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7 Dinge, über die man nachdenken sollte, bevor man sich im Nahost-Konflikt auf eine Seite schlägt

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Bist du „pro-Israel" oder „pro-Palästina"? Ich habe diesen Text eben erst geschrieben, und bin schon sowohl des einen als auch des anderen beschuldigt worden.

Diese Formulierungen machen mich neugierig, weil sie direkt die tribale Natur des israelisch-palästinensischen Konflikts ansprechen. Es gibt nicht viele andere Länder, von denen man sonst so pauschal spricht. Warum also von diesen beiden?

Sowohl die Israelis als auch die Palästinenser sind vielschichtige Gruppen, mit unterschiedlichen historischen Hintergründen und Kulturen, und zwei unglaublich ähnlichen Religionen (wenn sie darauf aus sind, trennend zu wirken). Sich eindeutig auf eine Seite zu stellen, erscheint mir irrational.

Man hört, dass die meisten Muslime in aller Welt die Palästinenser unterstützen, und die meisten Juden Israel. Das ist ganz normal - aber es ist auch problematisch.

Es bedeutet, dass es weniger darum geht, wer recht hat und wer nicht, sondern darum, welcher Gruppe oder Nation man loyal ist.

Es bedeutet, dass diejenigen, die jetzt die Palästinenser unterstützen, ebenso glühend Israel unterstützen würden, wenn sie in einer israelischen oder jüdischen Familie geboren wären - und umgekehrt.

Es bedeutet, dass die Prinzipien, nach denen die meisten Menschen den Konflikt bewerten, weitgehend vom Geburtsort abhängen, also vom Zufall. Wie auch immer wir also das Drama im Nahen Osten intellektuell beleuchten und analysieren - es bleibt letztlich immer ein tribaler Konflikt.

Per Definition bilden und entwickeln sich tribale Konflikte dann, wenn Menschen Partei ergreifen. Wer sich in solchen Konflikten auf eine Seite stellt, befeuert sie weiter und verschärft die Polarisierung - und hat dann selbst Blut an den Händen kleben.

Bevor Sie also Position für eine Seite im jüngsten israelisch-palästinensischen Konflikt beziehen, sollten Sie über diese 7 Fragen nachdenken:

1. Warum ist alles so viel schlimmer, wenn Juden involviert sind?

Mehr als 1000 Menschen sind zum Dienstag in Gaza gestorben. Muslime überall auf der Welt sind alarmiert. Aber sind sie es wirklich wegen der Zahl der Toten?

Baschar al-Assad hat in zwei Jahren mehr als 180.000 Menschen in Syrien töten lassen, die meisten unter ihnen Muslime - das sind mehr, als in Palästina in 20 Jahren getötet wurden. Tausende Muslime im Irak und in Syrien wurden von ISIS in den vergangenen zwei Monaten getötet. Zehntausende wurden von den Taliban getötet. Eine halbe Million schwarzer Muslime wurde von arabischen Muslimen im Sudan getötet. Die Liste lässt sich fortsetzen.

Aber Gaza bringt Muslime überall auf der Welt, Sunniten wie Schiiten, dazu, sich zu äußern wie niemals sonst. Aktuelle Todeszahlen und schreckliche Bilder entstellter Kinderleichen aus Gaza fluten täglich die Timelines unserer sozialen Medien.

Wenn es nur um die Zahlen ginge, wären dann die anderen Konflikte nicht wichtiger? Worum also geht es dann?

Wenn ich also Assad oder ein ISIS-Kämpfer wäre, würde ich Gott danken, kein Jude zu sein.
Erstaunlicherweise stammen viele der im Internet kursierenden Fotos toter Kinder, die durch israelisches Bombardement gestorben sein sollen, aus Syrien, heißt es in einem Report der BBC. Viele der Bilder, die Sie sehen, sind Bilder von Kindern, die Assad hat töten lassen. Assad wird vom Iran unterstützt und der Iran wiederum unterstützt die Hisbollah und die Hamas.

Wie könnte man tote Kinder noch mehr missbrauchen als dadurch, dass man Bilder dieser - von den eigenen Unterstützern - unschuldig Getöteten verbreitet und behauptet, es sei der Feind gewesen? Nur, weil man nicht aufgepasst hat, als die eigenen Leute die eigenen Kinder ermordeten?

Das entschuldigt in keiner Weise die Rücksichtslosigkeit, Fahrlässigkeit und manchmal offene Grausamkeit der israelischen Armee.

Aber es zeigt klar, wie wahrscheinlich es ist, dass die Ablehnung der muslimischen Welt gegenüber Israel nicht nur an der Zahl der Toten hängen kann.

Diese Frage richtet sich an jene, die im Nahen Osten und anderen muslimisch geprägten Ländern aufgewachsen sind so wie ich: Wenn Israel sich morgen aus allen besetzen Gebieten zurückzöge und die Grenzen von 1967 akzeptierte und den Palästinensern Ostjerusalem gäbe - glauben Sie ernsthaft, dass die Hamas nicht etwas anderes finden würde, um einen Kampf anzuzetteln?

Glauben Sie ernsthaft, dass all das absolut nichts damit zu tun hat, dass sie Juden sind?

Erinnern Sie sich, was sie im staatlichen Fernsehen gesehen und gehört haben, als Sie in Palästina, Saudi Arabien oder Ägypten aufgewachsen sind?

Ja, es gibt eine unfaire und illegale Okkupation dort, und ja, es ist ein menschenrechtliches Desaster.

Aber es stimmt auch, dass viel von dem Hass mit Antisemitismus zu tun hat. Jeder, der in der arabischen oder muslimischen Welt mehr als ein paar Jahre gelebt hat, weiß das.

Die Dinge sind nicht immer so eindeutig und lassen sich so sauber trennen, wie einen manche Leute glauben machen wollen. Beide Aspekte spielen eine Rolle.

2. Warum beharrt jeder darauf, dass das kein religiöser Konflikt ist?

Es gibt drei weit verbreitete Mythen über die „Wurzeln" des Nahost-Konflikts.
  • Mythos 1: Das Judentum hat nichts mit Zionismus zu tun.
  • Mythos 2: Islam hat nichts mit Dschihadismus oder Anti-Semitismus zu tun.
  • Mythos 3: Dieser Konflikt hat nichts mit Religion zu tun.
An jene, die sagen „Ich lehne Zionismus ab, aber nicht das Judentum!": Ist es wirklich reiner Zufall, dass die unten stehende, in kursiv gedruckte Passage aus dem Alten Testament so genau beschreibt, was heute passiert?

„Ich setze deine Landesgrenzen fest vom Roten Meer bis zum Mittelmeer, von der Wüste bis zum Fluss Euphrat. Ich gebe die Menschen, die dort leben, in deine Hand, und du wirst sie vor dir vertreiben. Schließe weder mit ihnen noch mit ihren Göttern einen Bund. Exodus 23:31-32


Oder diese?

„Seht, ich übergebe euch das Land. Geht hinein und nehmt das Land in Besitz, von dem ich euren Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe, dass ich es ihnen und ihren Nachkommen geben werde." Deuteronomium 1:8


Es gibt noch mehr: Genesis 15:18-21, und Satz 34 für detailliertere Angaben zu den Grenzen. Zionismus ist nicht die „Politisierung" oder "Verzerrung" des Judentums. Es ist sein Wiederaufleben.

An jene, die sagen „Es geht nicht um den Islam, es geht um Politik!": Ist diese kursiv gekennzeichnete Passage aus dem Koran vielleicht bedeutungslos?

O ihr, die ihr glaubt, nehmt euch nicht die Juden und die Christen zu Freunden. Sie sind untereinander Freunde. Wer von euch sie zu Freunden nimmt, gehört zu ihnen. Gott leitet ungerechte Leute gewiss nicht recht. Koran, 5:51


Was ist mit den vielen Versen und Hadithen, die im Manifest der Hamas zitiert werden? Und mit der berühmten Hadithe vom Gharqad-Baum, in der Muslime explizit aufgefordert werden, Juden zu töten?

Bitte erklären Sie mir angesichts dieser Passagen, die Jahrhunderte und Jahrtausende vor der Gründung Israels oder der Okkupation geschrieben wurden: Wie kann man glauben, dass Religion nicht am Anfang dieses Konfliktes steht, oder zumindest ein wesentlicher Faktor ist?

Vielleicht verdrehen Sie angesichts dieser Verse die Augen, aber sie werden von vielen Akteuren in diesem Konflikt ernst genommen, auf beiden Seiten.

Sollten sie nicht zur Kenntnis genommen und angesprochen werden? Wie lange ist es her, dass Sie eine gute, rationale, säkulare Argumentation für die Ausweitung von Siedlungen im Westjordanland gehört haben?

Die Rolle der Religion zu leugnen scheint ein Weg zu sein, die Politik zu kritisieren und gleichzeitig entschuldigend „Respekt" vor dem Glauben der Menschen zu bekunden, aus Angst, sie zu verletzen.

Aber sind diese Entschuldigungen, ist dieser „Respekt" für unmenschliche Konzepte den Tod Hunderter wert?

Die Menschen glauben an alles Mögliche - angefangen von der Behauptung, die Erde sei eine Scheibe, bis hin zur Leugnung des Holocaust.

Sie können deren Recht auf diese Einstellung respektieren, aber Sie müssen die Einstellungen an sich nicht respektieren.

Wir schreiben das Jahr 2014, und Religionen müssen nicht mehr „respektiert" werden als jede andere politische Ideologie oder jedes philosophische Konstrukt.

Menschen haben Rechte. Ideen nicht.

Die oft zitierte Dichotomie zwischen Politik und Religion in den abrahamitischen Religionen ist falsch und irreführend. Alle abrahamitischen Religionen sind an sich politisch.

3. Warum sollte Israel absichtlich Zivilisten töten wollen?

Das ist der Punkt, über den sich die meisten Menschen aufregen. Und das zu Recht.

Um das nochmal zu wiederholen: Es gibt keine Rechtfertigung dafür, unschuldige Menschen im Gazastreifen zu töten. Und es gibt keine Entschuldigung dafür, Vorfälle zu verleugnen, in denen beispielsweise Kinder am Strand von Gaza den Kämpfen zum Opfer fallen. Aber denken Sie mal einen Moment nach:

Warum würde Israel wirklich und absichtlich wollen, das Zivilisten sterben?

Immer dann, wenn Zivilisten sterben, sieht Israel aus wie ein Monster. Und nicht nur das: sogar ihre engsten Verbündeten macht das wütend. Die Medien zeigen grausame Bilder von Toten und Verletzten. Anti-Israel Proteste von Norwegen bis New York formieren sich. Und die vergleichsweise geringe Anzahl an israelischen Opfern (dazu komme ich in Kürze) wirft immer wieder die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Antwort auf. Viel wichtiger: Zivile Todesopfer helfen der Hamas unglaublich.

Wie kann das überhaupt im Interesse Israels sein?

Wenn Israel wirklich Zivilisten töten wollte, ist es darin ziemlich schlecht. ISIS hat in zwei Tagen mehr Zivilisten getötet (ganze 700 mehr) als Israel in zwei Wochen. Man mag sich nicht vorstellen was passieren würde, wenn ISIS oder die Hamas über dieselben Waffen, dieselbe Armee und denselben militärischen Support verfügen würde wie Israel. Warum sollte es Bodentruppen entsenden, wenn es genau weiß, dass es dadurch das Leben seiner Soldaten aufs Spiel setzt?

4. Missbraucht die Hamas ihre Zivilisten wirklich als menschliche Schutzschilde?

Fragen Sie mal Palästinenser-Präsident Abbas wie er über die Taktik der Hamas denkt.
"Was wollen Sie erreichen, wenn Sie Raketen entsenden?", fragt er. "Ich will dafür nicht mit palästinensischem Blut bezahlen."

Es ist nicht mehr nur reine Spekulation, dass die Hamas ihre Zivilisten als Zielscheibe benutzt.
Hamas-Sprecher Sami Abu Zuhri hat im nationalen Fernsehen offen zugegeben, dass sich die Taktik des menschlichen Schutzschildes als "sehr effektiv"erwiesen hat.

Erst letzte Woche wurden in zwei Grundschulen in Gaza versteckte Sprengkörper gefunden. Die Hilfsorganisation der UN, die UNRWA, hat diese Vorfälle scharf verurteilt.

Die Hamas hat Tausende Raketen auf Israel abgefeuert, ohne dabei Zivilisten zu töten oder etwas ernsthaft zu zerstören. Diese Raketen werden aus stark bevölkerten Gebieten abgefeuert. Aus Gebieten mit Schulen und Krankenhäusern.

Warum sollten sie Raketen auf Israel abfeuern, wenn dabei kein Schaden entsteht? Und wenn sie im Umkehrschluss um das Leben ihrer eigenen Zivilisten fürchten müssen, wenn Israel sich für die Anschläge rächt? Wenn sogar das israelische Militär die Zivilisten dazu auffordert, ihre Wohnungen vor einem Bombenangriff zu verlassen, warum ruft die Hamas die Menschen trotzdem dazu auf, dort zu bleiben wo sie sind?

Weil die Hamas weiß, dass es ihrem Zweck dient, wenn Zivilisten aus Gaza sterben. Wenn es eine Sache gibt, die ihnen am meisten hilft - eine Sache, die ihnen Legitimation verschafft - dann sind das tote Zivilisten. Bomben in Schulen. Die Hamas benutzt den Tod ihrer Kinder, um Sympathie in der Welt zu erhaschen. Sie benutzt sie als Waffe.

Man muss die Taten von Israel nicht gutheißen, um die Hamas zu verabscheuen. Moralisch schenken sich Israel und die Fatah nichts. Beide haben viele Argumente auf ihrer Seite. Die Hamas jedoch hat nichts von alledem.

5. Warum fordern die Leute von Israel, die „Besetzung" in Gaza zu beenden?

Weil sie ein kurzes Gedächtnis haben.

2005 hat Israel die Besetzung des Gazastreifens beendet. Es hat auch den letzten israelischen Soldaten abgezogen. Es hat auch die letzte Siedlung abgerissen. Viele israelische Siedler, die sich geweigert haben zu gehen, wurden gewaltsam weggebracht, obwohl sie sich wehrten und schrien.

Es war eine unilaterale Aktion Israels, Teil eines Abkoppelungsplanes, der die Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern verringern sollte. Die Aktion war nicht perfekt - Israel kontrollierte noch immer die Grenzübergänge, die Küste, den Luftraum - aber wenn man an die Geschichte der Region denkt, war es ein ziemlich signifikanter erster Schritt.

Nach dem Rückzug hat Israel den Grenzverkehr ermöglicht, um den Handel zu erleichtern. Die Palästinenser bekamen 3000 Gewächshäuser, in denen schon seit vielen Jahren Obst und Blumen für den Export angebaut wurden.

Aber die Hamas hat sich entschieden, nicht in Schulen, in den Handel oder in die Infrastruktur zu investieren. Sondern hat stattdessen ein riesiges Tunnel-System gebaut , um Tausende Raketen und Waffen, darunter auch neuere, modernere aus dem Iran und Syrien zu lagern. Alle Gewächshäuser wurden zerstört.

Die Hamas hat keine Schutzräume für ihre Leute gebaut. Stattdessen hat sie eine für ihre Anführer gebaut, damit diese sich darin während der Luftangriffe verstecken konnten. Zivilisten haben keinen Zugang, aus dem exakt gleichen Grund, aus dem die Hamas ihnen sagt, sie sollten zu Hause ausharren, wenn die Bomben kommen.

Gaza hat 2005 eine große Chance bekommen, die die Hamas vergeudet hat, indem sie Gaza in ein anti-israelisches Waffenlager verwandelt hat statt einen florierenden palästinensischen Staat, der mit der Zeit ein Vorbild auch für das Westjordanland hätte werden können. Wenn die Fatah noch einen Grund gebraucht hätte, um die Hamas zu verabscheuen - hier wäre er.

6. Wieso gibt es so viel mehr Opfer in Gaza als in Israel?

Der Grund, warum weniger israelische Zivilisten sterben ist nicht, dass weniger Raketen auf sie niedergehen. Sondern dass sie von ihrer Regierung besser geschützt werden.
Wenn die Raketen der Hamas Richtung Israel fliegen, heulen Sirenen los, nimmt der Iron Dome seine Arbeit auf und Zivilisten rennen in Schutzräume. Wenn israelische Raketen Richtung Gaza fliegen, sagt die Hamas den Zivilisten, sie sollen zu Hause bleiben und durchhalten.

Während die israelische Regierung ihre Zivilisten drängt, von den auf sie gerichteten Raketen zu fliehen, drängt die Regierung im Gazastreifen sie dazu, sich vor die Raketen zu stellen, die nicht auf sie gerichtet sind.

Die populäre Erklärung dafür ist, dass die Hamas arm ist und keine Ressourcen hat, um ihre Leute zu schützten, wie Israel es tut. Aber der wahre Grund scheint vielmehr mit falschen Prioritäten als mit fehlenden Ressourcen zu tun haben (siehe Frage 5). Es geht ums Wollen, nicht ums Können.

All diese Raketen, Geschosse und Tunnel sind nicht billig zu bauen oder zu bekommen. Aber sie haben Priorität. Und es ist nicht so, dass die Palästinenser nicht ein paar Nachbarn mit reichen Ölvorkommen hätten, die ihnen helfen könnten wie die USA Israel.

Das Problem ist, dass die Hamas im Fall sinkender Opferzahlen in Gaza ihre einzige Waffe im unglaublich effektiven Propagandakrieg verliert. Es ist in Israels nationalem Interesse, Zivilisten im Gazastreifen zu schützen und die Zahl der Toten dort möglichst niedrig zu halten. Es ist im Interesse der Hamas, an beiden Fronten genau das Gegenteil zu erreichen.

7. Wenn die Hamas so schlecht ist, warum sind dann nicht alle pro-Israel?


Es wirkt so, als gäbe es in Israel genau die gleichen Stammes-Mentalitäten wie auf der Palästinensischen Gegenseite. Sie feiern die Bombardierung von Gaza genau wie diejenigen Araber, die am 11. September 2011 jubelten. Laut einem kürzlich veröffentlichten UN-Report haben israelische Streitkräfte palästinensische Kinder gefoltert und als menschliche Schutzschilde benutzt. Sie verprügeln Jugendliche aus Palästina.

Die meisten der israelischen Luftangriffe sind rücksichtslos. Sie haben Wissenschaftler, die ihnen erklären, dass Vergewaltigung eine effektive Waffe gegen Feinde sei. Und viele der Israelis feiern den Tod von unschuldigen palästinensischen Kindern. Öffentlich und herzlos.

Um fair zu sein: Diese schlimmen Dinge passieren auf beiden Seiten. Das sind die unvermeidlichen Konsequenzen, wenn Generationen seit über 65 Jahren in beidseitigem Hass erzogen werden. Und wer argumentiert, Israel sei mit höheren Standards zu beurteilen, der diskriminiert gleichzeitig Palästina.

Dennoch: Wenn Israel sich selbst an höheren Kriterien bemisst - so wie Israel das über sich selbst sagt - dann muss das Land noch einiges tun, um zu beweisen, dass es nicht der schlechteste Nachbar dieser Welt ist. Israel steuert geradewegs in eine größer werdende internationale Isolation rein, vor allem aus zwei Gründen: 1: Der Besatzungspolitik. 2: Der Siedlungsbau.

Der Siedlungsbau ist unbegreiflich. Niemand versteht ihn wirklich. Praktisch jede US-Regierung der letzten Jahrzehnte - von Nixon über Bush bis zu Obama - hat den Siedlungsbau unmissverständlich verurteilt. Es gibt dafür einfach keine Rechtfertigung, abgesehen von einer biblischen (siehe Punkt 2). Das macht es noch schwieriger, Israel in dieser Frage zu verstehen.
Die Besetzung ist etwas komplizierter. Autor Christopher Hitchens hat es ziemlich gut auf den Punkt gebracht:

„Damit Israel Teil der Allianz gegen wie auch immer man es nennen will - religiöse Grausamkeit? Theokratie? Aggression? - wird, muss es die Besatzungspolitik ein für alle mal sein lassen. So einfach ist es.

In vielerlei Hinsicht kann man Israel als westliches Land sehen, man kann es europäisch nennen. Aber Israel darf nicht gegen den Willen der Menschen regieren. Israel muss aufhören, Tag ein Tag aus, Land zu stehlen. Es ist unverantwortlich von den Israelis, die genau die Haltung ihrer Verbündeten kennen, so gewissenslos zu handeln. Und ich fürchte ich weiß zu viel über die Geschichte des Konflikts, um zu glauben, dass Israel eine kleine Insel inmitten von gefräßigen Wölfen ist. Ich weiß, wie der Staat gegründet wurde. Und ich weiß, wie viel Gewalt und Enteignung es dabei gab. Ich bin ein Gefangener dieses Wissens. Ich kann es nicht mehr nicht-wissen."

Wie man 2005 in Gaza gesehen hat, ist einseitige Zurückhaltung wahrscheinlich einfacher als ein beidseitiger Kompromiss. Aber wenn Israel härter an einer Zwei-Staaten-Lösung (oder einer Drei-Staaten-Lösung, dank der Hamas) arbeitet, desto eher muss sich Israel am Ende entscheiden, ob es ein Staat mit jüdischer Mehrheit oder eine Demokratie sein will.

Es ist noch zu früh, Israel als Apartheid-Staat zu bezeichnen. Aber den Vergleich von US-Außenminister John Kerry, dass Israel einmal so enden könnte, ist nicht völlig abwegig.

Mal ehrlich: Das Land gehört beiden. Israel wurde in den späten 1940ern mit Hilfe von Großbritannien aus Palästina rausgeschnitten, genauso wie mein Geburtsort in Pakistan von Indien. Der Prozess war schmerzvoll und hat Millionen Menschen auf beiden Seiten aus deren Heimat vertrieben.

Aber das ist jetzt schon 70 Jahre her. Es gibt zwischenzeitlich zwei oder drei Generationen von Israelis, die in dem Land geboren und aufgewachsen sind - die das Land wirklich als ihre Heimat bezeichnen können. Sie wurden auch darauf getrimmt, „die anderen" abzulehnen. Im Kern des Konflikts geht es um religiöse Stammeszugehörigkeit. Und dieser Konflikt kann erst dann gelöst werden, wenn Leute aufhören, eine Seite zu wählen.

Deswegen muss man nicht stoisch die Seite wählen, sich nicht zwischen „Pro-Israel" oder „Pro-Palästina" entscheiden. Wer für Säkularisierung, für Demokratie, für eine Zwei-Staaten-Lösung und gegen den Siedlungsbau, gegen die Besatzungspolitik, gegen die Hass ist - der wählt beide Seiten.

Wenn man Sie nach alldem das nächste Mal trotzdem wieder dazu auffordert, eine Position einzunehmen, sagen Sie demjenigen doch einfach, Sie sind für Hummus.