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Eine Erzieherin warnt: "In Deutschland wird oft nur Kindern geholfen, die keine Hilfe brauchen"

11/05/2017 10:24 CEST | Aktualisiert 11/05/2017 14:42 CEST
RichLegg via Getty Images

Andauernd höre ich Sprüche wie: "Es wird so viel Geld für Bildung und für Integration ausgegeben, und nichts passiert." Dabei ist das Schwachsinn - zumindest teilweise.

Ja, es werden Millionen in Bildungseinrichtungen gesteckt. Doch das Geld kommt nur selten dort an, wo es dringend gebraucht wird.

Das Mittagessen wurde billiger

Ich bringe mal ein Beispiel: Es gibt das sogenannte "Bildungs- und Teilhaberpaket". Damit soll Familien mit einem geringen Einkommen geholfen werden, um beispielsweise das Mittagessen im Kindergarten zu bezahlen.

Der Preis für das Mittagessen wurde zwar um einen Euro gesenkt. Ein echter Fortschritt. Doch diesen Euro gab es nicht geschenkt. Immerhin wohnen wir in Deutschland, der Heimat der Bürokratie.

Es gab eine ganze Menge Anträge zu bearbeiten, denn natürlich muss so etwas erstmal genehmigt werden - in Zusammenarbeit mit den Eltern, dem Kindergarten und den Trägern.

Das meiste Geld landet in der Verwaltung

Doch bis das Amt diesen einen Euro pro Essen bewilligte, wurde bereits eine Menge Geld ausgegeben. Denn das meiste Geld für das "Bildungs- und Teilhaberpaket" landet nicht etwa bei den Brennpunkt-Kindergärten oder den Eltern - sondern in der Verwaltung.

Und dass, obwohl dieser eine Euro bei uns im Brennpunkt sehr viel wert ist. Der Großteil der Kindergartenplätze ist sowieso schon vom Staat bezahlt - einfach weil die Eltern kein Geld haben.

Man sieht das auch an dem, was die Eltern ihren Kindern zu Essen mitgeben. Am Anfang des Monats gibts es noch ein volles Frühstück und vielleicht sogar mal eine Milchschnitte, doch am Monatsende bleibt nur noch Geld für eine Scheibe Toast übrig.

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Der eine Euro für das Mittagessen hilft also wirklich. Allerdings liegt es an uns, den betroffenen Eltern, das komplizierte System zu erklären, das hinter der Idee steckt.

Denn was die Politik nicht versteht: In vielen Brennpunkten sprechen die Eltern oft kaum Deutsch. Wie sollen die diese ganzen Anträge ausfüllen?

Natürlich helfen wir ihnen dabei. Aber am Ende, sind wir Erzieher es, die den Eltern hinterher rennen und dafür sorgen müssen, dass die Anträge ausgefüllt werden.

Wir müssen jeden Tag kämpfen

So sind alle unzufrieden. Wir haben mehr Arbeit, die Eltern haben mehr Stress, die Verwaltung frisst eine Menge Kohle und am Ende ist die Hilfe nur gering.

Warum da nicht einfach das Essen komplett bezahlen? Das hilft jedem und es gibt keine Ausgrenzung unter den Kindern, wer Geld hat und wer nicht.

Ich habe auch schon als Erzieherin in reicheren Vierteln gearbeitet. Hier gibt es teilweise Küchenkräfte, die das Mittagessen für alle frisch zubereiten. In einem Waldorfkindergarten wurde jeden Tag der Haferschleim frisch zubereitet.

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Für die einen klingt das nach kleinen Unterschieden, für die Familien und Erzieher in einem Brennpunkt-Kindergarten ist das eine völlig andere Lebensrealität. Wir müssen um jeden Euro kämpfen, damit die Kinder überhaupt etwas zu essen haben.

In dem Kindergarten im reicheren Stadtteil waren die großen Fragestellungen, wohin der nächste Ausflug geht. Bei uns geht es darum, genug Geld für Bastelpapier, Windeln und Wechselkleidung zu haben.

Im reichen Viertel gab es Gespräche, ob man einen Englisch-Frühkurs einführen sollte. Die Kindern im Brennpunkt sprechen nicht mal Deutsch.

Das Geld ist nicht da, wo es wirklich gebraucht wird

Das alles hängt mit der Art und Weise zusammen, wie Kindergärten generell finanziert werden. Meist gibt es einmal im Jahr Geld vom Staat. Das muss dann für ein ganzes Jahr reichen. Für uns Erzieher heißt das: kreativ werden.

Wenn es dann mal doch eng wird - und das wird es eigentlich immer - hat fast jeder Kindergarten einen Förderverein. Da drin sitzen dann meist Förderer wie die Kirchen, private Unterstützer wie reichere Bürger der Stadt, und natürlich die Eltern.

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In einer Gegend, wo reichere Leute wohnen, hat natürlich auch der Förderverein ganz andere Möglichkeiten. Wenn aber schon zwei Drittel der Eltern Hartz 4 bekommen, dann kann man sich vorstellen, wie viel Geld in so einem Förderverein vorhanden ist. Dabei wird es hier viel mehr gebraucht.

In Deutschland bekommen dadurch meist nur die Kinder Unterstützung, die kaum welche brauchen.

In den Regionen, wo die Kriminalität niedrig ist, die Bildung und das Einkommen hoch, da ist Geld da. Aber hier, wo man richtig reinbuttern müsste, damit es die Kinder raus schaffen, reden wir weiter um den Euro fürs Mittagessen.

Ein Wunschtraum bleibt

Wenn von 25 Kindern 15 kein Deutsch sprechen, dann müsste man eigentlich zwei weitere Erzieher einstellen. Diese Erzieher bräuchten wiederum eine Zusatzausbildung, interkulturelle Kompetenzen, soziale Arbeit, Psychologie, Gesprächstrainings und so weiter und so fort.

Das kostet eine Menge Geld. Das ist natürlich ein Wunschtraum an einem Ort, wo der eine Euro fürs Mittagessen schon nicht da ist.

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Wenn man eine tolle Idee für eine Maßnahme hat, sagen wir mal ein Integrationsprojekt, für das man Geld braucht, kann man sich natürlich um Zusatz-Förderung bewerben. Da gibts Ausschreibungen, wo man seine Idee einreichen kann. Manchmal gewinnt man dann und dann kann man - zumindest kurzzeitig - was bewegen.

Aber das sind die Siege, die sich nicht gut anfühlen. Denn wenn wir das Geld bekommen, heißt das nur, dass ein Kindergarten, der es genauso nötig hat, leer ausgeht.

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