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Beim letzten Arztbesuch durchschaute ich, worum es Ärzten geht - es ist nicht meine Gesundheit

24/11/2017 18:06 CET | Aktualisiert 25/11/2017 13:38 CET
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Es gibt eine Sache, die in München noch schwieriger zu finden ist als eine bezahlbare Wohnung: einen guten Hausarzt für Kassen-Patienten.

Der letzte Arzt, der mir nach vielen hoffnungslosen Anrufen endlich einen Termin gab, hat bei der Untersuchung seltsame fuchtelnde Handbewegungen vor meinem Gesicht vollführt. Danach wunderte er sich, dass ich "so grimmig" schaue und verschrieb mir naturbelassene Energie-Tropfen.

Bei der nächsten Erkrankung beschloss ich also, dass es wieder an der Zeit für einen neuen Arzt war.

Erst vor wenigen Tagen war ich dort. Er warf einen Blick auf meine auffällig geschwollenen Lymphdrüsen und Mandeln und stellte seine Diagnose: Streptokokken-Infektion.

"Das kostet aber 10 Euro"

"Wir könnten das mit einem Test ganz sicher herausfinden", sagte er. "Wollen Sie das?"

Na ja, ich sage ja nicht "Nee, passt schon" und zieh mir eine Packung Antibiotikum rein, wenn es vielleicht gar nicht sein muss, dachte ich mir und sagte natürlich "Ja".

"Das kostet aber 10 Euro", sagte der Arzt. "Das sage ich Ihnen gleich. Das übernimmt die Kasse nicht."

Ich blickte wohl etwas genervt drein.

"Das sind die Materialkosten. Das kostet 10 Euro", erklärte der Arzt.

"Ja, ist ok, habe ich dabei", sagte ich.

Die Sprechstundenhilfe fragte zwei weitere Male

Während das in diesem Fall ganz schön teure Wattestäbchen mit einem Abstrich aus meinem Rachen untersucht wurde, kam eine Sprechstundenhilfe zu mir.

"Der Test gerade ist für Sie, oder? Der kostet 10 Euro."

"Ich weiß", sagte ich und bemühte mich, freundlich zu sein.

"Gut, ich wollte nur sichergehen", sagte sie.

Wenige Minuten später kam sie schon wieder ins Wartezimmer herein.

"Die 10 Euro, haben Sie die dabei?", fragte sie.

"Ja, die 10 Euro habe ich dabei", erwiderte ich und langsam wunderte ich mich wirklich.

So schlecht ist die Gegend eigentlich nicht, in der ich in München wohne. Aber anscheinend bezahlen hier einige Patienten ihre Rechnungen nicht.

Oder ich sah aus, als wäre ich gerade auf der Straße aufgewacht. Das wäre auch möglich. Zumindest schien mir niemand in dieser Praxis zuzutrauen, dass ich 10 Euro erübrigen konnte.

Das Ergebnis teilte er mir erst nach den 10 Euro mit

Die Tür zum Wartezimmer öffnete sich erneut. Gerade wollte ich schon sagen "Ja, ich habe 10 Euro", aber es war der Arzt selbst.

"Wir haben Ihr Ergebnis", verkündete er.

Als ich ihm gegenüber im Sprechzimmer saß, sah ich ihn erwartungsvoll an.

Er hielt den Zettel in seiner Hand so, dass ich ihn nicht lesen konnte.

"Ich bräuchte dann noch die 10 Euro von Ihnen", sagte er freundlich. Ich sah ihn ausdruckslos an und fragte mich, ob das ein Scherz sein sollte.

Rückte er tatsächlich erst mit dem Ergebnis raus, nachdem ich ihm seine 10 Euro gegeben hatte? Offensichtlich schon.

Ich kam mir vor wie in einem Witzfilm

Ich holte mein Portmonee aus der Tasche und öffnete es. Darin lag auch für ihn gut sichtbar ein 50-Euro-Schein. Genug für vier weitere Tests, was hatte ich für ein Glück.

Ich wartete. Er wartete auch. Ich schüttelte den Kopf und gab ihm den 50-Euro-Schein.

"Das muss ich wechseln", sagte er.

"Ja. Könnten Sie das eventuell gleich machen?"

"In Ordnung", sagte er und verkündete: "Dafür hat sich der Test auch gelohnt! Er war positiv!"

Es klang, als würde er mir gleich zu dem Ergebnis gratulieren. Es ist eine Streptokokke! Herzlichen Glückwunsch!

Das tat er natürlich nicht. Stattdessen verschrieb er mir Penicillin und gab mir mein Wechselgeld zurück. Aber irgendwas stimmt doch mit diesen Ärzten in München nicht.

Er hatte nicht eine Frage nach meinem Befinden gestellt

Als ich wieder zuhause war, konnte ich es nicht fassen. Nicht nur, dass der Besuch mir vorkam wie in einem Witzfilm, ich hatte die ganze Zeit über das Gefühl, dass der Arzt an nichts anderes als an sein Geld dachte. Er hatte übrigens nicht eine Frage nach meinem Befinden gestellt. Dafür sind "10 Euro" auffällig oft gefallen.

Ich fragte mich, ob er die 10 Euro wirklich so dringend nötig hatte. Vielleicht hatte er großen Hunger und wollte sich jetzt Sushi davon bestellen.

Mehr zum Thema: Der Patient als Geldquelle: Wie Zahnärzte in Deutschland ahnungslose Patienten abzocken

(Im Video: So lernen Ärzte in Seminaren, wie sie den Patienten möglichst viel Geld aus der Tasche ziehen)

Um fair zu bleiben: Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) bestätigte mir, dass die Kassen nur den "normalen" Test zahlen würden, auf dessen Ergebnis ich aber drei Tage hätte warten müssen.

Dass es auch einen anderen Test gibt, der drei Tage dauert, habe ich allerdings auch erst von der KVB erfahren.

Der Schnelltest gilt als ungenau

Ich recherchierte nach den Unterschieden und erfuhr, dass der Schnelltest als "ungenau" gilt. Sehr interessant. So schreibt beispielsweise die "Gemeinschaftspraxis im Bayerwald" auf ihrer Homepage:

"Der Schnelltest auf Streptokokken ist viel zu ungenau. Nur der Labortest ist zuverlässig."

Ein anderer Allgemeinmediziner sagte mir außerdem: "Eigentlich hätte der Arzt auch schon an deinen Mandeln sehen können, dass du diese Infektion hast. Der Test war wahrscheinlich überflüssig."

Warum aber hat der Arzt den Test dann gemacht? Doch nicht etwa wegen... 10 Euro?

Ich will ihm eigentlich gar keine Vorwürfe wegen des Tests machen. Mir geht es mittlerweile besser und ich bin froh, dass ich offensichtlich richtig behandelt wurde.

Doch meiner Meinung nach sollten alle Ärzte, nicht nur dieser Arzt, die Gesundheit ihres Patienten in den Vordergrund stellen - und nichts anders. Und ihren Patienten vor allem nicht das Gefühl geben, dass sie nur eine Geldquelle sind.

So ist es kein Wunder, dass viele Menschen das Vertrauen in Ärzte verlieren, Angst vor einem Arztbesuch haben oder auf Ärzte schimpfen, die es vielleicht gar nicht verdient haben.

Es fällt schwer "Nein" zu sagen, wenn es um die eigene Gesundheit geht

Schon oft hatte ich bei Ärzten das Gefühl, abgezockt zu werden.

Als ich vor etwa einem Jahr bei einer Augenärztin war, überredete sie mich zu einer Glaukom-Vorsorge-Untersuchung - eine der sogenannten IGeL-Leistungen (individuellen Gesundheitsleistungen), die Kassen-Patienten selbst zahlen müssen.

Mehr zum Thema: So lernen Ärzte in Seminaren, wie sie den Patienten möglichst viel Geld aus der Tasche ziehen

Bei einem Glaukom handelt es sich um Grünen Star - ein bis zwei Prozent der erwachsenen Bevölkerung über 40 Jahre leiden an einem Glaukom. Es ist also höchst unwahrscheinlich, dass ich ausgerechnet mit Mitte 20 daran erkrankt bin.

Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass ich die Untersuchung natürlich überhaupt nicht gebraucht hätte. Aber es fällt schwer "Nein" zu sagen, wenn es um die eigene Gesundheit geht.

Eigentlich will ich nur gesund sein

Auch von Freunden höre ich immer wieder Ähnliches. Eine Freundin verbrachte kürzlich Stunden bei einer Frauenärztin, weil sie jede nur erdenkliche Zusatzleistung in Anspruch genommen hatte. Sie zahlte ein kleines Vermögen.

Genau wie ich nach der Glaukom-Untersuchung ärgerte sie sich hinterher über ihre Naivität. Denn vermutlich hätte sie keine einzige dieser Untersuchungen tatsächlich gebraucht.

Ich verstehe einfach nicht, wieso Ärzte in dieser Hinsicht so rücksichtslos sind. Schließlich kosten diese Untersuchungen nicht nur Geld, sie sind auch oft nicht besonders angenehm.

Hinzu kommt, dass Ärzte ohnehin nicht gerade schlecht verdienen.

Mein Vertrauen in Ärzte sinkt gerade mit jedem Besuch mehr. Ich will keine unnützen Tropfen, keine unsicheren Tests oder teure Zusatzleistungen, nur damit Ärzte mehr Geld verdienen. Ich will gesund sein.

Und wenn ich das Gefühl habe, dass bei meinem Arzt andere Interessen im Vordergrund stehen, komme ich nicht mehr und suche mir stattdessen einen neuen Arzt. Nur, dass ich bei diesem dann noch misstrauischer bin.

Und dann wundern sie sich, dass ich grimmig schaue und verschreiben mir Energie-Tropfen. Die ich übrigens nicht kaufen werde - also lasst es einfach.

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(lk)

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