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Rennrollstuhl-Sportler Alfred Hufnagl: "Ein Lkw-Fahrer zerstörte meinen Traum - Hunderte gaben ihn mir zurück"

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Mit neun Jahren konnte ich plötzlich nicht mehr laufen. Ein Schlag auf den Rücken und eine Krankheit brachten mich in den Rollstuhl.

Im Pausenhof dem Fußball hinterherrennen, war Geschichte. Aber ich blieb aktiv. Ich stand nun eben mit dem Rollstuhl im Fußballtor.

Es war der Beginn einer sportlichen Karriere - obwohl ich nicht mehr laufen kann. Vom Teamsport wechselte ich als Erwachsener zum Rennsport. Als Rennrollstuhl-Fahrer bin ich später sogar für Deutschland bei den Olympischen Spielen in Sydney angetreten.

Mit 40 Jahren wollte ich genau das wieder schaffen - mit Leidenschaft und hartem Training. Mit meinem Ziel Rio 2016 wollte ich junge Menschen für den Behinderten-Sport begeistern, ältere ebenso.

Doch ein Schicksalsschlag drohte mir meine Leidenschaft zu nehmen: Bis vor wenigen Tagen sah es so aus, als müsste ich meine Karriere im Hochleistungssport beenden. Nicht weil ich wollte, sondern weil ich unverschuldet Opfer eines Unfalls wurde. Mal wieder.

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Alfred Hufnagl will wieder mit einem Rennrollstuhl Wettkämpfe meistern. Credit: Sp4ort.de

Ein Lastwagen touchierte meinen Rennrollstuhl

Ich fuhr während des Trainings für Rio meine Strecken auf abgelegenen Landstraßen nahe der Stadt Passau. Es war warm, hell - und dann touchierte ein Lastwagen meinen Rennrollstuhl.

Ich kam von der Landstraße ab, raste ins Gebüsch und blieb stecken. Mein Arm war verletzt, mein Gefährt verzogen - und der Lkw-Fahrer blieb nicht einmal stehen.

Trotzdem hatte ich Glück, das weiß ich. Erst vor wenigen Wochen ist eine Triathletin aus dem nahen Altötting beim Radfahren von einem Lastwagen gerammt worden - und gestorben.

Ich hingegen überlebte. Nachdem mein Rennrollstuhl repariert war, zeigte sich aber schon bald: Der Schaden an meinem Gefährt ist zu groß. Die Lenkung hatte zu viel Spiel.

Ich musste bei Rollstuhlrennen, die ganze Zeit dagegen lenken und er rollte auch nicht mehr richtig gut, dadurch benötigte ich viel mehr Kraft, um die Geschwindigkeit zu halten. So kann ich keinen Wettkampf mehr gewinnen.

(Unter dem Video geht es weiter)

Dieser Mann hat einen Traum - und ihr könnt ihn wahr werden lassen


Ein neuer Rennrollstuhl ist wie Laufschuhe für Menschen, die nicht laufen können

Aber: Ein neuer Rennrollstuhl kostet über 8000 Euro. Denn er ist perfekt auf den Fahrer angepasst und auf den Hochleistungssport ausgerichtet.

Als Vater von drei Kinder kann ich mir nicht einfach mal so ein neues Gefährt leisten. Auch wenn ich als Verwaltungsangestellter 40 Stunden in der Woche arbeite, weiß wohl jeder: Ich bin kein Großverdiener.

Hochleistungssportler mit Behinderung wie ich zahlen zudem in der Regel Fahrten, Material und Startgelder selbst. Da ändert es auch nichts daran, dass ich mehrmals den Hamburg-Marathon gewonnen habe.

Ein Rennrollstuhl klingt daher vielleicht nach Luxus, ist es aber nicht. Wer Rennen läuft, schnürt sich die möglichst perfekten Sportschuhe. Ich sattle um - und setze mich von meinem Rollstuhl in mein Renngefährt.

Robert sammelte - ich trainierte

"Sp4ort", ein Sportmagazin aus Passau, erkannte mein Dilemma - und die Lösung. "Wenn jeder fünf oder zehn Euro spendet, haben wir das Geld für deinen Rennrollstuhl schnell zusammen", sagte Geschäftsführer Robert Geisler. Er schrieb über mich und sammelte Spenden.

Später berichteten auch die HuffPost und der Bayerische Rundfunk. Auf dem Portal "Change.org" erschien eine Petition. Mehr als 30.000 Menschen unterschrieben, damit Sportverbände mich unterstützen - doch auch hier fehlt Geld, um Athleten abseits eines Top-Kaders zu helfen.

Mehr zum Thema: Ein Lkw-Unfall zerstörte seinen Traum - doch er kämpft weiter

Trotzdem wollte ich meine Karriere nicht beenden. Nicht jetzt, nicht so.

Im Fitnessstudio arbeitete ich an den Gewichten, den alten Rennrollstuhl nutzte ich für die Ausdauereinheiten.

Sollte ich den Rennrollstuhl bekommen, wollte ich vorbereitet sein. Auch für die Spender.

Mir war nicht klar, wie lange ich geduldig sein musste

Unterdessen gingen die Olympischen Spiele in Rio vorbei. Die Rennsaison endete und begann wieder. Die Trainingszeit für die Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2017 in London lief an. Immer noch ohne mich.

4500 Euro hatten Menschen bis zum Frühling 2017 für meinen Rennrollstuhl gespendet. Doch es war zu wenig. Ich konnte nicht mehr und war langsam bereit, meine Leidenschaft aufzugeben.

Robert aber nicht. Regelmäßig hatte er die Öffentlichkeit informiert. Er wollte ein gutes Ende für meine Geschichte. "Lass uns noch einmal etwas machen", sagte er. "Danach lassen wir es."

Ich ließ mich überreden. Es war die beste Entscheidung.

Die lokale Zeitung "Passauer Woche" berichtete über mich - und plötzlich nahm die Sache rasant Fahrt auf: Innerhalb von wenigen Wochen spendeten Menschen 4000 Euro.

Die wichtigsten 1500 Euro kamen aus Passau

Das Familienunternehmen Drexler aus Passau bot mir sogar einen Sponsorenvertrag an. Zusammen mit Robert sprach ich mit Frau Drexler und deren Tochter. Spontan entschieden sie sich, zunächst einmal ihre Spende von 1500 auf 2000 Euro aufzustocken.

Endlich, zwei Jahren nach dem ersten Bericht, ist das Geld für mein Gefährt zusammen (mehr dazu hat "Sp4ort" dazu geschrieben). Viele Sportler kennen wohl das Gefühl des Glücks, das einem erst ein wenig später bewusst wird.

Diese Geste war so wichtig und der Moment einer der schönsten meines Lebens. Es war wie damals, als ich in Sydney ins Stadion kam, 95.000 Menschen jubelten uns Sportlern zu. Die Gefühle, die du dabei empfindest, sind so stark, wie bei der Geburt eines Kindes.

Unglaublich, dass ich so etwas vor wenigen Tagen noch einmal erleben durfte - und nun im Sport wieder nach solchen Momenten streben darf!

Und das Wichtigste kommt zum Schluss

Ob ich jetzt nochmal meine großen Ziele erreiche, hängt natürlich auch von etwas Glück, keine größeren Verletzungen sowie meinem Umfeld ab. Erfolg kann man nicht erzwingen, Erfolg hat seinen Preis, Erfolg ist Leidenschaft.

Meinen ersten Erfolg habe ich bereits errungen, jetzt kann ich wieder vernünftig trainieren und mir neue Ziele stecken. Jeder Mensch braucht Ziele, um sich weiterentwickeln zu können - egal in welchen Alter.

Und: Ich kann endlich wieder meinen Sport machen der für mich ein wichtiger und begleitender Bestandteil meines Lebens ist.

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Hufnagl probiert einen neuen Rennrollstuhl, Maße werden genommen. Credit: Sp4ort.de

Schon in wenigen Wochen ist der maßgefertigte Rennrollstuhl da. Danach wird er noch etwas angepasst und dann beginnt die Rennvorbereitung.

Spätestens nächstes Jahr starte ich durch. Weil es hunderte Menschen möglich gemacht haben - Robert, die Firma Drexler und andere Unternehmen, Passaus Landrat und viele einzelne Privatpersonen.

Wer Alfred Hufnagl bei seinem sportlichen Weiterkommen unterstützen will, wendet sich an Robert Geisler von "Sp4ort". Er sammelt weiter Spenden für den Sportler - zum Beispiel, für Startgelder und Ersatzteile.

Das Protokoll wurde aufgezeichnet von Caroline Holzschuher.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

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