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Ich habe als junge Frau eine Woche lang die "FAZ" gelesen - das hat es mit mir gemacht

01/08/2017 17:29 CEST | Aktualisiert 12/09/2017 17:59 CEST
HuffPost

Ich habe mir nie darüber Gedanken gemacht, wie das Redaktionsbüro der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" aussieht. Nachdem ich die "FAZ" nun eine Woche lang gelesen habe, stelle ich es mir als einen düsteren Ort vor.

Die schweren Vorhänge sind in meiner Vorstellung fast gänzlich zugezogen, damit nicht zu viel Tageslicht hereindringt. Im Konferenzraum riecht es nach Zigarrenqualm, Tinte und Mottenkugeln. Berge von Zeitungen stapeln sich auf dem Boden. Die Redakteure sitzen in moosgrünen Ohrensesseln, die Ressortleiter in Schaukelstühlen, die bei jeder Bewegung knarzen.

Alle paffen Zigarrenwölkchen in die Luft, im Hintergrund läuft leise Mozarts "Zauberflöte". Einer der Chefs pustet den Staub von seinem Laptop. "Penelope, können Sie mir das Internet hochfahren?" Die Sekretärin huscht herbei und klickt auf Google.

So oder ähnlich läuft es bei der "FAZ" ab - da bin ich mir sicher. Jedenfalls ist es diese Szene, die bei mir im Kopf entsteht, wenn ich die "FAZ" lese.

Dazu muss man wissen: Ich bin eine junge Frau, 25 Jahre alt, und die "FAZ" habe ich freiwillig, wenn überhaupt, früher nur auf sechsstündigen Zugfahrten gelesen.

Über die täglichen Nachrichten informiere ich mich eher über die sozialen Netzwerke. Und ja, ich lese auch Zeitungen, wie "Die Zeit" zum Beispiel.

Die "FAZ" aber habe ich meistens nur gelesen, wenn ich dazu gezwungen wurde, beispielsweise im Studium.

Was ist das für eine Zeitung, die solche Dinge schreibt?

Was vielleicht kein Wunder ist, denn ich gehöre ganz offensichtlich nicht zur Zielgruppe der Zeitung. Rund 42 Prozent der Leser sind laut eigenen Angaben der "FAZ" 60 Jahre oder älter.

Aber in den vergangenen Wochen tauchten verstärkt Texte der "FAZ" auch in den sozialen Medien auf. In einem dieser Texte wurde behauptet, bei homosexuellen Paaren "falle die Inzest-Hemmung weg". Damit argumentierte die "FAZ" gegen das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare.

Mehr zum Thema: Der neueste "FAZ"-Artikel zur Ehe für alle ist so schlimm - kaum zu glauben, dass er tatsächlich erschienen ist

In wieder einem anderen Artikel wurde gleich der gesamte gesellschaftliche Fortschritt verdammt.

Was ist das wohl für eine Zeitung, die im Jahr 2017 solche Dinge schreibt, habe ich mich gefragt.

Um mir diese Frage zu beantworten, habe ich einen Versuch gewagt: Ich habe eine Woche die "FAZ" gelesen. Und zwar nicht als E-Paper auf dem Tablet, sondern auf Papier.

Ich habe das Gefühl, dass ich den Herren in Frankfurt dadurch näher bin, dass ich sie fast schon riechen kann. Inklusive dem Muff, der sich in den schweren geschlossenen Vorhängen vor ihren Fenstern festgesetzt hat.

Sonntag:

Die Superreichen sind arm dran und alle Frauen lieben Pferde

Bei meinem Erstkontakt mit der Zeitung aus Frankfurt fürchte ich, versehentlich an eine Intellektuellen-Ausgabe der "Wendy" geraten zu sein. Aber es ist tatsächlich die Wochenendausgabe der "FAZ", die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", die mich mit einem riesigen Pferdebild in das Ressort "Leben" locken will.

"Warum lieben fast alle Mädchen Pferde?", fragt sich die "FAS" schon in der Einleitung.

Es geht um den Pferdefilm "Ostwind". Keine meiner Freundinnen hat diesen Film gesehen, sagen sie mir auf Nachfrage - aus nicht vorhandenem Interesse an Pferden.

Pferde sind aber noch nicht alles, was den Mädchen unter den "FAS"-Lesern geboten wird: Auf Seite 17 gibt die "FAS" Tipps, welchen Bronze-Puder eine Frau benötigt. Für Menschen, die im Sommer nicht rausgehen können, weil sie im Elfenbeinturm sitzend die "FAZ" lesen müssen, vermute ich.

Offenbar hat die "FAZ" nach Frauenthemen gesucht

Ich kann mir vorstellen, wie diese Texte zustande gekommen sind.

"Wir brauchen mehr Frauen-Themen!", hat einer der Herren in der Themen-Konferenz gesagt. "Ich will nicht, dass wir rüberkommen wie so ein altmodisches Herren-Blatt. Was sind denn so typische aktuelle Frauen-Themen?", fragt er an seine männlichen Kollegen gewandt.

Es herrscht ratloses Schweigen. "Ähm...Pferde? Schminke?"

So richtig verstanden fühle ich mich erst auf Seite 29 des Wirtschaftsteils: Dort berichtet "die Nummer 1 Zeitungsmarke in der Elite" über die Nöte der Superreichen. Ja, na gut, streng genommen bin ich nicht superreich. Aber vielleicht wird das ja noch was, bis ich das Durchschnittsalter der "FAZ"-Leser erreicht habe.

Mehr zum Thema: Die "FAZ" schreibt über die Zukunft - und macht sich dabei ziemlich lächerlich

Ich habe noch Zeit, bis ich auch zu den "Top-Entscheidern" gehöre, wie angeblich der Großteil der "FAZ"-Leser. Die anscheinend gerade unglücklich sind - denn reich zu erben, das ist gar nicht so einfach.

Aber: Ich blättere weiter und kann aufatmen. Wenn schon nicht den Reichen, so geht es doch wenigstens Deutschlands Rentnern gut. "Sie haben viel freie Zeit und jede Menge Geld", schreibt die "FAS".

Nun ja, wie sollte die Zielgruppe des Frankfurter Blatts auch sonst von vorne bis hinten diese Zeitung lesen.

Montag:

Polizisten sind böse Menschen, die keine Geschenke verdient haben

Über einen Kommentar muss ich mich in der heutigen Ausgabe besonders wundern: Die "FAZ" findet, dass die G20-Polizisten nach ihren Einsätzen zu gut behandelt werden.

Denn: Nachdem sie 48 Stunden am Stück ohne Schlaf für Sicherheit gesorgt haben, bedroht, beschimpft und mit Eisenstangen beworfen wurden, haben die G20-Polizisten doch tatsächlich eine Einladung in die Elbphilharmonie erhalten.

Der Autor findet das "befremdlich und übertrieben". "Mehrere Dutzend" der Polizisten hätten ja nur "Kreislaufprobleme" gehabt, weiß der Autor.

"Und das soll ein 'Inferno', eine 'Horrornacht' gewesen sein?", fragt er sich - und ich sehe ihn geradezu vor mir, wie er während der Horrornacht mit einem Buch in seinem Schaukelstuhl unter einer warmen Strickdecke sitzt und sich wohlig gruselt - vor Gregor Samsa wahrscheinlich, der als Käfer in seinem Bett erwacht.

Der "FAZ"-Autor hat die Deutschen durchschaut

Hamburg hat schon Schlimmeres erlebt, weiß der Autor. Als Beispiel nennt er - ernsthaft - den Zweiten Weltkrieg.

Er hat auch eine Erklärung dafür, warum wir die G20-Polizisten nun so "verhätscheln" würden.

Wir Deutschen würden nur Kommissare aus deutschen Kriminalserien kennen - und nicht aus amerikanischen, erklärt er. Deshalb würden wir Polizisten für zu gute Menschen halten.

Ach, ich kann ihnen einfach nicht böse sein, den alten Männern aus Frankfurt. Es ist schon ziemlich goldig, dass sie denken, dass sich nennenswert viele Menschen noch deutsche Kriminalserien im Fernsehen anschauen - und nicht etwa amerikanische im Internet.

Dienstag:

Homosexuelle sind doch normale Menschen

Heute erklärt eine Soziologin sicherheitshalber den verstörten "FAZ"-Lesern, dass die gleichgeschlechtliche Ehe etwas Normales sei. Diese sei ein natürliches Produkt der modernen Gesellschaft. Dazu muss man wissen: Die "FAZ" hat nach der Entscheidung für die "Ehe für alle" in einer Reihe von Kommentaren das Ende des Abendlandes herbeigeschrieben.

Nach der Lektüre des Textes können alle "FAZ"-Leser, die sich schon für den Weltuntergang gewappnet haben, hoffentlich wieder gut schlafen.

Und so klingt Liebe übrigens in der "FAZ":

"Ihr Wert ist unabhängig vom biologischen Tatbestand der Reproduktion, vielmehr geht es um die soziale Dimension der Sache, um das intensive Bezogensein auf einen anderen, den ständigen Austausch auf alltäglichen wie außeralltäglichen Ebenen, das unendliche Entdecken und Erforschen der Tiefen und Untiefen der Seele des anderen. Dieses Projekt ist in sich schwierig und unwahrscheinlich genug."

Mittwoch:

Sexismus und die neuesten Hörgeräte-Trends

Es ist ein Kommentar, der mich heute verstört. Die "FAZ" berichtet, dass die Airline "Aeroflot" bei der Stewardessen-Auswahl etwas kräftiger gebaute Frauen diskriminiert. Denn sie würden nicht so schick in den Uniformen aussehen.

Und auch, wenn ich mich bemühe, das Ganze als sarkastischen Kommentar abzutun, den der Text wahrscheinlich darstellen soll - ich werde das Gefühl einfach nicht los, dass die "FAZ" diese Uniformen eigentlich doch ganz gut findet, um nicht zu sagen ziemlich geil.

"Die aus 20 Teilen bestehende Uniform ist tatsächlich umwerfend", heißt es da. "Und beschert den Fluggästen obendrein eine emotional kurvenreiche Reise."

Das einzige, was missfällt: Schon beim Anrollen würden die Accessoires verschwinden. "Übrig bleibt ein glutrotes Kleid, über das dann bei der Essensausgabe ein Kittel im gleichen Farbton gestreift wird."

Das erwecke ganz bestimmte ungeliebte Assoziationen. "Man fühlt sich dann wie am mütterlichen Herd", schreibt die "FAZ".

Es freut mich für die "FAZ"- Autoren, dass sie immer noch das Essen von Mama zubereitet bekommen.

Zum Glück sind Computer nicht Batterie-betrieben

Gerade, als ich mich frage, wer so etwas eigentlich gerne liest und darüber lachen kann, finde ich auf Seite 18 die Antwort. Denn da fällt mir wieder ein, wer die Zielgruppe der "FAZ" ist:

Auf Seite 18 geht es um immer raffinierter werdende Hörgeräte.

Für alle, deren Interesse geweckt ist: Besonders neu sind aufladbare Hörgeräte, die mit Lithium-Ionen-Akkus ausgestattet sind.

"Die steckt man einfach in ein Ladegerät. Damit entfällt die lästige Fummelei beim Austausch konventioneller Batterien, mit der sich gerade ältere Menschen oft schwertun."

Was haben die "FAZ"-Redakteure Glück, dass Computer nicht Batterie-betrieben sind.

Donnerstag:

Ein Selbsteingeständnis und noch mehr langweilige Texte

Am Donnerstag wage ich ein Experiment: Ich lese die "FAZ" in der U-Bahn. Bis auf einen kleinen Jungen mit einem riesigen Dinosaurier-Buch auf dem Schoß sehe ich niemanden, der etwas auf Papier liest. Wie passend, denke ich: Er liest etwas über Dinosaurier, ich etwas von Dinosauriern.

Ich versuche eine Miene aufzusetzen, wie sie "FAZ"-Leser in meiner Vorstellung haben. Ein bisschen wichtig, ein bisschen altklug und ein bisschen stolz breite ich die Zeitung also in ihrer ganzen Vollkommenheit aus.

Wenn es diese intime Grenze gibt, die Menschen nie bei Fremden überschreiten sollten, habe ich sie bei meinem Sitznachbarn gerade überschritten.

Die "FAZ" wünscht sich Roboter für langweilige Texte

Meine linke Hand mit der einen Seite der "FAZ" ist kurz vor seinem Nasenloch. Nun, was soll ich machen. So eine ausgebreitete "FAZ" braucht eben Platz.

Und wieder ist mein besonderes Highlight ein kleiner Text am Rande - über Roboter. Darin ist zu lesen: "Was haben wir uns auf die Zukunft gefreut, in der uns endlich die Roboter die Arbeit abnehmen: putzen, prügeln, langweilige Texte schreiben."

Langweilige Texte schreiben? War das jetzt so etwas wie ein Selbsteingeständnis?

Und: "FAZ"-Redakteure brauchen Roboter, die sich für sie prügeln? Vielleicht ist die Redaktion doch nicht so langweilig wie ich dachte.

Freitag:

BH-Tipps von einer 98-Jährigen und noch mehr Erotik

Nachdenklich ziehen die alten Herren an ihren Pfeifen. "He du, wie heißt du doch gleich...Werther!" Der 42-jährige "FAZ"-Praktikant horcht auf. Offensichtlich ist er gemeint.

"Werther, du bist doch noch ein junger Knabe. Wir brauchen mehr Frauen-Themen! Was sind denn noch so aktuelle typische Frauen-Themen außer Pferden und Schminke?"

Der Praktikant überlegt kurz. "Ähm...BHs?"

Die Herren nicken zufrieden.

Ausgerechnet eine 98-jährige Verkäuferin gibt den "FAZ"-Leserinnen in dieser Ausgabe Tipps für den perfekten BH. "Den Busen herzuzeigen, das ist ein Fehler", sagt sie.

Viel zu viel Erotik

Auch zu beachten: "Man zieht den Büstenhalter in der Früh an und dann darf er sich den ganzen Tag nicht melden."

Wie, nicht mal per WhatsApp? Oder was genau ist damit gemeint, dass sich ein BH "nicht melden" dürfe? Fragen über Fragen.

Allgemein war mir in dieser Ausgabe der "FAZ" ein bisschen zu viel Erotik.

In einem Text über Elisabeth die I. heißt es schamlos:

"Schon wieder ist von Elisabeth der I. die Rede, diesmal aber nur von ihrer Jungfräulichkeit. Jenen Lesern, die der Fachausdruck auf abwegige Gedanken bringt, mögen unsere Leserinnen doch bitte ins Ohr flüstern, Jungfräulichkeit sei ein streng politischer Begriff."

Samstag:

Ein bisschen Sexismus hat noch niemandem geschadet

Ich wusste, dass auf die gute alte "FAZ" in Sachen Sexismus Verlass ist. Auf der Medienseite beklagt die "FAZ", dass die Erotik des Pirelli-Kalenders auf der Strecke geblieben sei.

Das Leid ist groß, denn: Anstatt die Frauen des Pirelli-Kalenders wie all die Jahrzehnte hinweg auf ihren nackten, drallen Körper zu reduzieren, versucht der Kalender neuerdings doch tatsächlich so etwas wie Tiefgang in seine Fotos zu bringen.

"Früher ging es immer darum, dass Männer schöne Frauen noch lieber sehen als Autozubehör", heißt es.

Und dann kam der Wandel.

Das muss doch Satire sein

Erst hätte die berühmte Fotografin Annie Leibovitz Frauen "fast durchweg sehr zugeknöpft" fotografiert - und jetzt kommt's - dann habe sie diese auch noch "nach Geist, Können und Stärke" ausgewählt.

Das ist ja wirklich unerhört. Als ich sehe, dass es auch noch eine Autorin ist, die diesen Text verfasst hat, bin ich mir ganz sicher: Das muss Satire sein.

Aber nein, es ist keine Satire. Und es kommt noch schlimmer für die Autorin. Denn im kommenden Jahr will der Fotograf Tim Walker in einer "Alice-im-Wunderland-Show" doch tatsächlich ausschließlich schwarze Frauen und Männer fotografieren.

Das ernst gemeinte und kaum zu fassende Fazit dazu lautet: "Das ist schön anzusehen und gut gemeint, aber die Erotik ist bei Pirelli auf der Strecke geblieben."

Hoffentlich hat ihr das ein alter Mann aufgequatscht

Ich lese den Text sicherheitshalber noch mal. Und noch einmal. Das ist doch Satire, bin ich mir ganz sicher. Das kann diese Frau doch nicht ernst meinen.

Und doch, sie meint es ernst.

Alles, was mir bleibt, ist zu hoffen, dass ihr ein alter Mann in Frankfurt seine frauenfeindliche Meinung aufgequatscht hat. Weil es sich nun mal besser macht, wenn eine Frau sowas schreibt.

Also, Pirelli: Für die "FAZ"-Redaktion nächstes Mal bitte wieder geile, nackte, weiße Frauen auf Autoreifen.

Gibt auch eine Rezension im Feuilleton.

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