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"Sorgen um die Zukunft der Kinder": So leicht haben es IS-Rekrutierer

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KINDERGARTEN
Getty
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Der Auftritt von Nora Illi bei Anne Will war für mich unfassbar. Es war schrecklich, was die Frau da von sich gegeben hat und es ist richtig, dass sich jetzt so viele darüber aufregen.

Das Problem ist: In der aufgeregten Debatte übersehen wir den wichtigsten Punkt.

Ich bin Erzieherin in einem türkischen Ghetto in Herne. Eine kleine, aber sehr verfahrene Parallelgesellschaft mitten in Deutschland. Es wird türkisch gesprochen, die Beschilderungen sind türkisch, von unseren 75 Kindern im Kindergarten sind 65 Muslime.

Seit über 30 Jahren mache ich den Job schon, habe viele Kinder aufwachsen sehen und ich mache mir Sorgen, was aus ihnen wird. Radikalisierung ist ein echtes Problem und es muss etwas passieren.

Nährboden für Extremisten

Einige Jugendliche, die hier im Ghetto wohnen, sind laut und aggressiv. Aus Unzufriedenheit. Sie haben keine Perspektive und wissen nicht, wo sie hingehören.

Alle sind zutiefst gläubig, aber es ist ein seltsamer Islam, den es so wahrscheinlich nur in den Ghettos hier gibt. Sie wollen jetzt nicht gleich ihren eigenen Islamischen Staat, aber haben hier ihre eigene Türkei gebaut.

Mehr zum Thema: Prügelnde Kinder, respektlose Väter, Deutsch spricht kaum einer: Der Hilfeschrei einer Erzieherin

Ich glaube nicht, dass hier ein großer Teil losrennt, um sich ISIS anzuschließen, aber wenn ein ISIS-Rekrutierer es drauf anlegt, wird er in Gegenden wie hier Erfolg haben.

Die Menschen hier sprechen kaum Deutsch, haben eine geringe Bildung und landen daher oft in der Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig gibt es bereits bei den kleinen Jungs einen großen Druck, zu zeigen, wie toll sie sind.

Sie wollen stark wirken, das neueste Handy haben, die teuersten Klamotten und am besten noch ein schickes Auto. Das Meiste auf Pump.

Die Mädchen haben weniger solchen Status-Druck. Ihr Problem ist, dass sie es sich nicht aussuchen können, wen sie heiraten.

All das ist Nährboden für Extremisten.

Denn wenn jetzt einer mit Versprechungen kommt, "wir helfen deiner Familie, wenn du dich uns anschließt", "du kommst hier raus und weg von deinen Problemen", "du musst den Typen nicht heiraten, wenn du bei uns bist", dann hören die Menschen zu.

So funktionieren Sekten, sie holen sich die Schwächsten.

Das ist bei weitem kein rein türkisches oder gar muslimisches Problem. Das ist das gleiche Vorgehen, wie man es von Scientology und seltsamen christlichen Freikirchen hört.

Mit Religion kann man heute so viel erreichen, besonders wenn die Leute das Gefühl haben, dass die Politik versagt. Dann suchen sie sich einen anderen Halt.

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Wenn dann ein ISIS-Rekrutierer seinen pervertierten Islam verkaufen will, dann trifft er hier auf viele Menschen, die sich abgehängt fühlen. Das wird dann ein netter Typ sein, der einen dann mal in "seine" Moschee mitnimmt und einem erklärt, wer alles Schuld ist, warum es einem so schlecht geht.

In einer offenen Gesellschaft wäre das nicht möglich, im Ghetto leider schon.

Wenn die Kinder in einem Kindergarten aus unterschiedlichen Religionen und Migrationshintergründen aufwachsen würden, dann hätten sie unter ihren Freunden plötzlich Christen, Juden, Muslime, Nicht-Gläubige, Italiener, Spanier, Deutsche...

Wenn wenn dann einer kommt und sagt, die sind alle schlecht, bomb die mal weg, dann wird die Antwort nicht "Ja" sein, sondern eher ein paar auf die Fresse.

Hier im Ghetto gibt es aber nur den Tunnelblick, da kann man nicht nach links und rechts gucken. Da gibt keine anderen Lebensweisen, die man kennenlernt und vergleichen kann.

Mehr zum Thema: Sozialpädagoge warnt: "Dieses Gelaber über Integration muss endlich aufhören!"

Hier hilft nur echtes gelebtes Muliti-Kulti, vermehrt Bildungsprojekte, Schüleraustausch, hier muss man richtig reinbuttern. Es gibt in Deutschland wirklich ein Problem mit islamistischer Radikalisierung und es ist gut, dass zum Beispiel in Talkshows darüber geredet wird.

Was da bei Anne Will passiert ist, ist schädlich, idiotisch und für mich immer noch unfassbar.

Ich kann es immer noch nicht glauben: Wenn man früher RAF-Sympathisant war, dann gab es Berufsverbot. Wer in der kommunistischen Partei war, durfte nicht unterrichten. Und jetzt darf so eine Frau im Fernsehen auftreten und Kinder für ISIS abwerben.

Sie ist eben nicht die kopftuchtragende Frau aus Herne. Nora Illi ist im Vorstand, die hat eine Signalfunktion. Das war reine Propaganda.

Das war keine muslimische Frau, die sagt: "nehmt mich, wie ich bin", Illi sagt: "kommt mal alle her, schließt euch an, dann gehts euch super."

Anne Will hätte eine muslimische Frau aus dem Ruhrgebiet einladen sollen.

Eine, die einfach nur nicht angespuckt werden möchte, wenn sie mal in Dortmund einkaufen geht. Die einfach nur als normaler Mensch gesehen werden will.

Bosbach hat da richtig reagiert, vielleicht sogar noch zu wenig. Bei uns im Ruhrgebiet würde man sagen, da stand ihm seine Bildung im Weg, sonst hätte der mal richtig ausgesprochen, was Sache ist.

In solche Talkshows gehören die Mütter von ISIS-Anhängern, die sagen können, wie schrecklich es für die Familien ist. Da sollten die Frauen und Mädchen aus Problemvierteln wie Herne sitzen, die sagen können, wie stark der Druck ist und wie wenig Ausweg man sieht.

Wir müssen die Debatte führen, aber dann auch bitte mit den Leuten, die nicht nur Propaganda machen wollen.

Klar, wir sind demokratisch und Pressefreiheit ist ein wichtiges Gut. Von daher sollen die doch einladen, wenn sie wollen. Wir sollten das dann aber auch nicht gucken.

Es hat schon Peter Lustig richtig gesagt:

"Heute kommt nichts mehr. Also abschalten, tschüss."

*Die Autorin dieses Beitrags lebt im Ruhrgebiet. Die Redaktion hat Ihren Namen auf ihren Wunsch hin geändert. Aufgezeichnet wurde das Protokoll von Tobias Böhnke

Die Wahrheit über deutsche Erzieherinnen

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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(vr)