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Meine 10 Gründe: Warum ich meine Kinder nicht in den Kindergarten schicke

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MOTHER CHILDREN
Leren Lu via Getty Images
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Bitte, vorab sei eines gesagt: Alleinerziehende die keine Wahl haben. Menschen, die Kinderbetreuung (ganz böse gesagt Fremdbetreuung) als nötig ansehen. Menschen, die keine andere Möglichkeit zur Sozialisation sehen. Menschen die Kinderbetreuung ganz wunderbar finden. Bitte lest hier nicht weiter, es richtet sich nicht an oder gegen euch.

Ich persönlich sehe die individuellen Bedürfnisse, Konstellationen, und Verschiedenheiten der Familien. Natürlich ist MEIN WEG nicht DER WEG. Es ist unser Weg und ich beschreibe meine Gründe. Ich möchte hier weder Selbstbetreuung propagieren noch hetzen gegen Fremdbetreuung.

Es darf aber auch mal genau hinschaut werden - und vielleicht ein Gedankenanstoß mitgenommen werden. Danke sehr.

Zitat von Ökofamilie.de (aus dem Beitrag: Selbstbetreuung oder Fremdbetreuung?):

Für mich war schon immer klar, dass meine Kinder bei mir bleiben und ich sie nicht in eine Einrichtung stecken möchte. Nicht weil ich es generell ablehne oder weil ich meinen Kindern etwas vorenthalten will. Ich habe Kinder bekommen, weil ich sie will und ich will sie auch bei mir haben. Ich will selbst sehen welche Fortschritte sie machen, das Erlebte und die Freude mit ihnen teilen! Ich will keinen Bericht von einer mir fremden Person, die mir dann erklärt, wie toll meine Kinder dieses und jenes gemeistert haben. Ich will es selbst miterleben und sehen. Ich will die Bezugsperson sein. Sie sollen wissen, dass ich immer da bin und sie jederzeit mit allem zu mir kommen können. Ich will nicht, dass sie sich hinter 5 anderen Kindern anstellen müssen, um etwas erzählen zu dürfen. Meine Kinder müssen ihren Platz in einer Gruppe nicht erst finden - sie haben bereits einen. Sie leben nicht in einer extra für Kinder geschaffenen Welt, sie dürfen den ganz normalen Alltag miterleben. Ich will meine Kinder auch nicht lediglich abends ins Bett bringen um sie morgens wieder wecken zu müssen.

Meine 10 Gründe: Warum ich meine Kinder nicht in den Kindergarten schicke(n werde):

1. Werte anderer Menschen?

Ich möchte nicht, dass die Werte Anderer an meine Kinder herangetragen werden. (Ja, Helikopter, sumsum. Irgendwann, ja irgendwann werden sie auch das erfahren.) Erziehungskonstrukte, Verständnis von richtig und falsch, Belohnung und Strafe und so weiter. Ich werde wohl ständig im Konflikt stehen, ständig telefonieren und mich ständig mit einer Erzieherin/Betreuerin auseinandersetzen müssen, weil das Kind nicht nach Plan läuft, oder nicht in der Gruppe "funktioniert."

2. Früh aufstehen?

Ich habe ehrlich gesagt große Bedenken: Ob meine Kinder (die Langschläfer sind) täglich um 06.30 - 7.00 Uhr aufstehen mögen und dann auch noch freudestrahlend sagen: JA, bitte unbedingt gerne JETZT in den Kindergarten. Das wäre zumindest freiwillig, alles andere wäre ein tägliches Überredungsmanöver (oder der Zwangsroutine geschuldet). Hab ich keine Lust zu, ehrlich! Gehe wir mal davon aus, dass es freiwillig wäre, jeden Tag. Dann kann ich die Arbeit gleich sein lassen. Kein Arbeitgeber akzeptiert ein: "Heute will mein Kind nicht in den Kindergarten, ich kann heute nicht kommen." (Für Selbstständige ein großes Hooray!)

3. Eingewöhnung?

Wozu benötigt man eine 'Eingewöhnung'. Dieses Thema füllt ganze Bücher, ich kann darauf nicht eingehen, dann sitze ich noch in 2 Wochen hier. Kurz gesagt: Nein, ich mag meine Kinder nicht abstumpfen oder wie man so sagt 'konditionieren' was Trennungsmomente angeht, sie dürfen irgendwann selbst sagen: "Nee, Mama, dich brauche ich jetzt nicht." Ohne festen Zeitraum wann das zu klappen hat.

4. Einrichtung die auf unsere Bedürfnisse (die des Kindes) passt?

Wir müssen uns nichts vormachen. Wenn ihr eine schöne Einrichtung gefunden habt, freue ich mich für euch! Ich habe aber keine Lust (hier auf dem Lande) erst 20 Einrichtungen durchzutesten (wie die Auswahl beschaffen ist, das könnt ihr euch denken) bis ich auf liebe Menschen stoße, die täglich keine Massenbetreuung zu stämmen haben. Wo auch schon mal das eine oder andere untergeht. Das Kind, die Bedürfnisse des Kindes, oder eben wenn Fritz über den Zaun geklettert ist, um mal die Gegend zu erkunden. Ich sage nicht, dass es bei mir nicht passieren könnte. Aber, dass das zwei Paar Schuhe sind, ist ja klar.

5. Und was ist mit den Hochsensiblen? Zurückstecken, angepasst werden?

Und wieder mal: Butter bei die Fische. Ich habe eine realistische Einschätzung. Hochsensibel und Fremdbetreuung. Entweder bei mir klingelt täglich das Telefon, oder das Kind passt sich an und resigniert. Eines davon wird eintreten. Oberflächlich gesehen mag es eben nach einiger Zeit der Tränen oft so ausschauen, als sei alles PRIMA gelaufen. Funktioniert doch, selbst mit schwierigen Personen. Und wie oft höre ich Mütter klagen: "Seitdem Fritz im Kindergarten ist, ist er wie ausgewechselt (aggressiv, unkooperativ, launisch, gemein)." Damit will ich nicht sagen, dass es nicht trotzdem so ist, im Alltag ohne Kindergarten. Mein Gedankenansatz ist: Ich mag den Kindergarten gar nicht erst zur Ursache machen. Klingt blöd, ist aber so.

6. Komplizierte Ernährungsweisen? Einmischen in mein Privatleben...

... ist vorprogrammiert. Es sei denn, ich lüge und sage: Lactoseintoleranz und so weiter. (Just for the record, wir leben vegan.) Ich will nicht lügen und auch nicht diskutieren. (Ein hoch auf Einrichtungen, wo das unkompliziert möglich ist. Ein guter Grund für Fremdbetreuung wäre aber auch das nicht für mich.)

7. Erziehung?

Erwähnte ich schon, dass ich meine Kinder nicht von anderen 'erziehen' lassen mag? Egal welches Konzept? Konzepte eben, ich mag nicht nach Konzepten leben.

8. Vergleiche, ständig dem Urteil anderer ausgesetzt.

Egal, wie nett dieses Urteil auch formuliert sein mag. Ich hörte mich schon Sätze sagen wie: "Ja, er wird dann zur Toilette gehen, wenn er das für wichtig empfindet." (Das Gleiche gilt für: Korrekt Sprechen. Zählen. Malen. Motorik.) Ich kann nichts dafür, dass für sie Stoffwindeln kompliziert und zeitaufwendig sind. (Ja, ich weiß das ist eine KITA/KRIPPEN-Thematik. Ich denke, ihr wisst worauf ich hinaus will.) Ganz zu schweigen davon, dass ich keine Lust habe, jeden Tag eine 1000-Teile-Tasche zu packen. Das muss ich sowieso IMMER, jeden Tag.

9. "Sicher, gebundene Kinder verkraften das"

- Dr. med. Karl Heinz Brisch im Buch 'Bindungsstörungen - Was verkraften sie eigentlich?' Spricht das nicht für sich? Bedürfnis(bindungs)orientierte Erziehung und Fremdbetreuung passen nicht zusammen.

10. Zitat Tagesspiegel.de:

Schon Kleinkinder können den Untersuchungen zufolge ganz gut zwischen Zuhause und Kita/Kiga unterscheiden. Sie fühlen sich nicht unbedingt wohler, wenn dort versucht wird, das Modell der trauten heimischen Zweisamkeit zwischen Mutter und Kind zu imitieren. "Ein Kind ändert seine Perspektive, wenn es in eine Gruppe kommt, und zwar viel früher, als wir bisher geglaubt haben. Es weiß zum Beispiel, dass es in der Krippe nicht die alleinige Zuwendung bekommen kann", sagt Ahnert. Gut, wenn es gelernt hat, dass das bei Mama und Papa anders ist.


Ja, das wäre noch ein Punkt 11. Auch ich kann nicht 24/7 alleinige Zuwendung geben. Das schließt sich bei zwei (und mehreren) Kleinkindern einfach aus. Wie kann das jemand, bei einem Betreuungsschlüssel von 1:5? Geschweige denn 1:10 und mehr. Ich überlasse diese Verantwortung einfach nicht gerne und lebe bewusst und glücklich mit der eigenen. Erspart mir viel drumherum Gerede.

Wer hat die Kinder eigentlich mal gefragt? Ich werde sie fragen - und bin auf die Antwort und darauf folgende Praxis gespannt.

Für einen wissenschaftlichen Roman hatte ich leider keine Zeit. Einfach nur mal 10 Gründe, die für mich sehr ausschlaggebend sind.

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Dieses Thema hört beim Kindergarten nicht auf. Dazu ein Schlusswort von Dagmar Neubronner:

"Immer mehr Kinder bilden ihre stärkste Bindung gar nicht mehr zu Erwachsenen aus, sondern zu Gleichaltrigen. Wir glauben dann, sie seien unabhängig, und freuen uns. In Wirklichkeit haben sie ihre Abhängigkeit nur auf die anderen Kinder verlagert und orientieren sich fortan an denen. Den Lehrern und Eltern fehlt damit die entscheidende Grundlage für jede Erziehung, nämlich die stabile, tiefe Bindung ihrer Kinder an sie. Deswegen ist das Unterrichten so mühsam geworden. Für die Kinder wiederum bedeutet die Gleichaltrigenorientierung höchsten Stress. Die normalen Verletzungen, die Kinder in ihrer Unreife sich schon immer zugefügt haben, treffen sie mit voller Wucht, denn die anderen Kinder sind nicht mehr einfach nur "Spielkameraden", sondern das Wichtigste in ihrem Leben, die Erwachsenen sind blasse Randfiguren geworden. Viele dieser Kinder haben zu keinem Erwachsenen mehr eine so tiefe Bindung, dass sie bei ihm schwach sein und sich ausweinen können. Um sich in dieser Situation zu schützen, panzern sie sich gegen ihre Gefühle - sie werden "cool". Mit den verletzlichen Gefühlen von Angst, Sorge etc., die sie verleugnen, verlieren sie aber auch den Zugang zu den anderen "weichen" Gefühlen wie Interesse, Begeisterung, Fürsorglichkeit etc."

Bis bald.

Der Beitrag erschien ursprünglich auf Urnaturen.wordpress.com.

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