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Mein liebes Kind, lies das, bevor du deinen Vater ins Altenheim bringst

Veröffentlicht: Aktualisiert:
VATER ALTENHEIM
iStock
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In meinem Leben hat sich alles anders entwickelt als geplant. Meine Frau Anjana und ich waren beide beruflich sehr erfolgreich und vielbeschäftigt. Unsere Kinder studierten im Ausland. Alles war schön und gut, bis meine Mutter letztes Jahr plötzlich verstarb.

Ich war am Boden zerstört. Sowohl meine als auch Anjanas Eltern wohnten in Häusern, die nur fünf Minuten von unserem Zuhause entfernt lagen. Wir hatten uns das alle gemeinsam so eingerichtet, damit wir beide unser Privatleben behalten konnten und trotzdem so nah wie möglich bei unseren Eltern waren.

Das funktionierte sehr gut und die Kinder konnten zu ihren Großeltern gehen, wann immer sie wollten. Außerdem konnten Anjana und ich dadurch die Gesundheit unserer Eltern im Auge behalten.

Ein geliebter Mensch geht von uns und hinterlässt Einsamkeit

Alle waren glücklich damit, bis meine Mutter letztes Jahr verstarb. Mein Vater wurde plötzlich sehr einsam. Durch die Einsamkeit wurde er depressiv und vergesslich. Er begann, irgendwo hinzugehen, ohne zu wissen, wie er dort hingekommen war.

Ständig vergaß er zu essen. Oft sah man ihn den ganzen Tag vor einem Teller voll Reis sitzen, als ob er sich daran zu erinnern versuchte, warum dieser Teller Reis eigentlich vor ihm stand.

Wer kümmert sich um meinen Vater?

Da Geld keine Rolle spielte, engagierte ich eine Haushaltshilfe, die sich um alles kümmerte. Doch wenn unsere Haushaltshilfe wegfuhr oder aus irgendeinem Grund früher ging, musste ich mir frei nehmen, um mich um meinen Vater zu kümmern.

Es funktionierte so nicht und meine Firma, die ich mir mit viel harter Arbeit aufgebaut hatte, begann darunter zu leiden. Ich liebte meinen Vater über alles, doch ich wusste nicht, was ich tun sollte.

Ich konnte meinen Vater nicht einmal fragen, was er sich vorstellte, weil ich mittlerweile keine sinnvolle Unterhaltung mehr mit ihm führen konnte. Ich zerbrach mir den Kopf und bedauerte die Situation sehr, doch letzten Endes kam ich zu dem Schluss, dass es keine andere Lösung gab, als meinen Vater in ein Altenheim zu stecken.

Selbst das exklusivste Altersheim kann die Familie nicht ersetzen

Ich suchte das exklusivste Altenheim aus, mit Videokameras und allem Drum und Dran, weil es immer wieder vorkommt, dass alte Leute Opfer von Missbrauch werden. Ich fand das beste Altenheim, das es gab, und fuhr betrübt mit meinem Vater zu der Einrichtung.

Mein Vater sagte kein einziges Wort und blickte nur ängstlich auf seine Schuhe hinab. Nachdem ich mit dem Leiter der Einrichtung gesprochen hatte, nahm ich meinen Vater zur Seite und sagte zu ihm:

"Dad, ist das in Ordnung für dich? Schau mal, es ist wirklich toll hier. Sie unternehmen ganz viele Dinge mit euch. Du wirst viel Spaß haben. Du hast Leute in deinem Alter um dich herum. Dad, bleibst du hier?"

Mein Vater wollte nicht im Altersheim bleiben

Mein Vater sah mich an und sein Blick war voller Angst. Mein Vater, mein Vorbild, hatte Angst vor irgendetwas, und ich wusste nicht genau, wovor. Er sagte kein Wort und nachdem ich eine Stunde lang versucht hatte, mit ihm zu sprechen, umarmte ich ihn und ging.

Ich umarmte ihn über eine Minute lang, weil mein Vater mich nicht loslassen wollte. Ich ließ zu, dass er sich an mich drückte. Ich drehte mich beim Gehen nicht mehr zu ihm um, weil ich wusste, dass es mir schwerfallen würde.

Intensiver Kontaktentzug als Eingewöhnungsphase

Ich fuhr nach Hause und der Schmerz überwältigte mich. "Was habe ich getan?", schoss es mir plötzlich durch den Kopf. Ich rief meinen Vater an und der Leiter der Einrichtung ging ans Telefon.

Er sagte mir, dass mein Vater sich erst einleben musste und dass er es schaffen würde. Wenn ich ihn zu oft anriefe, würde mein Vater sich nicht so schnell eingewöhnen, erklärte mir der Leiter.

Ich akzeptierte das, doch ich war völlig durch den Wind. Ich musste ständig daran denken, was meine Mutter und mein Vater alles für mich getan hatten. Plötzlich fiel mir wieder ein, dass meine Mutter mir einst einen Brief gegeben hatte, den ich öffnen sollte, falls ich irgendwann einmal mit dem Gedanken spielen sollte, meinen Vater in ein Altenheim zu stecken.

Ich eilte zu dem Schrank, in dem ich den Brief sicher aufbewahrt hatte, und öffnete ihn mit zitternden Händen.

Ein Brief, falls ich meinen Vater in ein Altenheim schicken sollte

"Mein lieber Sohn,

du hast meinen Brief geöffnet, was bedeutet, dass du deinen Vater in ein Altenheim gesteckt hast. Ich hatte gehofft, dass du dies hier niemals würdest lesen müssen. Ich hatte gehofft, dass du deinen Vater nie in ein Altenheim stecken würdest.

Doch es ist in Ordnung, mein Sohn. Ich weiß doch, wie es ist. Du hast deine Karriere und dein Vater und ich haben dir stets mit Bewunderung dabei zugesehen, wie du dir diese Karriere immer weiter aufgebaut hast.

Da sind deine Kinder, die einmal genauso groß werden wollen wie du und die dafür deine Unterstützung benötigen. Ich weiß, dass es schwierig wäre, wenn du dich neben all diesen Dingen auch noch um deinen hilflosen Vater kümmern müsstest.

Ich weiß auch, dass du wahrscheinlich die beste Pflegeeinrichtung der ganzen Stadt ausgesucht hast. Ich weiß, wie es sich für dich angefühlt haben muss, als du deinen Vater dort lassen musstest. Ich weiß, mein Sohn. Ich weiß.

Du siehst deinem Vater sehr ähnlich, das weißt du bestimmt auch. Was kann ich noch sagen? Du hast den gleichen Charakter wie dein Vater. Mir kommt es so vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass ich mit deinem Vater darüber diskutiert habe, ob wir dich in eine Kindertagesstätte schicken sollen oder nicht.

Du warst noch so klein, gerade mal 18 Monate alt. Dein Vater stritt mit mir, weil er fand, dass du noch zu klein warst, um in eine Kindertagesstätte zu gehen. Ich wollte nicht nachgeben. Mein nächster großer Karriereschritt stand bevor und es boten sich mir gerade viele einmalige Gelegenheiten.

Ich hatte mir während der Schwangerschaft und danach schon eine zweijährige Auszeit wegen dir genommen und deshalb wollte ich keine Kompromisse mehr eingehen. Auch die Karriere deines Vaters kam gerade richtig in Schwung und deshalb wollte auch er sie auf keinen Fall aufgeben.

So blieb uns nichts anderes übrig, als eine Kindertagesstätte für dich zu finden. Wir suchten nach der besten Einrichtung der Stadt, mit Videokameras und viel Platz zum Spielen und lauter anderen Kindern in deinem Alter. Wir dachten, du würdest dich freuen und einfach weiterspielen.

Wir dachten, du würdest einfach ein bisschen Zeit brauchen, um dich einzugewöhnen. Am ersten Tag brachte dein Vater dich hin. Der Leiter der Kindertagesstätte hatte deinen Vater gebeten, draußen im Auto zu warten. Er kam zurück, setzte sich ins Auto und weinte wie ein kleiner Junge, weil er sich vorstellte, wie du, sein kleiner Sohn, ganz allein warst und nach deinem Papa suchtest.

Nach einer halben Stunde wischte er sich die Tränen weg und ging nach drinnen. Es zerbrach ihm das Herz, als er sah, dass du noch immer weintest. Er nahm dich wieder mit nach Hause und ließ dich den ganzen Tag nicht mehr aus den Augen.

Am nächsten Tag musste ich viel Überzeugungsarbeit leisten, damit er dich wieder in die Kindertagesstätte brachte. Er sagte mir, dass er dich in die Kindertagesstätte bringen würde, doch dass er bei dir bleiben würde, bis du dich zurechtgefunden hättest.

Er blieb bei dir, doch sobald er weggehen wollte, musste er mit ansehen, wie du wieder zu weinen begannst. Wieder kam er nach Hause und wich nicht mehr von deiner Seite.

Am dritten Tag sah er sich die Aufzeichnungen der Videokamera an.

Er ließ dich allein in der Kindertagesstätte und sah sich anschließend die Videos an. Er sah deine kleine Gestalt in den neuen Klamotten, die wir extra für die Kindertagesstätte gekauft hatten. Er sah, wie du leise weintest und verzweifelt nach deinem Papa suchtest.

Der Schrecken darüber, dass dein Vater dich einfach allein gelassen hatte, stand dir ins Gesicht geschrieben. Du warst noch zu klein und hingst noch zu sehr an uns und dein Vater hielt es nicht mehr aus. Er nahm dich an diesem Tag wieder mit nach Hause und vom nächsten Tag an nahm er dich mit ins Büro.

Du hast ihn oft gestört und ihn nicht arbeiten lassen, doch er war nie gereizt, er war nie verärgert. Er kümmerte sich gerne um dich, während ich meine Karriere weiterverfolgte. Er musste seine Karriere vorübergehend auf Eis legen, doch es machte ihm überhaupt nichts aus.

Im Bezug auf dich war er sehr verletzlich. Er liebte dich mehr als sich selbst oder mich. Als du mit dreieinhalb Jahren reif genug warst, brachte er dich in den Kindergarten. Als du durch die Kindergartentüren gingst, sagtest du mit einem Lächeln im Gesicht "Tschüß" zu ihm.

Dein Vater war glücklich, dass er bei dir geblieben war, als du ihn brauchtest und dass du jetzt mit einem Lächeln in den Kindergarten gingst. Irgendwann begann ich mir zu wünschen, dass ich vor ihm sterben würde, weil er sehr einsam sein würde, wenn ich vor ihm ginge.

Ich weiß, dass ich es nicht ändern kann, aber dein Vater kommt mit Einsamkeit nicht wirklich gut zurecht. Er kann mit Einsamkeit nicht umgehen, genauso wie du. Du weißt, was zu tun ist, mein Sohn. Ich habe diesem Brief ein Bild von dir beigefügt, auf dem du an deinem ersten Tag in der Kindertagesstätte zu sehen bist.

In Liebe, deine Mom!"

Der Brief öffnete mir die Augen

Ich sah mir das Bild an. Ich nahm das Bild mit und fuhr sofort zum Altenheim. Ich rannte in sein Zimmer und da lag er im Dunkeln. Ich schaltete das Licht an und er setzte sich auf. Die Ähnlichkeit zu mir war unheimlich.

Zum ersten Mal wurde mir klar, wie ähnlich mein Vater und ich uns eigentlich waren. Auf dem Bild von meinem ersten Tag in der Kindertagesstätte sah er genauso aus wie ich gerade. Ich umarmte ihn so fest ich konnte und dieses Mal ließ ich ihn nicht mehr los.

Ich brachte ihn zurück nach Hause und nahm ihn einfach überall mit hin. Ich wollte ihn nicht in eine Pflegeeinrichtung stecken, bevor er nicht bereit dazu war. Er freute sich darüber, dass er bei mir sein konnte, und wir hatten eine tolle Zeit zusammen.

"Es kommt immer alles zu einem zurück"

Er hatte immer ein Lachen im Gesicht, wirklich immer. Er hatte sogar noch ein Lachen im Gesicht, als er vor einem Monat verstarb. Als wir Abschied von ihm nahmen, wurde mir bewusst, dass das Leben ein Kreislauf ist.

Es kommt immer alles zu einem zurück. In den ersten Jahren war ich sein Baby und in den letzten Jahren war er mein Baby. Er bereute es nie, mich bekommen zu haben, und ebenso bereute auch ich es nie, mich um ihn gekümmert zu haben.

Ich bin froh, dass meine Mutter mir diesen Brief geschrieben hat. Ich bin froh, dass sie mir einen Weg gezeigt hat, wie ich mich um ihn kümmern kann. Ich bin froh, dass er in den letzten Jahren noch glücklich war.

Eine Kurzgeschichte von Allam Bhavana

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Dieser Blog ist ursprünglich bei My City 4 Kids erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.


Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

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(glm)