BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Alexandra Wuttig Headshot

Brauchen wir auch einen "Equal Invest Day"?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DLD BERLIN
Cherno Jobatey
Drucken

Brauchen wir neben dem "Equal Pay Day", der auf die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen aufmerksam macht, auch einen "Equal Invest Day" um auf die Ungleichheit beim Zugang zum Kapital für Gründerinnen aufmerksam zu machen?

Investoren geben Gründerinnen seltener Kapital, zu diesem Ergebnis kam eine Studie in den USA. Trifft das auch für Deutschland zu oder ist dies nur ein Mythos?

Bei der DLD Berlin konnte man einen Beweis dafür sehen, dass dies möglicherweise doch zutrifft. Die Digital Life Design Konferenz, eine der größten Konferenzen rund um Digital Innovation in Europa, fand gerade in Berlin statt. Ein Teil der aufregenden und spannenden Konferenz war der SevenVentures Pitch Day, wo sich Start-ups um ein millionenschweres Werbepaket bewerben konnten.

In der Jury saßen Joko Winterscheidt als Start-up- Investor und Florian Pauthner von SevenVentures. Frauen fehlten in der Jury. Stattdessen konnte das Publikum mitentscheiden und zählte als eine weitere, dritte Stimme.

Vorab, alle teilnehmenden Teams haben eine tolle Leistung erbracht und man darf gespannt sein, wann mehr von ihnen zu sehen und zu hören sein wird.

Die beiden Finalisten

Ins Finale schafften es nach einem 4-minütigem Pitch zwei Start-ups: Glov, ein
Gesichtsreinigungshandschuh, der nur Wasser zum Abschminken benötigt, und Hafervoll, ein Müsliriegel. Das Publikum hat eindeutig für die Glov-Gründerinnen gestimmt, trotzdem hat am Ende Hafervoll gewonnen, da die beiden Stimmen von Joko Winterscheidt und Florian Pauthner überwogen haben.

Woran hat es gelegen? Wie entscheidet ein Investor in nur vier Minuten, noch bevor er die Chance hatte, einen Businessplan und Zahlen zu beleuchten, ob ein Start-up Potenzial hat?

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png
Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

Entscheidend ist zunächst das Team: Werdegang, Erfahrung und nicht zuletzt die Begeisterung für das Produkt. Dann versucht man den Markt einzuschätzen: Gibt es einen Bedarf für das Produkt, welches Problem löst es eigentlich? Die Umsetzung ist ebenfalls wichtig, genauso wie der hoffentlich vorhandene Wettbewerbsvorteil.

In diesem Wettbewerb waren sicher auch die Erreichbarkeit und Ansprechbarkeit der Zielgruppe über die Kanäle der ProSiebenSat.1 Group wichtige Kriterien.

Kosmetikbedarf versus Müsliriegel

Glov wurde von zwei jungen Entrepreneurinnen gegründet, die selbst das Problem des Abschminkens kennen. Sie wissen nur zu gut aus eigenen Erfahrung, wie viele Produkte
üblicherweise dafür benötigt werden, und dass man, gerade auf Reisen, nicht das halbe Badezimmer mitnehmen möchte.

Beide Frauen haben ihre Expertise und ihre Begeisterung gut rübergebracht. Hafervoll wurde von zwei kompetenten und sympathischen Männern gegründet, die an ihr leckeres Produkt glauben. Die beiden konnten jedoch nicht gänzlich erläutern, welches Problem der Riegel löst und warum es überhaupt einen Bedarf nach einem weiteren Müsliriegel gibt.

Bei der Umsetzung konnten sie allerdings wieder sehr gut punkten: Als Müsliriegel ist Hafervoll in Deutschland bereits die Marke Nr. 3 und schon in vielen Supermärkten erhältlich. Aber die beiden Unternehmerinnen standen dem in nichts nach.

Mehr zum Thema: Zwei Frauen hatten mit ihrem Startup keinen Erfolg - bis sie einen Mann als Mitgründer erfanden

Die Gesichtsreinigungshandschuhe sind online und in Drogerien erhältlich. Durch kluges Influencer-Marketing durch Promis wie Kim Kardashian und ein gutes Produkt haben sie bereits viele neue Anhängerinnen und nicht zuletzt auch Kredibilität gewonnen und eine große internationale Community auf ihrer Seite.

Am Ende muss beurteilt werden, welche Risiken ein Investor eingeht, und bei dieser Beurteilung ist der Wettbewerbsvorteil entscheidend. Für mich hatte Glov hier die Nase vorn - mit gesicherten Patenten, die vor Nachahmern schützen. Hafervoll konnte an der Stelle nicht ausreichend darstellen, was entscheidende Player im Bio-Food- Markt davon abhalten soll, ein vergleichbares Produkt anzubieten.

Zurück zum Mythos ...

Aus meiner und aus Publikumssicht hat Glov gewonnen, das Produkt löst ein tatsächliches Problem und hat einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Und warum hat die Jury nun anders entschieden?

Einer der Gründe ist die Tatsache, dass die Jury männlich war. Und dies bedeutet nicht,
dass Männer Entrepreneurinnen grundlos diskriminieren. Männlichen Investoren können nicht erkennen, welche Probleme die Produkte zu lösen versuchen, die sich ausschließlich an weibliche Kundschaft richten.

So tendieren z. B. Investorinnen mehr dazu, in Gründerinnen zu investieren, männliche Geldgeber dagegen in männliche Gründer. Das bedeutet: Je mehr Frauen als Geldgeberinnen in Erscheinung treten, desto leichter werden es auch Gründerinnen haben, an Kapital zu kommen.

Je mehr einflussreiche Kapitalgeberinnen auch in Deutschland sichtbar und tätig werden, desto mehr Entrepreneurinnen werden es vielleicht wagen, ihre Ideen umzusetzen und vielleicht noch viele "Frauenprobleme" zu lösen. Also brauchen wir den "Equal Invest Day"? Aus meiner Sicht nicht, einfach mehr investitionswillige Frauen.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.