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Es ist gefährlich, diese beängstigende Art von Depression weiter zu ignorieren

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DEPRESSION
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Mit 16 Jahren ging ich das erste Mal zu einem Psychologen. Der Grund waren meine Panikattacken und Depressionen. In der Therapiestunde fragte mich die Psychologin auch nach meinen Schulfächern und meinen Noten.

Ich erzählte ihr, dass mein Notendurchschnitt sehr gut sei und ich sogar extra Kurse belegte. Sie runzelte die Stirn und fragte mich außerdem nach meinen AGs und ob ich mich ehrenamtlich engagieren würde.

Ich rasselte die schier endlose Liste an Gruppen, Vereinen und Organisationen herunter, in denen ich mich engagierte, und die Psychologin schien nur noch verwunderter.

"Teenager wir du machen mir Angst"

Sie setzte ihren Stift ab, sah mich an und sagte sinngemäß etwas wie: "Du scheinst ein echter Hochleistungsmensch zu sein, aber deine Depressionen und Panikattacken sind ebenfalls sehr ernst. Tatsächlich sind es Teenager wie du, die mir die größte Angst machen."

Jetzt war ich verwirrt. Was war an meinem Zustand denn so unheimlich? Von außen betrachtet "funktionierte" ich wie jeder andere, ganz normale Teenager. Ich war tatsächlich sowas wie eine echte Musterschülerin.

Ich suchte mir wegen meiner psychischen Probleme Hilfe und war zudem noch sehr erfolgreich in der Schule. Wo lag das Problem?

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Ich verließ die Therapiestunde mit einem Rezept für ein Medikament und dieser Frage, die mich noch jahrelang beschäftigen sollte. Die Antwort auf diese Frage kam mir nicht sofort und mit einem Mal.

Ich fand viele Antworten

Vielmehr war es so, dass ich die Antwort immer dann wusste, wenn ich in den Medien wieder einmal von einem Selbstmord hörte und der Bericht von dem Satz "Ihr Leben schien so perfekt zu sein" begleitet wurde.

Die Antwort kam mir immer dann, wenn ich vor lauter Druck mal wieder auf dem Zahnfleisch ging und grade einmal ein Minimum tun konnte, um meiner Definition von Erfolg gerecht zu werden.

Die Antwort kam mir, als ich begann, meine Geschichte und die meiner Krankheit mit anderen zu teilen und ich als Reaktion darauf oft ein "Ich hatte ja keine Ahnung!" oder "Das hätte ich echt nicht gedacht" hörte.

Menschen rutschen durch das Raster

Es ist leicht, Depressionen einfach in eine Schublade, die mit bestimmten Symptomen beschriftet ist, zu stecken. Und obwohl uns als Gesellschaft oft gesagt wird, dass psychische Erkrankungen oft in verschiedensten Formen auftreten, so haben wir doch ein bestimmtes Bild dieser Erkrankungen im Kopf, das auf viele Menschen gar nicht zutrifft.

Wenn wir von Depressionen und Panikattacken bei Heranwachsenden hören, dann haben wir automatisch das Bild von Teenagern im Kopf, die damit kämpfen, im täglichen Leben zurecht zu kommen. Wir sehen Engagement, das durch Isolation ersetzt wird. Aber Menschen rutschen durch das Raster.

Wir sehen nicht die Schülerin mit dem Einserdurchschnitt. Wir sehen nicht den Schüler, der im Chor singt, Theater spielt und im Schülerrat aktiv ist. Wir sehen nicht die Schülerin, die eine Jugendgruppe leitet.

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Ganz egal, wie oft wir es uns in Gedächtnis rufen, dass eine psychische Erkrankung alles andere als diskriminierend ist, so fallen wir doch immer in die enge Denkweise zurück, die uns vorgaukeln will, wie diese Krankheiten auszusehen haben, und das ist gefährlich.

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Wir müssen die Gefahr erkennen

Diese Gefahr zu erkennen, wird uns dabei helfen, die Antwort auf meine Frage zu finden. Immer wieder Menschen zu sehen, mich eingeschlossen, die durch das Raster des "Depressionsdetektors" rutschen, ließ mich erkennen, was das genau für eine Angst ist.

Meine Psychologin kannte die Liste der Symptome und sie wusste, dass sie nicht wirklich auf mich zutrafen. Sie wusste, dass das der Grund dafür war, dass ich mir erst mit 16 Jahren Hilfe suchte, obwohl ich bereits seit meinem 12. Lebensjahr mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte.

Vier Jahre sind eine lange Zeit, wenn man sich mit seinen psychischen Problemen ganz alleine auseinandersetzen muss. Und die Schulzeit ist eine gefährliche Zeit für diese Art von Problemen.

Wenn wir zulassen, dass wir uns von unserer Vorstellung davon, wie eine psychische Erkrankung auszusehen hat, vorschreiben lassen, wie eine solche Erkrankung erkannt und behandelt werden kann, dann werden wir auch weiterhin diejenigen übersehen, die nicht in dieses Muster passen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass es auch Menschen gibt, die nicht jedes Symptom der Liste zeigen und die dennoch unter schweren Depressionen leiden. Wenn wir das vergessen, dann werden ihre Leiden kein Ende haben und das ist ziemlich beängstigend.

Dieser Artikel erschein zuerst auf The Mighty und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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