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Warum der Islam doch etwas mit Terrorismus zu tun hat

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Ein offener Brief an moderate Muslime

Lasst uns mit dem beginnen, was ich nicht tun werde. Ich werde euch nicht beschuldigen, angesichts der furchtbaren Taten, die Anhänger Eurer Religion überall auf der Welt verüben, zu schweigen.

Die meisten von Euch haben Gruppierungen wie den Islamischen Staat (IS) laut und unmissverständlich verurteilt und sind über ihre Grenzen gegangen, um sich von ihnen zu distanzieren.

Ihr habt dabei geholfen, den IS zu isolieren und seine Glaubwürdigkeit signifikant zu beschädigen. Ich werde Euch auch nicht beschuldigen, die Aktivitäten und Sache der Fundamentalisten zu unterstützen, wie zum Beispiel den Dschihad oder die Zwangskonvertierungen.

Ich weiß, dass Ihr deren primitive Taktiken verurteilt, genauso wie wir auch. Vielleicht sogar noch mehr, denn die meisten Opfer des islamistischen Terrors sind moderate Muslime, genauso wie ihr.

Ich bin da ganz bei Euch.

Aber ich möchte mit Euch über Eure schwindende Glaubwürdigkeit sprechen. Eine Sorge, die auch viele von Euch bereits geäußert haben. Ihr fühlt Euch missverstanden. Jetzt mehr als jemals zuvor, wo doch islamistische Fundamentalisten das Bild der Muslime beschädigen und sich laut als „Stimme des Islam" bezeichnen.

Und schlimmer noch, alle scheinen es ihnen abzukaufen. Die Frustration ist deutlich sichtbar. Als Antwort auf die Nummer von Comedian Bill Maher, in der er die Liberalen dafür auseinander nahm, dass von ihnen keinerlei Islamkritik zu hören war, hat der Islamgelehrte Reza Aslan ihn in einem Interview mit CNN scharf angegriffen.

Deutlich aufgebracht verwendete er Wörter wie „dumm" und „bigott", um seinen Standpunkt deutlich zu machen. Später entschuldigte er sich jedoch. Wir kommen auf die weiteren Argumente von Aslan gleich noch zurück.

Aber lasst uns über etwas sprechen, das in dem Interview auch geäußert wurde, weil ich weiß, dass es viele von Euch nachvollziehen können: Moderate Muslime werden nur allzu oft mit Fundamentalisten in einen Topf geworfen.

Nicht selten ist da etwas Wahres dran - aber es ist unglaublich unfair gegenüber moderaten Muslimen wie Euch. Aber die Schuld lässt sich hier nicht einfach auf die „Ignoranz" oder „Bigotterie" der Nicht-Muslime schieben. Oder auf die voreingenommenen Medien.

Nicht-Muslime und die Medien sind nicht weniger monolithisch als die muslimische Welt, aus der Du und ich kommen. Das Problem ist das Folgende: Moderate Muslime wie Ihr spielen auch eine signifikante Rolle in dieser ewig währenden Geschichte - selbst, wenn das gar nicht Eure Absicht ist.

Um zu verstehen, wie das möglich ist, ist es wichtig, einmal die Perspektive zu wechseln.

Sagt mir, ob Euch das hier bekannt vorkommt:

(1) Ein moderater Muslim sagt, dass der IS Unrecht hat, es sind keine „echten" Muslime, der Islam ist eine Religion des Friedens.

(2) Ein Fragender fragt: Was ist mit den Suren im Islam wie der Sure 4, Vers 89, in der es heißt, Ungläubige „zu packen und zu töten"? Oder der Sure 8, Vers 12-13, die den folgenden Wortlaut hat: „damals, als Dein Herr den Engeln eingab: Ich bin mit euch. Festigt diejenigen, die gläubig sind! Ich werde denjenigen, die ungläubig sind, Schrecken einjagen. Haut ihnen mit dem Schwert auf den Nacken und schlagt zu auf jeden Finger (banaan) von ihnen!

Das wird ihre Strafe dafür sein, dass sie gegen Allah und seinen Gesandten Opposition getrieben haben. Wenn jemand gegen Allah und seinen Gesandten Opposition treibt, muss er dafür büßen. Allah verhängt schwere Strafen."

Oder auch der Sure 5, Vers 33, in der es heißt, dass diejenigen, die „Korruption verbreiten" (eine sehr vage Phrase, von der weithin angenommen wird, dass diese auch Blasphemie und Apostasie miteinschließt) „getötet oder gekreuzigt" werden sollten? Oder Sure 47, Vers 4, die das Köpfen von Ungläubigen vorschreibt, wie es auch im Dschihad geschieht?

(3) Der Moslem antwortet und verteidigt die Suren als Worte Allahs. Er besteht darauf, dass aus dem Zusammenhang zitiert wurden, man falsch interpretiert wurde oder sie als eine Art Metapher zu verstehen sind oder auch, dass sie falsch übersetzt wurden.

(4) Obwohl viele verschiedene Übersetzungen gezeigt wurden oder angemerkt wird, dass einige dieser Passagen (wie auch andere Passagen in anderen Heiligen Büchern) in jedem Kontext bedenklich sind, verteidigt der Moslem die Schrift weiter vehement.

Manchmal führt diese Art des Austausches dazu, dass der Fragende als „islamophob" abgestempelt oder als „bigott" bezeichnet wird. Genauso wie es Aslan mit Maher und seinem Interviewpartner bei CNN getan hat. Es ist eine ernstzunehmende Anklage, die jede Konversation sofort beenden kann. Niemand will als bigott bezeichnet werden.

Aber versetzt Euch mal in die Lage Eurer nicht-muslimischen Zuhörer. Sind es wirklich sie, die den Islam mit Terrorismus in Verbindung bringen? Wir sind umgeben von Bildern und Videos, in denen Dschihadisten „Allah Akbar" rufen und den Koran zitieren, bevor sie jemanden köpfen (in der Regel ein Nicht-Muslim), etwas in die Luft sprengen oder andere zum Kampf aufrufen.

Wer zieht hier wirklich die Verbindung?

Was würdet Ihr tun, wenn die Situation andersrum wäre? Was sollen Nicht-Muslime denken, wenn selbst moderate Muslime wie Ihr genau die Worte und das Buch verteidigen, das diese Fundamentalisten genauso mühelos zitieren, um eine Rechtfertigung für Ihre Morde zu präsentieren - perfekt und unfehlbar?

Wie andere moderate Muslime beklagt auch Reza Aslan stetig jene, die den Koran „wörtlich" lesen. Interessanterweise stimmen wir hier zu: Der Gedanke, den Koran wörtlich zu lesen - oder genauso, wie Allah in schrieb - beunruhigt mich ebenso, wie er Reza Aslan beunruhigt.

Es ist eine starke Aussage und Reza steht damit nicht alleine da. Viele von uns bestehen auf alternative Auslegungen, eine metaphorische Leseweise. Alles, nur nicht das Heilige Buch so lesen, wie es tatsächlich geschrieben wurde. Welche Botschaft wird hier wohl übermittelt?

Für Außenstehende wird impliziert, dass in Gottes vollkommenen Worten, wie Ihr es nennt, etwas fehlt. Es ist beinahe so, als würdet Ihr den Zuhörern sagen, Eure Auslegung dieser Worte über die Heiligen Worte selbst zu stellen. Das spricht nicht grade für eine göttliche Autorschaft. Zusammen mit der Behauptung, dass dieses Buch weitestgehend missverstanden wird, rückt es den Autor in ein Licht der Inkompetenz und lässt ihn unartikuliert dastehen.

Ich weiß dass das nicht die Botschaft ist, die Ihr vermitteln wollt. Ich war dort, wo Ihr seid. Aber es ist wichtig zu verstehen, weshalb es genau so bei vielen Nicht-Muslimen ankommt. Ganz gleich welche Art von Literatur „metaphorisch" gelesen werden soll, es muss zumindest die ursprüngliche Idee vertreten werden.

Metaphern sollen illustrieren und Ideen verdeutlichen.

Sie sollen die Ideen nicht verdrehen und in Nebel hüllen. Wenn literarische Worte von offener Gewalt sprechen, aber eigentlich Frieden und Einheit bedeuten, dann sind wir nicht mehr in der Metapher-Zone. Wir stürzen uns ohne Umschweife in die Fehlinterpretation.

Wenn sich das nur auf eine oder zwei Suren bezieht, dann würde ich Euer Argument in Betracht ziehen. Wenn Eure Interpretation von allen Muslimen weltweit akzeptiert würde, dann würde ich Euer Argument in Betracht ziehen. Aber leider ist keines von beidem der Fall.

Hier werdet Ihr vielleicht den Kopf schütteln. Ich weiß, dass Eure Erklärungen für Eure Glaubensbrüder und -schwestern sehr überzeugend sind. Davon ist auszugehen. Möchte man weder seinen Glauben noch sein Gewissen abtun, dann greift man nach jedem Strohhalm.

Aber glaubt mir, außerhalb der Echohalle ist das alles sehr verwirrend. Ich habe mit Liberalen aus der westlichen Welt bereits hitzige Diskussionen geführt. Sie gaben zu, diese Argumente nicht sehr überzeugend zu finden, jedoch halten sie ihre Meinung zurück, um nicht als islamophob abgestempelt zu werden oder auch, weil sie moderate Muslime innerhalb der Gemeinschaft unterstützen, die das Ziel, den Dschihad und den Fundamentalismus zu bekämpfen, teilen.

Viele Eurer liberalen Verbündeten sind ehrlich, aber Ihr wärt überrascht, wenn Ihr wüsstet, was sie tatsächlich denken, dieses aber aus Gründen der politischen Korrektheit oder auch aus Angst für sich behalten.

Der einzige Unterschied zwischen diesen Menschen und Bill Maher ist, dass Bill Maher offen ausspricht, was er denkt. Leider ist es so, dass grade dieses Verhalten Eurer Glaubwürdigkeit schadet. Das ist es, was rationale, moderate Muslime als inkonsequente Fähnlein im Winde dastehen lässt.

Trotz Eurer rühmlichen Absichten ermutigt Ihr auf diese Weise auch bigotte Anti-Muslime - wenn auch nicht wissentlich - indem Ihr die Unterschiede zwischen Euch und den Fundamentalisten effektiv auf ein Minimum reduziert. Ihr verurteilt all die schrecklichen Taten, die im Namen Eurer Religion begangen werden, aber wenn genau diese Dinge in Suren zur Sprache kommen, dann verteidigt ihr dieses vehement.

Dieses wird als ein Leugnen und als Unaufrichtigkeit verstanden. Beides macht eine ehrliche Konversation unmöglich. Wir stehen hier vor einem offensichtlichen Dilemma. Die Überzeugung, dass der Koran das Wort Gottes ist, das nicht infrage gestellt werden darf, ist ein Grundsatz des islamischen Glaubens.

Muslime weltweit, fundamentalistisch oder fortschrittlich, halten sich daran. Viele von Euch sind der Meinung, dass es einem Abschwören des Glaubens gleichkommt, diesen Grundsatz zu lockern. Ich verstehe das.

Aber muss das so sein?

Ich bin einer muslimischen Familie aufgewachsen, habe in mehreren meist muslimischen Gemeinden gelebt. Ich höre diese Diskussionen über eine Reform des Islam schon mein ganzes Leben lang. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der erste Schritt aller grundlegenden Reformen ein Überdenken des Konzepts der schriftlichen Irrtumslosigkeit ist.

Und damit bin ich nicht alleine. Maajid Nawaz, ein überzeugter Moslem, spricht offen darüber, Probleme im Koran anzusprechen. In einem kürzlich erschienenen, mutigem Artikel hier in der Huffington Post rief Imra Nazeer Muslime dazu auf, den Koran nicht mehr als unfehlbar anzusehen.

Hat sie Recht? Auf den ersten Blick ist das ein schockierender Gedanke. Aber es ist möglich. Und es wäre nicht das erste Mal.

Ich bin in Riad, Saudi-Arabien aufgewachsen. In einer Zeit vor dem Internet. In der Schule hatten wir einen Lehrer, der uns lehrte, den Koran in klassischem Arabisch zu lesen und zu rezitiere. Der Sprache, in der der Koran geschrieben wurde.

Meine Familie gehört zur Mehrheit der 1,6 Milliarden Muslime weltweit, die kein Arabisch sprechen, und die sich besonders auf Länder wie Indonesien, Indien, Pakistan, die Türkei und Iran verteilen. Millionen von uns aber können den Koran auf Arabisch lesen, auch wenn wir es nicht verstehen.

In den meisten muslimischen Haushalten wird der Koran auf dem höchstmöglichen Platz platziert. Bei uns war es auf der obersten Borte eines Bücherregals. Er kann nicht berührt werden, es sei denn, es wird zunächst eine Reinigungszeremonie durchgeführt. Er darf nicht von Frauen gelesen oder rezitiert werden, die grade ihre Menstruation haben.

Während der sunnitischen Taraweh-Gebete im heiligen Monat Ramadan wird der Koran komplett gelesen. In vielen muslimischen Gemeinden wird er als Segen über die Köpfe eines Brautpaares gehalten, wenn sie heiraten. Ein Kind, das zum ersten Mal den Koran durchliest ist ein Grund zum Feiern.

Ihm oder ihr zu Ehren wird ein Fest gegeben, bei dem auch Geschenke überreicht werden. Aber in einer Zeit vor dem Internet traf ich kaum jemanden, die Tiefreligiösen eingeschlossen, die den Koran tatsächlich in ihrer eigenen Sprache gelesen hatten.

Wir hielten uns nur an das, was uns von den Alten erzählt wurde. Wir konnten nichts googeln oder Dinge sofort überprüfen, wie wir es jetzt tun.

Es gab viele Dinge im Koran, von denen wir nicht wussten, dass sie so dort standen. Genau wie Aslan dachten auch wir fälschlicherweise, dass harte Strafen in Saudi-Arabien wie Köpfen oder das Amputieren von Gliedmaßen etwas Kulturelles und nichts Religiöses seien.

Später lernten wir, dass der Koran tatsächlich das Köpfen als Strafe vorsieht, und in Sure 5, Vers 38 ist deutlich zu lesen, dass Dieben, ganz gleich ob Mann oder Frau, die Hand amputiert werden solle.

Es gibt aber auch eine ganze Reihe anderer Dinge, von denen angenommen wird, dass sie im Koran zu finden sind. Dem ist jedoch nicht so. Ein berühmtes Beispiel ist der Hijab oder die Burka. Weder das eine noch das andere wird im Koran erwähnt. Auch ist an keiner Stelle von der Steinigung als Strafe zu lesen. Dieses wird im Hadith (der Sunna, der Überlieferungen der Handlungen und Aussprüche des Propheten) und sogar im Alten Testament erwähnt, aber nicht im Koran.

Weder männliche noch weibliche Beschneidung finden im Koran Erwähnung. Wieder jedoch kann beides im Hadith nachgelesen werden. Als Aslan das Thema weibliche Beschneidung diskutierte, vermied er es zu erwähnen, dass von den vier sunnitischen Rechtsschulen die Schafi'i Schule die weibliche Beschneidung vorschreibt und die anderen drei Schulen es empfehlen.

Aus diesem Grund beträgt die Häufigkeit von weiblicher Beschneidung in Indonesien, dem Land mit der größten muslimischen Bevölkerung weltweit und dem Land, die meisten davon Schafi'i, und das Land, in dem laut Aslan Frauen den Männern zu 100% gleichgestellt sind, mindestens 86%. Mehr als 90% der Familien unterstützen diese Praxis.

In dem Land mit der größten arabischen muslimischen Bevölkerung, Ägypten, beträgt die Rate der weiblichen Beschneidungen über 90%. Also ja, sowohl männliche als auch weibliche Beschneidung ist älter als der Islam, aber es ist falsch zu sagen, dass keine Verbindung zu der Religion besteht.

Auf diese Art von Information hatte ich zu meiner Jugend nie zuverlässigen Zugriff. Aber mit dem Internet kam die Enthüllung.

Plötzlich konnte jedes 12-jähige Kind nach verschiedenen Übersetzungen des Korans nach Themen suchen, in einer Vielzahl von Sprachen. Nichts war versteckt. Es war alles da, für jeden offen einsehbar. Als Lee Rigbys Mörder die Sure At-Taubah zitierte, um seine Tat zu rechtfertigen, konnten wir im Internet genau nachlesen, wovon er sprach.

Wenn der IS seine Taten mit Vers 33 der Sure Al-Mai'da rechtfertigt, oder auch mit Vers 4 der Sure Mohammed, dann können wir selbst die Verbindungen ziehen, indem wir die Sure online nachschlagen.

Dass dieses ein ernstes Problem ist, muss nicht extra betont werden. Es ist ein Problem, mit dem wir uns befassen müssen. Wenn die Menschen sehen, dass moderate Muslime den Islam als friedlich bezeichnen, aber gleichzeitig diese Verse verteidigen und behaupten, dass sie
falsch verstanden werden, dann erscheint das inkonsequent. Wenn sie diese Passsagen lesen und sehen, dass Fundamentalisten genau das tun, was in diesen Versen geschrieben steht,
dann erscheint das als konsequent.

Das ist beängstigend. Ihr solltet versuchen, das zu verstehen. Es hilft nicht, laut „Rassist!" zu schreien und damit die Stimmen der Kritiker zu übertönen, wie es Ben Affleck kürzlich mit Maher und Sam Harris versuchte.

Wenn ihr denkt es sei rassistisch, den Islam zu kritisieren, dann sagt ihr im gleichen Atemzug,
dass der gesamte Islam eine einzige Rasse sei. Es gibt ein Wort dafür. Ja, es ist wahr und es ist unfair, eine Religion aufgrund der Taten seiner Anhänger zu verurteilen, egal, ob es fortschrittliche Muslime oder Al-Kaida-Kämpfer sind.

Aber es ist angemessen und intellektuell ehrlich, eine Religion aufgrund ihrer Inhalte und ihrer Schriften zu beurteilen. Schriften, die jetzt für jeden online verfügbar sind.

Heute muss man sich etwas mehr anstrengen, wenn man legitime Fragen beantworten will, die die Menschen bezüglich Eures Glaubens und Eurer Heiligen Schrift stellen. Alles, was falsch oder verstörend ist, einfach als „Metapher" oder „Fehlinterpretation" abzutun, weist den Fragesteller als bigott ab.

Wie soll man dann antworten?

Zunächst einmal könnte es helfen, nicht nur den Koran, sondern auch die anderen abrahamitischen Schriften zu lesen. Wenn Ihr das tut, dann seht Ihr, dass im Alten Testament Gewalt eine ebenso große Rolle spielt. Gotteslästerer oder Unzuchtsünder zu steinigen und Homosexuelle zu töten, es ist alles da.

Liest man alleine die ersten 20 Verse des Deuteronomiums könnte man meinen, man liest ein Handbuch des IS. Ihr fragt Euch vielleicht, wie so etwas möglich ist. Das Buch der Juden unterscheidet sich gar nicht so sehr von meinem eigenen Heiligen Buch. Warum ist dann die Mehrheit von ihnen säkular?

Warum nehmen so viele von ihnen die Worte des Alten Testaments, der Thora, gar nicht so ernst? Gilt es doch als das tatsächliche Wort, das Moses von Gott empfangen hat, ähnlich wie Mohammed den Koran? Und doch erhalten sie sich eine starke jüdische Identität?

Geht das auch mit Muslimen und dem Islam?

Aus dem Obigen ergibt sich ein geprüft und erprobtes Ja. Doch dazu muss man zunächst zwischen islamischer und muslimischer Identität differenzieren. Man muss als Gemeinschaft zusammenkommen, nicht als Ideologie.

Es ist unmöglich, einen gemeinsamen ideologischen Konsens zu finden. Die sektiererische Gewalt, die nach wie vor die muslimische Welt geißelt und mehr Muslime getötet hat, als jede
fremde Armee, beweist das deutlich. Aber auf der Grundlage eines Gemeinschaftssinns zusammenzukommen ist es, was die Gesellschaft voranbringt.

Schaut auf andere abrahamitische Religionen, die sich reformiert haben. Ihr wisst genau, dass auch das Judentum und das Christentum eine dunkle, von Gewalt gezeichnete Vergangenheit haben.

Ihr erwähnt das bei jeder euch bietender Gelegenheit heutzutage. Und Ihr habt Recht. Aber wie haben sie diese Vergangenheit überwunden?

Nun, genauso wie der Papst Verhütung, Abtreibung und vorehelichen Geschlechtsverkehr ablehnt, befürworten die meisten Katholiken es heute, über eine Abtreibung selbst zu entscheiden, sie nutzen Verhütungsmittel und scheren sich nicht um das Verbot des vorehelichen Geschlechtsverkehrs. Die meisten Juden sind säkular, viele bezeichnen sich sogar als Atheisten oder Agnostiker. Zwar geraten die Häretiker dieser Gemeinden hin und wieder unter Beschuss, aber sie werden für ihren Widerspruch nicht getötet.

Hier besteht ein starker Kontrast zur muslimischen Welt, in der laut einer Umfrage aus dem Jahr 2013 die Mehrheit der Menschen in Ländern mit großer muslimischer Mehrheit wie z.B. Ägypten oder Pakistan glauben, dass diejenigen, die dem Glauben abschwören, sterben müssen.

Sie sind besessen von der Frage, wer denn jetzt ein „wahrer" Moslem ist und wer nicht. Sie verteidigen ihren Glauben gegenüber Cartoonisten und Filmemachern schneller, als dass sie Gräueltaten, die im Namen ihrer Religion begangen werden, verurteilen.

Eine Anmerkung: Zu ihrer Verteidigung muss gesagt werden, dass die universelle, unnachgiebige Opposition von Muslimen gegen den IS eine willkommene Entwicklung ist.

Das Wort „moderat" hat an Glaubwürdigkeit eingebüßt

Fareed Zakaria hat die moderaten Muslime im Nahen Osten unlängst als „Phantasie" bezeichnet. Selbst Apologeten wie Nathan Lean weisen darauf hin, dass die Verwendung dieses Wortes keinem hilft.

Der Islam braucht in der Tat Reformer, keine moderaten Muslime. Und Wörter wie „Reform" passen einfach nicht so gut zu Wörtern wie „Unfehlbarkeit". Der Zweck der Reformen ist es, Dinge zu verändern, das System zu reparieren und ihm eine neue Richtung zu geben. Und um etwas zu reparieren, muss man sich eingestehen, dass es kaputt ist, und nicht einfach nur kaputt scheint.

Oder dass es fälschlicherweise von den falschen Personen als kaputt bezeichnet wird. Es ist kaputt. Das ist der erste Schritt hin zu Reformen.

Wenn dieses sich zu radikal anhört, dann denkt an den Propheten Mohammed selbst zurück. Er wurde als radikaler Dissident, der die Quraisch bekämpfte, aus Mekka vertrieben. Denkt daran, weshalb Jesus Christus gekreuzigt wurde.

Diese Männer haben nicht kapituliert oder sich zurückgezogen, als es darum ging, die heiligsten Fundamente der damaligen Zeit in Frage zu stellen.

Diese Männer waren ganz sicher nicht „moderat". Sie waren radikal. Rebellen. Reformer. So wird der Wandel vorangetrieben. Alle Revolutionen waren einmal Rebellionen. Der Islam selbst ist so entstanden. Offen problematische Ideen aufzugreifen ist nicht bigott. Es ist keine Blasphemie. Wenn überhaupt, dann ist es Sunna.

Geht raus und holt es Euch zurück.

Dieser Artikel erschien zunächst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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