen.

Dank der Influencer-Academy wird es bald noch viel mehr Menschen geben, die sich mit nachdenklichem Blick und eingeöltem Körper am Strand fotografieren - oder Instagram mit Werbung für Anti-Schuppen-Shampoo verstopfen. Für viele in diesem Seminar wahrscheinlich eine Traum-Vorstellung.

Aber Influencer sein ist ein harter Beruf, lerne ich. "Es reicht nicht, ein hübsches Gesicht zu haben", sagt Tara streng. Sie zählt die drei Punkte auf, die ein guter Influencer erfüllen muss.

1. Einen Mehrwert bieten, also zum Beispiel entweder lustig sein oder eine Ratgeber-Funktion einnehmen.

2. Präsenz zeigen und mehr als nur einen Social-Media-Kanal nutzen.

3. Die Follower an sich binden und eine Begehrlichkeit wecken. Sie alle müssen so sein wollen wie du. Am besten gibst du dich nahbar, damit sie dich gleichzeitig als Freund betrachten.

Die Nahbarkeit ist besonders wichtig. Denn umso mehr Follower einem Influencer vertrauen, desto wertvoller ist er für Unternehmen und desto mehr Geld wird er am Ende verdienen.

Um es anders zu formulieren: Spiel deinen Followern den allerbesten Freund vor, um ihnen später Produkte unterjubeln zu können, die sie eigentlich nicht brauchen. Aber sie vertrauen dir schließlich.

Die Nahbarkeit sei fast so wichtig wie die Einzigartigkeit eines Influencers, sagt Tara. Einzigartig sind Influencer zum Glück ja alle. Vor allem die Fashion-, Beauty- und Travelblogger unterscheiden sich unheimlich in ihren Fotos.

"Wie ist das eigentlich mit dem Urheberrecht bei Instagram?", fragt die Künstlerin, DJane, Sängerin und Songwriterin. "Als Sängerin und Songwriterin ist es mir sehr wichtig, dass meine Texte nicht von anderen kopiert werden. Gibt es auch ein Urheberrecht für Hashtags? Sonst könnten andere ja meine Hashtags klauen."

"Nein, so etwas gibt es nicht", sagt Tara. Hoffentlich rastet die Teilnehmerin nicht aus, wenn sie sieht, dass außer ihr auch schon andere Menschen den Hashtag #fun verwendet haben.

Pro 10.000 Follower gibt es 100 Euro

Noch viel mehr als Hashtags steht aber ein anderes Thema im Vordergrund des Seminars: Geld. Ich komme mir fast schon naiv vor, weil ich bei meinen Instagram-Fotos bisher nicht ans Geld verdienen gedacht habe - offenbar als Einzige.

"Kein Influencer macht Fotos, nur weil es Spaß macht", lerne ich.

Vielleicht kann ich in Zukunft auch unauffällig Produkte im Bild platzieren: ein bisschen Hundefutter hinter dem Hund und daneben zufällig die teuren Hanteln.

"Das geht, wenn es authentisch ist", sagt Tara. Gut, dann eben keine Hanteln.

Mehr zum Thema: Selten hat sich eine bekannte deutsche Marke so lächerlich gemacht

"Pro 10.000 Follower zahlen Firmen und Agenturen 100 Euro", sagt Tara. Alle schreiben eilig mit.

Schon ab 500 Followern gelten Instagrammer laut Tara als "Mikro-Influencer". Ich bin also eher so die Nano-Influencerin.

Zum Glück kann ich mir zur Not einfach Follower kaufen. Schon für 50 Euro könne man tausend Follower oder mehr bekommen.

Natürlich müsse ich dabei klug vorgehen. Denn wenn ich mir zu viele Follower kaufe, dann merken das meine Fans. Weil ich dann im Verhältnis zu wenige Kommentare bekomme, warnt Tara. Hach, ist das ein Dilemma.

Perfekt aussehen, außer bei Body-Positivity

Viel wichtiger als die Anzahl der Follower und Likes sei aber die Qualität, sagt sie. Kaum ein Influencer macht Fotos mit seinem Handy. Sie nutzen teure Spiegel-Reflex-Kameras, oft mit professioneller Beleuchtung und immer mit anschließender Bearbeitung.

Das wäre mir zu anstrengend. Ich müsste nicht nur mit einem professionellen Fotografen, sondern ständig auch mit einem Pagen unterwegs sein, der meinen Licht-Koffer trägt. Und mir am besten auch noch die Haare föhnt, falls gerade keine natürliche Brise weht - für den angesagten Beach-Wave-Look im Winter und so.

Natürlich müsste ich auch immer perfekt aussehen - durchtrainiert sowieso. "Außer ihr macht beim Body-Positivity-Trend mit", sagt Tara. "Da bin ich ja auch für. Der Trend steht dafür, dass man lieber Kuchen isst, als Sport macht."

Eine interessante Auslegung. Die einigen Body-Positivity-Models, die durchaus auch Sport machen, gar nicht gefallen dürfte.

"Als Influencer musst du Träume verkaufen"

Tara stellt uns Apps vor, mit denen wir uns für Instagram optimieren können. "Facetune" zum Beispiel mache schlanker. Sie sei da zwar kein Fan von, aber:

"Als Influencer musst du Träume verkaufen", sagt sie.

Pont du Gard 🇫🇷 || #france #french #pontdugard #vacation #holiday

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Seitdem habe ich Angst vor dem Einschlafen. Weil ich befürchte, dass ich in meinem nächsten Traum mit Sami Slimani auf Bibis "Tasty Donut"-Badeschaum surfe.

Doch der Satz stammt nicht von Tara. Auch Hollywood-Produzenten und Mode-Designer wie Karl Lagerfeld verteidigen kitschige Filme oder Magermodels mit Träumen, die sie verkaufen würden.

Was zweifellos stimmt, ist, dass viele die Realität nicht sehen wollen, schon gar nicht auf Instagram. Also weg mit den dicken Hamster-Bäckchen und her mit den hohen Wangenknochen. Und darauf hoffen, dass die Auftraggeber dich nie live treffen. Das wäre dann ein bisschen peinlich.

"Die Farben der Gewürze passen nicht in meinen Feed"

Während der Mittagspause werden typische Influencer-Probleme erörtert. "Mir hat eine Firma geschrieben, ob ich für ihre Gewürze werben kann, aber ich musste ablehnen", erzählt eine Teilnehmerin. Auf ihrem Instagram-Profil postet sie täglich ihr selbst gekochtes veganes Essen.

"Solche Pulver-Gewürze in seine Fotos einzubauen, ist echt schwer. Und die Farben von den Gewürzen hätten auch gar nicht in meinen Feed gepasst."

Eine andere Teilnehmerin nickt verständnisvoll. Ich beiße in meinen nicht-veganen Muffin.

"Ich arbeite als Influencerin in Teilzeit"

Im zweiten Teil des Seminars bekommen wir sogar noch prominenten Besuch: Eine Beauty-Bloggerin spricht zu uns. Sie nennt sich Andy Sparkles. Ich habe noch nie von ihr gehört, aber die Seminar-Leiter sagen, dass sie sehr berühmt sei. "Fast so wie Bibi und ihr Beauty-Palace."

Ich hoffe, ich kann auch irgendwann einmal über mich sagen, fast so berühmt zu sein wie Bibi und ihr Beauty-Palace.

Mehr zum Thema: So plump scheffelt Sarah Lombardi Geld durch den Ehestreit mit Pietro

Es ist ganz still im Raum, als Andy Sparkles spricht.

"Ich bin sehr erfolgreich, das kann ich schon sagen", beginnt sie sie. "Influencer sein ist mein Teilzeit-Beruf. Aber ich strebe an, in Vollzeit als Influencer zu arbeiten."

Sie sagt das in einer Ernsthaftigkeit und mit einem Tonfall, als plane sie demnächst, in ein Krisengebiet zu reisen und 2000 Kinder aus dem Menschenhandel zu befreien.

Gemeinsam mit einer Freundin führt Andy Sparkles einen Fashion-Blog. Ihre Freundin, eine professionelle Fotografin, macht all ihre Instagram-Fotos. Auch Andy Sparkles hat also ihren persönlichen Profi-Fotografen - wie jeder echter Influencer.

Unsere Outfits im Urlaub! Heute gibt es auf dem Blog nicht nur meinen Look, sondern auch das Outfit von @christinefunkphotography zu sehen! 💚

Ein Beitrag geteilt von Andrea | Blogger & Influencer (@andysparkles) am

Wer als Influencer erfolgreich sein will, sollte zweimal am Tag etwas posten, sagt Tara. Ein Raunen geht durch den Raum. Die meisten Teilnehmer haben einen Job und keine Zeit, jeden Tag zwei schöne Fotos zu machen. Dafür hat Tara kein Verständnis.

"Das kostet wirklich nicht viel Zeit", sagt sie. "Ihr setzt euch einfach irgendwohin, esst was, trinkt einen Kaffee und lasst euch dabei fotografieren."

Ich werde meinen persönlichen Fotografen samt Scheinwerfern von nun an einfach mit in die Kantine nehmen. Dafür haben meine Kollegen ja wohl hoffentlich Verständnis.

Live-Videos nur, wenn "wirklich mal was Wichtiges passiert"

Instagram-Stories postet Tara zusätzlich jeden Tag. Nur Live-Videos nicht. "Die mache ich nur ungefähr zweimal im Jahr, wenn auch wirklich was Wichtiges und Interessantes passiert", sagt Tara - was das über ihre anderen Posts aussagt, sei jetzt mal dahingestellt.

Zwischen 12 und 15 Uhr fotografiere sie außerdem nie. Da sei das Licht einfach zu hart. Dann wird das bei mir wohl doch nichts mit der Kantine.

Taras wichtigster Rat an uns lautet: "Als Influencer ist es eure Pflicht, Geld zu verlangen. Sonst macht ihr das ganze Business kaputt. Wenn ihr Gratis-Schminke geschenkt bekommt, denkt immer daran: Davon könnt ihr nicht eure Miete bezahlen."

Ich frage mich, warum so viele der Teilnehmer das dringende Bedürfnis verspüren, ausgerechnet als Influencer ihre Miete zu verdienen. Klar, mit etwas Glück und viel Anstrengung gibt es möglicherweise sehr viel Geld - aber unter welchen Bedingungen.

Der Influencer ist mehr Koala als Mensch

Vielleicht verkaufen Influencer Träume. Vielleicht verkaufen sie aber auch einfach nur Produkte. An Follower, die diese Influencer für eine Art Freunde halten - zu Unrecht. Denn Menschen, die sich selbst als Influencer bezeichnen, verstehen sich als vieles, aber nicht als Freunde. So viel habe ich heute gelernt. Dann schon eher als Koala.

Gegen Ende zeigt Tara uns nämlich noch, wie wir auf Instagram einen Koala-Filter über unser Gesicht legen. Die meisten Teilnehmer im Seminar kannten diese Funktion offensichtlich noch nicht. Sie geben entzückte Laute von sich. Tara wackelt zufrieden mit ihren virtuellen Ohren.

Für mich ist es an der Zeit zu gehen. Im Flur steht eine Seminar-Teilnehmerin, die offenbar gerade mit einem Baby skyped. Zumindest denke ich das zunächst, weil sie mit weit aufgerissenem strahlenden Mund, großen Augen und schief gelegtem Kopf in ihre Smartphone-Kamera guckt. Als wollte sie sagen "Ei ei ei, bist du aber süß!"

Dann stelle ich fest, dass sie doch nur ein Selfie schießt.

Hätte ich mir auch gleich denken können.

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(lk)