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Das größte Opfer von Putins Machtstreben wird Deutschland sein

14/03/2017 19:12 CET | Aktualisiert 15/03/2017 17:32 CET
Maxim Shemetov / Reuters

Wenn heute darüber diskutiert wird, wie man sich gegenüber Russlands Präsident Wladimir Putin richtig verhält, werden meist ganz pragmatisch Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen.

Etwa so: Wir kommen ihm bei diesem und jenem entgegen, dafür fordern wir, dass er hier und dort einen Schritt in unsere Richtung macht.

Die Idee: So sollen die Interessen beider Seiten gewahrt werden. Und wir könnten in Ruhe und Frieden weiterleben wie bisher.

Das ist eine Utopie

Kurz: Alles würde genau so bleiben, wie es vor dem Ukrainekrieg war, vor der Annexion der Krim, vor Putins Bombardement der Schulen und Krankenhäuser in Aleppo.

Ich halte eine solche Herangehensweise für eine Utopie.

Versuche, gegenüber all dem die Augen zu verschließen und mit Putin weiterzuleben wie bisher, sind von vorne herein zum Scheitern verurteilt. Es dennoch zu versuchen, wäre genauso sinnvoll wie der Versuch, einen abgetrennten Kopf wieder an den Körper anzunähen und zu hoffen, dass der Leichnam wieder zu neuem Leben erwacht.

Churchill hat sich an Werte gehalten statt an Pragmatismus

Lassen Sie uns nachdenken und in die Geschichte blicken: Warum hat sich Winston Churchill geweigert, mit Hitler Frieden zu schließen, nach dem sogenannten "Wunder von Dünkirchen" im Juni 1940? Damals nutzten die eingeschlossenen Alliierten-Soldaten eine Angriffspause der Deutschen, um Stellungen zu errichten, die einige Tage hielten und ihnen so eine riesige Evakuierungs-Aktion ermöglichten.

Hätte sich Churchill damals an die Maximen der heute so beliebten pragmatischen Strategie gehalten, hätte er erwogen, Frieden zu schließen. Aber Churchill lehnte solche Gedankenspiele ab. Er entschied sich für den Weg "des Schweißes, des Blutes und der Tränen", wie er das nannte. Warum?

Weil es Dinge gibt, die wichtiger sind als ein kurzfristiger Vorteil oder Profit. Solche Dinge bezeichnet man gemeinhin als Werte.

Keine Verhandlungen mit Dieben und Mördern

Wenn man diese hat, dann erlauben sie es einem nicht, Verhandlungen mit Dieben und Mördern zu führen. Werte verbieten es einem, eines wirtschaftlichen Gewinns wegen mit Menschen zusammenzuarbeiten, die im eigenen Land die Opposition vernichten, die Verfassung mit den Füßen treten und die demokratischen Wahlen in eine Farce verwandeln.

Wenn die Politiker im Westen das vergessen, was wir die westlichen Werte nennen, und statt dessen im Geiste der "Realpolitik" handeln, wird das möglicherweise dazu führen, dass sie kurzfristig daraus irgendwelche Vorteile ziehen können. Genauso wie einst Chamberlain mit dem Münchner Abkommen. Strategisch dagegen, also auf längere Perspektive gedacht, verlieren sie.

Deutschland wird das größte Opfer von Putins Expansionsstreben sein

Heute finden wir die wichtigsten Apologeten eines "pragmatischen" Umgangs mit Putin in Deutschland. Und ich wage in diesem Zusammenhang die folgende Prognose: Die Bundesrepublik wird das größte Opfer von Putins "weicher" Expansion sein.

Ich rede von einer Expansion durch Einfluss auf die Medien, durch das Kaufen von Einfluss (in der russischen Sprache gibt es dafür inzwischen das Fremdwort "Schröderisazia") und die Unterstützung von marginalen und/oder demokratiefeindlichen Parteien.

Unser Vorteil gegenüber der Konkurrenz ist die Freiheit

Wenn der Westen seine Werte vergisst, dann wird er aufhören, das zu sein, was er heute ist. Denn wir müssen uns klar machen: Unser Vorteil im Konkurrenzkampf in der globalisierten Welt besteht in der Idee der Freiheit. Auch wenn das sehr pathetisch klingen mag.

Aber in allen anderen Bereichen und nach allen anderen Maßstäben hat der Westen schon lange nicht mehr die Führungsposition inne. Weder was die Effektivität der Verwaltung angeht, noch in Sachen Produktivität.

Einzig und allein die Freiheit ist der wichtigste aller Werte. Und sie, diese Freiheit ist es auch, die dem Westen den Lebensstandard sichert, den die Mehrheit der Menschheit zwar anstrebt, aber noch nicht erreicht hat.

Im Matthäus-Evangelium steht geschrieben (5-13): "Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten."

Wo ist noch der Unterschied zwischen dem Westen und Putin?

Wenn die deutschen Politiker die Werte vergessen, die unsere westlichen Gesellschaften ausmachen, und wenn sie nur noch an kurzfristige Deals denken, worin besteht dann noch der Unterschied zwischen ihnen und Putin? Und wozu brauchen die Menschen in Deutschland solche Politiker?

Deutschland hat erlebt, wohin eine Abkehr von den Werten führen kann. Gerade die deutschen Politiker müssen deshalb die Lehren der Geschichte besonders gewissenhaft und konsequent berücksichtigen.

Deshalb mein Appell an die Verantwortlichen: Knicken Sie nicht ein vor Putin, machen Sie sich nicht kleiner als Sie sind, nennen Sie die Dinge beim Namen. Das ist die einzige Sprache, die Putin versteht.

Dieser Text wurde von Boris Reitschuster aus dem Russischen übersetzt.

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(jg)

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