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"Ich glaub, es hackt!" - was eine Erzieherin aus einem Migrantenviertel allen Rechten sagen will

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KINDERGARTEN
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Ich könnte mich grad wieder so aufregen. Vor ein paar Tage sprach ich in der Huffington Post über meine Arbeit in einem Kindergarten in Herne.

Ein Kindergarten in einem Ghetto. Einem Ghetto mitten in Deutschland. Fast alle hier sind türkischer Abstammung, die Menschen reden nur türkisch, fast niemand schafft es hier raus.

Prügelnde Kinder, respektlose Väter, Deutsch spricht kaum einer: Der Hilfeschrei einer Erzieherin

Das Schlimmste für mich war und ist, dass es den Kindern, mit denen ich hier täglich zu tun hatte, genauso ergehen wird, wie ihren Eltern.

Schlechte Noten, schlechter Abschluss, kein Job, Kinder bekommen und das Ganze von vorn. Ich bin überzeugt davon, dass hier der Zug abgefahren ist, dass diese Region so schnell nicht gerettet werden kann.

Niemals hätte ich gedacht, was ich mit meinem Beitrag auslösen würde. Plötzlich tauchen überall "Experten" auf, die ihre Lösungen präsentieren.

Man müsste die Assimilieren

Wie oft hab ich gehört, "die", also die Familien, die hier leben, müssten sich in Deutschland assimilieren. Ja wie jetzt? Wie kann man so ein Wort benutzen? Ist das wirklich das, was wir wollen? Sollen alle jetzt so sein wie ich? Das wäre stinklangweilig.

Es würde übrigens das Problem keineswegs beheben, sondern ist genau genommen das, was hier passiert ist. Alle sind hier gleich, haben die gleichen Werte, reden die gleiche Sprache, haben die gleiche Zukunft. Das Ergebnis ist ein Ghetto.

Viele Kommentatoren setzten noch eins drauf. Wer sich nicht anpasst, soll abgeschoben werden. Wisst ihr was? Abschieben von Deutschen ist ne ganz schwierige Sache.

Das sind alles Deutsche. Die haben vielleicht aufgrund ihrer Abstammung zwei Pässe, aber ehrlich gesagt, bezweifle ich selbst das. Wahrscheinlich haben sie nur die deutsche Staatsbürgerschaft.

Die selbsternannten Experten denken gar nicht drüber nach, dass die Leute Deutsche sind. Die sehen nur: "Ah Ghetto. Das müssen Ausländer sein." Aber jetzt mal echt, die sind seit drei Generationen hier - vielleicht sogar schon seit vier - das sind Deutsche, keine Türken. Die sind leider in einem Ghetto aufgewachsen, in dem sich seit 50 Jahren in den Köpfen nix getan hat.

Die würden in der Türkei auch nicht klarkommen. Denn auch da ist es nicht mehr wie vor 5 Jahrzehnten. Im Ghetto ist es aber noch genauso. Da hat sich im Denken nichts verändert, während die Welt sich weitergedreht hat.

Die Leute hier würden doch ausgelacht, wenn die versuchen würden, ihre verkappten 50 Jahre alten Vorstellungen in Istanbul zu leben. Die reden sogar ein anderes veraltetes Türkisch, das hört in der Türkei jeder raus. Dort sind sie Deutsche.

Die Sache mit der Schweinewurst

Mein Positiv-Beispiel für Multi-Kulti, ist ein Kindergarten in Dortmund. Wo Kinder von verschiedenen Migrationshintergründen zusammen hingehen. Hier gibt nur vegetarisches Essen, damit alle alles Essen können und sich niemand ausgeschlossen fühlt.

Sofort donnert es aus den Kommentarspalten: "UND WAS IST MIT DEN FLEISCHESSERN??!?"

Ich glaub, es hackt! Der Kindergarten geht Maximal von 7-16 Uhr. Danach kann man soviel Wurst essen, wie man Bock hat. Wenn die Eltern ihren Kindern danach täglich einen Schweinebraten servieren, können die das. Das ist vielleicht nicht ganz gesund, aber erlaubt ist es schon.

Wenn das größte Problem ist, dass das eigene Kind 'nen halben Tag keine Wurst essen kann, sich aber den Rest des Tages ernähren kann, wie es will, dann weiß man nicht, was wirkliche Probleme sind.

Manchmal glaube ich, manchen Menschen geht's zu gut. Die müssen dann Probleme finden.

Da denk ich auch an die Leute, die meinen Beitrag ausnutzen wollen um gegen Angela Merkel, Hannelore Kraft, die GroKo, SPD und/oder Grüne zu stänkern.

Das Problem fing hier von 54 Jahren an. Da haben Merkel und Kraft noch nicht viel zu sagen gehabt. Und überhaupt, das Ding ist an die Wand gefahren. Wir brauchen nicht darüber streiten, wer es vor Jahrzehnten verbockt hat. Wir müssen sicherstellen, dass es nicht wieder passiert. Das nicht noch mehr Ghettos in Deutschland gegründet werden.

Ein Facebook-Poster wollte sogar aufgrund meines Beitrag die Mauer wieder aufbauen und Merkel dann auf der anderen Seite einsperren. Wem hilft so ein Gerede? Man kann versuchen, Probleme zu lösen oder einfach die Klappe halten. Es ist so einfach, anderen die Schuld zu geben, dadurch mag man für einen kurzen Moment ein besseres Gefühl haben, löst aber auf Dauer gar nichts.

Wie kann man denn die Welt verbessern, wenn man Mauern baut?

Es ist ja nicht so, als wäre das ein Problem, dass man weg sperren kann, weil es nur eine bestimmte Menschengruppe betrifft.

Denkt mal an Menschen, die aus armen Regionen in Deutschland stammen. Wo Familien seit Jahren von Stütze leben und jetzt eben von Hartz-4 . Da haben wir in Deutschland auch Millionen von. Und das auch schon sehr lange. Das sind auch alles Deutsche, nur ohne Migrationshintergrund.

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Da gilt genau das gleiche. Schlechte Noten oder Schule abgebrochen, Kind bekommen, Sozialhilfe und von vorn. Genau, wie das die Eltern gemacht haben, die Großeltern, und und und.

Das es das gibt, weiß jeder. Die will man ja auch nicht abschieben.

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Es hat mich gewundert, dass viele hier 'ne Meinung haben. Die meisten lesen sich so, als hätten sie alle ihre Infos von RTL - und noch nie das Haus verlassen.

Ihr seid auch eine kleine Parallelgesellschaft. Eure eigenen Regeln und Denkweisen, die "hoffentlich" nichts mit Deutschland zu tun haben.

Wir Christen sollten uns an die 10 Gebote halten, da kann man niemanden ausgrenzen. Jesus fordert von uns Nächstenliebe, da müssen wir uns auch dran halten.

Dass das schwer ist, weiß ich selber.

Doch wer es sich einfach macht und nicht die christlichen Werte lebt, der muss sich auch im Klaren sein, dass er nicht nah bei Gott ist. Und das ist schlimm.

Viele Leute haben geschrieben, dass überall gute Erzieherinnen gesucht werden, man müsse da nicht sein. Doch man muss. Und wer das nicht versteht, darf nicht von christlichen oder deutschen Werten reden.

*Die Autorin dieses Beitrags lebt im Ruhrgebiet. Die Redaktion hat Ihren Namen auf ihren Wunsch hin geändert. Aufgezeichnet wurde das Protokoll von Tobias Böhnke

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