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Alleinerziehende erkranken häufig an Depressionen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MOTHER DEPRESSION
Highwaystarz-Photography via Getty Images
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  • Viele Betroffene unterschätzen den stressigen Alltag als Alleinerziehende
  • Sie vergraben sich, meiden soziale Kontakte und erschöpfen immer mehr
  • Professionelle Hilfe ist oftmals der einzige Ausweg für die Betroffenen

Es ist einer dieser typischen Fälle, die ich in meiner Praxis immer wieder erlebe: Julia und Dirk hatten sich spät für Kinder entschieden, jahrelang stand die Karriere an erster Stelle. Irgendwann bauten sie ein Haus, kauften einen Familienwagen, und erst dann bekamen sie einen Sohn und eine Tochter. Alles schien perfekt zu sein - doch die langen Nächte, die vielen Geschäftsreisen des Vaters und die nicht mehr vorhandene Zeit als Paar machten beiden zu schaffen.

Julia versteckte sich hinter den Kindern und Dirk hinter einer neuen Kollegin. Der Versuch, mit einer Paartherapie die Ehe zu retten, scheiterte. Dirk zog zu seiner neuen Freundin, und Julia blieb mit den Kindern zurück. Das Haus war nicht mehr zu finanzieren, und so musste sie mit den Kindern in eine kleine Wohnung im Nachbarort ziehen.

Es folgten Gespräche mit Anwälten und Mediatoren, da aufgrund vieler Verletzungen keine Kommunikation zwischen Julia und Dirk mehr möglich war. Fortan war Julia für den Alltag der Kinder allein zuständig: Haushalt, Erziehung, Wasserkisten schleppen und 30 Stunden Arbeit im Verlag zeigten ihre Spuren. Sie funktionierte nur noch. Und an den Wochenenden, an denen sie mal freihatte, war sie wie erstarrt, und eine unendliche Erschöpfung machte sich breit.

Viele Alleinerziehende wollen sich nicht helfen lassen

Die Geschichte von Julia ist kein Einzelfall. Das Risiko einer Alleinerziehenden, an einer Depression zu erkranken, ist im Vergleich zu „intakten" Familien signifikant erhöht. Das zeigt meine Erfahrung als ärztliche Psychotherapeutin. Kaum jemand hat zu Beginn einer Trennung eine Ahnung davon, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten vonnöten sind, um psychisch und auch körperlich gesund zu bleiben. Der Alltag, Rechtsstreitigkeiten, finanzielle Sorgen, Umzug und vieles mehr lassen die Gesundheit leider schnell in den Hintergrund geraten.

Auch mir erging es so, als ich vor über vier Jahren mit meinen Kindern plötzlich allein dastand. Alles, was ich bis dato gelernt hatte, sowohl über Erziehung als auch im Job, versagte von einem Tag auf den anderen, und die Erschöpfung war deutlich spürbar. Für Manager und Führungskräfte ist es selbstverständlich, sich bei Burn-out Unterstützung zu holen. Doch viele Alleinerziehende haben den Anspruch, alles allein schaffen zu müssen. Auch ich.

Ein neues Selbstverständnis aufbauen

Erst nach einem Jahr Plackerei wurde mir bewusst, dass ich Einfluss auf mein Leben als Alleinerziehende habe und ich selbst darüber entscheide, wie ich diese Lebensphase gestalte: als Chance oder Katastrophe. Inzwischen bin ich sogar so weit, dass ich meine Erfahrung an Betroffene weitergeben kann.

Als Ärztin und Bloggerin unterstütze ich Alleinerziehende darin, einer Erschöpfung vorzubeugen und mit Mut, Selbstvertrauen und neuen Zielen weiterzuleben. Die Einsicht, sich Hilfe zu holen und nicht dem Irrglauben zu unterliegen, es allein schaffen zu können, ist dabei ein wichtiger Faktor.

Julia, der Patientin aus meiner Praxis, erging es lange anders. Sie war unter dem Anspruch, alles genauso wie vor der Trennung zu schaffen, zusammengebrochen. Ihre Perfektion, der Anspruch auf absolute Gerechtigkeit und ihre Verzweiflung über den Verlust ihrer Familie machten ihr schwer zu schaffen.

Auch ihr Selbstverständnis als Frau und Mutter standen im Mittelpunkt vieler Gespräche, als sie den Weg in meine Beratung fand. Erst nach und nach erkannte sie, dass sie ihr Leben selbst in der Hand hat und dass sie Einfluss auf ihre Gedanken nehmen kann. Zu oft schon hatten negative Emotionen ihr die Energie geraubt, die sie so dringend für ihre Kinder braucht. Denn nur wenn es der alleinerziehenden Frau beziehungsweise dem alleinerziehenden Mann gut geht, kann es auch dem Kind gut gehen.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei klartext.

Mehr von der Autorin gibt es in ihrem neuen Buch "Stark und alleinerziehend: Wie du der Erschöpfung entkommst und mutig neue Wege gehst". Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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